Dienstag, 17. Juni 2014

"Du kannst mir alles vorwerfen, aber nicht androgyn zu sein" (RÜCKKEHR NACH EUROPA)




Das Schiff tanzte besinnungslos über den Wellen. Heilmann und Melusine waren längst nicht mehr an Bord. Während des Untergangs der Sentosa saßen sie rittlings auf ihren Hockern in jenem Pub in London, den sie niemals verließen. 52 Seeleute philippinischer Herkunft, so meldete es Radio Singapore wenige Tage später, ertranken im Indischen Ozean als die Sentosa kenterte. Die Melusine fühlte keine Reue. Mögen sie in Frieden ruhen, dachte sie. Gerettet wurden 25 messerlose Matrosen, unter ihnen der Kapitän aus Bremerhaven, und verbracht auf die Insel der Toten vor Singapore, damit sie weiterlebten und fuhren.

„Du konntest niemandes Frau werden, am wenigsten die meine, Kopfgeburt.“, stöhnte Heilmann. Sie grinste. Die Grimasse entstellte ihr meerjungfräuliches Antlitz. „Bin ich blond?“, fragte sie höhnisch. Und: „Du kannst mir alles vorwerfen, aber nicht androgyn zu sein.“ Heilmann antwortete nicht. Sie rutschte von ihrem Sitz hinunter und griff nach Heilmanns Glas. „Dann eben Nachschub.“ Heilmann rührte sich nicht, auch nicht, als sie ihm das nächste Ale vor die Nase stellte. „Ich dachte“, näselte sie, „die Barrier sei gebrochen und London geflutet.“ Sie schnippte mit ihren Fingern unter seiner Nase herum. „Wann immer du willst, wird es geschehen sein.“, flüsterte er. „Mein Sohn stirbt nicht. Das war es mir wert.“ Die Melusine nickte, aber es wirkte nicht wie Zustimmung. „Zumindest war es ein sauberer Schnitt.“ „Ich hatte vergessen, wie golden ihre Augen glitzerten, wenn sie mich hinterging.“ „Almuth kannte sich aus und war doch schon immer verloren.“ „Sie ist alt geworden“, sagte Heilmann, „in Wirklichkeit.“ „Daran kann der Teufel nichts ändern.“

Sie schwiegen wieder eine Weile. „Erinnerst du dich an Rom?“, fragte sie dann. „Wie könnte ich das jemals vergessen? Du gabst dich jungfräulich dort, unmütterlich und rosafleischig.“ Sie kicherte. „Das ist gelogen. Ich hinterlasse überall meine Söhne, denn ihr könnt keine Göttin lieben, die die Erde vergisst, aus der sie geboren ward.“ Heilmann kamen die Tränen. „Und fühlst doch keine Sehnsucht nach ihnen.“ Sie schlug ihn mit ihren kleinen Fäusten gegen die Brust und schüttete ihm dann den Rest seines Ales ins Gesicht. Er zuckte kaum: „Ich habe dir Gewalt angetan, wie einer jeden. Meinem Auftrag entsprechend: Die Illusion erweckend, ihr könntet euch wehren.“ Sie glitt zu seinen Füßen. Er sah, wie ihr Fischschwanz über den Dielenboden strich. Sie verzehrte sich nach den Flügeln, um diesem Gespräch zu entkommen. „So schnaubst du, Drachenweib, und kannst sie doch nicht mehr wachsen lassen, weil du nur Männer der Tat erwähltest.“ „Ich habe nie etwas über mich vermocht, nur über die Willoughbys.“, keuchte sie gegen die Bretter. „Ich weiß. Und dass er mein Sohn war, werde ich dir nie verzeihen.“, sprach Heilmann von oben herab. Darauf gab es keine Antwort. Er wusste ja, wie wenig sie dafür konnte. Und alles. „Wenn ich nur einem einzigen beim Aufwachsen zusehen dürfte...“, schluchzte sie unten. Heilmann strich mit dem Finger über den Rand seines Glases. Eine schauerliche Melodie. „Ich verachte dich, wenn du diese Maske aufsetzt.“

Heilmann trank. Viel zu viel. „Du gehst fort und schwimmst, tauchst und singst.“ „Ich versinke, Heilmann, jedes Mal tiefer. Und bin doch immer ich. Almuth kann ich nicht werden. Alt, tot und verwesend.“ „Sie hatte unser Kind. Ich schnitt in ihr Auge, damit er lebe.“ „Ein Fehler, Heilmann, und keiner. Du änderst den Lauf der Welt nicht. Wenn du wüsstest, wie es sich anfühlt, zu gebären...“ „Ein jeder weiß, wie es ist, geboren zu werden.“ Die Melusine verkniff sich ein Lächeln. Was er sich einbildete. Heilmann eben. Der Dichter.  Fürst der Finsternis: „Dein Fleisch ein wabernder Sumpf, ein Moor der Säfte.“ (Kein Mann. Nirgends.)

Er kippte vom Stuhl. Gerade eben hatte er noch unverrückbar gewirkt. Aber genug war eben doch genug. Selbst für Heilmann. Sie nahm ihm die Brille ab und roch an seinem Mund. Eklige Säure bereitete sich zur Eruption vor. Die Melusine legte Abstand zwischen sich und den Bewusstlosen. Sie schwamm. Durch die Themse, dem Nordmeer entgegen.


Er hätte mir eine Tochter schenken sollen. Diese quälende Lust weitergeben, in welcher meiner Körper das Leben hält: Europa.

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