Mittwoch, 30. Mai 2012

Stellungnahme zu einem Streit bei Tainted Talents


Es gab da eine Debatte (ist das das rechte Wort?) bei Phyllis Kiehl ("Tainted Talents") über Netzliteratur, Lewitscharoff-Bashing, Autor und Werk, Wert und Unwert von Literatur, die zwischen einigen Beteiligten hässlich wurde. Da ich mich (zu Beginn) daran beteiligte und durchaus harsche Worte fand, möchte ich dazu (im wesentlichen zu meinem Beitrag und seinen Folgen) hier Stellung nehmen.

Ich habe mich nicht höflich und freundlich ausgedrückt ("wertschätzend" wie der Pädagoge sagt), um das zu qualifizieren, was Sybille Lewitscharoff über Urheberrecht und Netzliteratur in der FAZ und später auch in einem Interview in der Frankfurter Rundschau von sich gegeben hat. Dazu stehe ich. Ich werde auch in Zukunft das, was ich für Unsinn halte, Unsinn nennen und nicht „eine bedenkenswerte Position, zu der ich jedoch anmerken möchte“. Ich mag weder im realen Leben verschwurbelte Aussagen noch schriftlich. Es gibt Aussagen, über die ich kritisch nachdenke und solche, die ich für so dumm halte, dass jedes Nachdenken Zeitverschwendung ist. Dann habe ich meinem „Bashing“ (wie Gregor Keuschnig es nannte) noch beigefügt, dass ich zukünftig Werke dieser Autorin nicht mehr lesen werde. Das verleitete  Keuschnig ("Begleitschreiben") zu der Behauptung, es werde hier von der politischen Meinung einer Autorin auf die Qualität ihres Werk geschlossen, was er als falsch und – im Unterton – auch verwerflich brandmarkte. Dieser Position pflichtete Alban Nikolai Herbst ("Die Dschungel") bei. Dahinter steckte eine Unterstellung, die gar nicht zutraf. Zur Qualität des literarischen Werkes der Lewitscharoff hatte ich gar nichts gesagt.

Dennoch offenbaren Missverständnis und Unterstellung plus der Weiterung zum kränkenden Disput mitsamt dem beleidigten Rückzug tatsächlich völlig unterschiedliche Haltungen gegenüber Literatur und Autor:innen. Ich denke, für Keuschnig sind die Werke "Subjekte", denen er sich verpflichtet fühlt, die er analysiert und bewertet. Dabei legt er (schein-)objektive Wertmaßstäbe („literarische Valenz“, um ANH zu zitieren) an. Er betreibt "Literaturkritik", auf durchaus hohem Niveau in seinem Blog "Begleitschreiben". Mir fehlen für eine solche, wie ich hiermit offen einräume, die Maßstäbe und ich strebe auch nicht nach ihnen. Ich verfüge lediglich über literarische Erfahrungen, die dazu führen, bestimmte Ausdrucks- und Darstellungsformen mit Gründen höher zu schätzen als andere. Es sind aber meine Erfahrungen und sie haben ihre Schranken in meiner Person (meinem Geschlecht, meinem kulturellen und sozialen Hintergrund, meiner Körperlichkeit, meinen Vorlieben u.v.m.). Solche Schranken nehme ich auch für Autor:innen an. Sie sind für mich die Subjekte, mit denen ich – über ihre Texte – virtuell kommuniziere. Das ist eine phantastische und auch sehr störungsanfällige Kommunikation. Es ist aber daher nicht gleichgültig für mein Interesse und meine Anteilnahme, wer schreibt oder geschrieben hat. Das ist keine Frage der Qualität, sondern eine der Anschlussfähigkeit. Ich habe meine Grenzen zuletzt sehr deutlich gespürt, als ich versuchte mir persische Literatur (zugegeben in Übersetzungen) zu erschließen. Ich würde mir aber nicht anmaßen, ein Qualitätsurteil über diese Literatur zu fällen, bloß weil sie nicht (oder noch nicht, wie ich hoffe) anschlussfähig an meine Erfahrungen ist. Dennoch habe ich zunächst aufgehört, persische Literatur zu lesen. Ich höre auch auf Lewitscharoff zu lesen. Nicht weil sie eine schlechte Autorin ist, sondern weil ich mich hier nicht mehr anschlussfähig machen will. Ich erkenne rückblickend, dass ein Teil der Anziehungskraft der Romane von Lewitscharoff für mich in lutherischem Rigorismus, protestantischer Lustfeindlichkeit und Geiz (wie ihn nun auch ihre politischen Einlassungen offenbaren) lag. Das ist aber ein Teil von mir, den ich nicht stärken möchte.

Interessant finde ich außerdem auch, dass der hässliche Disput fast sofort einer zwischen Männern wurde. Sobald der kränkende Tonfall angeschlagen ward, nahmen die Männer nur noch aufeinander Bezug. Phyllis Kiehl wurde zur reinen Moderatorin und meine Einlassung von Keuschnig gar nicht mehr aufgegriffen. Auch das gibt mir zu denken (und zu Verhaltensänderungen Anlass).

Kommentare:

  1. Der hässliche Disput, wie Sie es nennen, hatte ja nichts mehr mit der ursprünglichen Fragestellung zu tun. Weder Sie noch ANH noch Keuschnig (höchstens marginal) hatten damit zu tun, dass ein humorvoll gemeinter Einwurf (mit Smiley versehen) sofort mit einer Verklausulierung des Götz-Zitates (nein nicht das mit Licht und Schatten) unter Beifügung von "Passen Sie auf" und "noch einmal" beantwortet wurde.
    Ich fand es sehr nett von ANH, zur De-Eskalation beitragen zu wollen. Ich habe mich da sicher nicht mit einem Ruhmesblatt bedeckt. Allerdings handelt es sich um einen irreversiblen Prozess. Das Medium ist angepatzt.
    Und da hilft es auch nicht besonders, wenn die Plattform selbst nicht mit den Spammern zurechtkommt und man es langsam müde wird, nach den interessanteren Beiträgen zu suchen.
    -
    In das von Ihnen angesprochene Thema hätte ich mich ja schwerlich einmischen können. Ich bin in der Musik zuhause.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Der von einigen als hässlich empfundene Disput war meiner Ansicht nach vielleicht etwas grob, ist aber weder von der einen noch von der anderen Seite mit unlauteren Mitteln geführt worden, so lange er allein auf Tainted Talents seinen Platz hatte. Man muß die Dinge klar und deutlich ansprechen, und wer ein "Passen Sie auf" o. ä. nicht als ernstgemeinte Aufforderung versteht, die auch deutlich meine Verärgerung transportierte, sondern als Beleidigung, nachdem er einen Anderen, also mich, ohne jedes Argument des Bashings beschuldigt hat, zieht sich womöglich mit guten Gründen zurück und darf das auch. Für mich ist ein "Passen Sie auf" ganz selbstverständlich eine Aufforderung, bei der ich dann einfach erstmal genau hinhöre, um dann reagieren zu können. Somit hätte der "Fall" erledigt werden können, er beruhte ja auch nur auf der Ansicht Keuschnigs, man greife eine Autorin wegen ihrer politischen Ansichten an, was sich als falsch erwiesen hat. Man kann es nachlesen. Ich bin weiterhin der Ansicht, man müsse jetzt nicht so einen Bohei um das Gespräch auf TT machen, auch wenn ANH (der ja eimerweise Kreide gefressen haben muß) recht hat, mal zu untersuchen, warum sich Angehörige unterschiedlicher Sprachfamilien oft so mißverstehen, denn auch meine grob-humorig gemeinten Formulierungen (die wahrscheinlich fast jeder Bayer, Westfale, Rheinländer oder Ruhrgebietler als solche erkannt hätte) wurden ja ebenso übersehen oder mißverstanden, wie ich möglicherweise ein "Friedensangebot" übersehen habe. Wie gesagt, alles halb so wild, was aber nicht für das Nachdieseln auf der Steppenhund-Website gilt, denn dort gibt es, auch von einem Kommentator, Angriffe gegen meine Person und seltsame Verdächtigungen, die tatsächlich verletzend sein sollen. Darauf werde ich nicht direkt reagieren, weder auf meinem Blog noch sonstwo. Mein Recht, mit einer mir angemessenen Sprache zu reagieren und etwa auch Verärgerung deutlich zu machen, werde ich mir aber von niemandem streitig machen lassen, auch nicht dadurch, daß jetzt einige so tun, als habe ich mich falsch verhalten, indem ich mich auf meine Weise gegen Unterstellungen wehrte. So, jetzt ist wieder Frieden, gerne auch mit Freude und Eierkuchen.

      Löschen
  2. Frieden? Niemals!!! Lesen Sie doch bloß, was ich heute nachgedieselt haben. (Das Wort habe ich übrigens als Erster verwendet!!!)
    Es kann keinen Frieden zwischen uns geben. Aber vielleicht wäre es vernünftig, einmal zu klären, worüber wir uns streiten. Das ist nämlich zur Zeit das Einzige, worüber ich mich wirklich ärgere:)

    AntwortenLöschen
  3. @hanshartmann Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich beziehe mich hier ausschließlich auf den Thread, an dem ich mich beteiligt habe und nicht auf die Auseinandersetzung am folgenden Tag, die ich nicht "verfolgt" (ha!) habe. Sind Sie "Steppenhund"?
    Es wäre bestimmt hilfreich, wenn Sie sich in Ihrem Kommentar auf das beziehen würden, wovon der Post handelt, nämlich der Auseinandersetzung zwischen Keuschnig und Schlinkert, die sich auf die Wertung Lewitscharoffs bezog. Sonst weitert sich das hier auch noch ausufernd. Ich will das nicht! Und das ist mein Blog. Ich mache keine Regeln, sondern herrsche diktatorisch und willkürlich ;-).

    @Norbert Schlinkert Ich bin jederzeit für "grobe" Auseinandersetzungen in der Sache. Eigentlich hätte alles klar sein können, nachdem Keuschnigs Irrtum aufgeklärt war, da haben Sie recht. So war es aber nicht. Mich interessiert - jenseits der persönlichen Kränkungen und meinetwegen auch Missverständniss - der tiefer liegende Dissens beziehungsweise die unterschiedlichen Lesarten. Unter dem Post "Once knew a girl" setzt sich der auch mit der Muetzenfalterin, die ich schätze, fort. Das ist tatsächlich etwas, was ich immer wieder als grundsätzlich unterschiedlichen Umgang mit Literatur erfahre: Für einige sind die Werke selbst Subjekte, die sie von den Autor:innen trennen; für andere - wie mich - sind Texte "an sich", "reine" Texte völlig uninteressant. Mir geht es halt wie Lichtenberg, den es brennend interessierte, wie sich Kants "Kritik der reinen Vernunft" mit einem regen Sexualleben des Philosophen verbinden ließe und der eine Philosophie und einen Philosophen, der auf eine solche Frage keine Antwort hatte oder geben wolle, letztlich nicht ganz "schlucken" wollte. ;-). (Soviel zum "kannibalischen Lesen" )

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Melusine Auch für mich gibt es keine "reinen" Texte. Für mich sind Texte ohne Kontext bedeutungslos im wahrsten Sinne des Wortes. Das sehen viele, das stimmt, völlig anders, was natürlich auch eine Möglichkeit ist. Manchmal bedeutet es natürlich Arbeit, einen Text wieder von seinem "bösen" Autor zu lösen, um ihn überhaupt lesen zu können – doch wer hat gesagt, daß Lesen eine lockere Sache ist? Mit meiner Ansicht zur Texterfassung bin ich bei "reinen" Literaturwissenschaftlern auch schon einige Male ziemlich aufgelaufen, ich mache ja nur Kulturwissenschaft, hieß es, während die Kulturwissenschaft selber sich teilweise von der Literatur entfernt, um sich Bildern und Zeichen zuzuwenden. Als wenn es die in Texten nicht gäbe! Man muß sie eben nur zu lesen, herauszulesen wissen, womit es dann natürlich nicht getan ist, denn dadurch ergeben sich spannende Fragen wie eben die nach Kants Sexualleben.

      Löschen
    2. Lieber Norbert Schlinkert,
      als ich studierte half mir, "meine" Lesart zu finden und "durchzusetzen" besonders Stephen Greenblatts "Schmutzige Riten". Müsste ich mal wieder raus suchen. Ja, hätte ich wirklich Lust dazu. Aber... hier stapelt sich die Arbeit (die Brotarbeit, die mir den Erwerb so vieler ungelesener Bücher ermöglicht ;-).) Herzliche Grüße M.

      Löschen
    3. Liebe Melusine,
      hier stapelt sich nicht die Brotarbeit, sondern die durch die fehlende erzeugte Existenzsorge. Bücher und Arbeit habe ich aber trotzdem genug, siehe dort http://nwschlinkert.de/2012/05/30/darf-ich-um-ihre-geschatzte-aufmerksamkeit-bitten/
      Mein Aha- bzw. Bestätigungserlebnis in Sachen kontextuales (oder kontextuelles?) Lesen hatte ich übrigens mit Erich Kleinschmidts Studie "Autorschaft. Konzepte einer Theorie", für drei Euro in einem Oxfam-Laden gekauft. Greenblatt hört sich aber auch spannend an, scheint aber immens teuer zu sein – da haben wir wieder das Problem mit dem Geld, obwohl ich die Zeit zum Lesen hätte; das ewige Dilemma.
      Herzliche Grüße,
      Norbert

      Löschen
    4. alias Steppenhund

      sorry, ich dachte, ich hätte Ihre Meldungen in dem thread weiter oben gesehen und Sie bezögen sich auf das Nachfolgende. Die Geschichte ist inzwischen sowieso bereinigt.
      einen schönen Abend noch

      Löschen
  4. Liebe Melusine,

    schöner Text. Ach was, nicht schön, aber angemessen. Die „bedenkenswerte Position, zu der ich jedoch anmerken möchte“ hat mich grad’ kurz quietschvergnügt gestimmt – schließlich ging es auf TT ja anfangs auch um die Frage, wie knackig Gesprächs- und Streitkultur im Netz sein sollte, um sich selbst und Andere zur Interaktion motivieren zu können. Schau’ ich mir nun die letzten Tage noch einmal an, kann ich nur feststellen, an Motivation hat’s offenbar trotz (oder wegen??) rüder Worte nicht gefehlt. Nur am Thema. Ich find’ den roten Faden nicht.

    Bin recht in mich gekehrt heute. Ein anderes Mal mehr.

    AntwortenLöschen