Freitag, 20. März 2020

CoronaPost (Tag 4) : Erste Eindrücke nach dem Shutdown/To Thrive or Not To Thrive

Der vierte Tag seit dem Shutdown. Eigentlich schon der sechste. Denn als ich Freitagmorgen zur Schule fuhr und im Radio hörte, dass Bayern die Schulen schließt, war mir klar: Montag ist auch bei uns Schluss. Die hessische Landesregierung brauchte dann noch bis 17.30 Uhr, um es offiziell zu verkünden. Ich unterrichte an einer Beruflichen Schule. Da ich zur Risikogruppe gehöre, bin ich schon Montag nicht mehr zur Dienstversammlung gekommen. Freitagmittag noch habe ich meine Kurse auf Moodle, einer Online-Lernplattform, eingerichtet. Ich mag Moodle nicht. Es ist wenig intuitiv, optisch spröde, ein "mächtiges" Instrument, wie es heißt, kann viel, klar, aber eben aufgebaut wie ich mir das Innenleben des Kopfes eines KI-Roboters vorstelle: Verzeichnisse und Unterverzeichnisse, alles ist mit allem verbunden, aber vollkommen unsinnlich. Wer, wie ich, in Bildern denkt und die Sprache nicht (nur) als "Zeichensystem" versteht, hat's nicht leicht damit. Es ist nicht schwer zu bedienen, eigentlich, aber der Aufbau meinem Denken fremd. Außerdem ist es ein Tool für Kontrollfreaks, alles wird dokumentiert, mit Terminen versehen, alle Bearbeitungsweisen sollen antizipiert sein und möglichst nach Skalen "evaluiert" werden.  - Was eben gegenwärtig ohnehin der Trend ist im Bildungssystem und nicht nur in diesem. Wahrscheinlich wird dieser Trend durch diese Krise noch befeuert. Es nennt sich dann "individualisiertes Lernen", wenn jede/r sich Aufgaben auswählen und in unterschiedlicher Reihenfolge und unterschiedlichem Tempo lernen kann. Baukastenprinzip. Tatsächlich wird dabei alles standardisiert und addiert, nichts wächst. Es taugt für manches. (Schienennetze, Rechnungswesen, Managementkurse nach Modulsystemen.) Man kann so ausbilden, "trainieren" (wie die Lehrkraft hier ja auch "Trainer" heißt). Ich verstehe unter Lernen, unter Bildung (auch noch) etwas anderes, ein organisches Wachstum, Entwicklung, im Englischen sagt man "to thrive". Es ergibt sich aus dem lebendigen Gespräch, dem "Denken in Präsenz". Ich glaube, dass geht auch Online, aber nicht auf Moodle. 





Die Schüler_innen empfinden unser Verhalten (das der Lehrkräfte), so vermute ich, als übereifrig. Ruckzuck war die sonst überschaubar gefüllte Moodle-Plattform mit Kursen und Materialien befüllt. Auch ich habe so reagiert. Bloß keinen Leerlauf. Gleich mal alles hochladen, was digital schon in den Dateien auf meinem Laptop schlummert. Und Aufgaben einstellen. Termine festlegen. Chatgruppen einrichten. Bloß kein Leerlauf. Neue Aufgaben kreieren, Lektionen anlegen, Tests konfigurieren. So ging das bis Dienstagfrüh. Bei ersten Versuch mit den Schüler_innen zu chatten oder per Videokonferenz Kontakt aufzunehmen, brach die Plattform zusammen. Jetzt habe ich mir ein 2monatiges Abo für Zoom zugelegt; das läuft. Aber ich fahre jetzt einen Gang runter. Diese hektische Hyperaktivität dient im Grunde nur dazu, den Schock zu verdrängen. Für "uns" in Hanau (in dieser Stadt unterrichte ich) kommt dieser Einschnitt nur wenige Wochen nach den rassistischen Morden. Während ich in den Tagen nach dem Attentat häufig geweint habe, immer wieder zwischendurch, eruptiv manchmal (2mal musste ich bei der Rückfahrt mit dem Auto an den Straßenrand fahren, so wurde ich von einem Weinkrampf überwältigt) finde ich gegenüber dieser Krise noch keinen Zugang zu meinen Gefühlen. Eine diffuse Mischung aus Ungläubigkeit, Angst, Verdrängung und hektischen Übersprungshandlungen. Der hilflose Versuch, durch atemlosen Medienkonsum zu verstehen, was geschieht, was zu tun ist, was jetzt (!) helfen kann. Welche Maßnahmen wann wie die richtigen, diejenigen sind, die am meisten Menschenleben retten und die Grundlagen unserer Gesellschaft nicht zerstören. Denn das ist möglich. Eine Wirtschaftskrise wie in den 20er Jahren. Nicht mehr relative, sondern absolute Armut auch bei uns. Nöte, die "wir", meine Generation nie gekannt haben. 

Und draußen dieser herrliche Frühling. Die Magnolie, die vor unserem Fenster blüht. Das Licht, das sich auf der Oberfläche des Teiches im Park vor unserem Haus bricht. Nichts passt zusammen. Vom Kindergarten ein paar Häuser weiter kein Geschrei mehr. Der Pausenhof des Gymnasiums gegenüber leer. Aber auf der Parkbank am Teich drängten sich vier Senioren noch gestern eng aneinander. Morel, der seit Dienstag im Homeoffice ist, kauft ein. Er berichtet, dass es wahr ist, was auf Twitter behauptet wird und ich für übertrieben hielt: Klopapier ist aus. Amazing wohnt nur wenige 100 Meter von uns entfernt. Gestern war er kurz hier (2m Abstand!). Auch er im Homeoffice. Seine Freundin, mit der er zusammenlebt, geht noch zu Gericht. Das Justizsystem wird aufrecht erhalten, zumindest teilweise. Mastermind schreibt an seiner Masterarbeit (Psychologie) und hat seinen Studienort verlassen, um bei seiner Freundin zu Hause zu sein. Meine Eltern sind zusammen und täglich in Kontakt mit uns. Doch der blaue Himmel wirkt wie FakeNews. Die Osterglocken und Narzissen strecken ihre Hälse nach der Sonne. Alles gedeiht (eine der möglichen Übersetzung für "to thrive") offenbar. Uns geht's gut. 

Es ist gut, dieser Tage dort und bei denen zu sein, wo man sein will. Eine Freundin hat es gerade noch nach Norwegen zu ihrem Lebensgefährten geschafft. 14 Tage Quarantäne sind Pflicht. Denn Deutschland ist Risikogebiet. (Umso absurder, dass das Robert-Koch-Institut immer noch Tests empfiehlt, wenn eine Person aus einem "Risikogebiet" eingereist ist; aber ich verstehe, dass z.Zt. offenbar nicht genügend Testkits und vor allem Personal zur Verfügung stehen, um die Tests auszuweiten.) Wir haben es daheim behaglich und sind gut versorgt. Was uns abverlangt wird, ist nichts im Vergleich zu früheren Generationen und Menschen in anderen Regionen der Welt. Noch.

Womit ich jetzt nichts anfangen kann: Politische und/oder philosophische Aktivist_innen, die in der Krise eine Chance vermuten, wie z. B. Durchbruch bei der Digitalisierung, Care Revolution, Durchsetzung des Bedingungslosen Grundeinkommens, mehr Entschleunigung im Alltag, das Ende des Kapitalismus...Große Entwürfe und Ausblicke, die selbstgerechte Bestätigung der immer schon gewussten eigenen Wahrheiten durch und in der Krise - ich verstehe sie gegenwärtig nicht einmal; in mir schaltet etwas unmittelbar auf stumm oder bricht das Lesen ab, wenn eine/r so daher schwadroniert. Stattdessen suche ich nach nachvollziehbaren Modellen, die zeigen wie und wodurch diese Krise so schnell wie möglich beendet werden kann. Denn ich will dieses Leben, das wir kannten, zurück. Mir zeigt diese Krise nichts anderes, als was ich auch schon vorher über mich wusste: Ich will keine Revolution. 

Doch auch der BenHuRum weist mich am Telefon darauf hin: Nach der Pest kam die Renaissance. 

To Thrive or Not To Thrive. 


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