Samstag, 7. Januar 2012

TRADITION UND ERNEUERUNG: Das neue Städel in Frankfurt am Main


Auswärts stapft meinereiner Kunstbegeisterte sofort in jedes Museum Alter und Neuer Meister (wie kürzlich erst in Wien). Daheim jedoch, im schönen Frankfurt am Main, nehme ich mir allezeit vor, mal wieder ins Städel zu gehen, um es dann doch  wieder aufzuschieben bis zur nächsten sensationellen Blockbuster-Ausstellung, die Max Hollein organisiert, so zuletzt mit Morel, Guido Rohm und Seraphe in die noch bis morgen geöffnete sehr sehenswerte Schau „Max Beckmann und Amerika“.

Claude Monet: Le déjeuner
Früher einmal, als der Reiz der großen Stadt und Bilder noch frischer war, verbrachte ich ganze Stunden im Städel vor Claude Monets „Le déjeuner“ (1868), das mich (– obwohl oder weil studierte Kunsthistorikerin –) nicht wegen seiner Komposition oder des Lichteinfalls faszinierte, sondern vor allem wegen der zwei gekochten Frühstückseier, die pro Person zur Verfügung stehen. Zwei Eier! „Le déjeuner“ ist das Bild, das die Jury des Pariser Salons nicht haben wollte, weswegen Monet  und andere gegen den Salon schließlich eine unabhängige Ausstellung der Impressionisten organisierten. Im Bild zeigt sich der Widerstand gegen die Tradition, den die Organisatoren des Salons ganz richtig erkannten. Das Gemälde, das eine Szene gutbügerlichen Wohllebens vorführt, bricht mit den Sehgewohnheiten der Zeit. Eine solche Genredarstellung wurde bis dato in ein kleines Format gezwängt. Monet dagegen wählt das Format eines Historienbildes. Die große Fläche aber wird nicht als Begrenzung akzeptiert; überall sind Tisch- und Stuhlkanten abgeschnitten. Das Speisenangebot auf dem Tisch dagegen ist wie ein Stilleben arrangiert, gleichsam ein Bild im Bild. Das Gemälde erweckt  insgesamt den Eindruck einer Momentaufnahme, die ohne Wissen der Dargestellten gemacht worden ist. Keine der Personen schaut aus dem Bild heraus. Ein Gemälde als Schnappschuss, etwas was die fotografische Technik erst Jahrzehnte später ermöglichen wird. Als Gemälde wahrt es die Intimsphäre der Dargestellten, indem es durch seine „unvollkommene“  Komposition und die Alltäglichkeit der Szene den Anspruch auf symbolische oder allegorische Bedeutung verwirft. Es gibt eine Impression vom Privatleben einer Familie, keinen Einblick in dieses. Zugleich ist die zur Schau gestellte Nonchalance von „Le déjeuner“ eine, die sich der Maler leisten können muss und will - wie der mit ihm in Personalunion existierende Familienvater sich die zwei mal zwei Frühstückseier.

Die Übersetzung von „Le déjeneur“  als „Mittagessen“ auf der dem Bild zugeordneten Tafel, die dem Augenschein so offensichtlich widerspricht wie der wörtlichen Übersetzung, blieb das einzige wirkliche Ärgernis der Wiederbegegnung mit den alten und geliebten Bekannten im Städel nach dessen Neueröffnung (Die Abteilungen Alte Meister und die der Neuen Meister wurden im November und Dezember 2011 nach mehr als einjährigem Umbau wieder eröffnet.). Morel fand die Konfrontation eines Baselitz (betitelt: „Oberon“) mit den hochkarätigen alten Meister aus der Sammlung der Familie von Holzhausen wenig überzeugend. Doch ich gebe zu, dass es ein Schau-Effekt ist, den die prominente Hängung dieses Baselitz am Ende einer Kabinettflucht erzielt - und eine verdiente Würdigung der Spenderin Dorette Hildebrand-Staab, die dem Städel drei millionenteure Baselitz-Gemälde überließ, zudem. (Allerdings bin auch ich kein Fan von Baselitz.) Ich möchte die Erwähnung  dieser  kleinen „Störungen“ rasch hinter mich bringen, um desto unbeschwerter meiner Begeisterung über das „Neue Städel“ freien Lauf zu lassen.

Was das Städel so einzigartig, wie ich finde, unter den großen europäischen Kunstmuseen macht, ist die Tradition, die sich in der Schenkung Hildebrand-Staabs fortsetzt. Die Städelsche Sammlung geht nicht auf eine Fürstendynastie oder einen Bischofssitz zurück, wo man sich Künstler hielt und ihnen Aufträge gab, um den eigenen Herrschaftsanspruch zu legitimieren und darzustellen. Das Städel ist das erste Museum, das als Geschenk eines Bürgers an seine Stadt gegründet wurde. Der Frankfurter Bankier Johann Friedrich Städel vermachte 1815 seine umfangreiche Privatsammlung und sein gesamtes Vermögen einer Stiftung. An den Gründer erinnert die Petersburger Hängung von fünzig Gemälden seiner ursprünglichen Sammlung im Treppenaufgang des „neuen Städel“.

Die Sammlung des Städel, die seither immer wieder durch großzügige Spenden privater Kunstfreunde erweitert wurde, ist ein  Ausdruck bürgerlichen Gemeinsinns. Das ist in Kontinentaleuropa, wo liberale Bürgerlichkeit sich – zumal in Deutschland - seit je einem autoritären Staatsverständnis gegenüber sieht, eine Besonderheit, die sich auch in Schwerpunkten der Sammlung widerspiegelt. So finden sich besonders viele Porträts bürgerlicher Paare,  Familien und Kinder. Die flämische, die niederländische und die deutsche Malerei sind stark vertreten. Frankfurter Bürgerinnen und Bürger haben über die Zeiten hinweg die Sammlung durch ihre Großzügigkeit stets weiter wachsen lassen und so wird das Städel, wenn auch der letzte Teil des Ausbaus abgeschlossen ist, Kunstwerke aus 7 Jahrhunderten präsentieren, bis in die Gegenwart hinein.

Was zunächst beim Betreten des „Neuen Städel“ auffällt, sind die mit kräftigen Farben gestalteten Wände. Die  Werke der niederländischen und flämischen Meister entfalten sich auf tiefem Blau, die der deutschen auf sattem Grün, für italienische und französische Meisterwerke wurde kräftiges Rot gewählt. Das Treppenhaus ist violett gestrichen. Der Eindruck ist üppig, stark, fest und dennoch ruhig. Man protzt und prahlt nicht, aber man gibt sich auch nicht bescheiden. Es wird ausgestellt; eine strahlende Präsentation dessen, was man hat. Und das ist viel. Unter all den berühmten Schätzen des Städels möchte ich auf einige meiner Favoriten hinweisen: Immer wieder entzückt mich das Paradiesgärtlein des Oberrheinischen Meisters, wo Tiere und Pflanzen,  Maria und das Kind,  Heilige, Drachen, Affen farbenprächtig, und goldig  auf einer Burghofwiese vereint sind - friedlich, träumerisch, sommerlich. Reizend ist auch Lucas Cranach d. Ä. schleiertanzende Venus. Ich stelle mir vor, dass das kleinformatige Bild in einer Schreibtischschublade lag, die ein schwer arbeitender Bürger bisweilen aufzog, um sich am Anblick der verführerischen Schönen kurz zu erfreuen und zu erfrischen. Schon Rubens lobte den Meister der winzigen Figuren und Landschaften, Adam Elsheimer, dessen erstaunliches und beglückendes Werk das Städel  2006 in einer wunderbaren Schau vorstellte. Eines seiner Hauptwerke, der Kreuzaltar (1603-1605), bereichert die Dauerausstellung des Städel. Wie Rubens, der Leiter einer Werkstatt, die für ihre üppigen Großformate berühmt und begehrt war, Elsheimers kleinformatige, ziselierte Gemälde lobt, beweist, dass ein wirklich großer Künstler eine seiner eigenen Produktionsweise völlig entgegen gesetztes künstlerische Form vorbehaltlos anerkennen kann. Ein besonders schönes und auch eigenwilliges Kinderporträt ist das Bildnis der Kinder des Lord Cavendish von Thomas Lawrence. Die beiden Jungen halten ihr kleines Schwesterchen in der Mitte an den Händen. Die Kinder werden im Freien gezeigt, wie sie durch den Park tollen. Sie sehen tatsächlich wie Kinder und nicht wie kleine Erwachsene aus und so markiert dieses Bild auch die Entdeckung der Kindheit im 18. Jahrhundert. Viel gedacht habe ich  schon im Sommer 2011 in Rom an den unglücklichen Hans von Marées, der zu Lebzeiten so wenig Anerkennung erfuhr. Seine „Sitzenden Kinder“ sind zweifellos auch einer der Höhepunkte des „neuen Städel“.

Gleichwertig wird nun erstmals die Fotografie als Kunstform neben den Gemälden der Moderne präsentiert. Auch Monets „Le déjeuner“ macht deutlich, wie sinnvoll dieser Schritt ist. Denn in diesem Gemälde zeigt sich beispielhaft, dass die Malerei nicht bloß auf die neue Technik reagiert, sondern vorwegnimmt, was diese erst zukünftig ermöglichen wird und sich zugleich ihrer eigenen Ausdrucksformen im Kontrast zur Fotographie bewusster wird. Die Fotografien sind im Neuen Städel – wie auch die Gemälde – nicht mehr nach Länderzugehörigkeit gehängt, sondern stellen thematische und historische Bezüge her, die sich nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Es ergeben sich reizvolle Irritationen, denen ich bei Folgebesuchen nachgehen möchte  Neben den Arbeiten so berühmter Fotografen wie August Sander und Eugene Atget blieben wir lange vor einer Fotografie von Heinrich Kühn stehen, die eine Frau im Spiegel zeigt. Sie gehört zur bedeutenden Sammlung des Ehepaares Wiegand, die das Städel erworben hat.

Morel und ich verließen das „Neue Städel“ in der festen Absicht, in Zukunft wieder öfter die Dauerausstellung zu besuchen, statt immer nur zu den – gleichwohl häufig sehr gelungenen Sonderschauen – zu kommen. Vielleicht kaufen wir auch für uns eine Museumsufer-Card für das ganze Jahr. Meinen Eltern, die in wenigen Tagen nach Frankfurt ziehen, haben wir je  eine geschenkt. Meine Mutter wird sich wohl besonders an den Jungen MädchenAugust Mackes, der ihr Lieblingsmaler ist, erfreuen. Mein Lieblingsbild aber bleibt ein anderes, man kann das Verhältnis zu diesem Bild fast eine Verliebtheit nennen: Das Bildnis einer Dame mit Schoßhündchen von Jacopo Pontormo. Doch darüber werde ich ein andermal schreiben.

Kommentare:

  1. Es ist nicht nur außerordentlich schön, von Ihnen bei einem Museumsbesuch an die Hand genommen zu werden, sondern auch sehr lehrreich. Ich würde beim nächsten Besuch gern wieder virtuell mitgehen können...

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  2. Danke für das Kompliment. Mir macht das auch viel Freude, die Eindrücke auf diese Weise "festzuhalten". Früher hatte ich immer nur meine krakeligen Notizbücher, in denen ich die Einträge selbst meist nach einer Weile nicht entziffern kann. Durch das Blog kann ich nachlesen, was ich wie g e s e h e n habe.

    Natürlich geht auch immer viel verloren. Im Notizbuch sind zu diesem Städelbesuch viele hier unberücksichtigte Eindrücke zu finden. Ich kann selbst nicht erklären, wie ich die Notizen auswähle und zusammenfüge. Es ist immer als w a h r und doch ganz anders gewesen, verstehen Sie das?

    Es freut mich auch, dass es "lehrreich" ist. Wie wunderbar diese Möglichkeit ist, über Links alles miteinander zu vernetzen. Vielleicht macht mir das so viel Spaß, weil ich so auch erlebe und denke - nicht linear und (chrono-)logisch.

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