Montag, 26. Dezember 2011

"Nur ein bisschen die Lautstärke aufdrehen": Mein neuer Kindle in Rot, (k)ein Hitler beim Brunch und die Geduld von (fast) achtzehnjährigen Riesen

Johnny Häuslers Blog "Spreeblick" ist eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Blogs. Der Blogpionier bietet nun 15 seiner Geschichten aus dem Alltag eines Vaters und Punk-Veterans als Kindle-E-Book für 0,99 € an (inzwischen auch als I-Book-Version und für weitere Geräte). Das funktioniert offensichtlich, besser sogar als von ihm erwartet. "l live by the river" gehört zu den Topsellern bei Amazon. Seit Mitte Dezember sind bereits mehr als 1200 Exemplare verkauft worden.

Unter dem Weihnachtsbaum lag für mich in diesem Jahr der Kindle. Mein Ex-Buchhändlerinnen-Herz blutet ein wenig, denn es ist klar: Wenn sich dieser Vertriebsweg durchsetzt, wird es eng für Verleger:innen und Buchhändler:innen; für Autor:innen aber könnte es eine Chance sein, ohne Zwischenhändler ihre Werke an die Leser:innen zu bringen. Mein Kindle liegt gut in der Hand, sieht in seiner roten Hülle schick aus und die Texte lassen sich gut lesen. Klassiker wie Arthur Schnitzlers "Jugend in Wien" oder Adalbert Stifters "Nachsommer",  Anne Brontes "The Tenant of Wildfell Hall", aber auch das neue Buch von Marlene Streeruwitz "Die Schmerzmacherin" und eben Johnny Häuslers Geschichtensammlung "I live by the river" habe ich mir schon heruntergeladen. Wollte ich die alle  als Print-Bücher auf die Reise mitnehmen, bräuchte ich wieder einmal die Begleit-Riesen, die meinen Koffer in Zugabteile und über Treppenstufen hieven. Meine höchstpersönlichen Kofferträger betrachteten daher am Weihnachtsabend das neue Gerät mit entsprechendem Wohlgefallen. "Ich hoffe", schrieb mir der eine zum Geschenkgutschein für die Kindle-E-Books, "die Last, die du in den Ferien mit dir herumschleppst, wird sich jetzt verringern." Das war freundlich formuliert, denn er hätte auch schreiben können: "Die Last, die wir dir herumschleppen..."

"Psst, die Leute gucken schon", sagte meine Mutter heute Mittag beim Brunch im Fleming´s als ich ihr aus der Geschichtensammlung von Johnny Häusler "Don´t mention the war" vorlas. (Meinen neuen Kindle hatte ich natürlich zum Vorzeigen mitgebracht. Am 1. Weihnachtstag muss hergezeigt werden, was man am Weihnachtsabend gekriegt hat. Das ist Familientradition.) Am Nebentisch saßen Amerikaner, die vielleicht tatsächlich ein wenig erschrocken schauten. Genau weiß ich das nicht, denn ich versuchte konzentriert die Stimme des jüngsten Sohnes einer deutschen Familie nachzuahmen, der im englischen Restaurant lauthals mit süßer Krähstimme die Frage zur Diskussion stellt: Ob "Hitler nur eine Sache gut gemacht hat, oder?" Dem bekennenden Fawlty Towers-Fan ist klar: Jetzt wird´s heikel. Johnny Häusler erzählt, wie der Vater versucht, den Schaden zu begrenzen: "´...jedenfalls hat H... also, der dessen Namen wir nicht...´ ´Voldemort!´, schlägt der ältere Sohn vor. ´HAHAHA! HIT-LER IST VOL-DE-MORT!´", las ich vor. "Nicht", rief meine Mutter. "Die denken wir wären Nazis." "Mir doch egal." "Mir nicht." Also flüsterte ich: "´ HITLER IST VOL-DE-MORT!´"  "Lass das doch endlich!", schimpfte meine Mutter und trat mich unterm Tisch gegen das Schienbein.

Zufälligerweise haben wir auch zwei Söhne, zufälligerweise ist die beschriebene Situation dicht dran an selbsterlebten Ängsten und Peinlichkeiten. Beim Lesen kann ich die Rollen im Film vor dem inneren Auge spontan mit eigenen Familienmitgliedern besetzen. Es zeigte sich aber, nachdem ich weitere Geschichten aus "I live by the river"  gelesen habe, dass dieses Wiedererkennen doch nicht bloßer Zufall ist. Denn Häuslers Geschichten spielen mit den kollektiven Erinnerungen und Alltagssituationen meiner Generation; sie stellen ohne Sarkasmus, aber mit liebevoller Ironie das Erleben der (Pseudo-) Individualisten aus, als die wir uns inszenieren wollen, ein wenig lockerer, ein wenig desillusionierter als unsere Vorgänger, die gesellschaftskritischen Polit-Aktivisten, die der falschen Wirklichkeit noch Pathos und große Utopien entgegensetzten. Bei "uns" ist alles eine Nummer kleiner: "try and error", "bloß kein Stress", "mach mal halblang". (Beim Schreiben bin ich jetzt unwillkürlich ins "Wir" geraten, obwohl es doch zu "unserer" Generation auch gehört, dieses "WIR" zu bestreiten.) 


Häusler beschreibt ganz nebenbei wie die "-ie"-Endungen auf die Nachnamen die Suche nach passenden Nicknames in den späten 70ern des vergangenen Jahrhunderts klar verkürzten (Er wurde "Häus-ie"; ich hieß jahrelang "Imm-ie".) oder wie wir uns mit tarnfarbenen Parkas und Palästinesertüchern gemeinschaftlich zwangsentstellten, bevor wir Punk entdeckten. Es überrascht mich nur, dass das Aufwachsen in einem Provinznest offenbar gar nicht so weit weg war, wie es uns damals schien, von einer Jugend in Berlin, über die Häusler erzählt. 


Die Geschichten reichen von Mitte der siebziger Jahre bis hinein in die Gegenwart, wo zum Beispiel in der einleitenden Story ein Gesundheitscheck beim Arzt ansteht, dessen Höhepunkt der obligatorische "Finger im Po" ist,  zu dem eine sorgsam konstruierte "dramaturgische Kurve" hinführt (worauf Häusler die geneigte Leserin auch mehrfach hinweist). Jedoch: Diese Prostata-Untersuchung ist am Ende "enttäuschend unspektakulär". "Fühlt sich gut an." Und dann gibt es sogar ein echtes Happy End: "Sie haben die Organe eines Achtzehnjährigen." Das hören wir gern, ab Mitte Vierzig, auf jeden Fall! 


Es macht Spaß, mein neues Kindle. Selbstverständlich hatte ich am Anfang den unvermeidlichen Wutanfall, der jeden Neukontakt mit einem elektronischen Gerät begleitet. "Kannste zurück geben. Da funktioniert ja gar nix. Das nervt mich total ab. Ich will mich nicht Stunden lang mit so einem Scheißding beschäftigen. Das soll einfach funktionieren - oder ich schmeiß es zum Fenster heraus." Meine Riesen werden weiterhin gebraucht, wenn auch nicht mehr zum Schleppen. Sie sind ruhig und geduldig. Und können mit allen elektronischen Geräten gelassen umgehen. Und mit mir.








Kommentare:

  1. hatten auch so eine frau zuhause an weihnachten, mit einem neuen kindle und es spielt sich sehr ähnlich ab.
    jetzt wollen wir auch einen.

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  2. merkwürdig, selbst ich gerate langsam ins schwanken, ob ich meinen widerstand gegen die technik nicht wenigstens einer überprüfung unterziehen sollte. also wenigstens mal angucken so einen kindle?

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