Sonntag, 13. November 2011

BLOG-BLUES (Ach was! Weiter geht´s!)

Die Zugriffszahlen auf  "Gleisbauarbeiten" steigen seit einigen Monaten kontinuierlich. Das freut mich. Bei Wikio ist das Blog in der Rubrik "Literatur" in diesem Monat auf Platz 5 (Das wird sich nicht halten lassen, vermutlich.) Ich will nicht, wie andere, Berufsschriftstellerin sein oder werden, also für Geld schreiben. Ich will schreiben. Oft ist es fast so, als ob es mich schreibt. Ich habe kein Konzept. Das stimmt natürlich nicht. Das Blog und seine Struktur, das Serielle, Vernetzte, Fragmentarische, die Umkehrung der Chronologie (und ihr Bruch) kommt jener Schreibmanie, die ich immer schon hatte, entgegen. Es bilden sich da Formen (oder die Idee von Formen, noch unrealisiert), die mich als Schreibende momentan mehr interessieren als das gedruckte Buch. Die Wandlung der Autorschaft zur Herausgeberin (ihrer selbst), die Transformation des ICH ins ich, das viele sein kann, die durchlässige Membran zwischen Person und Avatar (Logik, Lüge, Libido), der krypto-phantastische Realismus, der die Durchsichtigkeit der Welt als Rätsel sehen will, das "Leben als Roman" schreiben (wie Alban Nikolai Herbst es in der "Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens" nennt), aber auch umgekehrt den "Roman" ins Leben schreiben, so dass er nicht enden kann, nicht "fertig werden"... - ich experimentiere, manches wird sich als Irrweg erweisen, doch für mich ist das Blog eine literarische Form und kein Übungsplatz für das "Eigentliche", kein Ausweichmanöver und keine Litfaßsäule. 

Ich will auch, dass gelesen wird, was ich schreibe. Und ich sehne mich nach Reaktionen. Die fehlen mir oft, obwohl "Gleisbauarbeiten" mehr Leser:innen hat als früher. Warum so wenig kommentiert wird? Das weiß ich nicht. Was ich mache, ist nicht auf Wirkung berechnet. Traurig stimmt mich manchmal auch, dass die Zugriffszahlen bei Tagebuch-Eintragungen, Essays und Buch-Besprechungen so viel höher sind als bei jenen Texten, an denen mir am meisten liegt. Ich weiß, das andere Blog-Betreiber ähnlichen Frust schieben: Dass immer noch jeden Tag einer oder mehrere auf "Gleisbauarbeiten" durch die Google-Suche nach "seinen Hund mit der Hand befriedigen" gelangen; dass "Schamhügel" eines der häufigsten Such-Worte ist; dass "Bravo Foto Lovestory" ein Dauerrenner ist. So ist es eben. Und schließlich - dadurch gelingt wenigstens ein wenig, was auch ein Ziel ist: Die strenge Umkehrung der Chronologie zu durchbrechen, nicht immer den neuesten Post als ersten lesen. Manche bleiben sogar hängen...

Für mich sind andere Texte viel wichtiger. Die Figuren, die ich nicht erfinde, sondern die zu mir kommen, manche direkt sich materialisieren durch die (wenigen) Kommentare im Blog. Gerade in den letzten Tagen lässt mir Vera Veverka keine Ruhe, die durch eine Intervention des Lesers Hans62 in meinen "Roman" gelangte. Ich schickte sie "nach Hause" in eine ganz offensichtlich zerrüttete Ehe, doch ließ ich sie versprechen, wieder zurückzukehren ins Haus ihres verstorbenen Vaters nach Zlin und zu Jan Klima, dem Mann, mit dem sie sich wohl fühlte am Todestag ihres Vaters. Wie hat Vera sich entschieden? 

Ich habe die Erzählung "Der Andere" (die ich nie als Datei auf der Festplatte hatte, die es nur in drei Teilen, die schließlich zusammengefügt wurden, hier im Blog gab, als Word-Datei in die google-Cloud gestellt, um sie für mich selbst und andere Leser:innen besser lesbar zu machen.) Hier: DER ANDERE. Eine Wintererzählung Vielleicht werde ich eine Fortsetzung schreiben. Wenn Vera die Tür öffnet. 

Blog-Blues. Schon vorbei. Ich will schreiben.


Kommentare:

  1. Ich kann das sehr gut nachempfinden, denn mit so manchen Gedanken bleibt ganz allein zurück. Ich würde auch gern, nein, sehr gern weitaus mehr über die Inhalte diskutieren, aber auch über meinen Blog. Aber ich habe zur Kenntnis nehmen müssen, dass darauf sich kaum jemand einlassen möchte, leider.

    Nur soviel, einiges von dir lese ich wirklich gern.

    Herzliche Grüße Rena

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  2. mit "Logik, Lüge, Libido" ist doch das , was das "blog mit einem macht" - nämlich dass es zu worten , sätzen , ( ge )schichten verführt , von welchen man sonst nichts gewusst hätte - ganz wunderbar charakterisiert -

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  3. Liebe Melusine, ich erzähle Dir mal, wie das bei mir ist:

    1.WARUM ich schreibe, ist etwas, das sich wandelt, oder besser: herausschält, mit der Zeit. Ich hab mir über die Jahre immer wieder mal diese Frage beantwortet, und es scheint, jedenfalls für mich, auf Folgendes hinauszulaufen: http://iris-bluetenblaetter.blogspot.com/2010/05/kommunikation-mit-dem-unaussprechlichen.html

    2.Warum ich ÖFFENTLICH schreibe: Auch das wandelt bzw. enwickelt sich. In den Anfängen meines Blogs, als es noch geschlossen war, ging es mir um Textkritik. Die habe ich von einigen wenigen bekommen und damit meine Texte überarbeitet. Das hat abgenommen, als ich mein Blog geöffnet habe und parallel dazu selbst mehr in anderen Blogs gelesen habe. Vereinzelt fing ich an, bei anderen zu kommentieren und musste feststellen, dass es sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Empfindlichkeiten bzgl. Reaktionen gibt. Selten wird formale Kritik gewünscht, ab und zu inhaltlich diskutiert, oft wird es persönlich, und ebenfalls häufig driftet der Kommentar-Thread völlig vom Thema weg, und man dreht sich, mehr oder weniger gemeinsam, um sich selbst. Manchmal artet es in 'Geplapper' aus, so empfinde ich es, und das mag vielleicht arrogant erscheinen.
    Dass ich öffentlich schreibe, hat für mich den sehr persönlichen Grund, dass ich heraustreten möchte aus einem Rückzug, den ich angetreten hatte nach Jahren des totalen Bloßliegens in einer - wiederum geschlossenen - Gemeinschaft. Viele meiner Texte beschäftigen sich damit. Jeder einzelne Schritt (Text) hinaus ist für mich ein Wagnis, kostet Mut, treibt mich manchmal anschließend für Tage wieder in den Rückzug, bis es weitergehen kann. Aber es geht voran, ich wachse, ich häute mich, ich werfe ab, ich treibe aus, ich reife. Das macht mich froh.

    3.REAKTIONEN wünsche ich mir auch bzw. Kommunikation. Bisher freut mich jeder Kommentar zu meinen Texten, aber ich habe nach wie vor eine Furcht in mir vor Blicken und Äußerungen. Sie wird immer kleiner, ich übe.
    Über die direkten Kommentare hinaus findet die Kommunikation ja auch zwischen den Blogs statt. Man findet sich in ähnlichen oder gleichen Thematiken. Vieles, was ich lese - vor allem auch bei Dir - ist mir Inspiration, es gibt Wechselwirkungen, das Thema Scham ist so ein Beispiel. Der Austausch findet auf einer weiteren Ebene statt, Vernetztung eben.

    4.Was veranlasst mich zu kommentieren oder nicht. In der Regel entspringt es einem Impuls. Ein Text trifft mich pesönlich, ich reagiere spontan, ohne viel zu reflektieren und schon gar nicht, weil es erwartet wird. Manchmal trifft mich ein Thema aber auch so tief, dass ich entweder befürchte, ein Kommentar könnte zu umfangreich und weitschweifend werden oder aber in einem Thread münden, den zu verfolgen mir die Zeit fehlt. Und manchmal setzt sich ein Text fest, begleitet mich über Tage, und ich könnte schließlich kommentieren, aber da gibt es inzwischen so viel Neues und Anderes ...
    Und dann gibt es die Episoden und Kapitel fortlaufender Geschichten, die ich mehr oder weniger konsumierend lese, genießend und schweigend. Auch zu diesen fällt mir so manches ein, aber in der Summe ist das alles einfach viel, viel, viel.

    Ich belass es mal dabei. Liebe Grüße!

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  4. Vielen Dank, liebe Iris! Da erkenne ich ganz viele Gemeinsamkeiten. Vor allem auch die Erfahrung des Rückzugs, der damit verbundenen Stagnation und der Möglichkeit, durch Öffentlichkeit und Veröffentlichung aus dieser herauszufinden.
    Die Vernetzung zwischen den Blogs, die erlebe ich auch als große Bereicherung. Und es geht mir auch so, wie du schreibst: Oft kann ich gerade das nicht kommentieren, was mich besonders bewegt, beschäftigt, weil es noch in mir arbeitet und gar nicht "spruchreif" ist.
    Früher habe ich immer gestaunt, wie leicht es manchen fiel, direkt nach einem Ausstellungsbesuch (ich habe ja Kunstgeschichte studiert) eine Kritik zu schreiben. Ich konnte das nie. Immer brauche ich einen gewissen Abstand, oft Bewegung, um mich zu Kunst/Literatur/Musik äußern zu können.
    Dir auch ganz liebe Grüße!

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  5. Liebe Melusine!

    „Ach was!“ hab ich mir auch schon gedacht, aus anderen Gründen, obwohl ich von Anfang an nicht drauf aus war, die Zugriffszahlen zu steigern. Was mit dem Konzept des Blogs zusammenhängt: ich wollte eigentlich nur ein leicht abrufbares Archiv für mich, auch mit dem Nebengedanken, mich mit meiner Vergangenheit konfrontieren zu müssen und mich dadurch vielleicht auch wieder an Vergangenheiten anzubinden.

    Erst nach einiger Zeit kam der Impuls auf, auch wieder ein aktuelles Lyrik-Projekt zu beginnen: mit der Replik auf ein Gedicht von Daniela Danz. Mit der Zeit stellte sich heraus, daß sich eine solche „Replikenwirtschaft“ fortsetzen läßt, vielleicht auch deshalb, weil mir dabei das Schreiben von Gedichten leichter fällt – es gibt schon Wörter, die mich reizen und sozusagen von selbst einen Fortlauf erzeugen. Ich kann da etwas wie „Öffnung“ empfinden und daraus etwas Wörtliches schöpfen.

    Ihr Blog habe ich schon immer sehr lebendig und teilweise auch aufregend empfunden. Für mich bewundernswert ist Ihre Vielfalt in Theorie und Praxis; auch das Tempo. Schön finde ich auch, daß da regelmäßig Gäste aufscheinen, noch dazu gleich zwei Männer.

    Sehr gut verstehe ich, daß die automatische Vernetzung ein wichtiger Antrieb ist. Ebenso das Fragmenthafte, dem momentanen Impuls Entspringende, auch schnell hinter sich Gebrachte, das aber doch auch einen gewissen Bestand zu haben scheint, wozu nicht nur die Verlinkungen beitragen. Und natürlich gefällt mir die Ausschaltung des Veröffentlichungsbetriebs und dessen Machtgehabe.

    Um die Herrschaft über Ihre Figuren beneide ich Sie. Es ist ja egal, woher sie sich emanieren: Hauptsache, sie lassen sich schicken bzw. schicken sich selbst. Und – ebenso wichtig -: sie werfen Fragen auf, die nicht von selbst "spruchreif" werden!

    Herzliche Grüße

    EAR

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  6. Lieber EAR,
    wie mich diese "Replik" freut, weil sie so genau eingeht auf das, was mir am (literarischen) Bloggen wichtig ist. Die Zugriffszahlen zu steigern - das war am Anfang auch nicht mein Ziel (ich wollte ja eher im Netz verschwinden, alles nur hier, nichts auf der Festplatte, so groß war das Bedürfnis nach all den Jahren des Schweigens, mich als reale Person davon zu distanzieren, dass ich "so was" schreibe). Aber inzwischen bedeutet es mir schon was, dass gelesen wird. Ich schriebe nix, nur um Zugriffe zu steigern (das wäre leicht, z.B. "Fliesen legen gegen Sex"; auch so ein Dauerbrenner hier). Doch es treibt mich an, dass es eine Resonanz gibt, einen Rückhall, Repliken, selbst die bloßen Aufrufzahlen geben mir etwas, was ich - rückblickend erst - vermisst habe, als ich noch in die kleinen Notizhefte krakelte, die ich selbst nie mehr las. Es ändert sich etwas beim Schreiben, wenn es eine/n - auch nur imaginierte/n - Leser:in gibt. Genau kann ich diese Änderung noch nicht fassen. Nur das eine: Wie sehr sie meine Produktivität steigert :-) Enorm!

    Die "Replikenwirtschaft" ist ein wunderbarer Teil davon: "Öffnung empfinden und Wörtliches schöpfen"!

    Die Herrschaft über meine Figuren allerdings, die habe ich doch nicht. Denn: Mir scheint´s manchmal, als herrschten die über mich. Ich denke mir im Laufschritt durch die Stadt eilend die tollsten Geschichten für die aus. Aber die wollen nicht. Die wollen anders. Und setzen sich immer durch.

    Herzliche Grüße

    Melusine Barby aka J.S. Piveckvoa

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  7. Liebe Melusine,
    auch Berufsschriftsteller wollen natürlich gelesen werden, weil auch sie Geschichten zu erzählen haben. Diejenigen, die ich kenne, verdienen ihr Geld jedoch auch "nur" indirekt mit ihrem Schreiben, indem sie dadurch den Ruf der Kompetenz erwerben und so als Herausgeber, Kuratoren, Jurymitglieder, Dozenten, Schreibseminarleiter oder was auch immer engagiert werden. Wer allein für Geld Romane schreibt, dürfte wohl kaum hohe Qualität abliefern, denke ich.

    Sie beklagen, daß bei Ihnen so wenig kommentiert wird, und tatsächlich mag es einem zufällig Hereinschneienden seltsam vorkommen, was in einem Literarischen Blog so alles geschrieben wird, ohne daß es eine sichtbare Resonanz gäbe. Ich verzichte zum Beispiel in meinem Blog auf die Zählung der Leser, denn die Quantität sagt nichts aus über die Qualität des Lesens, ob jemand genau liest und sich Gedanken macht. Lieber ein stilles Lesen als ein blöder Kommentar! Ich lese zum Beispiel in Gleisbauarbeiten die mich interessierenden Texte, denke darüber nach und kommentiere meist nicht, weil ich dem Gesagten oft zustimme – wie banal wäre es dann zu schreiben, "Ich stimme dem zu". Für substantielles Zustimmen fehlt mir leider die Zeit, weil ich ja selbst Texte schreibe (Blog, Roman, Wissenschaft), für die ich Resonanz möchte (und am besten auch Geld, denn Arbeit sollte bezahlt sein). Auf Tainted Talents wurde zuletzt auch beklagt, dort sei es zu ruhig, ich stellte die These auf, Phyllis fordere in letzter Zeit weder zum Widerspruch auf noch Hilfe oder Tröstung ein. Ich selbst gehe jedenfalls immer davon aus, daß es eine stille Teilhaberschaft der Leser:innen gibt, über alle Dimensionen hinweg, denn so wie ich im Moment wieder aktuell Robert Walser lese, so liest vielleicht jemand jetzt oder später meine Texte – eben diese Vorstellung von Wirksamkeit ist für mich immer Teil meiner Geschichten, unter anderem auch deswegen, weil die in ihnen agierenden Ichs immer auch etwas mit sich tragen, was ich gar nicht bewußt hab hineinschreiben können. Robert Walser weiß auch nicht, daß ich ihn lese, und doch habe ich ihm und seinen Protagonisten wunderbare Stunden meines Lebens zu verdanken, eine Wirkung, die nicht gemessen, aber gewogen werden kann.

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  8. Lieber Norbert W. Schlinkert,
    das freut mich, dass Sie gelegentlich auch hier lesen. Und sogar manchmal zustimmen ;-). Dass jedes Schreiben (zumindest jedes literarische) auch ein Gespräch mit einer imaginierten Leserin ist, glaube ich auch; jenseits freilich - und dass gilt, denke ich, für Sie auch - einer Wirkungsästhetik, wie sie noch die Frühaufklärer sich im herrischen Traum der Vernunft vorstellten. (Trotzdem habe ich die Preisgabe dieser Hoffnung auch immer als schmerzlich erfahren. Dass die Kunst nicht ins Leben, in die Gesellschaft wirken will, ja dass sie es direkt nicht wollen darf, um Kunst zu sein, diese Erkenntnis tut mir immer noch so weh wie den Protagonisten von Peter Weiss´ "Ästhetik des Widerstands".)

    Mit dem Schreiben von Romanen (es sei denn, man hielte sich sklavisch an die Tipps und Tricks wie sie in den Creativ Writing-Seminaren gelehrt werden) kann man sicher auf dem deutschen Markt (und den meisten andersprachigen natürlich auch) seinen Lebensunterhalt nicht allein verdienen.
    Trotzdem glaube ich, dass meine Situation noch ein wenig anders ist als die Ihre oder die vieler anderer, die literarische Blogs betreiben. Die meisten, zumindest nehme ich es so wahr, schreiben im Blog "nebenbei", während ihre "eigentliche" Schreibarbeit weiterhin dem "Gedruckten" gewidmet ist. Bei mir ist das nicht so. Das Blog hat mir überhaupt die Möglichkeit eröffnet, zu schreiben u n d zu veröffentlichen (ich meine jetzt nicht einmal in einem Verlag oder einer Zeitschrift, sondern so schlicht wie "es jemandem vorlesen" oder "zu lesen geben"). Ich habe immer in einer Parallelwelt gelebt, wo Romane entstehen, und immer Notizhefte voll gekrakelt. Aber n i e seit mehr als 20 Jahren (seit dem Ende meines Studiums) hat irgendjemand (nicht einmal ich selbst!) auch nur eine Zeile davon gelesen.
    Für mich ist das Schreiben auch immer sehr schuldbesetzt gewesen - ein Abzug, dem ich dem anderen, dem "wirklichen" Leben antue, einem in meinem Fall sehr ausgefüllten, in Grenzen erfolgreichen und von einer liebevollen Familie geprägten Leben. Und mir genügt es nicht! Das habe ich stets als ein Unrecht wahrgenommen, das ich dem Leben tue. Und also mein Schreiben, diese ganze Parallelwelt, versteckt. Im Grunde auch vor mir selbst. Noch am Anfang des Bloggens habe ich nicht einen einzigen Text auf meiner Festplatte gespeichert. Sie waren alle nur in der Google-Cloud unter dem Avatar-Namen abrufbar mit einem Passwort, das nur ich kannte und das nirgendwo niedergeschrieben war.
    Dass ich es gewagt habe, dies Geschriebene öffentlich zu machen und schließlich auch "dazu zu stehen" mit meinem eigenen Namen, ist für mich ein großer Schritt, auch wenn er für jeden anderen lächerlich erscheinen mag.
    Ich lebe in einem Umfeld, in dem niemand schreibt. Und es (fast) niemanden interessiert, dass ich es tue. Wenn ich davon erzähle (was selten der Fall ist), rät man mir doch mal Artikel für die Lokalzeitung zu schreiben über Bestseller. Das lohne sich wenigstens. (Die lesen nie das, was ich tatsächlich schreibe.) Meine Söhne klagen, ich hätte, seit ich so viel schreibe, keine Zeit mehr in meiner Freizeit für anderes (Sie müssen bedenken, dass ich voll berufstätig bin und mir mein Beruf auch Spaß macht). Die halbe Nacht säße ich und schriebe, das könne nicht gut sein...
    Aber ich habe mich über viele Jahre nicht so lebendig gefühlt wie jetzt, seit ich das Blog führe. Für mich ist es wichtig, dass es tatsächlich gelesen wird (nicht so sehr die Zahl der Leser:innen, sondern dass es sie wirklich gibt.) Denn hier, wo ich bin, wenn ich nicht schreibe, gibt es mich als Schreibende ansonsten gar nicht.

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  9. Sicherlich mag es auf den ersten Blick gut und angenehm erscheinen, wenn in einem Blog viel kommentiert wird. Aber es gibt Textsorten, da fallen die Kommentare nun einmal spärlich aus. Dazu gehören die literarischen Texte und auch die philosophischen.

    Ja, ich freue mich natürlich über Kommentare bei mir, aber wenn keine kommen, ist es mir ebenso egal, wie es mir egal ist, ob jemand meine Blog-Texte liest oder nicht. Da ich am Akt des Schreibens und dann am Lesen der eigenen Text so viel Freunde finde, benötige ich da gar keine anderen Menschen mehr. Wenn das beim Sex auch so einfach wäre wie beim Schreiben, dann wäre die Welt gut und gerettet. Leider benötigt man dazu jemanden, wenn man nicht der Onanie verfallen will.

    Will sagen: der Akt ästhetischer und philosophischer Erfahrung steht und stand für mich immer sehr viel höher als der Austausch: Und wenn wir ehrlich sind: die meisten Menschen, mit denen man sich austauscht, sind am Ende banal und langweilig; wie wenige gibt es, wo der Austausch wirklich lohnend und anregend ist. Ich habe in meinem Leben vielleicht fünf oder sechs Menschen getroffen. Eine schlechte Quote für meine 46 Jahre.

    Deine Klage ist zudem eine auf recht hohem Niveau. Im Vergleich zu anderen Blogs liegt Deine Kommentarquote doch ganz gut. Aber ich verstehe schon, was Du meinst. Nur: für mich ist das kein Mangel, wenn keiner schreibt, meinetwegen kann die Welt auch ohne Menschen sein und nur ich bin da, Hauptsache die Kaufhäuser haben offen und ich komme an Wein, gutes Essen und an Lederjacken heran, die ohne Schnickschnack sind und auf oberer Hüfthohe, etwa 10 cm unter dem Bauchnabel abschließen.

    (Ich glaube, der Schriftsteller Nicholson Baker hat in den 90ern einen Roman geschrieben über jemandem, bei dem die Welt mit einem Male still steht und nur der Protagonist bewegt sich noch durch die Welt, alle anderen Menschen sind erstarrt.)

    Sicherlich: es ist wichtig zu wissen, wo ein Text harkt und nicht funktioniert, das erfährt man in der Regel nur von außen, denn man selber ist (teils) blind für den eigenen Text. Ich meine aber, daß in der Blogwelt gerade Prosatexte noch schwieriger zu kritisieren sind als die philosophischen und dies vor allem aus diesem Grunde: weil diejenigen, welche Prosa oder Lyrik schreiben in gewisser Weise ihr innerstes nach außen legen und zuweilen auch erhebliche Leistungen in der Konstruktion erbringen. Und da kann Kritik, die nicht wohlwollend ausfällt, sondern die ästhetische Mängel freilegt, weh tun. Ich selber würde einen mißlungenen literarischen Text, der von einem unbekannten Autor oder einer unbekannten Autorin stammt, nicht kritisieren wollen, da ich niemanden verletzen mag. Ich breche dann sowieso das Lesen ab, weil die Lese- und Lebenszeit sehr begrenzt ist.

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  10. Lieber Bersarin,

    zunächst mal: ich bin froh, dass du es zurück geschafft hast aus der Unterwelt (ich wusste gar nicht, dass Friedrichshain einen direkten Zugang hat; bisher kam ich immer...). Dieser Leporello war kein echter Ersatz, wenn er sich auch Mühe gab und ich Prügel aus prinzipiellen Gründen ablehne (also bitte: Mäßige dich!).

    Mir wäre es allerdings nicht genug, wenn ich an Wein käme, gutes Essen undhier fliegende Röcke erstehen könnte, wenn keiner da wäre, mir zuzuschauen, wie ich Pirouetten drehe. Du siehst, wie Frauen sind. Deshalb bringen wir´s auch zu nix in der Philosophie. Uns fehlt die Selbstgenügsamkeit.

    Tatsächlich geht es mir auch eher wie dem "Selbst-Überraschungs-Revolutionär" Mirabeau in Kleists "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden". Um in Schwung zu kommen, brauche ich ein - mindestens vorgestelltes - Publikum. Und da ich mir jahrelang abgewöhnt hatte, mir eines zu imaginieren, brauche ich (noch?) die Klicks, um mir zu suggerieren, mein Getexte verschwinde nicht völlig ungelesen im Nirwana des Netzes.

    Ich vermisste und vermisse, die Band, das gemeinsame Spiel, aus dem so viel Verrücktes und Missglücktes entstand, als wir Pop-PoetInnen waren, Lula Henne und glaubten, die Welt, aber mindestens die Kneipe Hinterm Bahnhofgehöre uns (einen großen Unterschied zwischen beidem sahen wir nicht). Dies "wir", die Band, das keine Zweisamkeit ersetzen kann, fehlt mir.

    Und dann denke ich: Scheiße, so schlimm ist es also, dass man sich nicht traut zu kommentieren, weil es so verletzend wäre. Mannomann.

    Aber - sag ich mir - ich muss das einfach weitermachen. Jetzt. Erst mal.

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  11. Also, ich sage mal nur soviel: das schwarze Kleid bei Stilblüten gefällt mir ausnehmend gut.

    Dieses Publikum benötige auch ich, aber es reicht mir als imaginiertes. Denn ich bin ein Meister der Imagination. Der Kierkegaardsche Ästhetiker fällt zuweilen weit hinter meine Exaltiertheit des monadologischen Solipsismus zurück. Und an den glücklichen Tagen behauptete ich: ich übertrefe die meisten in der hohen Kunst der Selbstaffektion.

    Freilich gibt es manche Tage, an denen dies nicht befriedigt. Und momentan ist in meinem Leben eine Frau aufgetaucht, da zweifele ich an mir selber, da hilft auch der Kierkegaardsche Ästhetiker nicht weiter. Im Gegenteil.

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  12. Es muss schön sein, ein Meister der Imagination zu sein. Dagegen kann ich nur halten, eine wahre Meisterin der Suggestion zu sein. (Ich könnte jetzt wieder auf die Pole männlich/weiblich verweisen, aber das ist doch wohl zu billig.)

    Dass der Kierkegaardsche Ästhetiker eher hinderlich ist, wenn es um Leben und Frauen geht, glaube ich dagegen unbesehen. Aber ohne ihn wird´s vielleicht was! Good luck.

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