Donnerstag, 24. November 2011

VERDROSSENHEIT (oder: Letzte Zuckungen des politischen Tiers in mir)

Kein Verein darf mich sein Mit-Glied nennen. Weder Glied, noch mit. Auch die vielgerühmte Integrationsfunktion der deutschen Vereinskultur versagt kläglich an meiner Verstocktheit. Ich backe keine Kuchen fürs Jubiläumsfest und ich verschwestere mich nicht bierselig oder schnapstrunken mit alten Säcken, jungen Muskelpaketen und triefäugigen Glucken. Vielmehr pflege ich sorgfältig meine Vorurteile gegen das fröhliche Vereinsleben und bestätige sie mir, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Da kehre ich dann sogleich und unmissverständlich die intellektuelle Schnepfe heraus und hebe indigniert die Augenbraue. Dagegen brülle ich in höheren Kreisen gerne mal "Scheiße.Scheiße" in die Runde. Ich mag´s nicht, wenn "man" sich einig ist und unter sich bleiben will. Alle Arten fröhlichen Gemeinsinns, gesunden Menschenverstands und selbstverständlicher Übereinkunft wecken in mir Übelkeit und Widerspruchsgeist. Trotz dieser missgünstigen Einstellungen, die ich seit Jugend hege, lässt sich der Abscheu immer noch steigern, sobald direkte "Feindberührung" stattfindet.

Das alles habe ich längst über mich gewusst. Ich habe mir daher vorzuwerfen, in einem Akt der Irreführung mir und anderen weiß gemacht zu haben, ich ließe mich in Reihen gliedern, könne mich einfügen und mitspielen. Das politische Tier, Sie ahnen es vielleicht schon: Noch einmal kam es anderntags zu schmerzlichen Zuckungen. Einige Wahlen hatte ich boykottiert. Bei anderen mein Kreuzchen mit Bauchschmerzen gemacht. Der Fehler war dann: Mich in eine Verantwortung zu nehmen, die den unmittelbaren Kontakt zu fröhlichen Vereinsmeiern und ernsthaften Partei"freunden" erfordert. (Besonders abstoßend auch, wie man von höchst unerfreulichen Personen in diesen Kreisen sofort geduzt wird.) Ich muss trotzdem zugeben, dass das Ausmaß an Verlogenheit, Machtgeilheit, Selbstbezüglichkeit, Verklemmung und Denkfaulheit, auf das man hierzulande in provinzpolitischen Kreisen (inzestuös über Jahrzehnte entwickelt) stößt, meine schlimmsten Vorstellungen noch übertroffen hat. Karnickelzuchtvereine stelle ich mir nach dieser Erfahrung lebensfroher (ehrlicher sowieso) vor. 

Ich hatte geschrieben, vor einiger Zeit, ich sei gescheitert. Das war auch so. An meinen eigenen Ansprüchen. Gern hätte ich die Schuld anderen in die Schuhe geschoben. Es gibt auch im politischen Geschäft anständige Menschen. Es sind wie überall die, die austeilen und einstecken können, die keine Heimlichtuereien nötig haben und innerlich unabhängig sind. Was allerdings - mit einigem Abstand und nachdem ich selbst nicht mehr direkt betroffen bin - sich auch als wahr herausstellt: Ich hatte bisher im Leben viel Glück. Weder beruflich noch privat bin ich je auf so verlogene und heuchlerische, verklemmte und feige Menschen getroffen wie in der (Provinz-)Politik. Diesen Leuten traue ich viel zu, aber nichts Gutes. 

Das politische Tier - es soll in mir keinen Wirtskörper mehr haben. Verpiss dich! Wie viel Zeit und Energie hat mich dieses bösartige Wesen, das dreist behauptet, gesellschaftliche Solidarität lasse sich nur organisieren, wenn es sich auf  "familiäre" (um nicht zu sagen mafiöse) Loyalitäten verlassen könne, in diesem Jahr gekostet! Ich will einen Weg finden, aus dieser Erfahrung zu schöpfen. Dazu muss jedoch die Wut erkalten und die Schamröte sich verziehen. Da wird noch einiges Wasser den Main hinunter fließen müssen.

Kommentare:

  1. Herzlichen Glückwunsch, liebe Melusine, mit Dir würde ich glatt den Verein der Vereinslosen gründen, ganz form- und zwanglos. ;-)
    Nein, im Ernst: Nur zu gut verstehe ich Deine Wut. Wie etwas, das nach außen so einnehmend wirkt, im Innern so vereinnahmend sein kann ... Da ist Zorn angebracht (vermutlich als Reaktion auf erlebte Ohnmacht gegenüber den von Dir beschriebenen Strukturen?) Mich selbst macht schon lange jede Gruppierung misstrauisch, ganz gleich, was sie sich auf die Fahnen schreibt. Und ich sehe es wie Du, dass anständige Menschen nur solche sein (und bleiben) können, die innerlich unabhängig sind. Vermutlich gibt es nur wenige, die das trotz äußerer Abhängigkeit, also einer mit Pflichten verbundenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe, schaffen. Ich pflege inzwischen lieber ein vorsichtiges Einzelgängertum und übe die Treue zu mir selbst.
    Übrigens finde ich, dass Du bereits begonnen hast zu schöpfen.

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  2. "Hochverrat ist eine Frage des Datums."

    Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord

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  3. @Iris - Ein wenig Wort-Pirouetten drehe ich. Schön wäre es, ich könnte aus dem Personal, das ich beobachtet habe, Figuren schaffen. Dazu aber muss die Wut verschwinden. Denn ich müsste sie aus sich entwickeln - ohne zu (ver-)urteilen. Soweit bin ich noch nicht.---"ein vorsichtiges Einzelgängertum", bezogen auf größere Gruppen kann ich das auch von mir sagen. Ganz unabhängig ist trotzdem keine, glaube ich. Doch bin ich ziemlich naiv geblieben, weil die wenigen Menschen, von denen ich mich - beruflich und privat - abhängig gemacht habe, mein Vertrauen nicht enttäuscht haben.

    @ Anonymous Och, je. Hochverrat! Liebe Güte, so was kommt in den provinziellen Tiefen, in denen sich das Geschehen bewegt, gar nicht in Betracht. Da ich die Teilhabe an "Staatsgeheimnissen" aller Art strikt verweigere und sofort den Raum verlassen, wenn auch nur andeutungsweise davon die Rede ist, kann ich gar nix nie nicht verraten. (Talleyrand allerdings verdient höchsten Respekt, hat er es doch in der Geschmeidigkeit, die mir vollkommen abgeht, zur höchsten Meisterschaft gebracht.)

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  4. Oder(wegen der Kontextualität der Data)sofort das Eisenbahnabteil verlasse, wenn das darin begonnene Gespräch unweigerlich auf Mord hinaus läuft.
    So stark wär ich auch gern.

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