Sonntag, 5. März 2017

NICHT DIREKT GEMEINT. ("Jetzt kann plötzlich alles passieren.") Ein Traumbild.



Du magst es direkt, sagst du. Obwohl direkt ein hässliches Wort ist. Ich widerspreche dir leise. Denn so habe ich dich nie erlebt. Direkt.


Die Grimms kannten dieses Wort noch nicht. "Das halte ich für keinen Zufall." Ohne Umschweife. Verzicht auf Vermittlung: Mittellos. Es ist ein Wort für die Fastenzeit. Für die Fastenden. Für jene Distinguierten, häufig aus dem protestantischen Milieu, die sich auch dieses letzte Distinktionsmerkmal nicht versagen wollen in ihrer ostentativ zur Schau gestellten Demut der Reichen: Sehet her, wie ich mir´s versage! (Auto, Süßigkeiten, Social Media, Alkohol, Fleisch, Billigklamotten - "Nicht, dass ich sonst zu Primark gehe, außer..." - etc. ppp.) Direkte Umsetzbarkeit von gar nicht guten, nutzlosen (Un-)Taten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Direkt. ("Nur indirekt, sozusagen.")

Ich träume von diesen Leuten, sage ich dir. Du lachst. Ein bisschen schäbig, finde ich. "Ich möchte jetzt mal direkt etwas loswerden.", setze ich noch mal an. Damit bin ich dich los. Plötzlich. Löst du dich auf. Vor meinen Augen nur noch Helligkeit. Du löst dich nicht ins Dunkle, das ahnte ich immer schon. "Jetzt kann plötzlich alles passieren." "Schmarrn!"

Ein Flipchart wird aufgestellt im weißen Nichts. Rechts: "Direkt", Links: "Plötzlich". Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern: Wie konnte ich mich an diese Stelle verlieren? Wo bin ich fehlgegangen? Ein gackerndes Lachen aus dem Hinterhalt. Ich habe mich überreden lassen. Von einem sehr direkten Menschen. Unverblümt kam der "zur Sache". Prompt. Hop oder top. So. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Einmal, in seiner Gegenwart, war ich plötzlich weggetreten, wie ausgeblendet, sah noch seine Lippen sich bewegen, mit seinen direkten Fragen und direkten Ansagen, aber hörte nichts mehr. Als ich zurückkam, ebenso plötzlich, war nichts geschehen. Er sprach weiter und weiter. Alles verloren von da an. Ich wusste es, aber was hätte ich vorbringen können? Wir saßen in großer Runde. Hätte ich sagen sollen: Das ist mir zu direkt. ("Ja!")

Ich weiß seit langem, dass ich die Eindeutigen meiden muss. Das ist keine Idiosynkrasie. Sie gefährden mich in meiner Existenz. Sie bringen mich vom rechten Weg ab. Ich stolpere unter ihren unmissverständlichen Beteuerungen in undurchdringliche Dickichte. Je direkter sie rundweg aussprechen, was "Sache ist", häufig in dozierendem Ton, meist in missionarischer Absicht, desto ungewisser, verworrener, lustloser wird mir alles. Vor meinen Augen verschwimmt mir unter ihren Aussagen und rhetorischen Fragen die Welt. 



die sinnliche plötzlichkeit des widerspruchs zwischen mittel und zweck. 

Jean Paul



Denn meine Welt ist kryptisch. Zögerlich. Verfranst. Unaufgeräumt und noch nicht ausgeträumt. Wohin ich sehe: Plötzlichkeiten. Es kann einer das Herz erschrecken, wie plötzlich sich die Farben ändern, der Wind dreht, der Boden wankt. Ich kann hier jetzt keine Synonyme auf Flipcharts schreiben. Denn plötzlich bin ich daheim. Im Augenland, wo ich gezähmt werde. Wo alles sich ändern kann. Im Plötzlichen verbirgt sich die Möglichkeit dessen, was nicht geschieht. Es ist mehr und anders als "Schwarze Schwäne." Gegenwärtige Wundersamkeit. Ohne Aussage und Ansage. ("Versöhnt dich das nicht? Zeige dich doch! Ich verspreche dir, dass ich den Direkten den Rücken gekehrt habe.") Dieses unsagbare Glück, wenn plötzlich, alles, alles, alles unsinnig sinnlich wird...Der Schein eines unscheinbaren Augenblicks. ("Nicht wahr"?)

"Ich werde plötzlich da sein." 

Wieder. 

Man kann sich nicht trauen. Niemand. 

"Du, ich bin nicht traumatisiert. Mir geht´s gut."

Doch plötzlich....

Ich werde dir das nicht durchgehen lassen. Wir werden uns in die Augen sehen. Selbstverständlich. Aber nicht direkt!

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