Sonntag, 13. Juni 2010

"Südharzreise" von Frank Fischer (SuKultur Verlag)

Erweiterte Wirklichkeit

ein Gastbeitrag von MOREL

Zu: Frank Fischer: Die Südharzreise. Abstrakter Tourismus zwischen Leipzig und Göttingen. Sukultur-Verlag.

Am 3. Oktober 2008, kurz nach Mitternacht, begibt sich Frank Fischer von Leipzig aus auf eine Reise. Einen Tag und eine Stunde später ist er wieder zurück in Leipzig. Aber er hat nichts zu erzählen, sondern legt nur einen GPS-Empfänger auf den Tisch. Denn Ziel dieser kleinen Exkursion waren keine Erfahrungen, sondern – wie es zu Beginn der Reise heißt - sich mit dem Auto in die Strecke einzuschreiben. Und dank dieser technischen Aufzeichnung können wir nun zwei Jahre später ein Buch lesen: Die Südharzreise.

Dieser Reisebericht ist eine Übung in abstrakten Tourismus. Tourismus ohne Touristen, der sich nur noch auf die Aufzeichnung von Sehenswürdigkeiten und die Verarbeitung von Informationen beschränkt. Folgerichtig erfahren wir in diesem Buch wenig über Frank Fischer, noch nicht einmal die Marke des benutzten Autos wird genannt. Amüsant und lehrreich zu lesen ist die Südharzreise trotzdem. Der Autor sucht im Dunklen (die Fahrt beginnt ja schließlich in der Nacht) das Völkerschlachtdenkmal. Um ein wenig Licht in die Finsternis zu bringen, kauft er in Lützen, „wo Klein-Nietzsche einmal mit seinem Vater gestanden hat“ eine Taschenlampe. Im Bratwurstkrieg am Kyffhäuserdenkmal entscheidet er sich für die falsche Bratwurst und lässt sich den unter einer blauen Plastikplane vergrabenen Hindenburg zeigen – „einer herrlichen Zusatzattraktion, die unbedingt genauso erhalten werden muss“. Also ein amüsantes Reisefeuilleton, lehrreiche Lektüre für einen Sommernachmittag?

Nicht nur. Das neueste heiße Ding der Internetwirtschaft heißt ja„augmented Reality“. Und auch auf der Südharzreise wird die Wirklichkeit erweitert. Während der Autor sich von seinem Global Positioning Systems über Autobahnen und Bundesstraßen leiten lässt, treten zum friedlichen und amüsanten deutschen Feiertagsalltag, andere Gestalten hinzu: historische Schlachten, Erinnerungsorte, vergessene Schriftsteller, deutsche Geschichte. Bei genauer Lektüre verbirgt jede Idylle, jeder Schäferroman das Unheimliche (wie umgekehrt die Schauerromane Travestien von Idyllen sind). In der harmlos erscheinenden Südharzreise wird ein idyllisches Deutschland besichtigt, eine Kulissenwelt für japanische Touristen. Als Geister aus der Vergangenheit spuken in diesen Kulissen aber: Thomas Müntzer, die Plattenbauarchitektur der untergegangenen DDR, Schriftsteller der Aufklärung wie Wezel oder Schnabel, das Zwangsarbeiterlager Mittelbau-Dora. Frank Fischer zieht keine Schlüsse aus den Begegnungen mit diesen Gespenstern der Vergangenheit. Zu nachhaltig verstörend wohl die frühen Erfahrungen mit der „Übermacht beamtischer Heine-Gutfinder“, die alle Stellen anstreichen, „in denen auch nur ansatzweise irgendwelche teutschen Unarten gegeißelt“ werden. In der Südharzreise gibt es keine Stellen zum Anstreichen, aber noch unter der Oberfläche etwas zu lesen.


Zu bestellen direkt beim Verlag oder über Amazon:


http://www.satt.org/sukultur/shr.html
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3941592122/


oder als Free Download:


Homepage des Autors Frank Fischer:
http://www.zerstoerung.org/


Jetzt sind weitere Fotos von der Reise online: 
http://www.umblaetterer.de/2010/06/15/suedharzreise-reprise/






Morel schrieb auch über: Summer Fiction Issue In THE NEW YORKER 2010

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