Donnerstag, 31. Dezember 2020

KEIN MENSCH IST EINE INSEL...

  

Hieß so nicht ein Roman von Johannes Mario Simmel, dem Bestseller-Autor, dessen Bände die Leihbibliothek der Evangelischen Kirchengemeinde füllten, in der ich zur Leserin sozialisiert wurde?

 

Simmel zitierte mit dem Titel des Romans, an dessen Inhalt ich mich nicht einmal mehr vage erinnere, ein Gedicht von John Donne, das dieser mitten in einer Pandemie (1623) schrieb:

 

No man is an island,

Entire of itself;

Every man is a piece of the continent, 

A part of the main.

If a clod be washed away by the sea,

Europe is the less,

As well as if a promontory were:

As well as if a manor of thy friend's

Or of thine own were.

Any man's death diminishes me,

Because I am involved in mankind.

And therefore never send to know for whom the bell tolls;

It tolls for thee.

 

Was könnte passender sein für diesen Jahreswechsel? 

 

Auf die Wahrheit, dass kein Mensch, keine Gesellschaft, keine Nation eine Insel ist, darauf hat uns die Pandemie mit aller Brutalität aufmerksam gemacht. Dass wir (Deutschland, in einem erweiterten Sinne vielleicht Europa insgesamt) uns aber als eine solche dachten, lässt unsere Gesellschaften der Ausbreitung des Virus weniger effektiv entgegentreten als es möglich wäre. Die Naturkatastrophe, so hatten wir uns weis gemacht, ist immer woanders. Wir spenden dann und fühlen uns gut und – überlegen! Jetzt müssen wir lernen, mit einem Geschehen umzugehen, dem keine individuellen Anpassungen und Entscheidungen beikommen können, das eine kollektive Antwort fordert. Darauf sind wir, die den Narzissmus in Erziehung und Gesellschaft seit zwei Jahrzehnten fördern und fordern, denkbar schlecht vorbereitet.

 

Und dennoch traf und trifft es mich mit voller Wucht: Auch mein inkorporierter Pessimismus hat sich im Frühjahr nicht ausmalen können, wie sehr unsere Gesellschaften versagen würden. Auf Ischgl und Heinzberg folgten die „Öffnungsdiskussionsorgien“ (man schalt das Wort, nicht die Debattierdummheit, die es bezeichnete), die Corona-Leugner-Demos, das Esoterik-Geschwurbel, die Freiheit-aber-ohne-Verantwortung-und-mit-Vollkasko-Gesänge, die Impfgegner und jetzt die Impfneider. Verfolgt man die Posts in Sozialen Medien, fällt es schwer, nicht zur Menschenfeindin zu werden. 

 

Im Analogen erlebe ich anderes: Verantwortungsbewusste junge Menschen, Solidarität, Freundlichkeit, Innovation und Resilienz. Alles ist anders als geplant und die meisten versuchen, Neues auszuprobieren, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen. „Homeoffice“ 

klappt besser als erwartet, auch wenn Videokonferenzen schrecklich ermüden. Schüler_innen und Student_innen nutzten die neuen Freiräume auch für eigenständiges Lernen, entwickelten neues Erkenntnisinteresse und Lust am Schreiben, obwohl ihnen der persönliche Austausch, die Kontakte sehr fehlten.

 

Es war ein schwieriges Jahr. Auch ganz persönlich. Mein Vater erkrankte schwer. Auch meiner Mutter ging es nicht immer gut. Morel brach sich die Schulter und ich musste mit Tatütaa und Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert werden mit einer akuten Blinddarmfortsatzentzündung (hach, was für ein Wort fürs Galgenmännchen). Wir vermissten den Mastermind, den wir in Wien nicht besuchen konnten wegen Corona. Der Berufseinstieg für beide, Amazing und Mastermind  wurde durch die Pandemie erschwert, denn vieles musste online geklärt werden, informelle Gespräche und Kontakte entfielen oft. 

 

Und dennoch: Wir haben Glück gehabt und viel Grund dankbar zu sein. In einem Land zu leben, in dem ein Krankenwagen kommt, wenn man ihn ruft und die Solidargemeinschaft die Kosten dafür übernimmt, ist ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (fast vier Wochen fiel ich aus). Meinen Eltern geht es inzwischen besser, obwohl der Corona-Koller natürlich auch an ihnen zehrt. In meinem engeren Freundes- und Verwandtenkreis gibt es keine Corona-Leugner und Schwurbler, auch das betrachte ich als ein unverdientes Glück. 

 

Kein Mensch ist eine Insel… Das stimmt. Aber manchmal, in schweren Zeiten, legt man sich eine imaginäre zu. Eskapismus genießt in intellektuellen Kreisen keinen guten Ruf. Ich stehe dazu. Im Krankenhaus (deutschlandtypisch ohne WLAN, also mit mobilem Datenverbrauch, man gönnt sich ja sonst nix mehr) begann ich zu spielen. Inzwischen bin ich durchaus semi-süchtig. Ich baue mein Orchid-Island aus. Das Spiel heißt June´s Journey. Nichts beruhigt mich derzeit mehr, als auf meiner Insel mein Eisenbahnsystem zu erweitern, Pflanzen zu setzen und Gebäude zu planen. 

 

Deshalb mache ich auch hier Schluss und wünsche mit June und Amelia:




Keine Kommentare:

Kommentar posten