Montag, 1. August 2011

"Das Licht der Zukunft hört nicht einen Augenblick auf, uns zu verletzen..."

Nostalgie ist Scheiße, schreibe ich, so eindeutig wie vulgär. Diese heftige Abwehr gegen den verklärenden Blick in die Vergangenheit verrät mich. Ich neige dazu, mir Geschichten zu erzählen „von damals“, die etwas erklären, das doch in Wahrheit unerklärlich ist und ungeklärt bleiben muss, damit ich weiter kann; Geschichten, die „auf etwas hinauslaufen“, eine Pointe, über die ich nur scheinbar lache, ein Wissen, das mir äußerlich bleibt, eine Lehre, die ich niemals ziehen werde. Nostalgie ist der zweifelhafte Versuch, in die Vergangenheit zu projizieren, was nicht ist, aber gewesen sein soll. Nostalgie ist ein bequemes Sofa, auf dem du schwelgend träumen kannst, dass, wenn schon nicht alles gut wird, doch alles einmal gut gewesen. Davor muss ich mich hüten, denn dazu habe ich einen Hang.

Sentimentalität dagegen ist eine bittere Träne, ein zartes Lächeln, das man sich abringt, eine sanfte Berührung, die dich noch einmal fühlen lässt,was nie wirklich wurde. Die Sentimentalität ist kein wütender Aufstand gegen den fehlerhaften Lauf der Geschicke, sondern der Schmerz über das eigene Versagen, über das „nie genug“ Geben und Nehmen. Sentimentalität ist der Hauch der Sehnsucht, das Paradox einer gemessenen Traurigkeit über die eigene Maßhaltung.

Weil sie einander so nahestehen, die Nostalgie und die Sentimentalität, schlägt  Romantik so leicht in Restauration um.

Die Geheimnisse Roms entdecke ich, so kommt es mir vor, eben jetzt, nach der Reise in Gedichten wieder. Aber ich finde sie nicht nostalgisch im Rückblick auf ein Rom, das ich gesehen habe, sondern in der Schau auf jenes Rom, das sich meinen Blicken entzog. Ich sah Gramscis Grab auf dem Cimitero acattolicogeschmückt mit den roten Schleifen. Ich dachte: Ferlinghetti

Aber jetzt lese ich "Gramscis Asche" von Pier Paolo Pasolini:

„Neben der Urne, auf wächsernem Grund
ein roter Fetzen, wie Partisanen
als Halstuch ihn trugen,

und von anderem Rot zwei Geranien

...

Das Licht der Zukunft
Hört nicht einen Augenblick auf,

uns zu verletzen: das ist´s was in jedem
alltäglichen Akt die Angst brennen lässt,
auch im Vertrauen, das Leben bedeutet,

im Impetus des Gobetti
für die arbeitende Klasse, die auf der anderen
Seite der Menschheit stumm

Ihren roten Fetzen der Hoffnung erhebt.“


Und ich sehne mich mehr noch als in Rom danach, Italienisch lesen und hören zu können.


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Die Auseinandersetzung mit "Nostalgie" vs "Sentimentalität" geht auf einen Kommentar-Dialog mit NO in "Die Dschungel" zurück, fortgesetzt (ein wenig) bei Alea Torik.

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