Freitag, 22. Februar 2013

ROYAL BODIES - Eine Rede von Hilary Mantel empört und verstört

Der britische Premierminister David Cameron distanziert sich scharf von der zweifachen Booker-Preisträgerin Hilary Mantel: "completely misguides and completely wrong". Das ist ungefähr so, als würde sich Angela Merkel von Juli Zeh distanzieren (auch wenn natürlich Juli Zeh als Autorin bei weitem nicht die Klasse von Hilary Mantel hat, angemessener wäre ein Name wie Marlene Streeruwitz, aber die ist halt Österreicherin). Man merkt ohnehin gleich, wie arg der Vergleich hinkt, denn wenn Angela Merkel das täte, würde hierzulande außer ein paar aufgeregten Hochliteratur-Verlegern und -kritikern kein Hahn danach krähen.  


Hilary Mantel

Im Inselreich ist dagegen die Hölle los. Mantel habe, so dröhnt es vom Boulevardjournalismus her, die Herzogin von Cambridge, besser bekannt unter ihrem vorehelichen, bürgerlichen Namen Kate Middleton, beleidigt, habe herabwürdigend von deren "Plastik-Lächeln" gesprochen und über ihren dünnen, den geltenden Model-Normen entsprechenden Körper gelästert. Presseorgane und Dumpfbirnen, die dem zugeneigt sind, was hierzulande "Herrenwitz" genannt wird, wissen auch gleich, warum: Bloß weil Mantel selbst rundlich sei (wer ein rechter Mann ist, drückt sich gern auch etwas deutlicher aus) und eine weniger schöne Frau, keifere sie gegen die jüngere, gut aussehende Herzogin. In diesem Herren-Reich (in dem einige Damen freilich willig dienen und um die Gunst der Statthalter ringen) ist´s eh klar, dass alle Kritik unter Frauen aneinander auf die Konkurrenz der Weiber um die Blicke und Aufmerksamkeiten der Männer zurückgeführt werden kann. Was könnten Frauen schon anderes in Kopf und Sinn haben?

Hilary Mantel hat eine pointierte und kluge Rede über "Royal Bodies" gehalten, ein Thema, zu dem die Autorin der beiden großartigen Romane über Thomas Cromwell, den Schatzkanzler von Henry VIII ("Wolf Hall" und  "Bring up the bodies") Einiges zu sagen hat. Mantels Rede beleidigt nicht die Person der Herzogin von Cambridge, sondern nimmt auseinander, wie die Familie, die Gesellschaft und die Medien die Körper royaler Personen, insbesondere königlicher Frauen, in Geschichte und Gegenwart okkupiert und benutzt haben. Mantel interessieren beide Seiten: die Art und Weise, wie diese Körper für eine Inszenierung verwendet werden und wie diese Inszenierung auf diejenigen zurückwirkt, die ihren Körper dafür zur Verfügung stellen (müssen). Sie beschreibt ihren eigenen Blick auf den Körper der Königin bei einem Empfang als den einer Kannibalin: "I am ashamed now to say it but I passed my eyes over her as a cannibal views his dinner, my gaze sharp enough to pick the meat off her bones." An anderer Stelle, am Rande einer Begegnung mit dem Prince of Wales, imaginiert Mantel wie sich die Szenerie von der Person her darstellt, die Träger des königlichen Körpers ist: "You see that your life is a charade, that the scenery is cardboard, that the paint is peeling, the red carpet fraying, and if you linger you will notice the oily devotion fade from the faces of your subjects, and you will see their retreating backs as they turn up their collars and button their coats and walk away into real life." 

Mantel behauptet, dass mit der verstorbenen Diana, der vormaligen Prinzessin von Wales, ein Element in die königliche Inszenierung gekommen sei, durch das dies "gap between her human capacities and the demands of the superhuman role she was required to fulfill" sichtbar habe werden können. Eine ähnliche Lücke tut sich auch zwischen Selbstbild und Person vieler nicht-royaler Frauen auf, die in einer Kultur aufgewachsen sind und leben, in der der weibliche Körper nicht nur als Objekt der Begierde inszeniert, sondern immer wieder auch als Repräsentanz des "Anderen" (z.B. des Status´ ihres "Besitzers", der Gefühlswelt ihres Liebhabers oder als "Muse" des Künstlers etc. ppp) eingesetzt wird. Dianas unbewusste Fähigkeit, diese Lücke durch Abweichungen sichtbar zu machen, ließ ihr öffentliches Leiden und ihren Tod für viele Frauen - oft gegen ihren eigenen Willen - zu einem Sinnbild ihrer eigenen "secret pain" werden. (Auch ich habe darüber mal geschrieben: "Das Prinzessinnen-Syndrom".)

"Royal persons are both gods and beasts. They are persons but they are supra-personal, carriers of a blood line: at the most basic, they are breeding stock, collections of organs.", schreibt Mantel. In "Bring up the bodies", das die Tragödie der Anne Boleyn aus der Perspektive jenes Mannes erzählt, der ihren Aufstieg ermöglicht und ihren Fall herbeigeführt hat, geht es eben um jenes Thema. Am Ende dieser Rede, von der jene, die nicht lesen können, behaupten, in ihr beleidige Hilary Mantel Kate Middleton, steht ein leidenschaftliches Plädoyer an die Öffentlichkeit, royale Frauen nicht auf Gebärmaschinen oder Kleiderständer zu reduzieren: "We don’t cut off the heads of royal ladies these days, but we do sacrifice them, and we did memorably drive one to destruction a scant generation ago. History makes fools of us, makes puppets of us, often enough. But it doesn’t have to repeat itself. In the current case, much lies within our control. I’m not asking for censorship. I’m not asking for pious humbug and smarmy reverence. I’m asking us to back off and not be brutes. Get your pink frilly frocks out, zhuzh up your platinum locks. We are all Barbara Cartland now. The pen is in our hands. A happy ending is ours to write."  Selbstverständlich ist das auch ein Appell an die Trägerinnen der royalen Körper, sich der gewünschten Inszenierung durch Eigensinn zu entziehen. Darin besteht Mantels Kritik am öffentlichen Erscheinungsbild der Herzogin von Cambridge. Und von daher wird auch deutlich, warum die Hofknallchargen-Presse und die witzigen Herren, die ihr Recht,  Frauen-Körper zu bewerten, bedroht sehen, so wütend auf diesen Text reagiert haben. Denn was geschähe, wenn Kate Middleton Hilary Mantel lesen würde?

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