Sonntag, 5. Januar 2014

"UNVERBRAUCHTE WORTE". Das Geschenk der Sprache annehmen



Wir leben und sprechen in der Sprache, wie wir im Wasser schwimmen.“

Chiara Zamboni beginnt ihr Buch über die Sprache mit einem Bild, das ich sofort begreife, das ausdrückt, was ich schon wusste, aber nicht in Worten „fassen“ konnte: „Es ist als wären wir immer draußen im Meer.“ So ist es mit der Sprache und dem Sprechen. Es gibt kein Außerhalb. Wir springen nicht hinein. Wir können uns an keiner Klippe festhalten, an ihr hochklettern und von dort über die Sprache sprechen. 

Zambonis Buch (in der Übersetzung und mit den Kommentaren von Dorothee Markert) zu lesen, war für mich die beglückendste Lektüre des vergangenen Jahres. Es zeigte mir beispielhaft eine Form des Philosophierens, die ich als Bereicherung empfand, und drückte mein Unbehagen an einem Sprachverständnis, das die Sprache als pures Werkzeug begreift, in einer Weise aus, die nicht in die Fallen des Symbolismus tappte oder gar die Referenz (den Bezug auf die „Dinge“) zugunsten „reiner“ Sprachspiele aufgab. 

In der Einleitung zu „Unverbrauchte Worte“ beschreibt Zamboni die Sprache zugleich als „Instrument“ und als „Geschenk“. Beide Sprachebenen seien notwendig und gingen ineinander über. Zamboni sucht nach einer Sprache, die „nicht versucht, die Realität darzustellen, sondern stattdessen aus ihr erhellenden Funken in die Sprache einbringt. Wenn diese Sprache von der Welt spricht, spricht sie auch mit der Welt.“ Die Suche nach einer solchen Sprache steht quer zu einer männlichen geprägten Denktradition und Sprachtheorie. Dabei unterscheidet Zamboni zwischen einzelnen Männern, die durchaus in der Lage sein könnten, „eine bedeutsame Beziehung zu dem Beunruhigenden des Realen“ einzugehen und der „männlichen Zivilisation als Ganzes, die dazu neigt, ihre Angst mit Ritualen, Repräsentationen und einem auf sich selbst beschränkten sprachlichen Universum unter Kontrolle zu halten.“ Zamboni entfaltet ihre Ideen in fünf Kapiteln. Das erste Kapitel beschäftigt sich unter dem Titel „Materialistische Politik und die Sprache der Geschöpfe“ mit Walter Benjamin, im zweiten geht es um „Gesang und Gegengesang“ bei Francoise Dolto, das dritte Kapitel trägt den Titel „Die Sprache spielt mit der Welt“, das vierte Kapitel geht u.a. auf Wittgenstein und Mary Daly ein: „Als Frau über Frauen und Männer in der Welt sprechen“, das fünfte Kapitel ist überschrieben: „Der Glanz des Seins“. 

Eine Prise Absurdität steckt in allem Poetischen.“

I. Im Zentrum des Kapitels zu Benjamin steht dessen Buch „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Zamboni entdeckt bei Benjamin einen „nicht-deterministischen Materialismus“, ein Interesse für eine „kreatürliche Sprache“, wodurch es ihm möglich werde, bis an den Rand der „männlichen philosophischen Tradition“ vorzudringen. Indem Benjamin die Sprache der Kindheit wieder suche, eine Sprache, die nahe bei den Dingen ist, die sozusagen „auf die Dinge hört“, könne er über die Suche nach der Bedeutung hinausgehen und erfahren, dass die Dinge nicht durch die Worte benannt werden, sondern in ihnen. Dabei fallen Transzendenz und Immanenz, wie Zamboni schreibt, bei Benjamin eben nicht  zusammen, wie im Mythos, sondern eine menschliche Übersetzung bleibt notwendig. In der männlich geprägten Kultur, bis an deren Rand Benjamin vorstößt, ist diese Brücke das Urteil, durch das die Dinge jedoch ihren Namen verlieren. Zamboni zitiert in diesem Zusammenhang Adornos Kritik an Benjamin, wonach dieser die Theorie ausspare, die allein diese notwendige Vermittlung vollbringen könne und erläutert Benjamins Verteidigung der „staunenden Darstellung der bloßen Faktizität.“ Es sei eben dieses Staunen (statt Abstraktion und Urteil) durch die das Faktische überschritten werden könne und sich der Raum zwischen Realität und Vision öffne (und eben nicht die Präzision der Theorie). Benjamin, so Zamboni, strebe damit nach einer Art „nicht-realistischem Realismus". Aus Zambonis Sicht bleibt Benjamin jedoch letztlich innerhalb der Grenzen einer „männlichen“ Tradition gefangen, da er nach Objektivierung strebe, die er häufig in theologische Formeln kleide: „Es scheint im männlichen Denken eine Art Zwang zu geben, sich in den Gegensatz zwischen subjektiv-überflüssig und objektiv-notwendig zu verorten.(...) In der männlichen Tradition gibt eines Faszination für das Objektive, die über die innere Notwendigkeit des Denkens hinausgeht und die darauf hinweist, dass diese Denken in etwas verwurzelt ist, das mit der frühen Beziehung der Männer zur Mutter zusammenhängt. Aus dieser Beziehung heraus strukturiert sich ihre Kultur über Mythen von Trennung und Unterschied, nicht selten auch über Nostalgie. Das ´Objektive´ garantiert die Distanz zu dieser Beziehung.“


„Es ist der unbewusste Körper, der sich ergibt...“

II. Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Zamboni mit der französischen Kinderärztin und  Psychoanalytikerin Francoise Dolto. Sie erzählt ein wunderbares Beispiel für die „Freude, die von Worten des Begehrens ausgeht“: Dolto antwortete als Kind auf die Frage, was sie werden wolle, mit dem Wort „Erziehungsärztin“. Das Kind weiß nicht, was es mit diesem Wort meint, aber das Wort entwirft dem Mädchen eine Zukunft. Es öffnet die Realität für etwas, das noch nicht ist, aber sein wird. Für Zamboni ist Doltos Vorstellung vom „unbewussten Bild des Körpers“ besonders faszinierend. Aus diesem Bild heraus, das weder identisch sei mit dem realen Körper noch mit dem Bewusstsein, entwickele sich ein Begehren, das sich nicht darauf richte, etwas Reales „haben“ zu wollen oder ein Ideal vorzustellen, sondern dem einen Namen zu geben, was noch nicht ist, dem Anderen, das keine Analyse und kein Urteil hervorzubringen vermögen, sondern allein das Gespräch zwischen zwei „unbewussten Körpern“. Von dem ´Ich´ des Bewusstseins unterscheiden sich diese Körperbilder dadurch, dass sie nicht von Urteilen bestimmt sind, sondern passiv bleiben, sich ergeben. Diese Ergebung erst ermögliche es, das Begehren zu erkennen. Etwas Unbekanntes tritt auf, das zugleich Angst und Freude auslöst: „Es ist das Eindringen des Realen in den Trott der Realität.“  Diese Bewegung, die das Gespräch zwischen zwei Menschenauslösen kann, ist kein Akt des Willens oder der Rhetorik. Es ist der Moment, in dem die Worte „wörtlich“ genommen werden können und damit zur Realität werden, gleichermaßen naiv wie radikal.

„Das Spiel, das aus der Verwandlung der Realität besteht, ist nicht symbolisch.“

III. Das dritte Kapitel handelt vom Sprachspiel mit der Welt. Dieses Spiel jedoch, so schreibt Zamboni, spielen Männer und Frauen nicht auf die gleiche Weise, „da sie auf unterschiedliche Weise in der Sprache und in der Welt zu Hause sind“. Das Sprachspiel der Frauen sei stärker auf das „Du“, auf die Bezogenheit und die Identifikation mit der eigenen Erfahrung gestützt. In der männlichen Tradition erweise sich dies als Hindernis. Als eine Ursache erkennt Zamboni die traditionelle Scheu der Frauen vor der Veröfffentlichung: „Hier geht es nicht um Narzissmus, sondern um die Angst vor der Entblößung im öffentlichen Sprechen, als hätten wir uns vollständig hingegeben und nicht nur ein Wort eingebracht. Daher wird das Urteil als gewaltsam empfunden, denn das Urteil steht in einem andern logischen Zusammenhang als die Hingabe.“ Da Frauen das Sprechen als Hingabe an eine Beziehung begreifen, fühlen sie sich in männlichen Sprachspielen, die der Logik verpflichtet sind, häufig verletzt. Dagegen entdeckt Zamboni auch die Chancen eines solchen weiblichen Sprechens, das nicht urteilen will, sondern Beziehungen herstellen. Dieser Art des Sprechens und Philosophierens gehe es nicht darum, das Einzelne in einem abstrakten Allgemeinen aufzuheben: „Ein einzelnes, unbearbeitetes Ereignis ist aber nicht die unvollkommene Begebenheit, die auf ihre Erlösung wartet. Es ist auch nichts Endliches, das vervollständigt und vervollkommnet werden kann, wenn es in den unendlichen Horizont des Seins transzendiert wird, sondern es ist etwas, das genau in diesem Rohen, Unbearbeiteten, das wir an ihm wahrnehmen und dessen Sinn wir noch nicht verstehen, eine Wahrheit besitzt.“ Diese Wahrnehmung des Gegenwärtigen werde im „männlichen“, d.h. traditionellen Denken wegen des Unvermögens, die Stille zu ertragen und auf das Unvorhergesehene zu warten, durch symbolische Formen verdeckt. Dabei gerate aus dem Blick, was jedes Sprechen im Kern ausmache: „dass wir in der Sprache immer die Stelle einer Person einnehmen, die sich an jemand wendet.“ Im Gespräch dagegen seien die Übergänge zwischen Sprache als Instrument und symbolischem Sprechen immer fließend: „Wir leben in der Notwendigkeit zu sprechen, aber im Sprechen gibt es mehr als die Notwendigkeit: Freundschaft, Begehren, Verständnis, Suche nach Sinn.“  Zamboni will den Antagonismus zwischen einer Sprache als sozialer Übereinkunft und einer Sprache des Imaginären aufheben. Weder eine vollständige Identifizierung mit der eigenen Erfahrung ermögliche Sinn, noch eine Aufhebung des Einzelnen im Allgemeinen, sondern die Wahrnehmung der Differenz zwischen Sprache und Sein, die jedoch keine Trennung bewirke, sondern fließende Übergänge: Spielen statt herrschen.


„Wenn ich sage, das Symbolische sei materiell, das heißt, ohne Repräsentationen, meine ich Folgendes damit: Etwas zu bezeugen oder Beispiele anzuführen, sind die Königswege des Denkens, wenn wir direkt in das verwickelt sind, worüber wir sprechen.“

IV. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Problem, wie vom Geschlecht gesprochen werden kann: „Als Frau über Frauen und Männer in der Welt sprechen“. Zamboni spricht von einer „Passion der Geschlechterdifferenz“. Die Differenz der Geschlechter werde in der männlich geprägten Tradition nicht gedacht, sondern erlitten: „Es sind die Frauen, die wahrnehmen, dass an der Oberfläche des aus der männlichen Tradition stammenden Wissens ihr Leiden und ihre Leidenschaft nicht vorhanden sind.“ Für Frauen ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, dass die  Asymmetrie des Denkens nichts ist, worüber sie von sich absehend sprechen können, sondern dass sie in dieser Asymmetrie leben und denken. Diese Erfahrung nicht als einen Mangel zu begreifen, sondern als einen Reichtum, ist der Vorschlag, den Chiara Zamboni macht. Das heißt: Ich kann nicht als nicht-geschlechtliches Wesen sprechen und bin mir dessen auch bewusst – und genau dies unterscheidet mich und mein Denken von der Mehrzahl der männlichen Dichter und Denker in Geschichte und Gegenwart: „Ebenso kann es sein, dass wir uns in manchen Augenblicken unseres Lebens so darstellen, als könnten wir die Grenze zwischen den Geschlechtern überschreiten: wenn wir uns als Junge fühlen, uns wie ein Mann kleiden oder mit Androgynität als Mittel der Verführung spielen. Hierbei handelt es sich aber um ein Spiel des Vortäuschens, um ein ´so tun, als ob´, das uns die Freiheit gibt, die Freude an der Grenzüberschreitung zu genießen. Doch es genügt, eine Transsexuelle als Freundin zu haben und mit ihr über dieses Thema zu sprechen, um sich über den Unterschied klar zu werden zwischen einer Frau, die sich von Grund auf ihres Frauseins sicher ist und mit der geschlechtlichen Zweideutigkeit spielt, und einer anderen, die die biologische Grenze zwischen dem einen und dem anderen Geschlecht überquert hat und für die es absolut notwendig ist, sich mit einer einzigen sozial etablierten Geschlechterrolle zu identifizieren, um zu wissen, wer sie ist.“ Aus der Beschäftigung mit Mary Dalys Überlegungen zum Gebrauch des Wortes „Gott“ leitet Zamboni eine differenzierte Position zu einer „geschlechtergerechten“ Sprache ab. Es gibt keine „richtigen“ Begriffe, denn: „Das Symbolische ist kein Super-Spiel.“ Es kommt bei der Verwendung eines Wortes immer auf dem Zusammenhang und die Situation an, in der es gesprochen wird. (Das ist eine Haltung, die auch in den gegenwärtigen Debatten um PC, hilfreich wäre.) Zamboni schließt damit, dass wir nicht über Frauen und Männer sprechen können, ohne uns zu Zeuginnen dessen zu machen, worüber wir sprechen. Auf diese Weise werden wir selbstverständlich angreifbar. Wir erkennen aber auch die Feigheit jedes Denkens, das sich der ersten Person Singular verweigert: „Bezeugen heißt, der reinen Gegenwärtigkeit Worte zu geben. Ohne Denken sind diese Wort jedoch banal. Sie haben jene banale Klarheit, die durch alle Gemeinplätze und Stereotype bekräftigt wird. In diesem Fall wird der Sinn der bloßen Gegenwärtigkeit nicht erfasst, hier bleibt trotz vieler Worte in Wirklichkeit alles von Grund auf dunkel. Das Denken begleitet dagegen die Gegenwärtigkeit und gibt dem Bezeugen Sinn. (...) Worte sind dann lebendig, wenn sie sich mit den Veränderungen des Selbst in Bezug auf die Realität sowie mit dem Mut verbinden, die festgelegten Rollen und sozialen Identitäten zu verlassen.“

"Das Leben beginnt mit einem positiven Ungleichgewicht. Die daraus hervorgehende Bewegung bringt eine Kettenreaktion weiterer Wirkungen hervor."


V. Das letzte Kapitel des Buches geht der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sprechen und Wirken nach. Es trägt den Titel „Glanz des Seins“ und die erste Zwischenüberschrift lautet: „Geschenk und Gespräch“: „Wenn wir in die Welt hinein geboren werden, werden wir auch in die Sprache hinein geboren. Der Beginn des Lebens steht unter dem Zeichen der Fülle, und es ist das Geschenk der Sprache, das das Merkmal des Menschlichen mit sich bringt. Der herrschende Diskurs gibt das nicht zu. Er deutet auf eigennützige und keineswegs harmlose Weise den Geburtsakt nicht als Ausdruck der Fülle, sondern als etwas Kostenloses, das keine Bindung schafft. Die Mutter, die uns das Leben und die Sprache eröffnet, tut das angeblich gratis, aus einem ausopfernd-mütterlichen Instinkt heraus, hinter dem sie selbst verschwindet. Infolge dieser Auslöschung der Mutter wird dann so getan, als stehe das neue Leben nun der Gesellschaft zur Verfügung. Es sei nicht mehr durch die Beziehung zur Mutter geprägt. Unter dieser Perspektive kommt jedes Individuum als einzelnes Wesen und frei von allen Bindungen in die Welt.“ Die Sprache aber, so macht Zamboni klar, ist nichts, das einem Einzelnen zur Verfügung steht, sondern das nur existiert aus und durch Beziehung, nur zirkuliert und Sinn schafft, indem und weil sie sich an einen Anderen, eine Andere richtet. Sprache ist Verpflichtung und Beziehung, Geschenk und Bindung. "In der Sprache sein" bedeutet daher Beziehungen einzugehen und sich auf sie zu verlassen. Das gute Gespräch, Zamboni zeigt es am Beispiel Ghandis und Virginia Woolfs, ist kein Gespräch, in dem logische Argumente ausgetauscht und vertieft werden oder Urteile gesprochen. Im guten Gespräch wird „Mehrwert“ geschaffen, weil es nicht als Tauschgeschäft funktioniert, sondern als Geschenk: „Nur wenn die geschenkte Sache, hier das geschenkte Wort, in einen Kreislauf gebracht wird, wird ein Reichtum möglich, der nicht auf der Ebene des Geldes und der Güter liegt, ein symbolischer Reichtum. Das Gespräch kann einen solchen Reichtum gerade durch seine Leichtigkeit schaffen. Es wechselt von einem Argument zum anderen, ohne es auf pedantische Weise erschöpfend zu behandeln, es kommt uns oft zusammenhanglos vor, hat jedoch einen tieferen Zusammenhang, den das Denken erfasst und von dem es sich angezogen fühlt. Denn dort wird das Drehbuch für den Fortgagn der Existenz entworfen.“ Zamboni zeigt, wie ideologisches Sprechen und Gewalt gegen Körper jenen Reichtum „links liegen lassen“ und sich in ewigen Wiederholungen erschöpfen, weil sie keinen Überschuss und keine Überraschung zulassen, weil sie „wissen wollen“, statt sich zu ergeben und einzulassen.

In ihrem letzten Kommentar zu Chiara Zambonis „Unverbrauchte Worte“ schreibt Übersetzerin Dorothee Markert: „Ich bin voller Neugier auf die Menschen... und bin bereit, die ´Gesprächswasser schaumig zu schlagen.´ Das bedeutet, dass ich nicht mehr auf der Zuschauerbank bleibe, sondern mich am Spiel beteilige, und dass ich auch bereit bin, ein Risiko einzugehen und etwas von mir preiszugeben...“

Obwohl diese Buchbesprechung so lang geworden ist, habe ich nur in Ansätzen die vielfältigen Ideen zur Sprache und zum Sprechen wiedergeben können, die sich eben nicht nur aus dem Inhalt des Textes von Chiara Zamboni ergeben, sondern auch aus ihren sprachlichen Bildern, Beispielen und Bezeugungen. Diese Lektüre hat mich zu keiner Zeit erschöpft und war auch nicht erschöpfend. Sie war ein Geschenk, das sich vermehrt.


(Mein Wort des vergangenen Jahres, übrigens, ist „rammdösig“. Das kann Unklarheit bedeuten, Benommenheit, aber auch jenen Dämmerzustand, der eine Schwelle ist zum Traum, zum Imaginären, zu einer anderen Klarheit, wie sie nur aus dem Nebel erscheinen kann.)

Kommentare:

  1. Ja, ganz toll. Erst les ich das alles, dann krieg ich Lust drauf und dann stell ich fest, dass das Buch vergriffen und im Antiquariat nicht aufzufinden ist. Aber ich geb nicht auf.
    Hat jemand Tipps, wo es noch rumliegen könnte?

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    1. Der Link, den ich gesetzt habe, führt direkt zum Verlag Christel Göttert (auf die roten Angaben unten zum Buch klicken). Dort ist es zu bestellen. Und - wie ich den Verlag kenne - ist es wenige Tage später da! :-) LG

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    2. Uff, vielen Dank, hab es sofort bestellt und kann jetzt ruhig schlafen. Eigentlich hatte ich mich sofort an die Buchhändlerin meines Vertrauens gewandt, aber die hatte es nicht mal im Sortiment. Dann bleibt das Buch wohl ein Insiderinnentipp.

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  2. „Es scheint im männlichen Denken eine Art Zwang zu geben, sich in den Gegensatz zwischen subjektiv-überflüssig und objektiv-notwendig zu verorten. Ein interessanter Gedanke und gerade hier im Netz tummelt sich eine große Schar Subjektabspalter die auch immer den passenden philosophen zur Untermauerung ihrer Objekt (Text) anbeterei herhalten. Ja, es stimmt ich entdeckte Neigungen dieser Art auch auschließlich bei Männeren. Aber es fällt mir schwer an eine Differenz zwischen männlich weiblichem Denken, Sprechen und Schreiben anzuerkennen....
    Das Abspalten des Subjektes in Sprache und anderen Kontexten hat für mich eher einen psychopathologischen denn typisch männlichen Anstrich...
    Die Macht des Unbewussten, die Macht der Mutter, die Macht der frühen Bindung; macht das nicht ähnliches mit Männern und Frauen?

    "Bei einem kleinen Kind wächst im Rahmen der Beziehung zur Mutter die Bindung an Dinge zusammen mit der Bindung an Menschen und umgekehrt - oder beides wird beschädigt und bleibt daher gefährdet und brüchig." Zitat aus Pressestimmen zum Buch; evangelische Fraueninfo .....

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  3. entschuldigung erst einmal für mein gestammel im vorherigen post( ich hatte den schon mal getippt; gelöscht und dann in eile erneut getippt) ich hoffe es wird trotzallem ersichtlich auf was ich verweisen möchte. gelingende kommunikation ist auch mein thema. und ich sehe leider auch sehr viel gewaltpotential in der sprache; im offenen abwerten im beweisen und zuweisen, im dozieren und immer und immer wieder im irrlichternden glauben an das letzte wort.

    ein gutes gespräch wie ein geschenk zu betrachten finde ich angenehm ja geradezu logisch. es geht um offenheit, einlassen können, zuhören und das nachfragen...

    ich las es erst letztens wieder; wer fragt führt...
    alles dies kenn ich aus verschieden zusammenhängen, aus der arbeit mit und am menschen, dies ist dort standard und arbeitsgrundlage. gelingende kommunikation ist keine hexerei.

    zur männlich weiblichen differenz in diesen zusammenhängen weiß ich nichts, da auch männer (vll nur reflektierte männer) um die großartigkeit eines guten gesprächs wissen...

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    1. Dass viele Männer um die Bedeutung des Gesprächs und den Sinn der Sprache wissen, steht außer Frage. Sonst wäre es für Chiara Zamboni ja auch gar nicht interessant, sich mit männlichen Autoren und Denkern wie Walter Benjamin, Heidegger, Ghandi u.a. auseinandersetzen.

      Dennoch denke ich, dass weibliches und männliches "Sein in der Sprache" und damit auch ihr Sprechen sich voneinander unterscheiden als Ergebnis eines unterschiedlichen Ausgangspunktes und einer unterschiedlichen Sozialisation. Das finde ich spannend. In der "männlichen" Kultur (damit ist nicht eine Kultur "der Männer" gemeint, sondern eine patriarchale Denk-und Sprechweise) lässt sich beobachten, wie "die Frau"als Symbol für bestimmte Formen der Selbstverständigung des Menschen-Mannes mit sich selbst eingesetzt wird. Es lässt sich immer wieder zeigen, wie "die Frau" in den kanonisierten Texten als das Andere zum "Menschen" gesetzt wird (was er besitzt, begehrt, entbehrt). Eng mit dieser Selbstinszenierung des Menschen als Mann ist verbunden, dass die Gebürtigkeit und die Rolle der (symbolischen) Mutter weg gedacht und geschrieben werden müssen, damit die Idee des unabhängigen, freie, nackten, "in die Welt geworfene" Menschen-Mann entstehen kann. Frauen also, wenn sie sich selbst in dieser Kultur und Sprache denken, müssen von sich als "dem Anderen" lesen/hören und sollen sich zugleich mit dem angeblichen "Ganzen", dem Menschen, identifizieren. Queer-feministische Ansätze betrachten diese Position des weißen, heterosexuellen Mannes als ein Privileg (was es faktisch natürlich auch häufig ist). Ein differenzfeministischer Ansatz dagegen dreht die Wertung um: Es ist nun eher eine "Benachteiligung" des weißen Mannes, dass er die Partikularität und Parteilichkeit seines eigenen Standpunktes kaum je wahrnimmt und also seine Meinungen als Wahrheiten verkündet. ;-). Um es zu vereinfachen: Eine Frau wird auf ihr Frausein in professionellen Zusammenhängen häufig hingewiesen: "Du als Frau..." oder "Dass ausgerechnet du als Frau..." oder "Das ist doch toll für eine Frau..." (Ähnlich geht es Schwarzen, aber in Deutschland z.B. auch Türken. Wenn ein Türke sich zum Beispiel zum Essen äußert, wird bestimmt irgendjemand sagen: "Du als Türke...") Ein weißer Mann erlebt das eher nicht. Dass er weiß ist und ein Mann wird ihm selten "vorgehalten", weder bewundernd noch diskriminierend. Das erspart ihm sicher einiges, weswegen er sich häufig ganz wohl in seiner Haut und mit seinen bei anderen weißen Männern angelesenen Positionen fühlt. Eigentlich ist er aber doch arm dran: Denn alle anderen (die Frauen, die Nicht-Weißen, die Nicht-Heterosexuellen etc.) wissen, was immer sie sagen, dass sie nicht "für alle" sprechen, dass ihr Standpunkt parteiisch und ihre Aussagen relativ sind. "Er" weiß das nicht (und bildet sich darauf am Ende sogar noch was ein). Aus meiner Sicht ist "er" damit eindeutig im Nachteil, besonders jetzt, da das Patriarchat am Ende ist und seine Ordnung zerfällt. Viele hoffen darauf, dass irgendwann einmal auch Frauen, Schwarze oder Homosexuelle nicht mehr mit ihrer "Gruppe" identifiziert werden, sondern "als Menschen" sprechen können. Ich wünsche mir dagegen etwas anderes: Ich wünsche mir, dass keine und keiner sich mehr anmaßt, den "menschlichen" Standpunkt zu vertreten oder "Wahrheiten" zu verkünden, sondern dass jede und jeder seine/ihre Begrenztheit und Relativität einsieht und ins Gespräch einfließen lässt: als Ausgangspunkt für Veränderungen, dafür, dass wirklich etwas in Bewegung kommen kann, nicht weil man hofft, dass die "rationalste" oder die "richtige" Sichtweise sich argumentativ durchsetzt, sondern weil man "das Andere" als Bereicherung erlebt und annimmt.

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  4. Ich gehe ja mit der Aussage, dass Männersprech Weib definieren kann, mit. Umgekehrt ist das aber auch so. Nur mit dem Unterschied, dass männlichen Aussagen in vielfältiger Weise die Deutungshoheit in weiten Bereichen der Öffentlichkeit haben. Und Frauensprache über Männer; "Er verdient nicht genug", "Nie ist er da, wenn ich ihn brauche"; "Benimm dich wie ein Mann" ist in vielfältiger Weise; eher eine passive Zustandsbeschreibung, ja fast ein Hilferuf. Setzt sich das Aktive gegenüber dem Passiven durch? Oder der Wolf gegenüber der Giraffe? Zwei Brüste gut; ein Penis schlecht? So einfach möchte ich mir das nicht machen.

    Selbstbewusste, tatkräftige Frauen sprachen schon immer eine verbindende Sprache.Eine Wortgewaltige die Gehör fand. Immer schon und überall. Selbstbewusste Männer auch.
    Möglicherweise sehe ich das so, da ich ossig sozialisiert wurde. In meiner Welt hatten Frauen Wortmacht, in allen Lebensbereichen. Frauenworte hatten Alltagsmacht, und wahren von unverzichtbarer Wichtigkeit nicht nur im häuslichen Umfeld. Mit diesem Selbstverständnis sind wir aufgewachsen, Frauen und Männer prägten meine Gedankenwelt ich fühle mich bei Becket genau so mitgemeint wie bei Virgina Woolf.

    "Ich wünsche mir, dass keine und keiner sich mehr anmaßt, den "menschlichen" Standpunkt zu vertreten oder "Wahrheiten" zu verkünden, sondern dass jede und jeder seine/ihre Begrenztheit und Relativität einsieht und ins Gespräch einfließen lässt: ..."das sehe ich genauso, nur verläuft die Grenze nicht zwischen männlichen und weiblichen Menschen, sondern zwischen Individuen oder Gruppen. Grenzen gibt es zwischen aggressiven Frauen und passiv-. aggressiven Herren, genauso wie zwischen wie Fahradfahrern und Autotouristen, zwischen Gemüsekauern und Fleischfressern, zwischen alpha und omega Menschen... Die Grenzen und Beschränkungen sind so vielfälltig wie die Menschen selbst, ein Festschreiben auf Gruppenzugehörigkeit hilft da nicht weiter, denn so groß die Unterschiede auch seien mögen es gibt verbindende Elemente.
    Und Sprache, der Glaube an ein gutes Gespräch, ja Kommunikation ist so ein Element. Ich glaube das einzige was wir haben. Es ist Brücke zum Gegenüber, zum Anderen. Und es ist NICHT NEU.

    Und das nenne ich Menschlichkeit. Mögen die Ausgangspunkte unterschiedlich sein, das Verbindende ist das menschliche und das ist universal und unisex...

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    1. Da werden wir uns nicht einigen können, Frau Wunder :-). Was wir ja, zum Glück, auch nicht müssen. Es ist schlicht so, dass ich mich für "unisex" nicht so sehr interessiere und das ich "Menschlichkeit" nicht als geschlechtsneutral wahrnehme, weder bei mir noch bei anderen - und vor allem: Nach einem solchen Standpunkt (dem geschlechtsneutralen) keinerlei Begehren verspüre. Aber ich nehme wahr, dass andere dies Begehren haben.

      Wichtig ist mir drauf hinzuweisen, dass es hier an keiner Stelle um "gut" (= Frauen) und "schlecht" (=Männer) geht. Das ist ein Missverständnis, das leider immer wieder auftaucht, sobald das Patriarchat als Denk- und Sprechweise kritisiert wird. Dass Männer unter dieser Denk- und Sprechweise auch leiden, ist völlig klar. Ich persönlich halte es aber für einen Fehler (auch eines großen Teil des Feminismus), von der Leidensposition auszugehen. Es gilt vielmehr, die Stärken des eigenen "Andersseins" auszuloten, das Potential das drin steckt. Sich z.B. n i c h t mit der Erwerbstätigkeit und über sie zu identifizieren (Das wäre aus meiner Sicht etwas, was in der ehemaligen DDR sogar noch forciert und auf Frauen übertragen wurde, also Emanzipation als "Teilhabe" an der Erwerbswelt. Aber es stimmt natürlich, dass mir diese Erfahrung in einer anderen Kultur fehlt. Als angenehmer habe ich immer den Umgang mit Sexualität "im Osten" empfunden, vor allem das Fehlen einer durchsexualisierten Werbewelt, in der Frauen heute mehr sogar als in den 70er und 80er Jahren dauernd als käufliche Objekte eingesetzt werden.)

      Und: Ja, die "sprachmächtigen" Frauen gab und gibt es. Deshalb lese ich ja so gern und so viel. Weil sie mich anziehen und ich mich nach ihren Stimmen sehne. Momentan u.a. das tolle Buch von Barbara Vinken über Mode und die Geschichten von Katherine Mansfield. Manchmal lese ich selbstverständlich auch männliche Autoren. Jetzt werde ich z.B. wieder mal Uwe Johnson lesen. Freue ich mich drauf. Und Männer-Filme und -Serien (wie "Mad Men") gucke ich besonders gern, obwohl ich zuletzt "Top of the Lake" von Jane Campion geschaut habe. Ich bin da ganz offen. Aber ich lese und schaue alles als Frau.

      (Eine Wölfin kann ja auch keine Löwin sein, obwohl beide Carnivoren sind. ;-) )

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  5. Danke für die ausführliche Antwort und wir werden uns in diesem Punkt nicht einigen können, das ist wahr, aber nicht schlimm. Ich finde es interessant und spannend die Dinge mal durch eine ganz andere Brille zu betrachten. Solange man sich nicht über modischen Schnick, der schönsten Brillen in die Haare bekommt, kann soetwas nur berreichernd sein...

    einen schönen Tag
    FrauW

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