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Montag, 24. Dezember 2018

Revisited: "Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen". Version Dezember 2018 Teil 1

Wir dachten öfter an Heilmann im vergangenen Jahr 2018 n. C. Denn Heilmann blieb sterblich, wie wir, obwohl  er die Jahrhunderte durchreiste. Sein Schmerz beim Verlust seines Sohnes...Wir ahnten das damals nur. Heilmann sollte erzählen, stattdessen hatte er sich ausgeschwiegen. In den Rauhnächten, hoffen wir, werden wir die Melusine singen hören - und Heilmann könnte sich melden, erneut, aus dem Süden, vermutlich... 



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PROLOG

Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht, an Zeit und Raum indes ist sie nicht gebunden. Wir brauchten also einen Erzählers, um zu übersetzen: wie sie die Jahrhunderte und Kontinente durchstreifte, die Ozeane der Erde ihr Bassin nannte und jenen immer fand und immer verlor, dessen Antlitz ihr in der Tiefe verkündet worden war. 

An dieser Stelle kommt Heilmann ins Spiel. Noch ist er eine blasse Gestalt im verschatteten Eck des Raumes, fast mit der Wand verschwimmend. Wir ahnen nur, dass er zierlich ist, dass er kein Aufsehen erregt und manchmal sehen wir ihn, den so scheinbar Gelassenen, nervös seine Brille putzen. Heilmann weiß. Seine traurigen Augen sind es, denen Melusine folgte. Durch die blaue Tür. Hinter der Heilmann ihr zeigte, wer sie war. Oder zu sein vorgab. Wo das Wissen war, dass sie fürchtete, mit gutem Grund. Es wird nicht leicht sein zu verstehen, was zwischen Heilmann und Melusine geschieht. 

Ich möchte ihr manchmal zurufen: Sei vorsichtig. Doch sie geht einen Weg, der weiter und tiefer als jeder ist, den ich kenne. Sie schreibt mich, nicht ich sie. Und Heilmann, dachte ich zunächst, ist es, der die Feder führt. Aber so stimmt es nicht. Heilmanns Beitrag ist nicht lenkend. Heilmann lässt....Warten wir ab.


FEIER DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT (Abschied vom Fischschwanz)

Es war Monate her, seit Melusine Heilmann zuletzt gesehen hatte. Sie betrat mit der  Prinzessin am Arm die kleine Buchhandlung durch den Seiteneingang, den Heilmann ihr im Februar gezeigt hatte. Hinter einem offenen Holzverschlag öffnete sich vom Trottoir aus uneinsehbar eine Holztür, deren blauer Lack in breiten Placken absplitterte. Den Schlüssel verbarg Heilmann in einem Säckchen mit Reparaturwerkszeug, das an die Klinke gebunden war. Die Prinzessin gelangte auf diesem Weg direkt in die Küche, die Heilmann sich im Hinterzimmer eingerichtet hatte: zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine auf einem wackligen Campingtisch, in der Mitte des Raumes ein klobiger, verkratzter Eichentisch. Heilmann lehnte im Durchgang zur Buchhandlung, den Kopf lauschend zur Seite geneigt, als warte er tatsächlich darauf, dass die Türglocke den Eintritt eines Kunden ankündigte. Am Holztisch saßen die Avatare: Robert Werner, dessen Blondhaar immer noch füllig aus der Stirn gestrichen war, die graue Edith Achter, die sich mit Fleiß alle Farbigkeit aus Kleidung, Wangen und Haar getilgt hatte und  Krister Bergmann, der leise rhythmisch aus seinen Fettschichten heraus schniefte. Der Tisch war voll gestellt mit Kuchen- und Keksschachteln, Chipstüten, Wein- und Wasserflaschen, zwei Jägermeister-Fläschchen und einer geblümten Kaffeekanne. Heilmann hielt eine Weinflasche direkt in der Hand, Edith einen Kaffeepott im Schoß, Werner und Bergmann hatten Rotwein in Zahnputzbechern, auf denen „3x täglich“ stand, vor sich stehen. Sie saßen bewegungslos da und schwiegen. Keiner schaute auf, als die Prinzessin und Melusine hereinkamen. Falls Heilmann durch eine Bewegung der Weinflasche ein Signal des Erkennens von sich gab, war es so dezent gesetzt, dass es kaum bemerkt wurde. 

Ich suchte seinen Blick. Er schaute an mir vorbei auf Bergmanns Hand am Becher. Warum hatte er Bergmanns Fettschichten zwischen uns getürmt? Ich spürte, wie sich die Prinzessin an meinem Arm verkrampfte. Rasch schob ich ihr einen leeren Stuhl unter den Hintern, bevor sie loslegen konnte. „Setz dich doch.“ Das stoppte sie jedoch nur kurz. „In eine redselige Runde sind wir hier geraten.“, stieß sie, jetzt sitzend, hervor. Bergmanns Fettschichten wogten sanft. Heilmann setzte die Weinflasche an den Hals. Edith nahm einen Schluck aus ihrem Pott. Mir wurde klar, dass ich die Prinzessin hätte warnen müssen. Sie klopfte mit dem Absatz auf den Boden: "Ist da jemand?" Werners Mundwinkel zuckten. Noch immer konnte ich Heilmanns Blick nicht finden. Edith dagegen starrte mich an. Ihre Miene drückte Missbilligung, beinahe Hass aus. In dem Moment gab ich ihr Recht. Wir hatten hier nichts zu suchen. Die Prinzessin aber gab nicht auf: "Könnt ihr nicht reden? Seid ihr stumm?" Werner ließ sich zu einem: "Nein" hinreißen und Bergmann fragte tatsächlich: "Wollen Sie was trinken?". "Ja, gerne", antwortete die Prinzessin, als seien wir beim Kaffeeklatsch. "Eine Tasse Kaffee hätte ich gerne." Heilmann löste sich von der Wand und machte sich an der Kaffeemaschine neben den Kochplatten zu schaffen. Edith knallte ihren Pott hörbar auf den Tisch. "Scheiße", murmelte Heilmann. Er hatte das Kaffeepulver neben den Filter gegossen und eine Riesensauerei veranstaltet. Mit der Hand wischte er ein wenig vom Pulver auf den Boden.  Er sah Edith hilfesuchend an, doch die ignorierte ihn. "Kein Problem", sagte ich, "wir nehmen auch gern ein Glas Wasser." "Ist Kaffee aus?", fragte die Prinzessin, die noch nichts von dem Malheur mitbekommen hatte. "Ja, ja", sagte ich , schüttete ihr ein Glas ein und drückte es ihr in die Hand. "Melusine", rief sie jetzt, "sind wir in ein Kulturkrematorium geraten?" Edith verdrehte angeekelt die Augen. "Azar, bitte", flüsterte ich verzweifelt. "Darf man hier nur flüstern?", fragte die Prinzessin unverschämt in die Runde. "Schreien Sie ruhig ein bisschen rum.", antwortete Werner. Er zumindest amüsierte sich köstlich. Heilmann hatte sich neben mich gestellt und berührte mich am Ellenbogen. Die Prinzessin nahm Werners Antwort zum Anlass einen persischen Liebessang anzustimmen: melancholisch, schwülstig, schwer. Edith sagte laut: "Bei soviel erotischer Verlorenheit muss ich kotzen." Die Prinzessin ließ sich davon nicht irritieren. Heilmann zog mich zwischen die Philosophie-Regale in der Buchhandlung. "Was hast du dir dabei gedacht?", zischte er mir ins Ohr. "Du hast mir sehr geholfen.", antwortete ich. "Ich wollte dir danken, bevor..." "Undine geht..." "Melusine, Heilmann, diesmal ist es eine Melusine." Heilmann nahm die Brille ab. "Sie geht..." "Der Schwanz ist ab, Heilmann. Ich muss jetzt auf den Füßen laufen." "Es wird wehtun an den Sohlen." "Das hätte ich wissen können. Es war ein Irrtum." "Eine Illusion; das ist etwas anderes." "Das stimmt. Das habe ich gelernt. Unter anderem." "Warum hast du sie mitgebracht?" "Die Prinzessin aus dem Morgenland? Weil eine Melusine ohne Fischschwanz eine andere Frau braucht." "Du glaubst, an ihrem Arm könntest du zur Vordertür hinaus." "Und bliebe im Fenster zurück. Ja." Für einen Moment glaubte ich in Heilmanns Augen die Trauer zu sehen, derentwegen ich im Februar durch die blaue Tür gegangen war. "Das Kind..." "Kann dich von der Last nicht befreien, Heilmann. Du legst ihm zuviel auf." Zwischen den Regalen hatte Heilmann eine Pinnwand befestigt, an die er Fotos gesteckt hatte: sein Junge und er vor der blauen Tür. "Unsere Kinder: Sie leben...aber nicht uns fort, Heilmann. Vater sein heißt, überlebt zu werden. Und damit einverstanden sein." Er nickte. "Ich weiß." "Leb wohl", sagte ich und drückte seine Hand. Sie war fest und warm. Edith klapperte inzwischen immer lauter wütend mit dem Geschirr gegen den Gesang der Prinzessin. Bergmann kicherte. "Schaff sie weg.", sagte Heilmann. "Sonst geschieht hier noch ein Unglück." Ich nahm die Prinzessin am Arm, die ohne Unterlass weitersang, stieß Heilmann beiseite, der ein Philosophieregal mit sich riss und schritt im Lärm der polternden Kants, Heideggers, Foucaults, der dröhnenden Beats und des persischen Flehens, die Prinzessin am Arm, durch die Vordertür aus dem Laden. 

Als Melusine und die Prinzessin sich umdrehten, sahen sie hinter dem spiegelnden Schaufensterglas den schimmernden Körper einer Meerjungfrau liegen. Sie wussten genau, dass sie nicht dort gelegen hatte, als die Prinzessin und Melusine vor 40 Minuten aus dem Taxi vor Heilmanns Buchhandlung gestiegen waren.


Edith Achter

Edith war, ähnlich wie Melusine, unvermittelt in Heilmanns Leben getreten. Er hatte aus Gründen, die jetzt nicht mehr nachvollziehbar sind, im Juni eine Reise ins Westfälische unternommen. Das Verhältnis zu Melusine war zu diesem Zeitpunkt abgekühlt. Mit Edith, dachte Heilmann zunächst, hatte er das große Los gezogen. Denn Waise Edith, schwungvoll aus den Bodelschwingh´schen Anstalten getreten, gab sich schlagfertig und wortwitzig, wo immer sie auftauchte. Da aber lag auch das Problem. Heilmann bemerkte es leider zu spät. Edith war einfach immer da. Und sie musste immer das letzte Wort behalten. Ihr letztes Wort war nicht selten gewandt. Jedoch wusste es kaum einer mehr zu goutieren, da Edith, bis es fiel, alle zum Verstummen getrieben hatte. Denn Ediths Witz erschöpfte sich und andere darin, gehässig niederzumachen, was sie selbst nicht aufzubauen verstand. Leidenschaftlicher Hass entzündete sich bei Edith, wenn sie bei anderen ein Gelingen wahrnahm. Dabei ging es ihr nicht plump um Karriere, Gewinn, Sieg. So wenig subtil war Edith nicht. Sie ahnte und witterte das Gelingen auch dort, wo es nicht triumphierte: darin dass andere einander verstanden oder sich doch erfolgreich die Illusion des Verstehens wechselseitig zu verschaffen wussten. Aber auch wenn es einem gelang seiner Befangenheit, seiner Angst, seinen Qualen Ausdruck zu verleihen oder sich umgekehrt in seine Lust zu steigern, einen tollen Lauf zu nehmen, ausufernd sich zu verschwenden, wurde Ediths Missgunst bis zum äußersten gesteigert. Sie, allerdings, rechtfertigte ihr boshaft-selbstzertörerisches Dreinschlagen damit, dass sie die Wahrheit enthülle, das Profan-Hässliche unter der Schminke der Poesie freilege. Edith, soviel muss gesagt sein, war schön. Sie hatte es, dachte man, dachte auch sie, nicht nötig sich zu schminken. Jedoch nötigte ihre Unfähigkeit, lebendig zu sein oder auch nur das Lebendige zu dulden, sie, immer eine Maske und ein enges Korsett zu tragen. Gerade das hatte zu Beginn auf Heilmann sexy gewirkt. Doch war dies Empfinden längst dem Grauen gewichen, das Ediths steter Kampf gegen das Leben in ihm inzwischen auslöste. Dennoch kamen sie voneinander nicht los. Sie wollte, was in Heilmann lebendig geblieben war, abtöten, während er sich seine verbliebene Virilität und Vitalität in der Abwehr von Ediths Attacken stets aufs Neue bewies. So war er dazu übergegangen, auf Ediths Anwesenheit mit dem Erscheinen von Bergmann zu reagieren, dessen ungeheure Fettmassen ihr einerseits Anlässe boten, an denen zugleich ihre Verbissenheit jedoch kaum Spuren hinterließ.



Im Mai, kurz vor Ediths erstem Auftritt, hatte Melusine erstmals eine Nachricht aus Moskau erhalten, kryptisch, die weiterzuleiten sei an Heilmann, wie ihr bedeutet wurde. Ihr Verhältnis zu Heilmann zu bestimmen, war ihr zu diesem Zeitpunkt gänzlich unmöglich. Sie waren einander, nachdem er ihr im Februar den Weg durch die blaue Tür gewiesen hatte, auf seltsame Weise nahe gekommen und doch sehr fern geblieben. Der kleine bebrillte Mann, der so auffällig bemüht war, keinen Raum einzunehmen, wirkte dennoch stets eigentümlich bedrohlich auf sie. Was sie erlebt hatte hinter der blauen Tür, sog sie unwiderstehlich an. Zugleich erhob sich gegen das Wissen, das wie ein Blitz gelegentlich in Heilmanns traurig verschatteten Augen auffunkelte, wenn er die Brille abnahm und sie durchdringend kurzsichtig fixierte, heftigste Abwehr. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie notwendig nicht wissen müsse, um weiter den Weg durch die blaue Tür nehmen zu können. 

Melusine zu sein, offenbar, hing unmittelbar daran, an Heilmanns Tür zu glauben, also die Realität zu leugnen. Umgekehrt mussten Vorkehrungen getroffen werden, wie wieder hinauszukommen sei aus Heilmanns Laden. Denn Melusine, das darf man nicht vergessen, trug einen Fischschwanz. (Darum auch hatte Heilmann sich bei der ersten Begegnung so tief zu ihr hinab beugen müssen, weil sie diesen vor den neugierigen Blicken der Besucher durch eine über die vermeintlichen Beine gebreitete Wolldecke verbarg,  was bei einer Rollstuhlfahrerin im kühlen Februar nicht weiter auffiel. ---Doch von jener Begegnung ein andermal mehr.) Heilmann reagierte auf die erste Moskauer Nachricht gar nicht. Sie verstand das nicht, wiederholte die Meldung jedoch nie. 

Vielleicht, so dachte ich, war es ein Missverständnis, die Nachricht für ganz jemand anderen gedacht, weder gerichtet an Heilmann noch durch mich zu überbringen. Doch wiederholte sich das seltsame Geschehen. Die Verbindung zu Heilmann indessen war im Juni abgebrochen. Ich  ließ es auf sich beruhen. Hoffte erneut, es wolle sich nur jemand lustig machen, denn es war nicht verborgen geblieben, dass ich mit Heilmann in Kontakt gestanden hatte. Auch Edith, gebe ich zu, hatte ich kurzzeitig in Verdacht.

Doch setzte die Moskauer Verbindung sich unerwartet fort. Seit Tagen rumorte der Städtenamen in mir. Ich kramte Walter Benjamins „Moskauer Tagebuch“ aus dem Regal, las noch einmal Rainald Goetz´ Erzählung „Moskau“, durchstreifte die „Ästhetik des Widerstands“ nach Aufenthalten in Moskau. Und stieß schließlich auf das Verdikt gegen den sozialistischen Realimus: „Der Kampf um unsere Kunst muss gleichzeitig ein Kampf um die Überwindung des Hangs zur Kleinbürgerlichkeit sein.“ Dann traf gestern wieder eine Nachricht aus Moskau ein, weiterzuleiten erneut, wie es hieß, an Heilmann. Ein Bild diesmal nur. Unbegreiflich. Denn ich bin sicher: Dies Bild zeigt keinen Moskauer Himmel



Doch es kamen im Herbst keine neuen Nachrichten aus Moskau. Drohend braute sich ein Schweigen zusammen. Der Code ist verbrannt, wurde behauptet. Was ihr jedoch keiner mehr nehmen konnte: Eine hatte von Anbeginn an Pierre geliebt, dessen Eintreten im Gesicht der Fürstin „Unruhe und Furcht“ auslöste, eben deshalb. Der andere dagegen rief sie versehentlich "Natascha" einmal, als sie sich im Schnee wälzte. Die Namen vergingen. Wir wollen, beschworen sie einander ein andermal, nicht mehr daran denken, dass Moskau brannte. Doch die Flammen züngelten  lichterlohins Gebälk, als sie sich im Schlittengeläut umwandte. Sie fühlte das nun. War dort als im kalten Winter vor Moskau die Große Armee erfror. Die sich zurück schleppenden halbverhungerten Burschen aus dem Rhonetal überfielen dann wildgewordene Freischärler an der Oder. Eine Leiche am Ufer des Flusses mit durchlöcherten Socken. Melusine wird den großen Zeh, der bläulich ins Morgenlicht ragte, sehen, solange sie denken kann.Dort am Ufer fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet und wie im Märchen „duftete ihnen plötzlich jenes vergessene Glück entgegen, an das sie nicht mehr gedacht hatten, namentlich jetzt nicht.“

Ein anderer aber schrieb neunzehnhundertachtzig von Moskau aus: Solange ich denke, schrieb der, solange ich denke also, bin ich nicht, nein, bin ich nicht absolut vernichtet. Was aber heißt: ich denke? Unser Lehrer Klaus schrie voll Inbrunst: Ihr denkt doch nur, dass ihr denkt, schrie der uns an. Das leuchtete mir ein. Den verehrte ich tief, bis ich eines Tages auf seine Hände sah. Es war, als habe er gelesen: „Nüchternheit ist Lebensnorm.“ Da traute ich ihm nicht mehr. Denn richtiger war: „Bin nicht Logik, sondern fehlerhafte Suche.“ Das machte mich irre.

Letztlich geht es doch immer nur um die Frage: „Ist Revolution auch gütig denkbar?“ Das wurde verneint, dachte sie. Ein Versuch, ein Experiment, die Hoffnung, dass aus dem Bunker das Schmerzgeschrei sich befreit und zum revolutionären Gruß wird, Brüder und Schwestern. „Die Nacht auf dem harten Bette verlief ganz gut.“ Ausweichmanöver führten auf Abstellgleise. Bern. Brüssel. Paris. Spree Athen. Überall rührte sich die Humanität nur  verpelzt. Wir müssen lernen, die Winter nackt zu überstehen, sagte Edith und hakte sich unter. Heilmann bestand darauf, dass er ein Kind von ihr haben wolle. Das war nicht bedeutungslos. „Kein Kind also“, sagte Edith. „Denn deine Hand zittert. Nimmst du Hasch?“

Im Hotel Lux boten die Ratten ´42 alles an. Grünlich schimmerte Gaslicht über die Flure. „Wie konnte es dich zu jener Zeit nach Moskau verschlagen ?“, hatte er gefragt, die Lippen zusammen gezogen wie ein verhungernder Kater. Er freute sich nicht, sie hier zu sehen. Auch Moskau liegt am Meer, hatte sie geantwortet, wusstest du das nicht? Heilmann hatte die Achseln gezuckt.  Nun ja, die Kanäle... Sie war in diesem smaragdfarbenen Fetzen um ihn herum geschwebt und hatte gerufen: „Die Phantasie lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.“ Heilmann hatte ihr den Mund zuhalten müssen. Jeder verrät hier jeden. „Ich muss“, klagte er, „zweiundvierzig Fragen beantworten, Melusine.“ „Was rät die Partei?“, fragte sie, da hätte er sie beinahe geschlagen.

Von Moskau sprach Melusine daher nicht, als sie Heilmann nach einem halben Jahrhundert in Berlin wieder traf. Später bereute sie das. Was wäre geschehen, wenn sie zusammen ans Fenster getreten wären, hinaus ins Schneegestöber zu schauen? Durch Heilmanns blaue Tür gegen das Rekonstruktionsbegehr und die Zeitkontrolle hätte in den Berliner Oktober der Moskauer Schnee des Jahres 1926 fallen können. Doch Heilmann, wusste sie, sonnte sich gerne im Süden. Im Januar 27 aber „herrschte herrlich warmes Wetter“ in Moskau. 

Ich hätte Heilmann erzählt, was ich dort noch gedach hatte: „Ich bin ja ganz passiv.“Er habe darauf geantwortet, er sei sich sicher, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf ein Unsinn wäre. So hätten, dachte ich, wir an den See hinausfahren können, um auch die Seelen zu untersuchen. Doch hört sich gerade das in meinen Ohren ganz falsch an. Alles sei möglich, hatte Heilmann gesagt. „So lag der See da, tief in sich versunken, sanft und erschöpft.“ Moskau, wusste ich mit plötzlicher Gewissheit, ist auch keine Methode.

Mittwoch, 2. März 2016

ENTSAGUNG. ENTSAGUNG. ENTSAGUNG ("Ich will mich im Eis ertappen.")

20. Folge von "Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen"






"Dem Nordmeer entgegen", so hatte sie geschrieben, die Schwesterliche. Das Fischweib in seine Kälte entlassend, schwimmend. Kein Ufer nirgends. Heilmann derweil, sich übergebend, am Boden, vernichtet, nach jener Nacht in der Fabrik der Engel, als er den sterblichen Sohn zu retten versuchte, durch das Opfer der Mutter. (Doch: War nicht längst geschrieben worden, anderswo: "Das Mutterhaus steht leer. Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band." Eine aber schrie, immer weiter, wieder: "Nein!")  

Schließlich allerdings wäre auch diesmal beinahe alles wie immer gewesen, nur weniger tragisch, mehr Soap Opera. Er hätte, zweifellos, sich berappeln können, ein weiteres Mal, den hellen Anzug aus dem Schrank nehmen, die Brille zurechtrücken, das Strohhütchen auf den Kopf drücken und an Bord eines weiteren Schiffes gehen als Lebemann (wie einer ihn missbilligend einmal nannte) oder auch, nicht ohne Ironie, als das ewige Seufzen der gepeinigten Kreatur (?), die sich nicht erlösen kann. Und weiter im Text...Warum nicht? Es rumpelte alles dahin. 

Doch dann kamen die Briefe. Diese Drohungen, die du der Schreibenden sandtest, als sei sie nicht Melusine, Drachenweib, fischig, sondern eine säugetierische Mutter, beheimatet in jener wirklichen Wirklichkeit, an die wir mit Gründen nicht glauben. WIR. Sie und Du, Heilmann, zu dem sie dich gemacht hatte: Heiler. Seher. Wissender. Doch machtest du dich klein mit deinen Worten, den ach so poetischen. Begannst die Geschichte in Geschichten zu zerlegen, wolltest ein Mann sein und HERR zugleich, als sei das möglich, ohne aus der Geschichte zu fallen. Wolltest lieben, Heilmann, du, und eine nur, eine nur, eine nur, als seist du nicht der Zampano, dem sie, nur sie, nur sie das Leben einhauchte, damit du es weiter küsst und küsst und küsst, der Nächsten und Nächsten und Nächsten ein und wiederum...:


"Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen

Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen."


Wir waren nicht gemacht, Heilmann, für diese Story, die du dir erfandest, den Schmachtfetzen, die Geigen im Hintergrund, klagend:

Entsagung, Entsagung, Entsagung...

Ach hätten wir es vermocht, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch vom Künftigen zu sprechen, sondern uns nur im Gegenwärtigen zu begegnen. Alles wäre noch einmal gut gegangen. Das war der Pakt, den wir brachen. 

Und dann deine Wut. Die Hiebe, die blutende Faust. (Meine Gewaltphantasien. Ich gebe das zu.) Keinen könnte ich lieben, dem ich nicht etwas Dunkles andichtete. (Dark Knight Darcy.) So viele Klischees haben wir aufgerufen, bevor du dir im Ernst und wirklicher Wirklichkeit die Pulsadern schlitztest. Oder zumindest damit drohtest. (Denn in der wirklichen Wirklichkeit, Heilmann, bist du ein Feigling. Wie ich.) Das Geschäft der Nixen hättest du auch mir überlassen können. Ich hätte dich tot gekitzelt. Denn ich war immer schon mehr für Komödie als für Tragödie als du. 

Warum konntest du nicht verstehen, was das Opfer ist? Eine Fiktion, die wir nicht übersetzen sollen in unsere Körper, sondern auf dem Papier stehen lassen. Weil wir niemanden mehr zerstören müssen. Weil wir ertragen und weiter tragen, dass wir nur Projektionen sind. So, nur so, konnten wir einem jedem und einer jeden eröffnen, was sie zu erfahren wünschten und zu ertragen vermochten. Warum hast du das vergessen?

Wenn du doch einmal schweigen könntest, Heilmann, statt jedes Gefühl zum Anlass zu nehmen. Du bist, warst immer, - die Melusine wollte sich nur drüber täuschen - , ein bloßer Fetischist, Heilmann: Das Wort betest du an und alles, alles wird dir nur wahr, wenn du es aussprichst. Wie sehr wünschte sie sich, dass du einmal für dich behieltest, wie innig du begehrst, wie tief du gefallen bist. Wenn du einmal, einmal nur wärest, statt dich entwürfest. 

Könnten wir dann zusammen zurück an den uferlosen See? In die Tiefen der Erscheinung, blaugrün, wie die Tür, durch die du sie führtest vor Jahren? 

Es zieht uns immer an Meer, beide. Doch wir verfehlen uns. Du suchst die Sonne, deren Schein die Oberfläche des Wassers erwärmt. Den schwitzigen Leib ins kühlende Nass stürzen von einem südlichen Strand willst du. Mich zieht es nach Norden. In die Fjorde. Durch meine Adern fließt ein anderer Saft. In der Sonne staut er, verdickt. Ich will mich im Eis ertappen. 

Es ist alles vergebens, vergeben. Es bleibt uns bloß noch, uns selbst zu zitieren:

Ich küsse mein Leben in dich. Marter-Mann. 

Montag, 6. Juli 2015

Die Last der lauen Tage (oder: "I want you so much I could burst")


Wie tief er getaucht war, der dunkle Tom ("Your turn, my turn."). Ich dachte schon, ich könnte ihn nie wieder spüren: Um zu schreiben von dieser düsteren Liebe, die die Ehe beinahe sprengte und das kleine Glück am See zerstörte...:"He told me he could feel me. It made me feel myself again." All die Projektionen, die sie mit Liebe verwechselte: Anne/Armgard. Und in ihrem Schatten die Melusine, durch den See gleitend, dessen Oberfläche sich nur leise kräuselte. Es kräht kein Hahn danach, wenn es der das Herz zerreißt.

Was ich nicht leben kann, werde ich schreiben. Fing das so an? Wir hatten die Blicke vermieden, die uns entlarven könnten, einander vor allem. Was zum Schreiben führt, ist die Entsagung, das Versagen der Liebe. Das habe ich nie glauben wollen. Es muss doch auch vom Glück zu berichten sein. Aber jedes noch so eingebildete und herbei phantasierte Unglück wirkt glaubwürdiger. Ich kann mir das suggerieren. Als Ausflucht bilde ich mir ein, dieses jubelnd-heulend-zitternd Herz sei meine eigene Erfindung. Wir Schreibenden leben den Wahn, die Herrinnen unserer Geschichten zu sein, bis wir ihnen erliegen. Ich schmiege mich nächtens in die Kissen und träume von ungeküssten Küssen. Ein neues Kapitel der Ehe-Saga entsteht zur Zeit, ein Selbstgespräch der Sünderin unter den Wolken, die sich im See spiegeln: "Sometimes I want you so much I could burst..." 

Seitenaufrufe im Counter, die mich zurückführen an die Anfänge des Bloggens: "Der Freund meiner Freund ist ein Filou." Das Gespräch im Kommentarstrang mit Cazou: Frauen, die sich in den Sänger vergucken, Frauen, die auf den Leadgitarristen stehen, Frauen, die dem Bassisten verfallen, Frauen, die dem Drummer schöne Augen machen. Muster des Verliebens, die keinen Sinn machen, aber Wellen schlagen. (Ich sollte es mal mit einer reinen Frauenband versuchen.) Oder: Können eigentlich auch Nicht-Narzissten verzücken? Der grobe Charme der Selbstverliebten, dem wir erliegen. Wieder und wieder und wieder. Mir hatte es immer schon der Solist angetan, der die Augen niederschlägt. Kein Blick ins Publikum. Selbstgefangen. Unbefangen. Unfangbar. 

Ich habe noch nie den Anfang gemacht. So altmodisch bin ich. Lasse ich Anne sein. Der dunkle Ritter muss sie überfallen: "Das aufgescheuchte Wild". Ich arbeite an der Perspektive. Seiner. Ein Mann, der weiß, dass die Frau, die er will, nicht erobert, sondern überwältigt werden will. Woher weiß er das? Die Art, wie sie ihn nicht ansieht. Das Flattern ihrer Hände auf halber Höhe. Die linke Schulter, wie sie verkrampft. Dass sie ihn immer sieht und immer ausweicht. Er scheint nur so selbstbewusst. So ist er noch nie vorgegangen. So planlos. So rabiat. So verzweifelt. "I want you so much I could burst..."

Während ich schreibe, haben die Griechen mit NEIN gegen die Austeritätspolitik gestimmt, ist Jannis Varoufakis, der erste gut aussehende Finanzminister Europas (eine Sänger-Rampensau, nicht mein Beuteschema, also), zurückgetreten, hört man seit Tagen nichts aus der Ukraine, wo weiter geschossen wird, verteidigt der nationalistische griechische Verteidigungsminister die griechischen Verteidigungsausgaben, wird in Berlin vom dicken Siggi das Erbe Willy Brandts oberdreist verscherbelt, machen sich alle angeblich Sorgen um Europa und taumeln doch mit schlafwandlerischer Sicherheit auf ein Verhängnis zu. Bilde ich mir ein. Denn vielleicht geht ja noch einmal alles gut, im Sinne der Gläubiger, was also heißt schlecht im Sinne der meisten Menschen. Aber die interessieren ja nicht. Die marktkonforme Demokratie bleibt vielleicht trotz oder deswegen in Form. Vielleicht drehen sie tatsächlich nur eine nächste Runde. Vielleicht rumpelt weiter alles dahin. Das dachten wir schon einmal. Dass es immer so weiter geht, mehr schlecht als recht, aber weiter. Im selben Trott, unaufhaltsam. Ich kann selbstverständlich den großen Kladderadatsch nicht wünschen. Wer Konsequenzen fordert, muss den Preis zahlen können. Wer von uns hat dazu den Mut? Die Griechen? Es macht mir auch Angst, wenn Begriffe wie Ehre und Stolz als Motive politischen Handelns auftauchen. 

Das heiße Begehren nach etwas anderem wird wie stets auf lau gestellt. Mehr lässt die Feigheit nicht zu. "Love, music, wine and revolution." Letzteres, wie immer, abgesagt. Pragmatism rules. Wir haben immer noch viel zu verlieren. Ich schreibe mich derweil (Eskapismus rules, too) weiter, zurück in den Herbst des Jahres 1989 hinein. Als nichts begann, bevor schon alles verloren war. Blaupausen: Treuhand revisited. Ein Land wird geplündert und verramscht, nicht immer an die Meistbietenden. Niemand muss für solche Verbrechen bezahlen, das haben wir gelernt: Beamte, Berater, Bestatter. Später gehen sie auf Vortragsreisen. Von Kriegen berichten immer die Sieger.

Und Wahrheiten, die sich keine gern eingesteht: "Die Dame badet lieber lauwarm."





Versäumen Sie nicht, den Links zu folgen. So wird Netzliteratur gelesen. ;-). Nichts steht für sich allein. Alles ist mit allem kryptophantastisch verbunden. 


Samstag, 22. November 2014

ZURÜCK AUF ANFANG ("Du kannst niemandes Heimstatt sein.")




"Dass du dir diese Gestalt gibst, Heilmann, macht dich nicht glaubwürdiger." Sie klang härter, metallischer, ihre Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Heilmann war aus seinem Suff erwacht und blinzelte hinter der Brille, die sie ihm auf die Nase gesetzt hatte. Er wollte sie mit der Hand wegwischen, dieses Gestell einer demonstrativen Intellektualität, mit dem sie ihn ausgestattet hatte, absichtlich, um den Blick abzulenken, nicht nur den ihren. Bei Almuth hatte er nie eine Brille getragen. Seine Lider wie weggeschnitten, so hatte er Almut gesehen, kein Zwinkern hatte seine Augen auch nur für Sekundenbruchteil von ihrem Antlitz verschont. Almuth, der er zuletzt die Augäpfel ausgeschnitten hatte, um den Teufel zu befriedigen. "Doch nur im Traum." "Between grief and nothing."

Sie saß auf seiner Bettkante, die Melusine, sah hold und demütig aus wie eine gütige Mutter und schob ihr Knie unter seinen Kopf. Er wollte nicht ruhen, sich nicht an sie lehnen. Er gab ihr noch immer an allem die Schuld. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. "You took nothing." Sie sprach es ohne jeden Vorwurf aus. Er war noch nie ein alter Mann gewesen. Der Teufel hatte ihm einen Deal angeboten und er hatte ihm die Mutter geopfert für den Sohn. Um diesen Preis: Dein Sohn wird leben, wenn du dich ergibst. "Kann nicht kapitulieren", hatte aber die Melusine einmal über ihn gesagt. Das musste im 20. Jahrhundert gewesen sein, nach einem der großen Kriege. Sie lächelte müde auf ihn herab: "Da liegst du nun."

Er wollte sich erheben. Standhaft bleiben. Ihr Lachen perlte in seiner Erinnerung. "Du gibst keinen Helden ab mit deinem Stohhütchen und deinem gestreiften Sommeranzug, Heilmann. Zierlich wie du bist und weich." Das war 1913. Da waren die Härchen auf seinem Handrücken blond gewesen, die sich aufrichteten, ihren Fingern entgegen. Der Wind strich über das kaspische Meer, Turkmenbasi hieß der Hafen, in dem ihr Schiff anlegte. Das war jedoch ohne Bedeutung. Ihrem Schicksal begegneten sie dort nicht. Sie verbrachten nur wenige ruhige Tage unter Deck. Als wenn Almuth nicht werden würde und keine Willoughbys, nirgends. Als habe die Zukunft sich verzogen, gelegentlich, doch währte es niemals lang. Wie damals am See.

"Heilmann. erinnerst du dich?" Er schwieg. So leicht konnte er ihr nicht vergeben. Und sich. Sie ergriff seine Hand. "Sieh, wie die Adern hervortreten." Er kniff die Augen absichtsvoll zu wie ein störrisches Kind. "Du wirst nun runzlig, Heilmann. Für ein einziges Leben des Willoughbys hast du dich hergegeben." "Mein Sohn..." Heilmann wollte sich rechtfertigen mit weiter geschlossenen Augen. "Pscht..." Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. "Ich weiß. Ich verstehe es nicht. Du hättest doch wissen müssen...Au." Er hatte sie in den Daumen gebissen. Sie beugte sich über sein Gesicht: "Mein Kind." Heilmann war wie gelähmt. Er hätte sie schlagen müssen, sie unter das Bett treten wie zuvor, um dem vorzubeugen. 

"Du weißt, du kannst niemandes Heimstatt sein." "Mein Sohn.." wiederholte er trotzig. Sie stand auf. "...bist du.", setzte sie den Satz fort. "Du dachtest wahrhaftig, du könntest mir entkommen, Heilmann." 

Sie hatte ihre Drachengestalt angenommen, ihn schauderte vor ihrer schuppigen Haut. Wie gewaltig sie über seinem Bett lungerte, wie sie ihn anfauchte aus ihrem riesigen, feurigen Maul, wie sie die Flügel ausbreitete in der winzigen Kammer und die Wände fortsprengte und flog. Als ein kraftloser Greis hielt er den Himmel in Armen. Um ihn lichteten die Flammen, verglühte das Holz, verkohlte sein knochiger Körper. Asche stob auf  und fiel grau in sich zusammen. 

Dann.

Da war mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Äthers
Ein irrendes Kind.

Heilmann weinte in seiner Wiege: "Maman."

Dienstag, 17. Juni 2014

"Du kannst mir alles vorwerfen, aber nicht androgyn zu sein" (RÜCKKEHR NACH EUROPA)




Das Schiff tanzte besinnungslos über den Wellen. Heilmann und Melusine waren längst nicht mehr an Bord. Während des Untergangs der Sentosa saßen sie rittlings auf ihren Hockern in jenem Pub in London, den sie niemals verließen. 52 Seeleute philippinischer Herkunft, so meldete es Radio Singapore wenige Tage später, ertranken im Indischen Ozean als die Sentosa kenterte. Die Melusine fühlte keine Reue. Mögen sie in Frieden ruhen, dachte sie. Gerettet wurden 25 messerlose Matrosen, unter ihnen der Kapitän aus Bremerhaven, und verbracht auf die Insel der Toten vor Singapore, damit sie weiterlebten und fuhren.

„Du konntest niemandes Frau werden, am wenigsten die meine, Kopfgeburt.“, stöhnte Heilmann. Sie grinste. Die Grimasse entstellte ihr meerjungfräuliches Antlitz. „Bin ich blond?“, fragte sie höhnisch. Und: „Du kannst mir alles vorwerfen, aber nicht androgyn zu sein.“ Heilmann antwortete nicht. Sie rutschte von ihrem Sitz hinunter und griff nach Heilmanns Glas. „Dann eben Nachschub.“ Heilmann rührte sich nicht, auch nicht, als sie ihm das nächste Ale vor die Nase stellte. „Ich dachte“, näselte sie, „die Barrier sei gebrochen und London geflutet.“ Sie schnippte mit ihren Fingern unter seiner Nase herum. „Wann immer du willst, wird es geschehen sein.“, flüsterte er. „Mein Sohn stirbt nicht. Das war es mir wert.“ Die Melusine nickte, aber es wirkte nicht wie Zustimmung. „Zumindest war es ein sauberer Schnitt.“ „Ich hatte vergessen, wie golden ihre Augen glitzerten, wenn sie mich hinterging.“ „Almuth kannte sich aus und war doch schon immer verloren.“ „Sie ist alt geworden“, sagte Heilmann, „in Wirklichkeit.“ „Daran kann der Teufel nichts ändern.“

Sie schwiegen wieder eine Weile. „Erinnerst du dich an Rom?“, fragte sie dann. „Wie könnte ich das jemals vergessen? Du gabst dich jungfräulich dort, unmütterlich und rosafleischig.“ Sie kicherte. „Das ist gelogen. Ich hinterlasse überall meine Söhne, denn ihr könnt keine Göttin lieben, die die Erde vergisst, aus der sie geboren ward.“ Heilmann kamen die Tränen. „Und fühlst doch keine Sehnsucht nach ihnen.“ Sie schlug ihn mit ihren kleinen Fäusten gegen die Brust und schüttete ihm dann den Rest seines Ales ins Gesicht. Er zuckte kaum: „Ich habe dir Gewalt angetan, wie einer jeden. Meinem Auftrag entsprechend: Die Illusion erweckend, ihr könntet euch wehren.“ Sie glitt zu seinen Füßen. Er sah, wie ihr Fischschwanz über den Dielenboden strich. Sie verzehrte sich nach den Flügeln, um diesem Gespräch zu entkommen. „So schnaubst du, Drachenweib, und kannst sie doch nicht mehr wachsen lassen, weil du nur Männer der Tat erwähltest.“ „Ich habe nie etwas über mich vermocht, nur über die Willoughbys.“, keuchte sie gegen die Bretter. „Ich weiß. Und dass er mein Sohn war, werde ich dir nie verzeihen.“, sprach Heilmann von oben herab. Darauf gab es keine Antwort. Er wusste ja, wie wenig sie dafür konnte. Und alles. „Wenn ich nur einem einzigen beim Aufwachsen zusehen dürfte...“, schluchzte sie unten. Heilmann strich mit dem Finger über den Rand seines Glases. Eine schauerliche Melodie. „Ich verachte dich, wenn du diese Maske aufsetzt.“

Heilmann trank. Viel zu viel. „Du gehst fort und schwimmst, tauchst und singst.“ „Ich versinke, Heilmann, jedes Mal tiefer. Und bin doch immer ich. Almuth kann ich nicht werden. Alt, tot und verwesend.“ „Sie hatte unser Kind. Ich schnitt in ihr Auge, damit er lebe.“ „Ein Fehler, Heilmann, und keiner. Du änderst den Lauf der Welt nicht. Wenn du wüsstest, wie es sich anfühlt, zu gebären...“ „Ein jeder weiß, wie es ist, geboren zu werden.“ Die Melusine verkniff sich ein Lächeln. Was er sich einbildete. Heilmann eben. Der Dichter.  Fürst der Finsternis: „Dein Fleisch ein wabernder Sumpf, ein Moor der Säfte.“ (Kein Mann. Nirgends.)

Er kippte vom Stuhl. Gerade eben hatte er noch unverrückbar gewirkt. Aber genug war eben doch genug. Selbst für Heilmann. Sie nahm ihm die Brille ab und roch an seinem Mund. Eklige Säure bereitete sich zur Eruption vor. Die Melusine legte Abstand zwischen sich und den Bewusstlosen. Sie schwamm. Durch die Themse, dem Nordmeer entgegen.


Er hätte mir eine Tochter schenken sollen. Diese quälende Lust weitergeben, in welcher meiner Körper das Leben hält: Europa.

Mittwoch, 7. Mai 2014

BUBBLES: What went wrong?

Bezichtigungen, die unter der Zunge liegen bleiben. 
Wohlweislich, mein bestgehasstes Wort. Und: Derzeit.
So sehr hast du mich nie geliebt, dass du auf einen dummen Spruch verzichten würdest.
Es rumpelt dahin. Das Leben. Und ich. Alt und wenig weise.
Das kleine Ohrstöpsel-Glück: You and me, we don´t believe in Happy Endings...
(Ich möchte keine Romantikerin sein und tanze doch in alle meine Träumen davon wie eine Elfe.)
Das ist natürlich gelogen. Wie alles hier. Und dort.
Mit den Dieben kamen Hoffnung, Glaube, Liebe...
Aber die Liebe...
Welche Gemeinheit blieb ungesagt? 
Das Ungehörte dröhnt am lautesten in den Ohren.
Wenn ich dir jetzt ganz tief in die Augen schauen könnte, dann...
Wer Punkte machen muss, sollte das Schreiben lassen.
(Mach mir keine Vorschriften, verdammt!)
Was jetzt entsteht, muss unter uns bleiben. 
Ich finde am Morgen danach drei neue Sorgenfalten zwischen den Brauen. 
So will ich nicht weiter bluten und riechen. 
Komm, wir robben uns ganz leise fort und weg.
Ach was: Stattdessen stehen wir weiter mit Sektgläsern in der Hand rum und reden über Parkverbote.
Das geht zu Ende. 
Manche Abschiede sind ganz endgültig und ganz undramatisch.
Sag nicht leise Servus.
Sag nichts.
DU.
(Diese Botschaft ist sehr privat und sehr öffentlich.)

Feed me lines.

(Das ist keine endlose Wiederholungsschleife. Oder doch.)

***

Am 6. Mai 2006 starb Grant McLennan. Still....: Hier!







Samstag, 18. Januar 2014

"ICH WEISS NICHT (mehr), WAS SOLL ES BEDEUTEN..."



...und sie wünschte sich so sehr, ihr würdet das mal lesen: "Ich küsse mein Leben in dich...(Die Marten-Ehen)". Ihr sagen, dass...

(Dazu konnte sie niemals "Ich" sagen.) Wie soll es nun weitergehen? Heilmann war nicht der Teufel. So viel stand fest. Als wären immer noch Menschenopfer nötig, so hatten sie gesündigt. Ohne Ergebnis. Tiefer tauchen. "Liebe ist ein süßes Licht". Da hinunter noch einmal? Wie sehr die Lamentos des Dunklen Toms ihr fehlten, merkte sie erst, als Ruhe eingekehrt war. (Sie hatte ihn nicht im Stich gelassen, versuchte sie sich weis zu machen.) Die Mütter. Sie wusste, wovor sie zurückschreckte. Es wird sich immer jemand verraten fühlen, wenn sie ausspricht. (Sie hat das "es" mit Bedacht weggelassen. Darum geht es nicht.)

Kryptophantastischer Realismus. Heute vor allem kryptisch. (Mein Alter Ego.) Zurück an den Anfang. Schwestern. Eine geht weiter. Eine versinkt. Auftauchen. Soviel Luft bleibt ihr nicht. Was vorher geschah und immer noch fehlt: Akanthus, Chicago - und: das ("HAND AUFLEGEN". Das verscheuchte Wild)(Perspektivisch verfehlt.) 

Ein Spaziergang (ohne See). Wirkt manchmal Wunder. Ohne die geht es nicht. Weiter. 

Melusine? Bist du noch da, Wasserschwester?

(Danke, K., für den Tipp: Ich lese jetzt: Irmtraud Morgener: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Vielleicht hilft das.)

Donnerstag, 28. November 2013

ONE PLUS ONE: "Making love, making waves, not making sense."

Die Geschichte dieser Fiktion über die Ehe ist eine Geschichte der Ausweichmanöver. Melusine, Armgard und ich kamen bis heute, drei Jahre lang also, kamen wir nicht weiter zurück in dieser Erzählung als bis in den Sommer 2009. Wir begannen im November 2009 mit Time out ("Liebe ist ein süßes Licht"), was ein Abflug sein konnte, aber auch eine Rückkehr werden,  - und schrieben uns zurück über diese drei Jahre hinweg nur bis in den Juli hinein: Drei Jahre = drei Monate in unserer fiktiven Welt. Wir werden nicht alt genug werden als Sterbliche, um diese Erzählung an ihren Anfang zu bringen, ins Jahr 1989, wenn wir unser Tempo nicht ändern.

Wir wechselten vor den Wehen der Ehe auf andere Spielfelder: PUNK PYGMALION, die Marten-Ehen ("Ich küsse mein Leben in dich...") als Sequel des Melusinen-Romans, die Fabelwesen-Serie und anderes mehr. Dafür haben wir (keine) Gründe. Auch dafür, dass wir den Pluralis Majestatis verwenden. Wir wissen nicht warum, aber immer genau wann.

Nach einem Jahr nun meldet sich die Stimme des Mannes wieder, des Mannes, der Anne in der Ehe verbunden ist, der betrogen wird mit dem Dunklen Tom und von der Frau, die er nicht aufhören kann zu lieben. "Making love, making waves, not making sense":

"Der See erholte sich, langsam, kaum merklich. Die Armleuchteralgen kehrten zurück. Die Anzeichen mehrten sich, dass jene Vielfalt der Arten, die den See ausgezeichneten hatten, als sich der alte Fontane den Weg mit Fackeln vom Ufer durch den Wald ausleuchten ließ, wohl nicht vollständig wiederhergestellt, aber immerhin ein neues Gleichgewicht erreicht werden konnte, in dem zumindest die Fontane-Moräne überleben würde. Bert stellte die letzten Proben ordentlich markiert zurück an ihren Platz. Er dokumentierte den Phosphor-Gehalt wie jeden Tag in der Liste, klappte die Kladde zu und schob sie ins Regal. Dass er Zeit zu schinden versuchte, war ihm klar, aber er wollte sich keine Rechenschaft über sein Verhalten ablegen. Er wusste, wie wenig willkommen er auch heute Abend der Frau sein würde, die im Haus am See  auf ihn warten sollte."


Zur Inhaltsangabe des Romans bisher: Inhaltsangabe von "Melusine featuring Armgard"


Sonntag, 10. November 2013

"Keine Frau opfert sich für die Kunst" (GEWALTIGE TATEN)




Er war also über Bord gegangen. Das ließ sie nicht gelten. Es musste heißen: Er war von Bord gegangen. Andererseits: In der Fabrik der Engel war er baden gegangen. Sie schüttelte sich. Vielleicht vor Lachen. Er hatte getan, wovon er glaubte, dass es getan werden musste. So männlich. Dabei war er gar kein Mann, auch wenn sie zwischendurch einmal versuchte hatte, daran zu glauben. Und wenn ich dich liebe, was geht´s dich noch an? Als sie in der Bar gesessen hatten (War das in Rom gewesen oder wo?) und sie seine Tränen zu trocknen versuchte. Wer achtet einen Mann, der nicht weinen kann? Das alles spielte jedoch gar keine Rolle mehr. Vielmehr: Es hatte zwischen ihnen beiden nie eine gespielt. Er war so wenig ein Mann gewesen wie sie eine Frau. Sie waren männlicher und weiblicher als jede menschliche Kreatur. Zeugend und gebärend. Triebhaft und bewahrend. Beschützend und fliehend. Ach, was für ein vergebliches Spiel. Es gibt kein Entrinnen. Unter uns brodelt es weiter in der mütterlichen Grotte. Wir waren uns dessen bewusst, jederzeit, ohne etwas davon zu wissen. Man spricht unter den Sterblichen immerzu von der unglücklichen Liebe. Wie groß ist die Sehnsucht nach einem ungebrochenen Herzen.

Heilmann, wenn du zurückkehrst, wie soll ich dich dieses Mal empfangen? Mörder. Heiler. Mann. Ich hätte gerne Worte, schlicht und dumm, wie diese hier: „Ich werde dich immer lieben.“ („Einst ward ich gewahr, dass alle die Wesen, die aus dem Meere gestiegen waren, wieder zu ihm zurückkehrten, und sich in wechselnden Formen erzeugten.“) Wir könnten das Almuth in den Mund legen. Almuth ist blind, aber nicht stumm. Du hast ihr die Augen herausgeschnitten, wie der Teufel es dir befahl. Ach, Heilmann. Warum hast du dem Teufel vertraut? Als wer soll dein Sohn ewig leben? Willoughby, den ich zwischen meine Schenkel klemme? Am liebsten schriebe ich dir wie sie: „Deine Frau und Freundin“. Dann...

Sie lachte schauerlich. Wie er sie unter das Bett zusammengefaltet hatte. Und sie war doch davon geschwommen. Wenn sie es wollte, war überall mehr Meer. Und sie sah mit den Augen der Unsterblichen die Fülle der Welt. Heilmann musste doch jetzt für immer an der Reling stehen und seinem sterbenden Sohn winken. Er wird nicht mehr töten, sein Sohn. Er wird die Qualen tragen. Selbst. Ein makelloser Mann, sterbensmüde, der mit Freund und Feind in die Luft fliegen wird. Wie konntest er die Barrier vergessen?

Wir machen keine Geschichte. Wir sind.

War er einmal schön, so schön, dein Sohn, mein Willoughby, dass ich ihn zu meinem Geliebten machte? Trug ich sein Kind unter dem Herzen, deinen Enkel,  Heilmann? Das ist doch alles gelogen. Wir können nicht lieben, nur begehren. Wir laufen aneinander vorbei. Ich habe nur einmal gefühlt, wer ich bin: Als ich mit dir am Ufer stand. Aber in Wahrheit sind wir immer schon in den Wogen. Wir können nicht springen. Dagegen kämpftest du mit der Bilderflut, den Bücherbergen, den Alkoholexzessen. Heilmann, du warst klüger, als du unmenschlicher warst.

Schnee, sie dachte plötzlich an Schnee. Sie hatten einmal gemeinsam nach draußen geschaut, wie die Flocken über der Straße tanzten. Sie hätten dort bleiben sollen. Schauend und staunend. Oder am See. Wie sie es stets vermieden hatten, einander an den Händen zu berühren. Nur einmal hatte sie ihn gepackt. Ein Versehen. Sie hatte ihn für den anderen gehalten, für seinen Sohn, den sie verführen wollte. In Wahrheit hatte sie geweint, als der Rauch über den schneebedeckten Dächern aufgestiegen war.

Aber ich wusste nicht, dass es dein Sohn war. Ich wollte Almuth bestrafen, dabei war sie damals noch nicht einmal geboren. Ihre Augen waren übrigens blau, vergiss das nicht. Der Teufel hat dich teuflisch betrogen, als er dir das goldene Licht vorgaukelte. Ich kenne den Teufel gut. Ich spreche, wie er, die Sprache der Liebe. Versteh das bitte nicht als Hohn.


Heilmann riss die Kabinentür auf: „Bist du nun zufrieden?“ Er war entschlossen, zuzuschlagen. Warum hatte sie ihn bloß so gereizt? Das Plätschern mit der Flosse in der Wanne. Hatte sie gedacht, dass er Almuths Opfer annehmen würde? Dass er den bösen Hinterhalt nicht durchschaute? Keine Frau opfert sich für die Kunst. Unser Sohn ist nie aus ihrem Schoß gekrochen. „Ein reines Produkt deiner abscheulichen Fantasien, Melusine. Willoughby, dass ich nicht lache.“ Er öffnete seinen Kragen und band die Krawatte ab. „Komm raus.“ Sie verkroch sich tiefer unter dem schmalen Bett. Er trat nach ihr. Ihre Rippen krachten. Sie weinte still. Dass es doch immer so kommen musste. „Ich wäre dir gerne eine bessere Frau gewesen.“

Donnerstag, 1. August 2013

"Oh weh! Oh web!" UNDINE LA MOTTE GEHT

"Und über den Rand der Barke schwand sie hinaus. - Stieg sie hinüber in die Flut, verströmte sie darin, man wusst´ es nicht, es war wie beides und wie keins."


Friedrich Heinrich Karl Fouqué de La Motte: Undine




Zur Erinnerung: Eine Undine ist keine Melusine

Aber: Auch Melusinen können nur leben, wenn sie sich eine Schwester (er-)finden: "Ich küsse mein Leben in dich...Die Martenehen"

Das findet ein Ende, aber seinen Anfang (noch) nicht. ("Steht am Anfang vom Ende des Wasserwesens nicht immer die Sehnsucht nach der Ehe?" So einfach will sie es sich nicht machen. Diesmal: Melusine featuring Armgard.)

***


(Was mich beschäftigt, wenn ich  nicht Lektionen vorbereite, koche, wasche, putze, Neffen hüte, spiele oder den Saison-Auftakt der Eintracht feiere: der Unterschied zwischen hinübersteigen und verströmen. Heftig.)

Samstag, 25. Mai 2013

LANGENTRUDE (random)

Als ich aufwachte, dachte ich Langentrude. Handelt es sich bei Langentrude um einen Ort? Oder um eine Trude, möglicherweise eine großbewachsene Frau (Ich stehe auf große, schlanke, fast ein wenig hagere Frauen mit kantigen Gesichtern und starken Nasen, sowieso.) Doch das mittig gelegene "n" in der Langentrude spricht dagegen. Es ist etwas mit ihr, das in mir rumort, nicht loslässt, auch nicht nach der Yoga-Session, nicht während ich im Bad untertauche, den Bauch eincreme, die Hände betrachte. Es summt Langentrude in mir und trommelwirbelt dazu. DIE. Ich suggeriere mir über Langentrude jene Frau herbei, die mich in einem Augenblick, mit einem Zähneblitzen unterwarf. Aber sie ist es nicht. War es nicht und wurde es nicht.  DIE trägt in meinen Vorstellungen immer ROT. Heilmann kannte sie auch. Dachte ich. Aber dann wandte er sich ab. Ein Taxi, das der Teufel bestellt hat, fährt Heilmann zum Hafen. Wartet die Melusine noch in der Koje, in der er sie einschloss, auf ihn? Wie ausgetrocknet wird sie sein? Sind es ihre Blutstropfen auf seinem hellen Anzugrevers oder die von Almuth/Edith, die einmal war, aber lange schon im Grab vermodert (Das ist gelogen. Ihr Leichnam wurde selbstverständlich verbrannt.) Wie kam ich darauf? Langentrude. DIE und Almuth/Edith. Eine Ähnlichkeit, die mir nie zuvor aufgefallen ist. Der lange Hals, die dunklen Haare, die hohen Wangenknochen, die Schlangenhaut auf den Augenlidern. (Hatte ich mich widerwillig in die Todfeindin verliebt? Daran war gar nicht zu denken.) Diese Assoziationsketten führen zu nichts. Dennoch die Scheu den Namen einfach bei einer Suchmaschine einzugeben: Langentrude. Ich überlasse das Ihnen. Ich trudele, schon länger. Da liegt der Zusammenhang. Ein Teil von mir hat sich hier verabschiedet. Ein anderer sitzt mit Heilmann im Taxi, erstarrt. Aussteigen. (Wir haben uns endgültig vom Teufel verabschiedet, schon vergessen?) Der Weg über die Gangway. Ich fürchte mich vor dem, was sich im Bauch des Schiffes verbirgt. Dazu die Trommelwirbel: TRAIN SPACE. Der Dunkle Tom schreibt sich in mir fort, obwohl ich mich immer weiter von ihm entferne. Er hat sich in mich eingenistet, sein Gift sickert durch meine Zellen. 

Ich will mich aus Gründen heute nicht verstehen. Langentrude

Mittwoch, 15. Mai 2013

"Blut musste fließen." (EIN MUTTER-TAG)






Blut musste fließen. Heilmann wusste, dass es notwendig war. Woher wusste er das? Hatte der Teufel es ihm gesagt, damals am Tresen in Berlin oder in dem Café in Rom? All die Jahre, die flüchtigen Begegnungen, die Andeutungen, das Raunen der heiligen Texte, die Bedeutungsschwere, mit denen sie aufgesagt wurden, von diesen und jenen, meist waren es Männer gewesen, traurige Männer, unbeweibt, gedrückt, unerkannt, verachtet oder lächerliche Poser, die mit ihren Eroberungen angaben, sich in den Schritt fassten und von „guten Ficks“ prallten. Er hatte das ganze Konzept so über, dass ihm die Galle hochkam. Die Opfer, die schönen Leichen, das pralle, blaße Gewebe, die grünliche Entsagung, die holden Locken auf die spitzen Brüste drapiert, die düsteren Hintergründe, das schwarze Loch. Woher wir kommen, wohin wir gehen. Es war alles Unsinn. Er sehnte sich nur nach der Endlichkeit. Deshalb stand er hier. Deshalb war er bereit, den Körper der Frau aufzuschlitzen, die er geliebt und mit der er den Sohn gezeugt hatte. Aber wie können Flüsse und Berge und das Meer unwirklich sein, hatte sie ihn gefragt. Wie ein Kind. Das alte Kind aber, das sein Sohn geworden war..., zerstört von der Krankheit, die seine Eingeweide zerfrass. Heilmann schaute an sich hinab: Ich bin dein Leib, dachte er. Er war der, der durch die Zeiten wandelte, leichtfüßig, sorglos, charmant. Der die Wasserfrau aus dem Fluss barg und das Drachenweib auffing, der ihren feurigen Atem kühlte und ihre blutigen Füße verband, der ihre Tränen trocknete, wenn sie ihre Brut verlor, wenn sie verraten wurde und aus dem Nest geworfen, wie es immer geschah und wieder und wieder, weil sie liebte und gebar. Nie durfte sie einem ihrer Söhne wieder begegnen in anderen Zeiten. Das war sein Auftrag, den erfüllte er gut. Bis Almuth kam. Almuth, die einmal ganz anders geheißen hatte. (Edith.) Deren Augen grün waren oder blau oder braun.

Almuth war nicht Melusine. Almuth war die, die des Teufels war. Die Melusine war nicht gut, nicht böse; sie plätscherte im Wasser wie ein Fisch, der keine Erinnerung hat. Warum sollte sie traurig sein? Doch er hatte sie gesehen, hier und da, in Moskau, Unter den Linden, am stillen See in der Mark, im Zug nach Zürich, in den Tiefen des Indischen Ozeans, vor der Barrier von London. Sie wusste nichts und ahnte alles. Ihr Kommen und Gehen, seine Hand auf ihrem Arm: „Kommen Sie, Madame. Hier entlang.“ Warum fiel ihm das gerade jetzt ein? Er hatte Almuth geliebt. Er musste Almuth lieben. Alte weiße Hexe, Muttertier, hatte er sie genannt. Aber Melusine war eine Frau, die Mutter an seiner Seite durch alle Zeiten. „Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen?“ Da war sie zusammengezuckt.

„Du musst es tun, Heilmann.“ Er schaute auf. Sie war jetzt ganz aufmerksam. Der Teufel war zur Statue erstarrt. Die Puppen stierten. Die Augen der Melusine waren weit aufgerissen. Ihr Mund stand offen. Wie dumm sie aussah, wenn sie auf Puppe machte. Er wollte lachen, wollte sie auslachen. Da bemerkte er, dass seine Glieder steif geworden waren. Er konnte den Kopf nicht bewegen, die Beine nicht, nicht den linken Arm. Nur die Hand um das Messer war warm. „Heilmann.“ Sie sprach mit offenen Mund, ohne die Lippen zu bewegen. Als komme die Stimme von einem Tonband aus ihrem Körper. „Schneid ihr die Augen auf.“ Heilmann versuchte seine Lider zu schließen, doch es gelang ihm nicht. Er schaute hinunter auf die Puppe, die aussah wie Almuth. Das Blut pulsierte an deren Schläfen. Das war kein Plastik mehr, das war der lebendige Leib, den er begehrt hatte. „Dein Sohn wird leben, wenn du die Mutter schlachtest.“ Das Weib war grausam, weil das Blut in seinen Adern grün war wie das Meer, sein Element. „Du lügst“, wollte er schreien, doch seine Zunge ließ sich nicht bewegen. Jetzt hätte er sich gern an den Teufel gewandt, doch der war zu einer Schaufensterpuppe für Übergrößen erkaltet. Der Teufel schwitzt nicht. Hatte er das nicht gefordert? Einen coolen Teufel? „Du kriegst immer, was du willst, Heilmann, nicht wahr? Nur ist es nie, wie du willst.“ Sie kicherte. Er fühlte den Hass wie eine warme Welle in sich aufsteigen. Er schloss die Finger fester um den stählernen Griff des Messers. Er konnte jetzt wieder seinen ganzen Körper spüren, von den Zehen bis zu den Fingerspitzen. Seine Kopfhaut juckte. Es war heiß. Noch einmal schaute er zur Tribüne hin. Die Melusine war verschwunden. Nur der Eimer, in dem sie mit ihrer Flosse geplätschert hatte, stand noch da.

Der Teufel räusperte sich. Heilmann hob den rechten Arm. „Sie sollten nicht wahllos zustechen. Es geht um das Sehen. Sie darf ihren Sohn niemals sehen. Den Unsterblichen.“ Der Teufel kicherte wie die Melusine. „Schneiden Sie ihr die Goldaugen heraus. Das genügt.“ Almuth unter ihm auf der Bahre räkelte sich. Sie schlug die Augen auf. Das Mädchen mit den Goldaugen. Heilmann zuckte. Jetzt. Er senkte das Messer und stieß zwischen Höhle und Jochbein. Almuth schrie. Ihre Hände fuhren in die Höhe. Sie führte seinen Arm, lenkte die Messerspitze unter den Augapfel und hob ihn an. Ein Ruck und er kullerte über zu Boden. Der Schrei verstummte. Der Teufel presste einen Knebel auf den Mund der wehrlosen Frau. „Das andere. Schnell.“ Heilmann schnitt. Er war ungeschickt. Aber ihm wurde geholfen. Die Augen gingen ihr über. Er schloss die seinen. Goldenen Augäpfel purzelten über den grauen Beton.

Die vergoldete Kreatur zapppelt – und wirbelt –
Taumelt rasend zwischen Ästen hin und her –
Schlitzt ihre mächtigen Adern auf –
Und stürzt hinunter ins Meer. -

Heilmann hörte sie singen unter der Wasseroberfläche, wie er sie immer schon hatte singen hören. Er hatte ihr nur niemals zugehört. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er in das augenlose Puppengesicht. Leere Höhlen. Über den Boden rollten die vergoldeten Plastikaugen. Er kickte sie mit dem Fuß zur Seite. Der Teufel klatschte einen schäbigen Beifall. „Na also.“ Er klopfte Heilmann auf die Schultern. „Kommen Sie. Das hat Jahrhunderte gedauert. Aber schließlich... Ich bin zufrieden.“ Er hörte sich an wie ein Therapeut, der mit einem sehr schwierigen Patienten verhandelte, winzige Veränderungen als gigantische Fortschritte anpreisend.

Du kannst mit mir anstellen, was du willst
Immer überlebe ich dich.

Die Puppenversammlung löste sich auf. Schöne, nackte Frauen stiegen die Tribünen hinunter, in angeregte Gespräche vertieft. Auf Heilmanns hellem Anzug waren zwischen dem ersten und dem zweiten Knopf zwei winzige Bluttropfen hängengeblieben. Kaum zu sehen. „Das wird man nicht bemerken.“, flüsterte der Teufel wie ein Verschwörer. Heilmann ekelte sich. „Mein Sohn?“ „Sie werden sehen.“ Der Teufel schien sich zu amüsieren. „Es wird anders sein, als sie erwarten. Aber ich halte meine Versprechen. Doch nun kommen Sie. Sie müssen hier weg, bevor...“ Der Teufel unterbrach sich. Das ging Heilmann nichts an. „Die Mutter wartet auf sie.“ „Almuth.“  Der Teufel schüttelte den Kopf. „Sie haben sie unter Deck eingeschlossen. Haben Sie das schon vergessen?“ Sie schritten eilig nebeneinander durch die Hallen. Im Hof wartete ein Taxi auf Heilmann. Der Teufel schob ihn geradezu hinein. „Zum Hafen.“, rief er dem Taxifahrer zu und winkte. Heilmann lehnte sich im Fond zurück. Er drehte sich nicht um, als sich das Eingangstor hinter dem Wagen schloss. Er würde den Teufel nicht wiedersehen. Plötzlich kamen ihm die Tränen.

Die Mutter derweil unter den Wellen: Jeder Riss der Erde tut ihr weh.