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Freitag, 2. September 2016

NIXENSCHWEIF oder GRAMGLÜCK "Nur die Wellen wurden zaudernder."

Am Anfang schienen die Machtverhältnisse klar: Die B. führte und die L. ließ es geschehen. Sie war verführt worden, wahrhaftig, angelockt wie eine leichte Beute und gefangen von der B., die mit all ihrer Erfahrung das Begehren der L. erahnt, verstärkt, gedehnt hatte, so dass die L. ihr verfiel, verfallen musste, als es soweit war. Dennoch spürte auch die B. schon bei jenem ersten Kuss, mit dem sie die L. in der Anstalt überwältigt hatte, wie sich in ihr etwas regte, eine Sehnsucht, die das bekannte Spiel überschritt, die nach Ruhe schrie, um Vergebung flehte. Noch verhallte das wie in einer tiefen, engen Schlucht und sie riss die L. mit sich, wie andere Geliebte zuvor, Männer,die sie liebend vernichtet hatte. Auch die L. gab sich auf: Beruf, Stand, Freunde, Verwandte. Folgte der B., wohin die sie führte. Ans Meer. 

Und hier saßen sie nun. Im weißen Haus über dem Hafen auf ihrer Bank wie Philemon und Baucis nebeneinander, noch nicht alt allerdings. Und da geschah es. Sie saßen, vier nackte Knie parallel gestellt, die Handflächen eine jede auf die hölzerne Bank gelegt, links die B. und rechts die L. Nicht einmal ihre Schultern berührten sich. Nur der rechte kleine Finger der B. streifte hauchzart den linken kleinen Finger der L. So saßen sie. Still. Die B. trug ein weichfallendes, silbergraues Chiffonkleid, ihre blonden Locken bewegte leicht der Wind. Das dunkle Haar der L. lag kurz und flach wie ein Helm um deren Kopf. Sie trug ein dunkelblaues T-Shirt mit weitem rundem Ausschnitt und enge Jeans. Das Bild, das sie abgaben, war idyllisch und fremdartig zugleich. Sie harmonierten miteinander und mit dem Hintergrund: dem weißen Haus und seinen grauen Fensterläden, dem hellen Blau des Himmels, dem dunklen Kopfsteinpflaster unter der Holzbank. Dennoch ging es nicht auf: Die B. wirkte wie aus der Zeit gefallen und die L. war viel zu klassich modern. Zu schön um wahr zu sein, sozusagen. Niemand sah sie so sitzen (oder zumindest nahmen sie niemanden wahr, der sie sah). Doch sie beide waren in jener Stunde ganz bei sich und hatten zugleich das Bild vor Augen, das sie abgaben. Sie spürten sich innig, wie in keiner Umarmung, keinem Kuss zuvor, vereint und doch getrennt, indem sie einander erkannten, als das, was sie sich sein würden: die Erinnerung an eine Nähe, die alle Sehnsucht stillte. All ihr Empfinden konzentrierte sich in jener Stunde in den winzigen Hautpartien, an denen sich ihrer beide kleinen Finger berührten. Sie wussten, dass sie einander niemals näher kommen konnten, egal wie heftig oder wie zärtlich sie den Körper der anderen vorher oder später erkundeten, einander nutzen würden, um sich der Ekstase zu nähern. Und alle Lust will Ewigkeit. Dachte die B. Da war es vorbei. Denn die Ewigkeit verging, sobald sie gedacht wurde. Sie haben alle recht: Ich kann nicht treu sein. Wusste die B. Und die L. sagte in das Schweigen hinein: "Wir haben doch einander." Das war kitschig. Unsägliche Lästigkeit. Und das Ende. 

Noch nicht sofort, selbstverständlich. Das Meer blieb. Der wunderbare Altweibersommer dieses Jahres. Sanft bräunte die Sonne die nackten Beine der B. und der L., die am Strand entlang wanderten. Ein Schiff wird kommen. Es schien alles offen, der Horizont, die junge Liebe, das ziellose Leben. Nur die Wellen wurden zaudernder. Die B. drängte es nirgendwo hin. Dieses eine Mal musste sie nicht gehen. Keine Szene machen. Niemanden verwunden. Sie wusste, das etwas Neues geschehen würde, schon geschehen war. Die L. würde sie verlassen. Mit viel Wut im Bauch. Wofür ich mich geopfert habe. Die B. fragte sich, wie es wohl sein mochte, verlassen zu werden. Sie forschte nach der Traurigkeit, die sie nicht empfand. Der L. sagte sie nichts davon. Die L. verhielt sich, noch im September und im Oktober, als gäbe es kein Morgen. Wir haben doch einander. Im November nahm sie die Gleichgültigkeit um die Mundwinkel der B. wahr. Noch gab es tränenreiche Versöhnungen. Ein sonderbares Weihnachtsfest, bei dem die L. über jedem Geschenk Tränen vergoss, sowohl bei denen, die sie bekam, wie bei denen, die sie verschenkte. Die B. wartete gelassen. Sie wusste inzwischen, dass sie nicht leiden konnte um der Liebe willen. Nur dieser leichte, bitter-salzige Geschmack auf den Lippen. Seeluft. "Ich werde verlassen", dachte sie und fühlte nichts. Sie nimmt sich selbst zurück. Am Neujahrstag packte die L. ihre Sachen. Sie hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sie fühlte keine Schuld. Noch nicht. 


Von oben kam nichts. Die Vivipara langweilte sich schrecklich. Sie sah nur Postkartenidyllen: weiße Häuser am Meeresstrand, Frauen im wehenden Kleidern und weißen Hüten am Strand, sanfte Küsse vor duftenden Öfen. War die B. wirklich eine solche Enttäuschung? Oder entging ihnen etwas? Das Wesentliche. Die Vivipara schlug mit dem schuppigen Schwanz auf den Tisch. (Nur wenn niemand zusah; im Allgemeinen gab sie sich menschlich.) Sie ließ die Wahrscheinlichkeiten berechnen. Gut, im Herbst zeigten sich kleine Risse im feinen Beziehungsgeflecht zwischen L. und B. Andererseits: Die B. blieb sesshaft, rührte sich nicht. War das Experiment endgültig gescheitert? Oder ging es gerade darum, diese Abweichung zuzulassen? Wie sollte man mit der L. verfahren, falls sie zurückkam? "Die L. ist draußen."; das war die Mehrheitsmeinung. Die Vivipara dagegen wirkte unentschieden. Etwas an der L. rührte sie. Sie ertappte sich dabei, dass sie gerne mit der Hand über deren glattes Helmhaar gestrichen wäre. Dann schüttelte sie sich. Das war obszön. Von weiter oben kam nichts. Jahre lang nun schon. 

Erst im April erreichte die B. ein Schreiben der L., vom Computer ausgedruckt, handschriftlich unterschrieben. Es zeugte von herber Bitterkeit. Die B. wartete vergeblich auf Tränen. Sie setzte sich vor dem Haus auf die Bank in den Wind. Noch immer war sie eine außergewöhnlich schöne Frau mit ihren blonden Wellen und grünen Augenteichen, bis zu den Hüften abwärts. Unter der Bank erstreckte sich schuppig ihr silberner Schwanz.

Die Vivipara hatte kein Herz. Aber hätte sie eines gehabt, in diesem Augenblick hätte es heftig geschlagen. 

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* Lange lag - wie anderes auch - das Fabelwesen-Projekt brach. Dann geschieht etwas. Jemand stößt eine Erinnerung an, unbewusst, unwissend. Jemand bewegt sich - und etwas in mir. Die Fabelwesen sind immer da, wie ein Bandwurm in den Eingeweiden, jetzt spüre ich sie wieder. 

Freitag, 24. Oktober 2014

KNIEFREI ("Warum ans Meer?")

Der Herbst nahte. "Kurzmäntel sind im Angebot.", hatte die L. gelesen. Seit sie die B. kannte, brauchte sie keine Kurzmäntel mehr. Kurze Mäntel in bonbonen Farben passten zu schmalen, beigen Hosen und hochhackigen braunen Pumps. Augenmerk auf Fessel-Spiele. So etwas trug die L. nicht mehr, seit die B. sie im Griff hatte. Sie hielt es jetzt mit dem Knie, das ein grüner Rock umspielte. "Ich hab dein Knie gesehen, das durfte nie geschehen.", flüsterte die B. ihr ins Ohr und knabberte am Ohrläppchen. Immer links. "Ich will dich in einem schulterfreien Kleid sehen." Die L. lachte. Sie durchlief die Therapie, die ihr die B. verpasste, im Schnelldurchlauf. Nur dass die B. selber nicht wusste, wohin das führen sollte. "Ich wünschte," probierte sie aus, "ich hätte dich wie ein Schwester geliebt." Der L. stiegen die Tränen in die Augen. "Wir hätten Freundinnen sein können. Dann wäre alles anders gekommen." Als ob sie wüssten, was kam oder gekommen wäre. Als lebten sie in der Zeit, die sich davon stehlen konnte. Sie hatten die Anstalt verlassen, bildeten sie sich ein. Die L. hatte der B. einen Entlassungsschein geschrieben und ihre Stellung gekündigt. 

Sie waren ans Meer gezogen. "Warum ans Meer?", hatte die L. gewagt zu fragen. Aber die B. hatte das mit einer flüchtigen Bewegung weggewischt. Was sonst? Wo die Schiffe anlegen könnten, wenn... Und unsere Flügel... "Was weiß ich schon", dachte die B. Über uns braut sich etwas zusammen. Vielleicht werden schon bald wieder Kutschen über das Kopfsteinpflaster holpern, hinunter zum Hafen. Oder auf dem Salzhaff könnte ein UFO landen. "Das ist lächerlich.", ermahnte sie sich selbst, wenn die L. schlief. Dennoch: Warten ist ein Glück, dem wir uns anvertrauen, weil wir müssen. Wir tun so, als seien wir entkommen. Solange es geht. Auf dem Kirchturm zitterte im frischen Wind der Hahn. Der Himmel stand hoch und blau, als verdecke er nichts und niemand. In der Nacht funkelten kalt die Sterne am Firmament. Die B. wirbelte um die eigene Achse, bis die Welt sich drehte und Sternschnuppen kreisten. Fielen die Schuppen von ihr ab? Eines Tages..."Komm herein", rief die L. in den Garten, "denn: Gott ist tot." Das war nicht zu glauben, solange es wahr blieb.

In der Zentrale herrschte Verzweiflung. Dass die L. und die B. Liebe spielten, war nicht nur unerwartet, sondern gefährlich. Jede Verbindung, dachte man, so sie je bestanden hatte, war nun abgerissen. Hätte man die beiden mit Gewalt in der Anstalt halten sollen? Es lag einiges an Material gegen die L. vor. Das hätte sich machen lassen, vergleichsweise unauffällig. Dr K., noch aus dem Ruhestand, hätte das Gutachten so gut schreiben können wie der H., der ohnehin einiges gut zu machen hatte. Doch hatte man davon abgesehen. Man glaubte fest daran, die L. auch so loszuwerden. "Die B. wird sie schon bald wieder sitzen lassen. Und dann..." Diese Auffassung hatte sich durchgesetzt. "Die B. kann nicht treu sein." Dabei war gekichert worden und geflüstert. Diese Leute ließen sich leicht lenken. Die Vivipara seufzte, wenn sie daran dachte. Trotzdem fühlte auch sie sich verwirrt: Die Zartheit, mit der die B. die L. in die Kissen drückte... Sie verstand es gerade deshalb nicht mehr: Wonach suchten sie? Was war noch mal ihr Auftrag gewesen? Gott und die Liebe. Falls wir nicht Gott sind... Die Vivipara zuckte die Achseln. Na und? Es erschien ihr immer unbedeutender. Sie las Epikur. Den konnte man so gut missverstehen wie jeden. Die Menschlichen blieb unbegreiflich. Sie wollte es nicht mehr wissen.

Von oben kam nichts. In all diesen Jahren.


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Freitag, 15. November 2013

KEIN IRRTUM ("Für mich ist es auch das erste Mal.")

"Er hat mich das wirklich gefragt: Haben Sie Orgien gefeiert in diesem Haus?" Die B. kicherte. Dr. L. stupste sie mit dem Finger an. Sie benahmen sich wie zwei kleine Luder. "Verdammt noch mal", dachte die L. Ich kann meine Hände einfach nicht von ihr lassen. Sie spazierten durch den Park, die Fontänen plätscherten, das Grün der Bäume schlug aus,   mit den Füßen kickten sie kleine Kieselsteine wie springlebendige Knaben. Die B. hakte sich bei der L. ein. Sie gab sich zutraulich. Die L. hätte sich das gern als Erfolg in der eigenen Gedankenbuchhaltung vermerkt. Doch war sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich nicht zu eng an die B. zu schmiegen, nicht zu offensichtlich an deren Lippen zu hängen, sich nicht zu häufig durchs Haar zu streichen, den Impuls zu unterdrücken, noch alberner zu kichern.  

Körpersprache, sie hatte das ja nicht umsonst studiert, ist immer verräterisch. Sie überlegte, ob sie die Arme vor der Brust verschränken sollte, um sich heftiger gegen das Überströmen zu schützen, das die B. in ihr auslöste. Die B. wandte sich ihr zu, spielerisch drehte sie eine Locke der L. um ihren Finger. "Was", lachte sie, " wenn ich dich jetzt küssen würde?" Die L. wich zurück. Die B. sah traurig zu ihr auf: "Also nicht? Ich dachte..." Die L. versuchte sich zu erinnern: Wie sah eine professionelle Reaktion aus? Keine Liebesbeziehungen zwischen Patientin und Ärztin, das war eh klar. Aber: Das Vertrauensverhältnis schützen, so gut es möglich ist. "Sie wissen doch...", hob sie an, aber die B. schnitt ihr mit einer Geste das Wort ab. "Lass die Floskeln. Mich interessiert das nicht. Ich bin nicht hier, weil ich Behandlung brauche. Schon gar nicht von euresgleichen." Die L. fühlte sich durch diese Worte auf eine Weise gekränkt, die ihr noch ganz unbekannt war. Sie wollte nachhaken, aber die M. sprach schon weiter: "Ich bin hier, um mich vor denen zu schützen. Hier drin können sie nicht...Hoffe ich..." Sie unterbrach sich selbst und winkte ab. "Das geht dich nichts an. Ich dachte nur...Ich hatte das Gefühl zwischen uns beiden..." Die L. erbleichte. Sie war schon einige Schritte hinter der B. zurückgeblieben und starrte sie nun an wie eine unbekannte Spezies. "Du weißt von nichts, nicht wahr?" Die B. schüttelte sich. Ihr Lachen klang jetzt bitter. "Das ist mir schon ewig nicht mehr passiert. Im Grunde will mich jeder haben. Immerzu." Die L. biss sich auf die Lippen. Die B. war ein Vamp. Das stand ja auch in ihrer Akte. Nur in anderen Worten. Wissenschaftlicher. Die B. zog sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf. "Lass uns wieder reingehen. Es war offenbar ein Irrtum." Die L. versuchte, sich zu fangen. Sie zog die Schultern hoch und zusammen. "Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht habe." Die B. beschleunigte ihre Schritte und murmelte etwas in ihre Kapuze. "Bitte", rief die L. ihr nach, die nur mühsam mithalten konnte. Sie bekam einen Zipfel von der Jacke der M. zu fassen. "Bitte, warten Sie." Die B. drehte sich herum. Ihre Gesichter waren nun nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. "Immer noch per Sie, Frau Dr. L.?" Die L. zog die Luft ein. Ihre Arme hingen wie schlaffe Seile an ihren Seiten herab. Sie zwang sich, den Blick nicht zu senken und der B. standzuhalten. Deine Augen so blau. Die B. lächelte. Wehmütig. "Ich hätte es mir sehr gewünscht." Die L. brachte immer noch nichts anderes als "Bitte" heraus. Die B. wollte sich wieder abwenden und weitergehen. Doch jetzt hielt es die L. nicht mehr. "Ich liebe dich." Sie hatte das noch niemals gesagt. Zu keinem Menschen. Nicht zu ihrer Mutter. Nicht zu ihrem Vater. Nicht zu irgendeinem ihrer Bettgenossen. Sie war auch absolut straight. Hetero von den lackierten Fingernägeln bis zu den wachsweich gepflegten Fersen. Gewesen. Gewesen. Bis die B. aufgetaucht war. "Schwäne können nicht tanzen." "Ich auch.", sagte die B., als könne sie Gedanken lesen. "Für mich ist es auch das erste Mal." Die L. senkte ihren Kopf ein wenig und die B. hob den ihren, bis ihre Lippen sich trafen. Das war noch ganz vorsichtig. Aber sie konnten auch anders. Wie sich dann zeigte. Die B. zog die L. unter das Dach des großen Anstaltsgebäudes und presste sie an die Wand. 

***

Die Vivipara beobachtete das Geschehen fasziniert und leicht angewidert auf dem Bildschirm. Das war in der Tat unerwartet. Man hatte die L. auch ausgewählt, weil sie Single und auf mehreren Partnerschaftsportalen angemeldet war. Heterosexuellen selbstverständlich. Das hier war neu und bedenklich. Die Vivipara zuckte die Schultern. Bedenkenswert. Daraus ließ sich etwas machen. Sie sah mit Spannung der nächsten Sitzung des Rates entgegen. Eine neue Eskalationsstufe. Möglicherweise. Ihre Aufgabe gefiel ihr zunehmend. Das Unvorhersehbare gewährte ihr Entscheidungsspielräume, die sie unter den Unmenschlichen nie zuvor gehabt hatte. 


Aus der Serie: FABELWESEN

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Freitag, 11. Oktober 2013

INWENDIGES BRÜTEN ("Wie sich das Schöne entstellt, wenn es begehrt.") (Aus der Serie: FABELWESEN)


Die Vivipara schmiegte ihren Oberkörper flach auf den leer geputzten Konferenztisch, nachdem alle den Raum verlassen hatten. Auch das Gesäß hob sie über die Tischplatte und ließ sich langsam über die glänzende Fläche gleiten. Unter der zarten Bauchhaut vermeinte sie beim Scheuern über die Platte die Eier zu spüren, die sie inwendig ausbrüten würde, wie es ihre Art war. Hinter ihrer flachen Stirn züngelte gleich einer heißen Flamme der Triumph, den sie sich soeben gegönnt hatte. Zweimal ließ sie den geschuppten Schwanz auf den Tisch schlagen, bis ihr auch wieder, so war sie neuerdings beschaffen, die Scham ins Bewusstsein stieg. Sie sah sich gleichsam von oben dort liegen: der Rocksaum, der sich bis zu den Backen hochgeschoben hatte, ihr Hinterteil, das sich vom Tisch hob, und wie sie die Spitzen der lederschuppigen Stöckelschuhe, die sie sich nicht hatte versagen konnte, durch diese harten Schläge beschädigte.

Die Vivipara ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Wenn einer sie gesehen hätte... Sie strich sich das Haar aus der Stirn. Dennoch konnte sie ein Lächeln nicht unterdrücken. Wenn sie einer gesehen hätte, wäre er wiederum (wenn es ein er gewesen wäre) erschrocken zusammengezuckt, sicherlich, doch ebenso sicher, wusste sie, hatte sie sich ja nun sagen, bestätigen, geradezu beschwören lassen, ebenso sicher hätte er ein Verlangen verspürt, eine Gier, wäre ein Druck in ihm entstanden sich fortzupflanzen, unmittelbar, schutzlos, das ganze Programm wie auf Knopfdruck ausgelöst, das die Zivilisation so aufwändig in Bahnen gelenkt und mit Ritualen umstellt hatte. Diese Menschen in ihrer Hilflosigkeit gegenüber ihrem Verlangen amüsierten und dauerten sie. Sie machten sich alles so schwer. Aber gerade das machte sie interessant für die Vivipara und ihre Auftraggeber.

Die Vivipara hatte es wie geplant bis an die Spitze der Kommission geschafft, die  gegründet worden war, um Kontakt aufzunehmen. Sie waren willig und wissbegierig, diese eigenartigen Kreaturen, und auch, die Vivipara konnte sich das inzwischen eingestehen, nicht vollkommen dumm. Immerhin hatten sie bemerkt, dass etwas Eigentümliches vor sich ging. Sie hatten die Zeichen eben gedeutet, wie sie es verstanden. Dass sie irre geführt wurden, gerade hier, inmitten ihrer Bemühungen zu begreifen, konnte ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Am wenigsten (die Vivipara musste leise kichern) am wenigsten von ihr, die diese Verwirrung nicht inszenierte, sondern geradezu war. Sie hatten zu zweifeln begonnen, aufgewiegelt durch diesen Einsamen, der mehr noch als die anderen die Sehnsucht spürte, die sie alle bestimmte, und sie, die Vivipara, hatte sich diese Empörung, die sich gegen sie zu richten begann, zu Nutze gemacht. „Wir gestehen es.“ 

Wir gestehen, wie sehr wir begehren. Wir gestehen unsere Lust. Wir können nicht an uns halten. 

Die Vivipara lehnte sich zurück. Das war die größte Lüge von allen, zu der sie sie verführt hatte. Denn sie blieben selbstverständlich gezähmt. Sogar ihr war die Scham auferlegt worden, damit sie ihre Aufgaben erfüllen konnte. Was eine Schwäche gewesen wäre unter den Unmenschlichen, hätte man unter diesen von der Scham auch nur eine Ahnung gehabt, wurde ihr hier zur Instrument der Macht. Nur wer Scham fühlt, kann beschämen.

Die Vivipara, in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende, stellte per Skype die Verbindung zu Dr. L. her. „Sie brauchen Lob.“ Das hatte man ihr gleich zu Beginn ihrer Mission eingeschärft.

***

Dr. L. fuhr den Bildschirm herunter. Es war ein gutes Gespräch gewesen, das sie mit der Vorsitzenden per Skype geführt hatte. Ganz offensichtlich war man zufrieden mit ihr. Kleine Öffnungen bei der Patientin. Ein fadenscheiniger Kontakt. Das reichte denen schon. Sie grinste bitter. Sie war gut. Das wusste sie, aber sie konnte nicht stolz darauf sein. Sie war gut darin, das zu produzieren, was man sich eben so vorstellen konnte. Die Vorsitzende hatte sie gelobt: „Es gelingt ihnen wie keinem ihrem Vorgänger, die Psyche ihrer Patientinnen zu beschreiben, sie für uns nachvollziehbar zu machen. Wir waren beeindruckt. Die ganze Kommission. Wir konnten endlich gemeinsam ein tieferes Verständnis für die inneren Vorgänge gewinnen.“ Sie hatte schlicht „Danke“ gesagt. So war es immer gewesen. Sie hatte diese Gabe, den Leserinnen ihrer Texte das zu geben, was sie wollten: Geschichten, in denen geschah, was ihnen einleuchtete. Fremde Erfahrungen, scheinbar, zum Nachvollzug vorgelegt: So sind die also, die Verrückten. Das stellte fast alle zufrieden: die Kolleginnen, die Verlegerin und die Käuferinnen jener Bücher über ihre Arbeit, die so erfolgreich  waren und sie reich gemacht hatten.

Ich weiß nicht, dachte sie, was in meinen Patienten vorgeht. Aber ich weiß, was ihr euch darüber dazu ausmalen könnt. Dafür liefere ich euch die Vorlagen. Malen nach Zahlen. Damit euch das Fremde nah rückt und klar wird. Immer nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip. Darauf kommt es euch an. Am Ende seid ihr beruhigt: Wir sind doch alle gleich. Die Blinden und die Sehenden. Die Freier und die Huren. Die Männer und die Frauen. Die Mörder und die Ermordeten. Die Kranken und die Gesunden. Die Geschlagenen und die Schläger. Alle ganz menschlich. Sie hasste sich für dieses Talent. Sie bediente sich geschickt aus den klassischen und modernen Vorlagen in Bellestristik und Fachliteratur. Sie gab die Klischees in Brüchen wieder, die sie originell wirken ließen, bisweilen auch ironisch. Letzteres kam besonders gut bei denen an, die sich für Durchblicker hielten. Kunstfertig. Verlogen. Sie schuf schreibend die Beunruhigung durch das Andere aus der Welt, indem sie die Welt den Einbildungen über sie gehorchen ließ. Nichts erscheint euch realer als eure Fiktionen. Wer die Macht hat, definiert das Geschehen. Das stimmte ja auch. So tröstete sie sich über ihre Machenschaften hinweg.

Der Bestseller "Die erfundene Frau" hatte sie berühmt und zur Koryphäe gemacht, gleichermaßen als Literarin und Therapeutin. Selbstverständlich waren Neid und Missgunst nicht ausgeblieben. Man hatte sie Dilettantin genannt und sie der Scharlatanerie bezichtigt. Dennoch hatte es ihr diesen begehrten Posten eingebracht. Man hatte sie ausgewählt und sie wusste auch warum. Sie konnte, was hier gebraucht wurde: Den Schock, das Unbehagen, die andauernde Fremdheit weg erklären, weg schreiben, weg bilden durch jene Art Therapie, die weniger die Patientinnen therapierte als deren Umwelt, die das Ungeheuerliche handhabbar machte, einnordete in all die bekannten Erzählungen und Traditionen, was wir über uns zu wissen glauben und über alle anderen und vor allem, dass es einen Überblick gibt, einen Standpunkt aus, von dem aus die Anderen zu beobachten sind, statt sich einzugestehen, das jede immer schon verbunden ist. So sorgte sie mit ihren Geschichten für jenes Gleichgewicht, das behaglich, aber nicht zu langweilig war, weil es bestätigte, was man zu wissen glaubte. Das nämlich ist die Kunst (Oder: Was halt die Trottel für Kunst hielten und halten musste, die immer wieder die dämliche Frage wiederholten: Was ist Kunst?). 

In ihrer Profession war die zentrale Frage der Dummies dagegen: Was ist der Mensch? Akzeptiert wurden freilich auch hier genau und ausschließlich jene Botschaften, die aus der Schizo-Haltung kamen: Darüber sprechen zu können als sei man kein Mensch. Als könne man sich entscheiden, ins Wasser zu springen, als werde man nicht aus ihm geboren. Und vor allem: Die Lüge von der Gleichheit. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie verachtete nichts mehr als dieses Denken, gerade weil sie an dieser Decke eifrig und erfolgreich mitwob, die alle Wahrheit zudeckte. Sie trat ans Fenster und warf den Kopf in den Nacken. Lachend. Die Befreiung durch das Lachen. „Brüderlichkeit“. Auf diese Weise kam sie heraus. Nur so. Nur mit einem Lachen. Dr L. stützte sich auf die Fensterbank und lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe.

Sie dachte an die B. Sie dachte eigentlich immer an die B. „Schwäne können nicht tanzen.“ Wie würde die B. über die Brüderlichkeit lachen. Wie könnten sich ihre Lachsalven vermischen. Und dann? Sie presste ihre Lippen heiß gegen das kühle Glas. So könnte sie die B. küssen. Sich mit ihrem Mund in die schöne Frau hineindrehen. Ihre Zunge in ihr versenken. Erschrocken zuckte Dr. L. zusammen. Im Spiegel des Fensters sah sie ihr eigenes verzerrtes Gesicht. Wie sich das Schöne entstellt, wenn es begehrt.

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Freitag, 23. August 2013

GESTÄNDNIS ("Weil sie so anziehend sind") (Aus der Serie: Fabelwesen)

IN DER ZENTRALE

"Sie verhalten sich auffällig ruhig. Die Unmenschlichen."
R. räusperte sich. "Ich halte diesen Begriff für diskriminierend. Schon lange."
"Er ist beschreibend. Ihre eigenartigen Stoffwechselfunktionen, die Veränderungen der Haut bei einigen, die seltsamen Verkrümmungen der Extremitäten gewisser Exemplare..."
"Sie wurden als Menschen geboren. Wir erwarten von ihnen menschliche Reaktionen, andernfalls machte unser Experiment gar keinen Sinn. Ich wünschte, wir fänden eine andere Bezeichnung."
"Haben Sie einen Vorschlag?"
"Die Außergewöhnlichen?"
"Das klingt wie eine Auszeichnung. Wir müssen jedoch feststellen, dass ihre Veränderungen keineswegs vorteilhaft sind. Viel eher, deshalb sitzen wir ja hier, wurden wir auf erschreckende Weise mit ihrer sozialen Unverträglichkeit konfrontiert."
R. schwieg. Jedoch nicht, weil er überzeugt war. 
Die Vorsitzende ließ es nicht auf sich beruhen. "Fahren Sie fort. Wir sollten uns keine Denkverbote auferlegen. Wir sollten in alle Richtungen offen sein."
R. setzte sich gerade: "Ich glaube, wir verwechseln unsere ...", er zögerte einen Augenblick, "unsere Probanden mit jenen, denen sie ausgeliefert sind. Die Unmenschlichen gibt es. Wir bekamen sie zu Gesicht. Erinnern Sie sich an den Besucher der M.?"
Man hätte eine Stecknadel fallen lassen können.
R. war jetzt nicht mehr zu bremsen: 
"Sie alle erinnern sich. Diese Augen. Wir sahen es. Es wirkte. Sogar auf uns. Sogar über die Monitore."
Die Vorsitzende unterbrach ihn: "Ich bitte Sie, nicht von sich auf uns alle zu schließen. Ich nehme an, dass wir durchaus unterschiedlich reagierten."
"Wir hätten ihn abstechen sollen.", stieß die G. tonlos hervor. "Als wir ihn hatten."
"Wir hatten ihn nie.", stellte R. richtig. "Wir konnten ihn bloß sehen."
"Wir hätten ihn festhalten sollen. Sie hat recht. Wieso ließen wir ihn gehen?"
"Weil uns die Mittel fehlten."
Sie senkten die Köpfe. Manchmal ahnten sie, dass ihre Anstrengungen, dieses ganze komplexe und komplizierte Arrangement keinerlei praktischen Fortschritt brachte. Sie waren schlicht nicht dafür geschaffen, diese Auseinandersetzung zu führen.
"Es kommt nicht darauf an.", sagte die Vorsitzende als könne sie Gedanken lesen." Wir werden die Mittel schaffen, die wir noch nicht haben, wenn wir sie brauchen. Darauf vertraue ich. So sind wir beschaffen. Menschlich."
Einige lächelten süffisant. Andere versuchten immerhin es zu verbergen. Der Respekt vor der Vorsitzenden nahm ab. Auch dieses Problem leugneten sie kollektiv. R.s Wut kochte erneut hoch. 
"Wir lügen uns in die Tasche. Wir wollen nicht sehen, was mit uns geschieht. Dass es mit uns geschieht. Nicht nur mit denen in der Klinik. Die wir die Unmenschlichen nennen und selbst unmenschlich behandeln."
"Ich bitte Sie...."
R. redete weiter, schnell jetzt, er wollte sich das nicht mehr nehmen lassen, es musste ausgesprochen werden, komme dann, was wolle.
"Jede und jeder von uns hat es gefühlt. Wir fühlen es jedes Mal, wenn wir ihrer angesichtig werden. Wir lechzen nach diesen Bildern, die wir nur zum Schein mit Ruhe und wissenschaftlicher Neugier betrachten, während wir in Wahrheit alle vor Glück beben, sobald eine von ihnen in den Blickwinkel einer Kamera tritt."
Am Ende des Tisches wurde zaghaft gelacht.
"Jetzt versteigt er sich aber wirklich."
"Sie wissen es. Ich weiß es. Was uns wirklich hier zusammen treibt, warum wir alle Hebel in Bewegung setzen, um bei dieser Truppe zu bleiben. Mit welchen Tricks wir geplante  Versetzungen bekämpfen. Warum? Warum?"
"Ja. Sagen Sie es uns." "Genau. Wenn Sie es wissen..." "Was Sie sich einbilden..."
Der Hass, der R. entgegenschlug, wurde beinahe handgreiflich.
"Weil sie so", R. machte eine Pause, "weil sie so anziehend sind."
Wieder versuchten einige zu lachen. "Ach so: Anziehend." "Attraktive Biester."
R. schaute sich um: "Geben Sie es zu. Geben Sie es alle zu. Wie Sie denen verfallen sind. Wie die Härchen auf Ihrer Haut sich aufstellen, wenn das Gesicht der M. oder der B. oder des G. auf den Monitoren erscheinen, wie ihnen das Blut zu Kopf steigt und in den Schoß zu stürzen scheint, wenn sie sich vorbeugen, wenn sie sich über den Boden wälzen, wenn sie sich an der Wand reiben. Wie ihre Brustwarzen sich härten und die Hitze in ihren Eingeweiden zunimmt, wie sie ihre Schenkel aneinander drücken und ihre Hintern zusammenkneifen, wenn sie nach einer solchen Sitzung nach Hause fahren und wie sie dort über ihre Partnerin oder ihren Partner herfallen, jedes Mal wieder, oder wenn sie, wie ich übrigens, alleine sind, sich selbst Erleichterung verschaffen. Gestehen Sie es doch."
Wieder war es still. Einige schlossen die Augen. Manche fuhren sich mit der Zunge über die Lippen. Die Vorsitzende atmete tief durch. 
"Lassen Sie es uns gemeinsam sagen: Wir gestehen es."
Sie fassten sich an den Händen und sprachen im Chor:
"WIR GESTEHEN ES."
Die Vorsitzende schloss die Sitzung. Sie war zufrieden.


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Donnerstag, 25. Juli 2013

GESTALT UND WILLE. Kryptozoologische Ordnungen (Serie: Fabelwesen)

"Fabelwesen" war ursprünglich das Label für phantastische Erzählfragmente in diesem Blog, die auf irgendeine, oft kaum plausible Weise, mit Fragen nach Weiblichkeit, Hingabe, (Ver-)Lust zusammenhingen. Vieles davon blieb mir selbst "unverständlich" und wurde doch be - griffen, verlangte nach bestimmter Formulierung, ja sogar Schrifttype, stand mir in der Deutlichkeit eines gerahmten Bildes quasi "fertig" vor Augen. Erst allmählich stellte sich heraus, dass diese Fragmente noch in anderer Weise miteinander verbunden waren, dass Gestalten wie die B. die Jahrhunderte und Geheimgesellschaften durchwanderten, dass in der Anstalt manches parallel geschah und die Unmenschlichen immer "von oben" dazu stießen. Ein Überblick wurde auch mir nötig, um mich ihnen (noch) nicht anheim zu geben.

Das ist er (vorläufig):


FABELWESEN (Kryptozoologische Ordnungen)

Der Prolog
ist gleichermaßen Anfang und Ende der Erzählung.  Eine Begegnung im Exotarium: Pernis und Armur.  Menschen, Vögel, Echsen. Schließzeit/Ex ist kein Ausweg.


***

Drinnen (In der Anstalt)

Die Patientinnen

Die M. 
war eine selten schöne Schlange mit einer rätselhaften Vergangenheit ("In der Honigfalle" und "Des Kaisers neue Kleider"), grausam und bemitleidenswert zugleich. Sie wurde genommen ("Fittiche").


Die G.
war einmal ein Mann und eine Echse. Sie will sich verzweifelt als Frau erfinden ("Kein Mann, aber etwas anderes") und im biblischen Sinne als eine solche erkannt sein. ("Kein wahrer Satz")

Die B.,
eine Kryptozoologin der ersten Stunde, ist die Protagonistin des Geschehens. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Die Natter gibt sich hin und versprüht ihr Gift ("Lakonie.Das Ende der Handschrift"). Was eine Frau ist, kann nur sie entscheiden. Dem G. nimmt sie die traurige Frau ab, die er immer schon sein wollte ("Der Geruch der Angst"). Sie versucht ihre "Übertragungshäute" zu vervollkommnen. Zwar windet sie sich wie ein Riemenfisch, kann aber der L. doch nicht entrinnen.


Die Ärzte und Ärztinnen

Dr. K.
ist ein alter, weiser Mann, wie er im Buche steht. ("Zu schwer, um davon zu fliegen"). Aus der Behandlung der von den Unmenschlichen Infizierten hat er den Prostata-Krebs mit in den Ruhestand genommen. Die Heilungschancen sind aber gut.

Dr. H.
gibt sich große Mühe mit den Nattern, aber verkennt die Gefahr ("Natrix"). Er verfällt der M., ohne sie erretten zu können ("Amur im Schnee"). Momentan ist er verschwunden, doch Schwester Hanna liebt ihn nicht vergeblich.

Dr. L.
weiß von nichts und beginnt beim Tauchgang in die Augen der B. zu verstehen ("Schwäne können nicht tanzen.").

Die Schwester

Schwester Hanna
entdeckt ihre Weiblichkeit, den Ekel und die Liebe. Das wird sich auszahlen ("Drinnen und draußen").


***

Draußen (Die geheimen Gesellschaften)
Die Sichtbaren (um 1910)
Die Voyeurinnen (um 2010)
Die Seefahrer  (um 1810)


***

Die Unmenschlichen
überwachen die Vorgängen von oben. Starren Auges verfolgen sie im Flug, was ihnen gleich ist. Nur gelegentlich stoßen sie herab ("Mein Sein").

Die Zentrale
versucht den Kontakt zu den Unmenschlichen herzustellen. Ein Auftrag, der vor allem eines erfordert: die Bereitschaft, sich zu entscheiden, ohne zu wissen, wohin das führt.

Orte, Zeiten, Begegnungen
Die Begegnungen geschehen nur außerhalb der Zeit. Das macht die Kontaktaufnahme so schwierig und so gefährlich. Die Schlangen wissen das. Sie lassen die Unmenschlichen leiden. Das ist der Köder: KADAVER. 


***
Epilog
wird eine Variation des Prologs sein. Aber mit alkoholischen Getränken -
Ex? Und Ex!
("Es rauscht so kalt in meinen Adern.")

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Was wird das? Ein Roman. Kein Roman. Es wächst sich aus. Wuchert. Überspringt die Jahrhunderte. Ich muss tiefer in die Kryptozoologie eintauchen. Tauchgänge mit besserem Gerät. Hattest du nicht ganz andere Pläne? Selbstverständlich. Ich habe immer einen Plan. Einen guten Plan. Ich verfolge ihn nie. Nur später. Willst du nicht aufräumen? Die Evolution ergänzen. Die Leerstelle füllen: Wir sind alle Seeschlangen. Die Vögel haben uns ausgerottet. Ich verstehe das nicht. Darauf kommt es nicht an. Noch nicht. Weiter. Ja.


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Mittwoch, 24. Juli 2013

DIE NEUE ÄRZTIN ("Schwäne können nicht tanzen.") (Entwurf)


Ff. aus der Serie "Fabelwesen"



„Schwäne können nicht tanzen.“

Die Patientin stieß es hervor, trotzig klang es, als wolle sie ihr mit diesem Satz etwas entgegen schleudern, sich gegen eine Aufforderung oder Anforderung stemmen, der sie sich nicht zu stellen wünschte. Dr. L. senkte den Kopf für einen Augenblick tiefer über die Akte, die sie nur zum Schein aufgeblättert vor sich liegen hatte, aber längst beinahe auswendig konnte, so intensiv hatte sie sich auf diesen Termin vorbereitet. Sie wollte nicht, dass die Patientin das Leuchten in ihren Augen wahrnahm, von dem sie wusste, dass sie es nicht zurückhalten konnte. Das war der Durchbruch.

„Schwäne können nicht tanzen.“, wiederholte die B., leiser diesmal, beinahe resignierend, der Trotz nur noch angedeutet in der Art und Weise, wie sie die Stimme beim letzten Wort noch einmal hob. Dr. L. wagte es, ihrem Blick zu begegnen.
„Habe ich etwas anderes behauptet?“
Wie blau die Augen der B. waren, mit grünen Einsprenkeln. Wie eine wogende See. Die L. musste blinzeln. Sie war diesem Blick nicht gewachsen, sie hätte versinken mögen darin. So verschenkte sie den ersten Vorteil, den ihr die B. eingeräumt hatte.
„Nein. Aber Sie haben noch nie darüber nachgedacht. Geben Sie es zu. Dass Schwäne watscheln. Gerade so wie Enten.“
„Das stimmt. Das habe ich nicht.“
Die B. nickte. Diesmal suchte sie die Begegnung mit dem Augenpaar der Ärztin.
„Ich wusste es.“
Deren Augen waren weich und warm wie flüssiger Honig. Ihre Brauen hatten die gleiche Farbe. Man hätte meinen mögen, dass die Konturen dieser Frau schwach seien, so floßen die Brauntöne ineinander: ihr schulterlanges Mahagony-Haar, die zart gebräunte Haut, die hellbraunen Brauen, die golden glimmenden Funken in den Augen, der in tiefem auberginerot schimmernde Mund. Die B. hätte die Hand ausstrecken mögen, um deren Brauen nachzuziehen. Oder entlang ihrer Wangenknochen hinab zum Kinn. Sie versteckte ihre Hände unter der Schürze, die sie sich wie ein Zitat an ein Dirndl umgebunden hatte. Auch das konnte als ein Widerstand gegen die Schwanen-Existenz gelesen werden. Wenn eine lesen könnte... Doch immerhin ließ man sie in diesen Fragen neuerdings gewähren. Die Mundwinkel von Dr. L, registrierte die B. mit Genugtuung, zuckten. Wieder würde die Ärztin zuerst die Lider schließen müssen. Es begann ihr Spaß zu machen.
„Sind Sie ein Schwan?“
Das traf die B. völlig unerwartet, wie ein Schlag aus dem Hinterhalt. Die L. hatte nicht gewagt ihrem Blick standzuhalten, aber sie hatte die einzig richtige Frage gestellt. Niemals wäre Dr. H. soweit gekommen. Oder gegangen, dachte die B. verächtlich. Sie hatte ihn von Anfang an nicht leiden können. Und das, was der M. geschehen war, würde sie ihm niemals verzeihen. Andere offenbar auch nicht, sonst wäre er ja nicht so plötzlich verschwunden und durch die L. ersetzt worden. Die Augen von Schwester Hanna waren gerötet gewesen, mehrere Tage lang. Dann hatte sie sich beruhigt. Dumme Kuh.
„Sind Sie ein Schwan?“
Die L. wiederholte die Frage, hielt den Blick jedoch weiter fest auf die Papiere vor sich gerichtet. Die Frage war gut. Sie hatte einen Punkt getroffen. Sie war vorgedrungen. Sie hatte etwas gesehen. In deren Augen. In dieser See. Sie würde schwimmen lernen. Immer weiter hinaus.

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Auch in der Zentrale halten sie den Atem an. Aber die B. krümmt sich in ihrem Stuhl zusammen, zitternd, krampft, keucht, muss von zwei Pflegern hinaus gebracht werden. Sie sehen auf den Monitoren, wie Dr. L. ans Fenster trittt und hinaus in die Parklandschaft blickt, über den See hinweg, hinter dem sich die Sonne schon dem Horizont zuneigt. Einigen kommt es vor, als lächele die L.. Aber sie sind sich hinterher bei der Besprechung nicht ganz einig darüber, ob dieses ganz schwache Heben der Mundwinkel so interpretiert werden kann. Sie spulen die Stelle mehrfach vor und zurück, ohne sich schlüssig zu werden.

Schließlich fasst die Vorsitzende zusammen: „Es kommt nicht darauf an. Wie zuversichtlich die L. in diesem Augenblick ist. Wir haben etwas erreicht. Wir wissen noch nicht, wie weit das führt. Oder wohin. Wir beobachten und versuchen, nicht zu bewerten. Sie begreifen alle, was unsere Aufgabe ist. Dass es hierfür keine Präzedenzfälle gibt, keine Erfahrungen, auf die wir uns stützen können. Nicht einmal Wahrscheinlichkeiten. Wir wurden ausgewählt für diese Aufgabe, weil wir bereit sind, solche Entscheidungen zu treffen. Und bereit, sie, wenn nötig, zu revidieren. Wir hatten schwere Rückschläge zu verkraften. Auch ich persönlich hatte große Hoffnungen in Dr. H. gesetzt. Sie wissen das. Wir haben ihn eingeweiht und er ist daran gescheitert. Diesmal gehen wir anders vor.“ Jemand räuspert sich. „Es wäre dennoch, meine ich nach wie vor, gut gewesen, wir hätten gründlicher analysiert, woran H. scheiterte. Wusste er zuviel oder zu wenig?“ Die Vorsitzende nimmt den Einwand gelassen: „Auch das wissen wir nicht. Dr. S. hatten wir alles gesagt und es endete in einer, ich wage es das Wort zu benutzen, Katastrophe. Zumindest für ihn.  Er bemühte sich um jene Distanz, die wir forderten. Nun, er war schon alt. Die Krankheit möglicherweise unvermeidlich. Dr. H. ließen wir wissen, mit wem er es zu tun hatte, aber wir stellten ihm nicht alle Risiken vor Augen. So kam es dazu, dass er Ekel empfand.“ „Und Mitleid. Vergessen Sie nicht, wie sehr er die M. bedauerte und sich schuldig fühlte.“ „Ja, wir ließen zu, dass H. Gefühle investierte. Wir hoffen sogar darauf. Die L. dagegen weiß nichts. Sie hat nichts zu befürchten. Sie geht professionell vor.“ Ein Gemurmel in den hinteren Reihen lässt erkennen, dass nicht alle die Einschätzung der Vorsitzenden teilen. „Damit meine ich gerade nicht, dass sie sich heraushält. Sie stellt eine Beziehung her. Das haben Sie gesehen. Darauf setzen wir diesmal. Lassen Sie uns optimistisch sein. Und unvoreingenommen. Wir wissen wenig über die Unmenschlichen und ihre Absichten. Die Klinik ist derzeit unser einziger Versuch, den Kontakt herzustellen. Geben Sie Dr. L. ihre Chance. Ich danke Ihnen für Ihre kritische Begleitung, Ihre Entscheidungsfreude und Ihren Mut. Meine Damen, meine Herren, bis morgen!“ Zögerlich wird mit den Handknöcheln Beifall auf den Tischen geklopft.

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