Posts mit dem Label Unterwegs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Unterwegs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 20. Juli 2020

Ein Strandleben ohne Strandkorb ist möglich, aber sinnlos. Zurück aus der Sommerfrische

Wieder zurück aus der Sommerfrische!



Nirgendwo könnte ich mich besser erholen als in "unserer" Gartenlaube in Kühlungsborn/Arendsee, bei den täglichen Spaziergängen am Strand und der Lektüre langer Texte im Strandkorb. Manchen ist es zu kalt an Nord- oder Ostsee. Gut, dass die nächstes Jahr hoffentlich wieder sonstwohin fahren/fliegen können, wo sie in der Sonne braten sollen. Ich dagegen liebe es, wenn die Temperaturen nicht über 25 Grad steigen, ein Bad im Meer keinem Badewannengefühl entspricht, sondern wirklich erfrischend ist und ringsum kein mediterraner Lärm tobt, sondern diese norddeutsche Unterkühltheit, für die Distanz kein neues Muss der Corona-Zeit ist, sondern selbstverständlich. Am Strand war es - anders als in der Presse behauptet - nicht überfüllt; Abstand wurde gewahrt; Müll ordentlich entsorgt und Familien wirkten nicht dysfunktional, sondern zugewandt und entspannt. Normies (vulgo: Spießer) on tour. Genau die Umgebung, in der ich mich wohl fühle, 

Aus dem heimatlichen Hessen-Land erreichten uns dagegen beunruhigende Nachrichten. Underperformer Beuth, hiesiger Innenminister, musste endlich eingestehen, was Insider längst wissen: Die hessische Polizei hat ein Rechtsextremismus-Problem. Eine gute Regierung, ein guter Innenminister hätte längst aufgeräumt, auch um diejenigen Polizistinnen und Polizisten zu schützen, die durch diese miesen und kriminellen "Kolleg_innen" gefährdet sind, nicht nur bezogen auf das Image. In einem Mafia-Milieu können anständige Menschen nämlich nicht anständig arbeiten. Stattdessen versuchte Beuth erneut, die Präsidentin des LKA, Sabine Thurau, zu mobben. Der Fisch stinkt vom Kopf her: Die hessische CDU und deren Ministerpräsident Bouffier geben sich - zusammen mit ihrem Koalitionspartner Bündnis90/Die Grünen - ein moderates Image. Gebrochen mit dem rechtsnationalen "Flügel" in den eigenen Reihen, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ("Wo kann man gegen die Ausländer unterschreiben?"-Wahlkampf 1998/99) über Martin Hohmann (jetzt AfD) bis zum jetzigen MdB Hans-Jürgen Irmer, haben sie nie. Bouffier hat da immer mitgemischt. Seine CDU ist die CDU der Steuerfahnder-Affäre wie der Thurau-Affäre, der Vertuschung rund um den Verfassungsschutzmann Temme im Zuge der NSU-Ermittlungen etc.ppp. geblieben. Und die Bündnis-Grünen haben drüber weggesehen. Rechtsstaatlichkeit schien weniger wichtig als ein wenig Umweltschutz hier und da. (Dieses Tauschsystem befürworten ja nicht wenige: Für "die gute Sache" muss man über den Rechtsbruch manchesmal hinwegsehen, Ende Gelände, gelle? Nur das dem einen oder der anderen die Sache der hessischen Grünen halt noch längst nicht "gut genug" ist.)

Und auf dem Frankfurter Opernplatz haben zunächst "friedlich Feiernde" am letzten Wochenende überraschenderweise (Scherz beiseite!) trotz eifrig aufgestellter Mülltonnen und Pissoirs gründlich Randale gemacht und Polizistinnen und Polizisten unter Gejohle angegriffen. Letztlich interessiert´s mich in meiner privilegierten Position einen Scheißdreck, was für sozioökonomische Faktoren zu dieser Brutalisierung und Vandalisierung beitragen mögen. Ich erkenne messerscharf: Ein Ausgangsverbot für Jungmänner (17-25 Jahre) ohne weibliche Begleitung plus Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum löste das Problem wahrscheinlich umgehend. Es ist eben wie vor den Discos - man kann noch so viel über die Einlasskontrollen meckern: Wenn zu viele unbegleitete junge Männer in Gruppen eingelassen werden, gibt's Stunk. Wie überall, wo zu viele unbegleitete junge Männer sich rumtreiben. Alle Frauen wissen das, aus Erfahrung. Jetzt müsste man nur noch Verordnungen daraus ableiten. (Na, das gäbe ein Geschrei!)

Mir geht's gold. Nicht noch, sondern echt. Letztes Jahr habe ich Walter Kempowski gelesen in der Sommerfrische, dieses Jahr Hilary Mantels letzten Band der Trilogie über Thomas Cromwell "The mirror and the light" und Kurzgeschichten von Maeve Brennan sowie eine Biographie über sie. Darüber schreibe ich vielleicht noch. 

Als "Mama" bin ich jetzt offiziell im Ruhestand (oder darf es mir mal kurz einbilden) und super stolz. Die Söhne haben ihre Ausbildungen abgeschlossen. In diesem Blog spielten sie lange als "Amazing" und "Mastermind" mit. Seit sie nicht mehr bei uns wohnen, habe ich sie seltener erwähnt. Sie sind jetzt 26 bzw. 24 Jahre alt. Als ich begann im Blog zu schreiben, waren sie 16 und 14. Der "Amazing" hat sein 2. Staatsexamen in Jura bestanden ("mit Prädikat" - der Zusatz muss sein, weil das in Jura sozusagen der Goldstandard ist). Zukünftig sorgt er dafür, dass alle brav Steuern zahlen. Der "Mastermind" ist jetzt Master of Science in Psychologie und tritt im Herbst eine Stelle an der Universität Wien an. 

Es bleibt spannend. 


Mittwoch, 7. August 2019

SOMMERFRISCHE. Konservierend.

Schaufenster in Lüneburg. Anreise.
Sommer  2019
Der Entschluss zur Sommerfrische. Keine Experimente mehr, keine unbekannten Destinationen. Im Sommer immer am selben Ort. Wohnen im Garten, in der Laube. 300m zum Strand hinunter. Den Strandkorb gleich für die ganze Zeit mieten, auch wenn das kaum was spart gegenüber den Tagespreisen. Wichtig ist: Routinen ausbilden. Diese ganzen Üblichkeiten (in memoriam Odo Marquard), die Verhandlungen überflüssig machen. Ein altes Paar sein, das sich nicht mehr alles sagen muss. (Wir reden trotzdem ziemlich viel.)

Wieder dieses Wohlbehagen angesichts des Mangels an Diversität. Alles sauber, wie mein Vater sagen würde. Kinder bringen ungefragt ihren Müll zum Mülleimer. Bälle fliegen nicht in die Strandkörbe der Nachbarn. Man entschuldigt sich höflich, wenn doch mal einer vor die Füße rollt. Väter bauen ehrgeizig Strandburgen. Mütter schleppen große Kühltaschen. Normfamilien, wo man hinschaut. Es wird auch viel gelesen. Taschenbücher, wg. Sand. Viel weniger BILD-Zeitung als in früheren Jahren. Kaum elektronisches Spielzeug. Trotzdem kein Gemaule von den Teenagern. Nirgendwo Ghetto-Blaster. Wirklich, nirgendwo. Dem Rauschen der Wellen macht niemand Konkurrenz. Nur die Möwen sind garstig. Räuber! Der Spiegel titelt mit MAD Boris. Das Bild gefällt mir. Ansonsten hat Annette Dittert schon vor einem Jahr alles gesagt, was es zu dem zu sagen gibt. 

Wohnen im Garten. Weißtdunoch. Gartenlaube.
Fast schon zuviel Idylle.
Die Ostsee wie eine Badewanne. 20 Grad. Flach. Wie schön, als es eines Tages doch ein bisschen windet. Morel spricht von Sturm. Das ist maßlos übertrieben. Ich checke doch mal bei Twitter. Ist wie immer: Zeitgemäße Angeber brüsten sich mit der Unverschämtheit, Unbeherrschtheit und Unhöflichkeit von Kind 1, 2 oder 3. Und irgendwo läuft immer auch ein netter, kleiner Shitstorm. Ich denke darüber nach, meinen Account stillzulegen. Die Schnittmenge zwischen Twitterern und Sommerfrischlern ist verschwindend gering. Wer twittert, braucht interessantere Reiseziele. 

Weiße, alte Männer gelesen. Galsworthy: Forsyte-Saga. Und: Forsyte-Chronicles. Gigantisch. Ich kannte ja nur (z.T. zuerst durch die Verfilmungen) den ersten Band. Dabei hat der Mann weiter geschrieben bis fast zu seinem Tod (1933). Interessant, diese Zeitbilder von einem, der nicht wissen konnte, was kommt. Politische Debatten wie heute: Englischer Nationalismus. Die „soziale Frage“. Eine Oberschicht, die Haltung hat, aber keine Ahnung. (Heute fehlt ihr sogar die Haltung, siehe oben, siehe Boris). Eine Figur wie Soames Forsyte. Ein Vergewaltiger in der Ehe. Aber eben auch: ein verzweifelt Liebender, später dann seiner verwöhnten Tochter Fleur. („A modern Comedy“; spielt in den 2oer Jahren des 20. Jahrhunderts). Meine Lieblingsfigur: deren Ehemann Michael Mont, konservativer Abgeordneter im Parlament, Anhänger einer verqueren Ideologie, des „Foggartism“. Morel sagt, dass eine Galsworthy nachgebildete Figur auch in den Romanen von Anthony Powell eine Rolle spielt, die er wieder weiterliest (siehe: hier). Als ein Vertreter überkommener Welt- und Literaturansichten. 

Auf der Suche nach denen, den Überkommenen, den Konservierern (weil „konservativ“ ja inzwischen, fehlerhafter Weise, ein Synonym für „rechts“ geworden ist) scheine ich gegenwärtig zu sein. Eine Rückwendung nach vorn. Weil der gegenwartsbezogene Empörungswettlauf mich nur noch abstößt, geradezu körperlich. („Die schärfsten Kritiker des Kapitalismus kaufen beim Ökoversandhandel.“) Ich lese nicht (Belletristik), um mich über „Themen“ zu informieren. Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 



Kempowski-Archiv Rostock
Noch mehr alte weiße Männer: Walter Kempowski. Wegen Rostock und so. Die deutsche Chronik. In der chronologischen Reihenfolge, nicht in der des Erscheinens oder Verfassens. Von „Aus großer Zeit“ bis „Herzlich Willkommen“. Der „schimpfte sich“ liberal und konservativ. Also nicht bunt. Es sind das Erinnerungsbücher in dem Sinne, dass sie die Leser_innen ins Erinnern bringen. Wie das so ist. Was man so sagt. Wie man nicht weiß, was man tut. („Vater unser immer Himmel“.) Wie das so geht, wenn Geschichte „gemacht wird“ (nur nicht von uns). Sprücheklopfer, wir alle. Diese bürgerlichen Hanseaten sind natürlich ganz anders als wir Hessen. Mein Urgroßvater hatte eine Ziegeleifabrik. Und 18 Kinder. Davon haben sogar wir noch profitiert (von der Fabrik). Dass wir alle Erben sind, ohne ein Recht, das Erbe auszuschlagen. Und Familien. Erbengemeinschaften eben, die sich nicht auflösen können. Und wieviel Trost da auch drin steckt. Trotz und wegen all der Verletzungen. Familienredeweisen: „Tadellöser“. „Gutmannsdörfer.“ Ich sag immer: „Nix als Ärger.“ Die Jungs nenn´ ich „Zwickel“, manchmal. Hessen loben nicht gern: „Man kann´s essen.“ „Do ko ma nix da geche sache.“ (Als habe man stundenlang nach einem Tadel gesucht.) Was mein Vater für Sprüche drauf hat: „Da glaubt jeder, er hätt den Marschallstab im Tornister.“ „Du weißt, wo der Maurer das Loch gelassen hat.“ Das Letzte gefällt dem Mastermind  besonders gut. „Schleich dich, müdes Besteck.“ Weiß der Herr, wo das herkommt. Ich hatte mir als Kind vorgenommen, dass ich unbedingt auch mal sagen will: „Ruhe auf den billigen Plätzen.“ zu meinen Kindern, wenn ich im bequemen Fernseh-Sessel sitze. Hat geklappt. Und „Ruhe im Karton“ rufen, abends.

In Rostock haben wir das Kempowski-Archiv besucht, klar. Kleines Häuschen im Klosterhof. Idyllisch und irgendwie passend unpassend. Walter Kempowski hat das noch selbst eingerichtet, berichtet die Dame. Kopien seiner Manuskripte in Aktordnern. Familienfotos. So sah die also aus, die Schwester Ulla. Und die Mutter („Wie isses schön.“), hübscher eigentlich als Edda Seipel, deren Bild sich aber immer vor dieses schieben wird, sogar bei Kempowski selbst, wie man in seinen Tagebüchern lesen kann. Von Eberhard Fechner, dem Regisseur der Verfilmung von „Tadellöser und Wolff“ und „Ein Kapitel für sich“ erinnere ich vor allem die Dokumentationen: "La Paloma". Warum werden die eigentlich nie mehr wiederholt? Die Öffentlich-Rechtlichen sitzen auf einem Schatz. (Da müsste man mal was machen. Ein Medienarchiv, gut erschlossen mit Tags und allgemein zugänglich. „Wenn ich im Lotto gewinne…“) Rostock ist nett hergerichtet, kein Vergleich zum Zustand 1990, wie ihn Kempowski bei der ersten Wiedereinreise in die DDR vorfand. Aber die Fußgängerzone jetzt halt wie überall, die bekannten Drogeriemärkte und Modeketten. Wann fing das an, dass alle Innenstädte gleich aussehen? Ich glaube, das war erst ab den 90ern so, auch im Westen. Ich würde ja auch mal nach Nartum fahren, jetzt, nach der Lektüre (bin jetzt bei den Tagebüchern). Mal sehen, ob sich der Morel davon überzeugen lässt. 

Wunderbar erholsam war sie, diese überraschungsfreie Sommerfrische. Keine Neugier auf ausgefallene „Erlebnisse“ (Ha, gegeben Jochen Schweitzer, brauch ich nämlich nicht!). Das hilft vielleicht ja auch gegen die Vielfliegerei, so ein weises Achselzucken, wenn jemand von Tauchabenteuern auf Mauritius oder Spaziergängen im Dschungel von Borneo oder weißen Stränden vor Rio erzählt. „Wir waren in Kühlungsborn, wie jeden Sommer.“ Das bedeutungsvoll betonen, ganz exklusiv und so ein bisschen von oben herab. (Ist ja vulgär, dieses Fernreisen. Aber echt jetzt. Wer macht denn noch sowas?)

Jeden Abend das Gleiche.

PS. Ich habe übrigens nicht nur alte, weiße Männer gelesen. ´türlich. Auch alte weiße Frauen. Entdeckungen gemacht: Elizabeth Jane Howard und Gabriele Effinger. Davon demnächst. 

Donnerstag, 28. Juni 2018

APOLOGIE DER NORMIES. Geschichte (und Lebbe) geht weiter!



Der Strand in Kühlungsborn leerte sich gestern um halb vier; offensichtlich war die Anziehungskraft des nationalen Männerfussballteams doch immer noch stark. Ich will das nicht kritisieren. Jede Gesellschaft braucht einigende Rituale. Wer das zu leugnen versucht oder gar bekämpft, grenzt auf dümmliche Weise Mehrheiten aus seiner Rechthaber-Minderheit aus, leider nicht einmal folgenlos. Denn Ermahnungen gegen fahnenseligen Überschwang, wie von Claudia Roth vorgebracht, erzeugen jenen bösen Trotz, der letztlich den vielerseits konstatierten und beklagten Rechtsruck verstärkt. (Ja, psst, ich kenne Eure Einwände gegen diese Deutung, Eure traurige Gewissheit, dass all diese Familienväter im Deutschlandtrikot, die ihre Töchter auf den Schultern zum Public Viewing tragen, ohnehin menschenfeindliche Faschisten sind, gegen die Ihr unverdrossen Euren heroischen Widerstand leistet, umzingelt in jenem Feindesland, das Ihr herabwürdigend ´Schland nennt, an dessen Institutionen, Rechtssysteme und Staatsvertreter sich aber seltsamer Weise stets alle Eure Forderungen und Klagen richten, aber ich, eben, teile diese Sicht nicht, keineswegs, sondern erachte sie als spiegelbildlich menschenfeindlich zu jenem von rechts gepflegten Rassismus, sorry, Leute!)

Mir allerdings ist der Männerfussball in den letzten Jahren egal geworden. Dabei habe ich das Spiel einmal geliebt. Aber Fifa, Uefa, DFB, Hooligans und öffentlich-rechtliches mediales Getöse haben in den letzten Jahren einfach so arg überzogen, dass mir der Spaß daran vergangen ist. Nur noch aus der Distanz verfolge ich das Geschehen und stelle mir die Frage, ob es jene von verschiedenen (männlichen, linksintellektuellen) Publizisten immer wieder beschworene Verbindung zwischen nationalem Fußball und nationaler Politik doch "irgendwie" (50 Cent in die Kaffeekasse) gibt: Werden Jogi Löw und Angela Merkel gleichzeitig stürzen?

Lustig für mich ist es zu sehen, wie in meiner Timeline die unverbrüchlichsten Linken sich wie eine Eins hinter Merkel, der Kanzlerin der "marktgerechten Demokratie", versammeln und sich kaum etwas sehnlicher wünschen als eine Fortsetzung von deren asymmetrischen Demobilisation. Mangels eines revolutionären Subjekts erscheint auch dem eingefleischtesten Marxisten offenbar die Einschläferung der Massen noch als das probateste Mittel. Leider verderben sie dann regelmäßig den Effekt, den ihre Protagonistin zu erzielen versucht, durch jene maximal zweieinhalb Tage dauernden Empörungsexzesse, während derer sie Dreiviertel der Bevölkerung bzw. deren politische Vertreter zu Rechtsextremisten erklären und "Wehret den Anfängen!" rufen.  Dabei verkennen sie auf dramatische Weise, dass gerade falls ihre Diagnose stimmt (nämlich dass wir berechtigte Angst vor einer Machtübernahme von Rechts haben müssen, mit allen Folgen für den - leider auch von linker Seite immer wieder geschmähten - demokratischen Rechtsstaat), Bündnisse gegen Rechts von Nöten sind, die auch liberale und konservative Demokratinnen und Demokraten mit einschließen. 

Wer ernsthaft glaubt, dass fast alle anderen (europaweit) faschistisch und/oder rassistisch sind, dem bleibt ja letztlich nur, die Koffer zu packen (offen indes die Frage nach dem Reiseziel). Alle anderen müssen Strategien entwickeln, um verfestigte Rechtsradikale auszugrenzen, ohne zugleich alle jene, die möglicherweise eine andere Migrationspolitik wollen als man selbst oder kulturelle Andersartigkeit nicht per se als Bereicherung, sondern auch als Stressfaktor erfahren, zu diesen in die Ecke zu drängen. Es zeugt nämlich nicht unbedingt von überlegener Moralität und Humanität sich für im Mittelmeer in Seenot Geratene als zwingend zuständig zu erklären, während man die in Not Lebenden jenseits des Äquators oder im Jemen zumindest weniger vehement als die "seinen" reklamiert. Wer "sichere Fluchtwege" nicht nur fordern, sondern ermöglichen will, wird erklären müssen, für wen sie eröffnet werden sollen und damit zugleich, für wen nicht, denn jenseits der Frage nach Geldreserven gibt es begrenzte Transportressourcen, Versorgungs- und Integrationskapazitäten, die nicht einfach kurzfristig dazu "gekauft" werden können, weil sie schlicht derzeit nicht vorhanden sind (Flugzeuge, Boote, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, angemessene Unterkünfte etc.pp.) Das Asylrecht kann keine gute und humane Einwanderungspolitik ersetzen, die schmerzhafte Entscheidungen verlangt, statt des schlichten "Open your borders, Europe". 

Ich habe hohen Respekt vor all jenen, die mitwirken, damit die Integration von Eingewanderten gelingt, vor jenen, die Verantwortung für Minderjährige übernehmen, die Arbeitsplätze bereitstellen und Menschen zu Ausbildung und Schulabschlüssen verhelfen. Weniger Respekt habe ich dagegen vor jenen überheblichen Moralist_innen, die stets Forderungen erheben, sich selbst aber bestenfalls kurzfristig bei angenehmen Events wie interkulturellen Festen oder gemeinsamem Kochen (mit handverlesenen, überdurchschnittlich gebildeten Zugewanderten, meistens überproportional vielen Frauen) blicken lassen, aber sich den täglichen Schwierigkeiten beim Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen und Gewohnheiten gern hurtig entziehen. Dass ein übergroßer Prozentsatz der Zugewanderten junge Männer sind, erschwert nicht nur die Integration hierzulande, sondern erzeugt bei mir zusätzlich erhebliche Zweifel daran, ob die gegenwärtige Form der Organisation bzw. Nicht-Organisation von Zuwanderung tatsächlich geeignet ist, den Bedürftigsten und Gefährdesten zu helfen. Gleichzeitig macht es mich wahnsinnig wütend, in meinem unmittelbaren Umfeld zu erleben, wie wenig von staatlicher Seite Integrationsleistungen von Zugewanderten anerkannt und honoriert werden (in dem Fall, auf den ich anspiele, geht es um eine junge Frau und deren Familie aus Afghanistan, die alle berufstätig sind oder mit großen Erfolgsaussichten weiterführende Schulen besuchen und dennoch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten). 

Hier an der Ostsee in Kühlungsborn nahmen die Trikotträger und Fahnenschwenker das Ausscheiden der deutschen Mannschaft achselzuckend hin. "Die Leistung" hat eben nicht gestimmt. Die hier das Bild prägenden "biodeutschen Normalos", die Familien mit Kleinkindern, die älteren Paare in der Sommerfrische reagierten überwiegend kühl und abgeklärt. Das Wetter ist herrlich sommerlich, der Strand bleibt sauber, denn Müll wird wie selbstverständlich von allen in Mülltonnen entsorgt. Man trägt keine Ghettoblaster spazieren, um die Nachbarschaft zu beschallen und fährt keine tiefer gelegten Autos, mit denen man geräuschvoll durchstartet. Es wird nicht leidenschaftlich herumgebrüllt oder hemmungslos gegrillt und aus Aludosen gesoffen. Es ist, trotz gut gefüllter Promenade, recht still und beschaulich. Menschen mit Behinderung sind hier überdurchschnittlich sichtbar, weil ihnen Raum geschaffen und gelassen wird, beinahe beiläufig. Wer wie ich alltags im großstädtischen Rhein-Main-Gebiet lebt, erfährt diese hier, aber dort eben nicht, selbstverständliche Rücksichtnahme und vorsorgliche Distanziertheit gegenüber den Mitmenschen als ungeheuer stressmindernd und entlastend. Ist es ganz unwahrscheinlich, dass dieses Verhalten und diese Wahrnehmung auch mit der relativ hohen Homogenität des hiesigen Publikums zusammenhängt?

Diversität ist anstrengend. Vielfalt kann schrecklich nerven. Es geht aber kein Weg dran vorbei. Der Slogan der US-amerikanischen Faschisten "Kill all Normies" sollte daher nachdenklich stimmen: Der erklärte Hass von Rechten (wie einigen Linken) gilt eben vor allem der "Normalität", der relativen Zufriedenheit derjenigen, die Verantwortung übernehmen, ihr Können und Wissen in Dienst stellen. Breivik und Amri töteten bewusst solche Menschen, "Normies" eben.

Ein Ansatz, der solche Menschen unter Generalverdacht stellt, wenn oder weil sie "privilegiert" sind oder scheinen (z.B. weiß oder männlich sind) liefert diesem Hass Nahrung. Es ist nämlich kein Zufall, dass die Anführer der rechten Bewegungen so über die Maßen unattraktive, weiße Männer sind - klein oder dicklich, monströse Frisuren und häßliche Schnauzbärte, sich überschlagende Stimmen, schwacher Intellekt, mäßiger Wortschatz, fragwürdige Bildung (Putin, Orban Trump, Erdogan). "Normale" Menschen, die sich ihrer Schwächen bewusst sind und ihre Stärken verantwortlich nutzen, können die Leistungen anderer anerkennen, weil sie ihre eigenen richtig einschätzen. Der radikale Populist dagegen bedient das Ressentiment der Minderleister, die sich wenig anstrengen und immer Schuldige dafür suchen, wenn sie etwas nicht umsonst (also: bloß wegen ihrer Männlichkeit, Weißheit, Gläubigkeit oder so) kriegen. Die schätzen an ihren "neuen" Führern gerade, dass diese eben solche desinteressierten und unsympathischen Deppen sind, wie sie selbst, bloß mächtig und/oder reich. 

Ich glaube, dass es ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen diese antisozialen, rücksichtslosen, selbstgerechten Verweigerer von Leistung und Dienstbarkeit, Verantwortung und Disziplin geben muss. Eine Linke, die solche Begriffe immer nur bekämpft, stellt sich gegen jene "normalen" Menschen, die sich mühen, gute Mütter und Väter zu sein, Kaputtes zu Reparieren, ein Zuhause zu schaffen, Heimat für viele zu gestalten.  (Die SPD leidet bis heute verdient darunter, dass sie ihrer Stammwählerschaft mit den sogenannten Hartz-IV-Gesetzen genau jene Gleichgültigkeit gegenüber deren Anstrengungen demonstriert hat.) Denn es sind auch die, denen der Hass der Rechten (der Einheimischen wie der importierten Islamisten) gilt: Jene Menschen, für die Özil und Gündogan selbstverständlich deutsche Nationalspieler sind, die sich aber gerade deswegen über das Erdogan-Foto ärgern, jene, die sich über die Einladung zur Hochzeit ihres schwulen Neffen genauso freuen, wie über die zu derjenigen ihrer heterosexuellen Großnichte, die stolz sind, dass die aus Serbien stammenden Nachbarn ihnen genug vertrauen, um sie als Babysitter für die kleine Tochter einzusetzen, die lässig in der U-Bahn aufstehen, wenn der Schaffner sich rassistisch gegenüber einem Schwarzen verhält und ihn in den Senkel stellen, die sich zusammentun, um den Rollator der alten Frau mit Kopftuch aus dem Bus zu hieven - und die es dennoch oder gerade deswegen verunsichert, wenn Kriminelle scheinbar nicht abgeschoben werden können, wenn Menschen mit zig verschiedenen Identitäten bei verschiedensten Behörden registriert sind oder sie vor der Islamisten-Moschee um die Ecke vom Gehweg geschubst werden (meinem Vater so passiert in Frankfurt/Main). 

Es ist in einer sich selbst zur Elite ernennenden asozialen Geldmacher-Clique gelungen, den Leistungsbegriff von jedem Bezug auf gesellschaftliche Verantwortung zu entkleiden, ihn gleichzusetzen mit Erwerb und Vermögen. Teile der Linken sind darauf hereingefallen oder haben darauf hereinfallen wollen: Wer sich für sich selbst verantwortlich fühlt, wer soviel leistet, wie er/sie kann, wer sich kümmert und sorgt, der/die taugt ja nicht als Klientel fürsorglicher Paternalisierung. Was nicht gelungen ist, so glaube ich zumindest, ist der Mehrheit den Respekt für "echte" Leistungen abzugewöhnen: die "Normies" achten Menschen, die für andere Sorge tragen, Mütter, Väter, Großeltern, Freunde und Freundinnen, die einander helfen und sich kümmern, die Beziehungen pflegen und an ihnen festhalten, auch wenn es mal schwierig wird. Die "Normies" sind in diesem Sinne zutiefst konservativ und sie fühlen sich nicht zu Unrecht von einem politischen Establishment verraten, dem es nur noch darum zu gehen scheint, Interessenvertretung der Kapitalbesitzer oder (in geringerer Zahl) der tatsächlichen oder selbsterklärten "diskriminierten" Hilfeempfänger zu sein. 

Ob Merkel Löw folgt? Ich weiß es nicht. Ich habe sie lange Zeit für ihre Kaltschnäuzigkeit und ihren Machtwillen bewundert, für ihr pragmatisches Geschick, sich gegen männliche Machtmenschen durchzusetzen. Inzwischen entsetzt mich im Rückblick, wie sehr diese Politik die Fundamente der parlamentarischen Demokratie untergraben hat, indem politische Entscheidungen und Kehrtwenden nicht im Bundestag erstritten, sondern in Talkshows verkündet wurden. Merkel (und "wir", eine moralisierende, aber praktikable Lösungen verweigernde Linke, die sich nur noch um Minderheiten gesorgt, aber den "Normies" Verachtung gezeigt hat) haben unseren Anteil daran, dass die Rechte so erstarken konnte. So zumindest sehe ich es heute. 

Ich bin entspannt. Ganz gegen diese politische Diagnose. Der Sommerwind, die See, die Dominanz einer Normalität, von der mir durchaus bewusst ist, wie sehr sie auch Ausgrenzungen geschuldet ist und die mich dennoch für kurze Zeit so sehr entlastet, fühlen sich gut an, weich und gelassen. Das wird nicht vorhalten. Geschichte wird gemacht. Jetzt. Leider auch von uns, die wir uns aus ihr stehlen wollten.

Samstag, 12. Mai 2018

Manners, Profit, Fame and Freezing Blood. Englands Jane revisited. Hampshire 2018

Dieser Post erscheint mit einiger Verspätung, denn am Karfreitag rutschte ich über eine klatschnasse Treppenstufe im Garten von Chawton House und brach mir das Handgelenk. Das gab mir Gelegenheit zu einem kurzen Einblick in das viel kritisierte National-Health-System Großbritanniens, das in meinem Fall aber unbürokratisch und rasch den Bruch versorgte und die eingegipste Heimkehr mit dem geplanten Zug durch den Euro-Tunnel ermöglichte. Mit den Folgen des Bruches habe ich allerdings immer noch zu tun. Die Heilung ist langwierig, der Gips kam erst am letzten Dienstag ab und immer noch trage ich eine Armorthese; Physiotherapie beginnt erst in drei Wochen. 
_________________________________________ 




“The person, be it gentlemen or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.” 



Winchester war einmal die Hauptstadt Englands. In der Kathedrale ließ sich William the Conqueror krönen. Und Jane Austen liegt hier begraben. Der Platz und die Grabplatte wurden ihr zugestanden, weil ihr Vater Pfarrer in Hampshire gewesen war. Dass sie Autorin auch schon zu ihren Lebzeiten recht erfolgreicher Romane war, bleibt auf der Platte unerwähnt. Aber ihre Bescheidenheit wird gerühmt. Wer Austens Briefe kennt, weiß jedoch, dass Englands Jane sehr wohl über gesundes Selbstbewusstsein als Schriftstellerin verfügte. An ihrer Beerdigung durften nur die männlichen Verwandten teilnehmen, ihre Schwester Cassandra, mit der sie ein Leben lang Bett und Zimmer geteilt hatte, musste zu Hause bleiben. Jane Austen hinterließ Cassandra all ihren weltlichen Besitz und sie war recht stolz darauf, in ihren letzten Lebensjahren nicht unbeträchtliche Einkünfte aus ihren Veröffentlichungen bezogen zu haben. 

In Winchester besuchten wir auch Winchester College, das älteste und bis heute eines der angesehensten und teuersten Jungen-Internate der Welt. Wykehamists (benannt nach William von Wykham, der das College 1382 gründete) aber, so erklärte uns die Führerin durch die Gebäude, stünden öffentlich nicht in der vordersten Reihe, wir würden ihre Namen kaum kennen, obwohl sie viele ranghohe Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bekleideten. Anders als die Etonianer (z.B. David Cameron oder Boris Johnson) übernähmen sie jedoch eher dienende Funktionen in den Institutionen. Ein bisschen erzeugte sie den Eindruck, dass die intellektuell mindestens ebenbürtigen Wykehamists die Etonianern ihre Gesichter in die Kameras halten lassen, um im Hintergrund dann tatsächlich zu herrschen. "Trusty Servants" halt, deren Motto seit jeher lautete: "Manners make a man."


Hirvoverus. The Trusty Servant. Winchester College


A trusty servant's picture would you see,

This figure well survey, who'ever you be.

The porker's snout not nice in diet shows;

The padlock shut, no secret he'll disclose;
Patient, to angry lords the ass gives ear;
Swiftness on errand, the stag's feet declare;
Laden his left hand, apt to labour saith;
The coat his neatness; the open hand his faith;
Girt with his sword, his shield upon his arm,
Himself and master he'll protect from harm



In derselben Straße, in der sich hinter hohen Mauern das College verbirgt, steht das kleine gelbe Haus, in dem Austen starb, während unseres Besuches hinter einem Gerüst versteckt. Nur eine kleine Plakette erinnert hier an Englands bedeutendste Schriftstellerin.

Durch die Kathedrale von Winchester erhielten wir eine amüsante Führung von einem älteren Freiwilligen, der uns an den mittelalterlichen Fehden zwischen Bischöfen und Königstreuen, den wechselnden Allianzen im 100jährigen Krieg oder den Rosenkriegen teilhaben ließ. Ein Überblick allerdings fehlt mir immer noch, auch wenn ich versuche, mich zu orientieren. So viele Henrys und Richards und Williams, Elizabeths und Annes und Marys, so viele Familiennamen und Titel. 

Der Standort der Kathedrale war offenbar von Anfang an nicht sehr klug gewählt. Hinten rechts sackt sie seit Jahrhunderten ab. Von 1906 bis 1911 arbeitete der Taucher William Walker täglich (außer Sonntags) jeweils 2 x 3 Stunden im Schlamm, um das Fundament zu stabilisieren. Eine kleine Statue in der Kathedrale ehrt ihn, draußen ist in unmittelbarer Nähe ein gut besuchter Pub nach ihm benannt. 

Trotzdem läuft die Krypta im Winter und Frühling regelmäßig voll, aber hier gilt das tapfere britische Motto "Muddle through." Auch bei unserem Besuch stand die Statue "Sound II" von  Anthony Gormley mysteriös und dekorativ im Brackwasser und betrachtete kontemplativ das Wasser in ihren Händen. 





Bei einem Straßen-Antiquar fand ich diese schön illustrierte Sammlung von Briefen Jane Austens:



The Illustrated Letters, Selected and introduced by Penelope Hughes-Hallett, 1990

Die Business-Woman schreibt 1814 an Anna Austen: "Walter Scott has no business to write poems, especially good ones. It is not fair. He has fame and profit enough as a poet, and should not be taking the bread out of other peoples mouths. I do not like him, and do not mean to like Waverley - but fear I must..." Austen gibt ihrer Lieblingsnichte Fanny Liebesratschläge, sie lästert mit ihrer Schwester über Verwandte und Bekannte, sie korrespondiert mit Bruder Henry über die bestmögliche Vermarktung ihrer Werke. 

Wir besuchten das Jane Austen House in Chawton, wo die Autorin in der Lebensgemeinschaft mit drei anderen Frauen ihre produktivsten Jahre verbrachte. Seien Sie gewarnt: Wenn Sie an der Bushaltestelle aussteigen, müssen Sie eine Schnellstraße überqueren, ein lebensgefährliches Unterfangen. Kaum aber betreten Sie den kleinen Ort mit seinen reetgedeckten Häusern können Sie sich eine Zeit vorstellen, in der man sich zu Fuß oder mit einer kleinen offenen Kutsche fortbewegte, wie sie im Austen House zu besichtigen ist. Etwas außerhalb des kleinen Ortes, neben der malerischen Kirche, findet sich Chawton House, einer der Landsitze, die Janes, von einem reichen Verwandten adoptierter, Bruder Edward Austen Knight erbte. Zu seinem Besitz zählte auch das im Dorf gelegene Wohnhaus, das er seiner Mutter, seinen Schwestern und deren Freundin zum Wohnen zur Verfügung stellte. Jane unternahm regelmäßig den kurzen Spaziergang zum "Great House" mit seinem weitläufigen Garten, hütete Edwards zahlreiche Nachkommenschaft und nutzte die Bibliothek. 

Seit 2003 beherbergt Chawton House das von Cisco-Gründerin Sandra Lerner gegründete  "Centre for the Study of Early Women's Writing 1600-1830" mit Original-Handschriften und Erst-Ausgaben vieler englischsprachiger Autorinnen. Bei unserem Besuch sahen wir eine spannende Ausstellung unter dem Titel "The Art of Freezing the Blood", die uns die Romane der weiblichen "Gothic"-Autorinnen näher brachte, auf die sich auch Austens "Northanger Abbey" bezieht. Chawton House hat einen wunderschön angelegten weitläufigen Garten, der bei Regenwetter aber auch Gefahren für ältere Besucherinnen bereit hält (s.o.)


If adventures will not befall a young lady in her own village, she must seek them abroad.” 
(Jane Austen, Northanger Abbey)



_____________________________________________________
Reise-Tipp: Wir übernachteten in Winchester im "The Old Vine", einem wunderbar altmodischen Pub mit 5  geräumigen Gästezimmern, die individuell gestaltet sind. Morgens gibt es kein Buffet, sondern Frühstück a la carte (auf Wunsch auch aufs Zimmer) mit fabelhaften, frischen Produkten aus Hampshire. Auch das Dinner können wir sehr empfehlen. 

Mittwoch, 28. März 2018

Trotz und Gelassenheit. London 2018

Während wir unsere Rollkoffer die High Street von Winchester hinunter ziehen, atme ich tief durch. So fühlt sich Ankommen an. Die Straßen sind voll, aber nicht überfüllt, es wird geredet, aber nicht geschrieen, gelaufen, aber nicht gerannt; wir sind draußen, raus aus London, big city, bunt, schrill, vielfältig- also alles, was erwünscht ist durch die "offene Gesellschaft", der sich verpflichtet fühlen soll, wer nicht als Rassist_in gelten will, einerseits, anderseits aber auch: teuer, elitär, abstoßend gegenüber all jenen, die sich das Hektische, Globale und Exotische nicht leisten können oder wollen, die alt sind, krank sind, scheu sind, verklemmt sind, traditionell gebunden sind. Allseits geforderte "Offenheit" , so habe ich - wieder einmal erfahren, fast körperlich - kostet was: Stressresistenz, Angstüberwindung, innere Abhärtung gegen die Zumutungen der Andersartigkeit (vulgo: jene arrogante Gleichgültigkeit, von der schon Simmel im Angesicht der Großstädte des 20. Jahrhunderts schrieb) und vor allem, allem - Geld, Geld, Geld.

London war großartig. Und widerlich. Wir sahen am ersten Abend in Theaterdistrict nahe des Leicester Square das Musical "Girl from the North Country".  Aus der U-Bahn-Station heraus kommend, fühlten wir uns im ersten Höllenkreis: Gedrängel, Geschrei, Geschubse, Gesaufe; Alt-Sachsenhausen an einem Samstagabend hoch 10. Dennoch oder deswegen gilt ein Theatererfolg in UK erst etwas, wenn die Inszenierung es hierher schafft, in den Theater District Londons. Drinnen im Noel Coward-Theater ist dann auch alles wieder ganz anders: zivilisierte Mittelklassemenschen, die sich flüsternd unterhalten. Ich bin kein Musical-Fan. Dieses Stück von Conor McPherson mit Songs von Bob Dylan jedoch schaffte es, mich fast bis zu Tränen zu rühren. Auch Morel ging es nicht anders Bei ihm jedoch wundert das weniger, verehrt er doch Bob Dylan auf beinahe religiöse Weise. Ich war skeptisch, trotz der guten Kritiken, die McPherson Inszenierung erhalten hatte. Denn ich verehre den Barden aus Minnesota so wenig wie irgendeinen. Aber ich erfuhr an diesem Abend, was ich schon geahnt hatte: Dass Dylans Songs weit über ihre pophistorische Bedeutung hinaus tragfähig sind, dass sie Gefühle und Gedanken weit jenseits ihrer biographischen und historischen Verortung transzendieren können, zeitlos gültig und zugleich konkret erfahrbar werdend. Allerdings, so glaube ich, nur dann, wenn sie durch Musiker_innen und Sänger_innen vorgetragen werden, deren Können das des Songwriters übersteigt. So wie an jenem Abend in London, als Sheila Atim "Tight connection to my heart/Have you seen my Love" auf eine Weise sang, wie ich es nie zuvor gehört hatte, oder Sam Reid und Claudia Jolly "I want you" vortrugen, das es einer das Herz brechen konnte. McPherson hatte von Dylan das Einverständnis erhalten, sich aus dessen Songbook frei zu bedienen (man kann vermuten, dass dies von Dylan - leider - keine Geste der Anerkennung ist, sondern bloß der Gleichgültigkeit) und er wählte nicht das Offensichtliche, sondern Songs, die im Kontext der Geschichte, die er erzählt, gänzlich neuen und unerwarteten Sinn entfalten. Die Erzählung ist vor Dylans Lebenszeit angesiedelt, auf diese Weise vollständig befreit von allen biographischen Zusammenhängen, wie McPherson im Programmheft betont. Allerdings wird ein geografisch-historischer Bezug hergestellt: Die Geschichte spielt in Duluth, Minnosata an den Großen Seen, dort wo Dylan aufwuchs. 


Zur Zeit der Depression führt Nick Laine (Game-of-Thrones-Darsteller Ciaran Hinds) dort ein heruntergekommenes Gasthaus, das mit Hypotheken belastet ist. Seine Frau Elizabeth (die grandiose, kleine Shirley Henderson) leidet unter einer psychischen Erkrankung, die sie regredieren lässt. Sohn Gene imaginiert sich eine Karriere als Schriftsteller, Ziehtochter Marianne ist schwanger und will den Vater des Kindes nicht nennen. Verzweifelt kämpft Nick gegen die drohende Obdachlosigkeit seiner Familie. Dass Marianne schwarz ist, von ihren Eltern im Gasthaus einfach zurückgelassen, verkompliziert die Situation noch. Außerdem leben im Gasthaus der Bankrotteur Burke mit seiner Frau und dem zurückgebliebenen erwachsenen Sohn. Eines Abends treffen ein Bibelverkäufer und ein schwarzer Ex-Boxer im Gasthaus ein und verändern die Dynamik zwischen den Bewohnern. Am Ende verlassen alle Nicks Gasthaus und ziehen weiter, in ungewisse und prekäre Lebensverhältnisse. "Girl from North Country" erzählt von den Sehnsüchten verarmter und bedrängter Menschen in einem durch Rassismus und Sexismus geprägten Umfeld. Und Dylans Songs, vorgetragen von einem hervorragenden Ensemble und einer brillanten, im Hintergrund der Bühne spielenden Band werden nicht als Illustration zu den Geschichten der Figuren eingesetzt, sondern bisweilen als Kontrapunkte, Erweiterungen, Dehnungen; sie eröffnen das Sehnsuchtspotential dieser Figuren, das in der erzählten historischen Situation keinen Platz hat, aber ihn hier erhält. In diesem Sinne, der völlig kitschfrei ist, kann man McPherson Stück als romantisch bezeichnen. 

Das Noel-Coward-Theater, in dem Schauspieler-Legenden wie Cary Grant, Vivian Leigh, Laurence Olivier aufgetreten sind, bot dem Stück, dessen letzte Aufführung wir am 24. März besuchten, einen wunderschönen Rahmen. Ärgerlich allerdings, dass man meinte, am Eingang jenes Schild als "Trigger-Warnung" aufstellen zu müssen:



Ein neues "Juste Milieu", das sich hartnäckig weigert, seine eigene zentralistische Machtposition anzuerkennen, sondern sich albern retro-oppositionell gebärdet, verlangt unnachgiebig die Berücksichtigung aller seiner Prüderien in der Öffentlichkeit. Was es mit großer Geste tabuisiert, wird ihm desto härter als Trotzreaktion all jener entgegenschlagen, die sich nicht in seiner Mitte verorten können oder wollen, die auf ihrem Eigensinn, ihrer Sexualität, ihren Normen und Traditionen beharren und dabei von jenem Milieu noch nicht als paternalistisch zu betreuende Exoten entdeckt worden sind. 

Kew Gardens besuchten wir am Sonntag, wie zahllose britische Familien mit ihren kleinen Kindern auch. Zwischen den Narzissenteppichen trotzte ein kleiner Batman, der später unter den "not so vegetarian vegetables", den entzückenden Killer-Pflanzen, aber wieder ganz zufrieden wirkte. Am Eingang zur Bahnstation brannte ein Van aus, was die englischen Sonntagsspaziergängerinnen gelassen zur Kenntnis nahmen. Vergeblich suchte Morel später in den Londoner Gazetten nach einer Erwähnung des Vorfalls. In Chiswick suchten wir fast vergeblich nach Hogarth´ House, das eingeklemmt zwischen zeitgenössisch hässlichen Appartementbauten und einer 6spurigen Stadtautobahn nur schwer zu entdecken ist. Dass der Maler und Grafiker vom Erkerfenster des Hauses einmal auf weite Felder hinaussah, ist kaum mehr vorstellbar. Aber er hätte es sicher vermocht, auch dieser Situation eine satirische Pointe zu entlocken. 

Natürliche Naturfreunde. Harrods Schaufenster
Chiswick, so schien uns, ist der Prenzlauer Berg Londons, nur dass die Schraube noch ein wenig überdrehter angezogen wirkt. Während Viertel wie Chelsea, wo einst Mick Jagger tobte, Vivienne Westwood provozierte und die Hippies die Straßen bevölkerten, jenseits des Sloane Squares, wo die üblichen Edel-Marke-Boutiquen ein kaufkräftiges, aber uninspiriertes Publikum anlocken, wie tot wirkt, vermutlich, weil viele der ausrenovierten Backsteingebäude allenfalls noch als  Zweit-, Dritt- oder Viertwohnsitz genutzt werden, haben sich die wohlsituierten Doppelverdiener mit Kinderwunsch nach Chiswick (oder in ähnliche Stadtteile) zurückziehen müssen, wo eine Familienwohnung allerdings auch nicht unter 800.000 Pfund zu haben ist, inklusive Risse in der Decke und Schimmelflecken überall. Man, so stellen wir uns vor, plagt sich also in der City in einem 50-Stunden-oder -mehr-Job (beide Eltern, ein Gehalt allein finanziert so ein Leben nicht), hetzt sich ab, um die Kinder irgendwo abzuholen, wo sie tagsüber betreut werden, richtet sich prächtige Küchen ein, die man fast nie nutzt, achtet auf organische Klamotten, kauft den Kindern Bio-Eisund fliegt um die Welt, geschäftlich wie  privat. In Chiswick, selbstverständlich, ist man liberal, liebt das Exotische, vor allem kulinarisch und modisch. Die offene Gesellschaft kostet Nerven und Lebenszeit, sie hinterlässt einen gigantischen ökologischen Fußabdruck und tiefe Ringe unter den Augen. Derweil müssen die Putzkräfte, die die halbherzig renovierten Reihenhäuser in Schuss halten, wahrscheinlich drei Stunden mit dem Bus unterwegs sein am Abend in ihre weit außerhalb gelegenen noch schäbigeren Quartiere. 

"A hidden gem" im hektischen London ist die grandiose Wallace Collection, der wir einen ganzen langen Vormittag widmeten. Wie im John Sloane Museum wird hier eine Sammlung präsentiert, die bis zum heutigen Tag den Eigensinn jener ausstrahlt, die sie zusammentrugen. Statt auf weißen Wänden Einzelstücken einen übertriebenen Platz einzuräumen, der ihre Bedeutung überhöht (und sie nicht selten sogar parodiert), findet sich hier ein Zusammenspiel von Möbeln, Sammelvitrinen und eng gehängten Bildern (Schwerpunkte bilden die italienische, französische und niederländische Malerei des 17.- 19. Jahrhunderts). In jeden Raum führt eine kurze Beschreibung über seine Geschichte und Ausstattung ein, Sitzgelegenheiten überall laden dazu ein, die ausführlichen Beschreibungen zur Provenienz und zum Kontext der verschiedenen Artefakte, die in Foldern dargelegt werden, gründlich zu studieren. Don´t miss it.


Wallace Collection London

Wir hatten interessante Tage in London. "Man kann", so schrieb ich 2010 in diesem Blog, London nicht lieben. Wenigstens ich kann es nicht. Aber ich liebte vieles in London." So bleibt es. 

Nun genießen wir den langsameren, gediegeneren Rhythmus, mit dem uns Winchester in Hampshire empfangen hat. See you soon.


Verwandte Links
St. Pancras (2010)
Unterwelt (2010)
Oxford Street (2010)
Über Schönheit: Sehen und gesehen werden (2010)
Rude Britain (2010)
"Taming the Screw" in Coram´s Field (2010)
Abschied von London (2010)

und:

die Serie über die Graphiken von William Hogarth; alles unter dem Label:

Hogarth








Donnerstag, 5. Januar 2017

PROSIT NEUJAHR! Es leben die gottlosen Schurken! Hoch!

Was sind die ehrbaren Leute doch für Schurken.

Emile Zola

Tour Eiffel Januar 2017

Paris, Marais - in einen kalten Nebel getaucht. Und dennoch: Die Place des Vosges bleibt der schönste Platz der Welt. 25 Jahre später. Wiederholten Morel und ich die Hochzeitsreise nicht, die uns über Silvester 1991/92 nach Paris führte, in ein kleines Hotel nahe der Place des Vosges. Wir waren schon vorher öfter gemeinsam in Paris gewesen. Und immer glücklich. Ein billiges Nachtzug-Ticket von Frankfurt/Main aus, Ankunft im Morgengrauen am Gare d´Est, unvergessliche Ausstellungen, halbe/ganze Tage im Kino unter den Hallen, Retrospektiven von Alan Rudolph u.a. Damals.

Wiederholungen funktionieren selbstverständlich nie. Paris indes bleibt Reisen wert. Diesmal mieteten wir uns in eine kuschelige kleine Wohnung in einer Passage nahe dem Centre Pompidou ein. Ein selbst gekochtes Silvester-Gourmet-Menü, das wir nicht einmal zu Ende schafften, so üppig, traditionell und französisch war es:  verschiedene Ziegenkäse auf winterlichem Feldsalat, Entrecote mit Sauce Béarnaise und Pommes frites, zum Abschluss geplant: Tarte Tatin mit Vanilleeis. Dazu Champagner, Sauvignon blanc, ein Likör. Wie gesagt, wir schafften das nicht, ganz.  

Places des  Vosges  Dezember 1991
Und immer wieder: das Marais, touristisch, verschachtelt, jiddisch, prächtig, mondän, verkommen, gentrifiziert. Passt alles. Wunderbar. Es duftete verführerisch in der Rue des Rosier. Wie vor einen Vierteljahrhundert. Und selbstverständlich anders. Eine Stadt der Schauwerte, an jeder Ecke, auch verwundet überall, viele Male schon: die Zerschlagung der alten Viertel durch die gigantischen Boulevards der Spekulanten des 2. Kaiserreichs, Kriege, Besatzung, Deportationen, Anschläge. Auch unsere Passage d´Ancre. Deportiert die Bewohner 1943.  Man erinnert sich der Wunden. Aber man pflegt sie nicht. In Paris. Man lebt. Gut. (So gut es geht.) Und ohne das protestantische schlechte Gewissen. Vielleicht einer der Gründe, warum ich immer glücklich gewesen bin in Paris.

Places des Vosges, Dezember 2016

Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal - ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. ... Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin - anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz - erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet. 


Elegante Frauen unter originellen Mützen durchforsten die Designerläden. Superschlanke junge Herren frieren in halblangen dünnen Mänteln in den Schlangen vor den Museen. Das Gewühl in den Galeries Lafayette wirkt beängstigend, aber die gigantische Dekoration beruhigt: alles wie immer. Hier, im Konsumtempel, fehlen sie allerdings nicht, die Kopftuchträgerinnen in ihrer ostentativen Religiosität mitsamt ihren männlichen Begleitern, anders als vor und in den historischen Museen und kunstgeschichtlichen  Ausstellungen, die stattdessen geduldige Asiatinnen und Asiaten zuhauf anziehen. Auch solche An- und Abwesenheiten an symbolischen Orten setzen Zeichen, werden (vorläufig, vorsichtig) gedeutet von der Besucherin. Es zeigen sich in solchen Beobachtungen gruppenbezogene Interessen und Desinteressen. Selbstverständlich kann man das nicht verallgemeinern. (Denn: Auch Fakten wirken stets diskriminierend. Was jede/r Soziolog_in im ersten Semester lernt. Oh dear. "Facts are such horrid things", wie Lady Susan, Jane Austens geniale post-faktische Überlebenskünstlerin, schon weiß. ...Ich habe Whit Stilmanns "Love and Friendship" noch nicht sehen können, werde das aber nachholen...

Der Besuch im Musée d´Orsay war am Sonntag, dem ersten Tag des neuen Jahres, kostenfrei. (Just in case: Falls eine die soziale Karte zu spielen gedenkt, um kulturelles Kapital zu verleugnen - und zu vergeuden. Diesem Judas wird der Kuss verweigert: Denn es geht ja gerade auch um den Wert (oder die Un/mwertung) kultureller Kapitalvermögen. Und ich gedenke das meinige zu verteidigen: Ein Hoch auf die Verherrlichung des Konsums, den Warenfetischmus samt der ihm gewidmeten marxistischen und postmarxistischen Kritik, auf die Individualisierung des Geschmacks, die guten Weine und regionalen Schweinswürste, sogar auf den auvergnischen Kartoffelbrei mit Käse, der im Magen ungut rumpelt, auf den überteuerten Champagner, die Nackten Manets und die Seerosen Monets, auf die Porträts der Berthe Morisot und die Selbstporträts Claude Cahuns im Spiegel, auf die bösen Witze Oscar Wildes und die wilden und unanständigen Feste des 2. Kaiserreichs (dem eine sehenswerte Ausstellung im Musée d´Orsay gewidmet ist), auf "Soulévements" allerorten und allerzeiten (eine fantastische Ausstellung im Jeu de Paume über kollektive Aufstände, Ausstände, Bewegungen und Emotionen, interdisziplinär, wobei mich vor allem die Fotografien beeindruckten), ein Hoch auf die Neugier,  auf die Lust, auf Tradition, die sich nicht für Gott gewollt hält, und vor allem auf den Zweifel. Vive!


***


Jede Reise begleiten Lektüren. Ich bin noch immer bei den "Rougon-Macquarts" des Emile Zola, die ich schon im Sommer begonnen hatte. Ich quälte mich durch die religiösen Erweckungen und Verstrickungen des Abbé Mourets. Das dauerte. Ich lernte, wie auch aus der Lektüre der Luther-Biographie im Herbst,: den religiösen Fanatismus noch mehr zu fürchten und zu verachten (Das muss sich nicht ausschließen.) Der Spekulant Rougon und der Präsident Rougon, Finanzier und Politiker, dagegen faszinieren mich: ein Panorama, ein Panoptikum von  Figuren und Konstellationen, wie sie aktueller mir nicht erscheinen könnten: die Machinationen des Politischen und der Finanzjongleure, die selbstverschuldete (?) Abhängigkeit der "Massen" von deren Machenschaften, Renditen und Risiken, die Schau der Schausteller und die Verachtung des Realen, der Umschlag: wie die Schau real wird und die Realität zur Darstellung drängt - all das kann Zola zur Anschauung bringen, nicht perfekt, denn er folgt einem "Programm", einer "Theorie", die ihn daran hindert, was er beschreibt, nicht nur zu analysieren, sondern auch zu erfahren. Es hilft (wie meistens): Humor. Der allerdings geht ihm - wie mir - ab, wenn es um den religiösen Fanatismus geht. 


In ehrendem Andenken an  

Stéphane Charbonnier,
Jean Cabut,
Bernard  Verlhac,
Philippe Honoré, 
Georges Wolinksi,
Bernard Maris, 
Mustapha Ourrad, 
Michel Renaud,
Elsa Cayat,
Franck Brinsolaro und
Ahmed Mehrabet,

die am 7. Januar 2015 von islamistischen Terroristen in Paris ermordet wurden;



Clarissa Jean-Philippe,

die einen Tag später von einem Komplizen der Attentäter getötet wurde



und 

Yohan Cohan
Yoav Hattab
Philippe Graham und
Francois-Michel Saada,

die derselbe Mann am 9. Januar in einem jüdischen Supermarkt ermordete.




Sonntag, 31. Juli 2016

"Es geht auch mal ohne Butter..." Serviceteil (random): EMPFEHLENSWERTE RESTAURANTS IN JURA UND PROVENCE

Eine Reise nach Frankreich ist (oder könnte/sollte?) immer auch eine kulinarische Reise (sein). Denn, wie der kürzlich verstorbene Papst der deutschen Restaurantkritik Wolfram Siebeck uns willige, aber weitgehend unerfahrene Esser_innen stets wissen ließ, ist und bleibt die bürgerliche, französische Küche der plumpen deutschen - jenseits der Kochshows und Küchenenthusiasten - überlegen. Darüber lässt sich streiten. Persönlich ziehe ich gute Butter, wie ich schon im Kopenhagen-Post in diesem Frühjahr kundtat, jedem feinsten Olivenöl mit Sonderprägung vor. Und französische Küche erschöpft sich ja auch nicht in der mediterranen, wie wir gleich zu Beginn unserer Reise noch einmal praktisch erleben konnten.

Im französischen Jura (der, beiseite gesprochen, eben jenen welligen, sanften Gebirgstyp vorstellt, den ich, die Mittelhessin, jedem Hochgebirge bei Weitem vorziehe, grad wie es schon Gottsched tat, dem bereits die rauhe Oberpfalz zu unwirtlich erschien: 

"Gehab dich also wohl, 
Du rauhes Pfälzer Land
Dein felsenreicher Grund 
Ist mir nur mehr bekannt,
Bekannt, doch auch verhasst.
Von deinen harten Steinen
Komm ich, gottlob, diesmal,
An, noch mit ganzen Beinen."

Was hätte der gute Mann erst zu sagen gehabt, wäre er, gleich mir, unterhalb des Croix de Provence in brütender Hitze um die karstige Montaigne St. Victoire  über Schlagloch versehrte Straßen gerumpelt? Doch: Ich schweige hierüber, wohl ahnend, dass eine Horde den Süden, die Hitze, das Olivenöl und die hohen, zackigen Berge fanatisch Liebender sonstens über mich herfallen würde.) ---im französischen Jura also stießen wir, geleitet von unserem Navi auf jenes abseits gelegene Saint-Amour mit dem schönen Namen und stiegen im St. Augustin ab, einem kleinen Hotel, das in einem ehemaligen Kloster komfortable modernisierte, wenngleich kleine Zimmer anbietet. Angeschlossen ist ein Restaurant, wo es - im besten Sinne - gutbürgerliche, regionale Küche - zu genießen gilt. Als Vorspeise hatten wir an jenem Abend ein üppiges Gratin mit Krebsfleisch und Klösschen, die in einer reichhaltigen, sahnigen Safransoße schwammen. Das war delikat - und magenfüllend. Morel versuchte sich hernach (zum ersten Mal im Leben) an Froschschenkeln. Sie wurden in Butter und Petersilie gebraten serviert. Ein Einmal-Händeputzen-ZitronenTüchlein war gleich beigelegt. Morel schwärmte hernach von der Zartheit des Froschfleisches. Weniger mutig hatte ich Bresse-Huhn in einer Sahne-Morchel-Soße bestellt, das gut war; für mich allerdings doch ein wenig zu mächtig nach der Vorspeise.

Froschschenkel in Petersilienbutter
Im Süden dann versorgten wir uns weitgehend selbst in unserem Ferienappartement in der Nähe von Aix. Die französischen Supermärkte, in denen wir einkauften, erschienen uns dabei - anders als vor Jahren jene in der Toskana - nicht mehr Qualität zu bieten als hiesige vergleichbare, auch nicht, was die Auswahl und die Frische des Gemüses angeht. Aber vielleicht fanden wir auch einfach nicht die richtigen. Auf den Wochenmärkten indes war die Auswahl gigantisch; Augen, Ohren, Nase wurde viel und Unbekanntes geboten. 

Restaurants besuchten wir nur während unserer Ausflüge, dann jeweils zur Mittagszeit, und immer nahmen wir das "menu du jour", meist jedoch auf zwei Gänge reduziert (meistens kann man wählen zwischen Vorspeise + Hauptgang bzw. Hauptgang + Dessert). Unsere Auswahl trafen wir zufällig, ohne vorher Reiseführer oder Internet-Empfehlungen zu konsultieren. Trotzdem wurden wir nie wirklich enttäuscht (außer vielleicht ein wenig in Avignon, wo uns der starke Regen ins erstbeste Lokal an der Ecke trieb).

Le Plaza Le Paillotte, Arles
In Arles mieden wir das Café La Nuit und die angrenzenden Restaurants an der Place du Forum, die auf der Van-Gogh-Touristen-Welle schwimmen. Wenige Straßen weiter stießen wir auf Le Plaza La Paillote, wo ich die beste Gazpacho gegessen/getrunken habe, eiskalt, intensiv tomatig, mit frischen Kräutern gewürzt. Wunderbar. Auch die Hauptgänge (Dorade bzw Huhn) waren aromatisch provencalisch gewürzt und schön präsentiert. 

In St. Remy-de-la-Provence aßen wir im L´Aille ou La Cuisse, dessen Auslage an verführerischen Nachspeisen in der Vitrine im Eingang uns anzog. Trotzdem verzichteten wir dann auf ein Dessert, was sich als goldrichtige Entscheidung erwies. Denn als Vorspeise servierte man uns in Einmachgläsern delikaten Ziegenfrischkäse mit Früchten, Salat und Schinken. Als Hauptgang gab es Parmentier. Zu Hause verstecken wir unter der Kartoffelkruste meist Estragonhuhn. Hier war es ein Rindfleischschmorbraten, so zart, das die Stücke von der Gabel fielen.

 L´ Aille ou La Cuisse, St. Remy

In Aix speisten wir, erschöpft von einem vor allen Dingen Morel verdrießlich stimmenden Film über Cézanne, der kein fades Unverstandener-Künstler-Genie-Klischee ausließ, im zartblau dekorierten Salon-Café des brandneuen, privat finanzierten "Artcenters" des Hotel de Caumont. So doof der Cézanne-Huldigungsfilm ist, so kitschig die Artikel im Souvenir-Shop, so sehenswert ist die Ausstellung "Turner et la Couleur", die gegenwärtig (bis Mitte September) dort gezeigt wird. Das Café bietet zur Mittagszeit eine Auswahl an ambitioniert präsentierten Salaten, die nach Operntiteln benannt sind. In Frankreich muss einmal Foie gras sein, finde ich, also bestellte ich eine Variante mit ebendieser. Die Salate des Cafés sind teuer, sehr frisch, gut abgeschmeckt und originell kombiniert. 

Retro-Tankstelle, voll funktionstüchtig, St. Remy


Fast immer passt der regionale Rosé zu den leichten, sommerlichen Mittagsgerichten. Wir testen uns noch durch eine Auswahl, die wir eingekauft und in den heimischen Norden mitgenommen haben. Zuletzt, vor der herrlichen (wenn auch nicht meinem Geschmack, s.o., entsprechenden) Kulisse der Montaigne St. Victoire von der Südseite aus, besuchten wir die Domaine Richeaume, auf deren roterdigem Boden die deutschstämmige Familie Hoesch seit 30 Jahren biologischen Weinbau betreibt. 

Eine Food-Bloggerin wird aus mir nicht mehr, stelle ich fest. Ich esse gern. Am liebsten gut. Aber mir fehlen, grad wie beim Wein, meist die Worte, um einen Geschmack genauer zu beschreiben. 

Und ich bleibe, im Großen und Ganzen, ein nordisches Gewächs: Es darf schon mal Olivenöl sein, gutes selbstverständlich. (Gute) Butter bleibt mir lieber. Auch zu einem Croissant :-).