Freitag, 2. September 2016

NIXENSCHWEIF oder GRAMGLÜCK "Nur die Wellen wurden zaudernder."

Am Anfang schienen die Machtverhältnisse klar: Die B. führte und die L. ließ es geschehen. Sie war verführt worden, wahrhaftig, angelockt wie eine leichte Beute und gefangen von der B., die mit all ihrer Erfahrung das Begehren der L. erahnt, verstärkt, gedehnt hatte, so dass die L. ihr verfiel, verfallen musste, als es soweit war. Dennoch spürte auch die B. schon bei jenem ersten Kuss, mit dem sie die L. in der Anstalt überwältigt hatte, wie sich in ihr etwas regte, eine Sehnsucht, die das bekannte Spiel überschritt, die nach Ruhe schrie, um Vergebung flehte. Noch verhallte das wie in einer tiefen, engen Schlucht und sie riss die L. mit sich, wie andere Geliebte zuvor, Männer,die sie liebend vernichtet hatte. Auch die L. gab sich auf: Beruf, Stand, Freunde, Verwandte. Folgte der B., wohin die sie führte. Ans Meer. 

Und hier saßen sie nun. Im weißen Haus über dem Hafen auf ihrer Bank wie Philemon und Baucis nebeneinander, noch nicht alt allerdings. Und da geschah es. Sie saßen, vier nackte Knie parallel gestellt, die Handflächen eine jede auf die hölzerne Bank gelegt, links die B. und rechts die L. Nicht einmal ihre Schultern berührten sich. Nur der rechte kleine Finger der B. streifte hauchzart den linken kleinen Finger der L. So saßen sie. Still. Die B. trug ein weichfallendes, silbergraues Chiffonkleid, ihre blonden Locken bewegte leicht der Wind. Das dunkle Haar der L. lag kurz und flach wie ein Helm um deren Kopf. Sie trug ein dunkelblaues T-Shirt mit weitem rundem Ausschnitt und enge Jeans. Das Bild, das sie abgaben, war idyllisch und fremdartig zugleich. Sie harmonierten miteinander und mit dem Hintergrund: dem weißen Haus und seinen grauen Fensterläden, dem hellen Blau des Himmels, dem dunklen Kopfsteinpflaster unter der Holzbank. Dennoch ging es nicht auf: Die B. wirkte wie aus der Zeit gefallen und die L. war viel zu klassich modern. Zu schön um wahr zu sein, sozusagen. Niemand sah sie so sitzen (oder zumindest nahmen sie niemanden wahr, der sie sah). Doch sie beide waren in jener Stunde ganz bei sich und hatten zugleich das Bild vor Augen, das sie abgaben. Sie spürten sich innig, wie in keiner Umarmung, keinem Kuss zuvor, vereint und doch getrennt, indem sie einander erkannten, als das, was sie sich sein würden: die Erinnerung an eine Nähe, die alle Sehnsucht stillte. All ihr Empfinden konzentrierte sich in jener Stunde in den winzigen Hautpartien, an denen sich ihrer beide kleinen Finger berührten. Sie wussten, dass sie einander niemals näher kommen konnten, egal wie heftig oder wie zärtlich sie den Körper der anderen vorher oder später erkundeten, einander nutzen würden, um sich der Ekstase zu nähern. Und alle Lust will Ewigkeit. Dachte die B. Da war es vorbei. Denn die Ewigkeit verging, sobald sie gedacht wurde. Sie haben alle recht: Ich kann nicht treu sein. Wusste die B. Und die L. sagte in das Schweigen hinein: "Wir haben doch einander." Das war kitschig. Unsägliche Lästigkeit. Und das Ende. 

Noch nicht sofort, selbstverständlich. Das Meer blieb. Der wunderbare Altweibersommer dieses Jahres. Sanft bräunte die Sonne die nackten Beine der B. und der L., die am Strand entlang wanderten. Ein Schiff wird kommen. Es schien alles offen, der Horizont, die junge Liebe, das ziellose Leben. Nur die Wellen wurden zaudernder. Die B. drängte es nirgendwo hin. Dieses eine Mal musste sie nicht gehen. Keine Szene machen. Niemanden verwunden. Sie wusste, das etwas Neues geschehen würde, schon geschehen war. Die L. würde sie verlassen. Mit viel Wut im Bauch. Wofür ich mich geopfert habe. Die B. fragte sich, wie es wohl sein mochte, verlassen zu werden. Sie forschte nach der Traurigkeit, die sie nicht empfand. Der L. sagte sie nichts davon. Die L. verhielt sich, noch im September und im Oktober, als gäbe es kein Morgen. Wir haben doch einander. Im November nahm sie die Gleichgültigkeit um die Mundwinkel der B. wahr. Noch gab es tränenreiche Versöhnungen. Ein sonderbares Weihnachtsfest, bei dem die L. über jedem Geschenk Tränen vergoss, sowohl bei denen, die sie bekam, wie bei denen, die sie verschenkte. Die B. wartete gelassen. Sie wusste inzwischen, dass sie nicht leiden konnte um der Liebe willen. Nur dieser leichte, bitter-salzige Geschmack auf den Lippen. Seeluft. "Ich werde verlassen", dachte sie und fühlte nichts. Sie nimmt sich selbst zurück. Am Neujahrstag packte die L. ihre Sachen. Sie hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sie fühlte keine Schuld. Noch nicht. 


Von oben kam nichts. Die Vivipara langweilte sich schrecklich. Sie sah nur Postkartenidyllen: weiße Häuser am Meeresstrand, Frauen im wehenden Kleidern und weißen Hüten am Strand, sanfte Küsse vor duftenden Öfen. War die B. wirklich eine solche Enttäuschung? Oder entging ihnen etwas? Das Wesentliche. Die Vivipara schlug mit dem schuppigen Schwanz auf den Tisch. (Nur wenn niemand zusah; im Allgemeinen gab sie sich menschlich.) Sie ließ die Wahrscheinlichkeiten berechnen. Gut, im Herbst zeigten sich kleine Risse im feinen Beziehungsgeflecht zwischen L. und B. Andererseits: Die B. blieb sesshaft, rührte sich nicht. War das Experiment endgültig gescheitert? Oder ging es gerade darum, diese Abweichung zuzulassen? Wie sollte man mit der L. verfahren, falls sie zurückkam? "Die L. ist draußen."; das war die Mehrheitsmeinung. Die Vivipara dagegen wirkte unentschieden. Etwas an der L. rührte sie. Sie ertappte sich dabei, dass sie gerne mit der Hand über deren glattes Helmhaar gestrichen wäre. Dann schüttelte sie sich. Das war obszön. Von weiter oben kam nichts. Jahre lang nun schon. 

Erst im April erreichte die B. ein Schreiben der L., vom Computer ausgedruckt, handschriftlich unterschrieben. Es zeugte von herber Bitterkeit. Die B. wartete vergeblich auf Tränen. Sie setzte sich vor dem Haus auf die Bank in den Wind. Noch immer war sie eine außergewöhnlich schöne Frau mit ihren blonden Wellen und grünen Augenteichen, bis zu den Hüften abwärts. Unter der Bank erstreckte sich schuppig ihr silberner Schwanz.

Die Vivipara hatte kein Herz. Aber hätte sie eines gehabt, in diesem Augenblick hätte es heftig geschlagen. 

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* Lange lag - wie anderes auch - das Fabelwesen-Projekt brach. Dann geschieht etwas. Jemand stößt eine Erinnerung an, unbewusst, unwissend. Jemand bewegt sich - und etwas in mir. Die Fabelwesen sind immer da, wie ein Bandwurm in den Eingeweiden, jetzt spüre ich sie wieder. 

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