Samstag, 12. Mai 2018

Manners, Profit, Fame and Freezing Blood. Englands Jane revisited. Hampshire 2018

Dieser Post erscheint mit einiger Verspätung, denn am Karfreitag rutschte ich über eine klatschnasse Treppenstufe im Garten von Chawton House und brach mir das Handgelenk. Das gab mir Gelegenheit zu einem kurzen Einblick in das viel kritisierte National-Health-System Großbritanniens, das in meinem Fall aber unbürokratisch und rasch den Bruch versorgte und die eingegipste Heimkehr mit dem geplanten Zug durch den Euro-Tunnel ermöglichte. Mit den Folgen des Bruches habe ich allerdings immer noch zu tun. Die Heilung ist langwierig, der Gips kam erst am letzten Dienstag ab und immer noch trage ich eine Armorthese; Physiotherapie beginnt erst in drei Wochen. 
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“The person, be it gentlemen or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.” 



Winchester war einmal die Hauptstadt Englands. In der Kathedrale ließ sich William the Conqueror krönen. Und Jane Austen liegt hier begraben. Der Platz und die Grabplatte wurden ihr zugestanden, weil ihr Vater Pfarrer in Hampshire gewesen war. Dass sie Autorin auch schon zu ihren Lebzeiten recht erfolgreicher Romane war, bleibt auf der Platte unerwähnt. Aber ihre Bescheidenheit wird gerühmt. Wer Austens Briefe kennt, weiß jedoch, dass Englands Jane sehr wohl über gesundes Selbstbewusstsein als Schriftstellerin verfügte. An ihrer Beerdigung durften nur die männlichen Verwandten teilnehmen, ihre Schwester Cassandra, mit der sie ein Leben lang Bett und Zimmer geteilt hatte, musste zu Hause bleiben. Jane Austen hinterließ Cassandra all ihren weltlichen Besitz und sie war recht stolz darauf, in ihren letzten Lebensjahren nicht unbeträchtliche Einkünfte aus ihren Veröffentlichungen bezogen zu haben. 

In Winchester besuchten wir auch Winchester College, das älteste und bis heute eines der angesehensten und teuersten Jungen-Internate der Welt. Wykehamists (benannt nach William von Wykham, der das College 1382 gründete) aber, so erklärte uns die Führerin durch die Gebäude, stünden öffentlich nicht in der vordersten Reihe, wir würden ihre Namen kaum kennen, obwohl sie viele ranghohe Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bekleideten. Anders als die Etonianer (z.B. David Cameron oder Boris Johnson) übernähmen sie jedoch eher dienende Funktionen in den Institutionen. Ein bisschen erzeugte sie den Eindruck, dass die intellektuell mindestens ebenbürtigen Wykehamists die Etonianern ihre Gesichter in die Kameras halten lassen, um im Hintergrund dann tatsächlich zu herrschen. "Trusty Servants" halt, deren Motto seit jeher lautete: "Manners make a man."


Hirvoverus. The Trusty Servant. Winchester College


A trusty servant's picture would you see,

This figure well survey, who'ever you be.

The porker's snout not nice in diet shows;

The padlock shut, no secret he'll disclose;
Patient, to angry lords the ass gives ear;
Swiftness on errand, the stag's feet declare;
Laden his left hand, apt to labour saith;
The coat his neatness; the open hand his faith;
Girt with his sword, his shield upon his arm,
Himself and master he'll protect from harm



In derselben Straße, in der sich hinter hohen Mauern das College verbirgt, steht das kleine gelbe Haus, in dem Austen starb, während unseres Besuches hinter einem Gerüst versteckt. Nur eine kleine Plakette erinnert hier an Englands bedeutendste Schriftstellerin.

Durch die Kathedrale von Winchester erhielten wir eine amüsante Führung von einem älteren Freiwilligen, der uns an den mittelalterlichen Fehden zwischen Bischöfen und Königstreuen, den wechselnden Allianzen im 100jährigen Krieg oder den Rosenkriegen teilhaben ließ. Ein Überblick allerdings fehlt mir immer noch, auch wenn ich versuche, mich zu orientieren. So viele Henrys und Richards und Williams, Elizabeths und Annes und Marys, so viele Familiennamen und Titel. 

Der Standort der Kathedrale war offenbar von Anfang an nicht sehr klug gewählt. Hinten rechts sackt sie seit Jahrhunderten ab. Von 1906 bis 1911 arbeitete der Taucher William Walker täglich (außer Sonntags) jeweils 2 x 3 Stunden im Schlamm, um das Fundament zu stabilisieren. Eine kleine Statue in der Kathedrale ehrt ihn, draußen ist in unmittelbarer Nähe ein gut besuchter Pub nach ihm benannt. 

Trotzdem läuft die Krypta im Winter und Frühling regelmäßig voll, aber hier gilt das tapfere britische Motto "Muddle through." Auch bei unserem Besuch stand die Statue "Sound II" von  Anthony Gormley mysteriös und dekorativ im Brackwasser und betrachtete kontemplativ das Wasser in ihren Händen. 





Bei einem Straßen-Antiquar fand ich diese schön illustrierte Sammlung von Briefen Jane Austens:



The Illustrated Letters, Selected and introduced by Penelope Hughes-Hallett, 1990

Die Business-Woman schreibt 1814 an Anna Austen: "Walter Scott has no business to write poems, especially good ones. It is not fair. He has fame and profit enough as a poet, and should not be taking the bread out of other peoples mouths. I do not like him, and do not mean to like Waverley - but fear I must..." Austen gibt ihrer Lieblingsnichte Fanny Liebesratschläge, sie lästert mit ihrer Schwester über Verwandte und Bekannte, sie korrespondiert mit Bruder Henry über die bestmögliche Vermarktung ihrer Werke. 

Wir besuchten das Jane Austen House in Chawton, wo die Autorin in der Lebensgemeinschaft mit drei anderen Frauen ihre produktivsten Jahre verbrachte. Seien Sie gewarnt: Wenn Sie an der Bushaltestelle aussteigen, müssen Sie eine Schnellstraße überqueren, ein lebensgefährliches Unterfangen. Kaum aber betreten Sie den kleinen Ort mit seinen reetgedeckten Häusern können Sie sich eine Zeit vorstellen, in der man sich zu Fuß oder mit einer kleinen offenen Kutsche fortbewegte, wie sie im Austen House zu besichtigen ist. Etwas außerhalb des kleinen Ortes, neben der malerischen Kirche, findet sich Chawton House, einer der Landsitze, die Janes, von einem reichen Verwandten adoptierter, Bruder Edward Austen Knight erbte. Zu seinem Besitz zählte auch das im Dorf gelegene Wohnhaus, das er seiner Mutter, seinen Schwestern und deren Freundin zum Wohnen zur Verfügung stellte. Jane unternahm regelmäßig den kurzen Spaziergang zum "Great House" mit seinem weitläufigen Garten, hütete Edwards zahlreiche Nachkommenschaft und nutzte die Bibliothek. 

Seit 2003 beherbergt Chawton House das von Cisco-Gründerin Sandra Lerner gegründete  "Centre for the Study of Early Women's Writing 1600-1830" mit Original-Handschriften und Erst-Ausgaben vieler englischsprachiger Autorinnen. Bei unserem Besuch sahen wir eine spannende Ausstellung unter dem Titel "The Art of Freezing the Blood", die uns die Romane der weiblichen "Gothic"-Autorinnen näher brachte, auf die sich auch Austens "Northanger Abbey" bezieht. Chawton House hat einen wunderschön angelegten weitläufigen Garten, der bei Regenwetter aber auch Gefahren für ältere Besucherinnen bereit hält (s.o.)


If adventures will not befall a young lady in her own village, she must seek them abroad.” 
(Jane Austen, Northanger Abbey)



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Reise-Tipp: Wir übernachteten in Winchester im "The Old Vine", einem wunderbar altmodischen Pub mit 5  geräumigen Gästezimmern, die individuell gestaltet sind. Morgens gibt es kein Buffet, sondern Frühstück a la carte (auf Wunsch auch aufs Zimmer) mit fabelhaften, frischen Produkten aus Hampshire. Auch das Dinner können wir sehr empfehlen. 

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