Freitag, 16. März 2012

LESEZEIT FÜR KANNIBALINNEN


Es stapelt sich. Wie immer eigentlich. Obwohl ich dachte, die Stapel werden kleiner, wenn mehr Text per whispernet an den Kindle geht. Doch der deutsche Buchhandel und die deutschen Verlage und die deutschen Autor:innen sind zäh. Die wagen es immer noch allerlei höchst Lesenswertes auf gedrucktem Papier anzubieten und machen meinereiner so im wahrsten Sinne des Wortes das Leben schwer. Ich schleppe die Klötze vom Sofa über die Treppe zum Bett zum Sessel ins Arbeitszimmer über die Treppe hinunter in die Küche und demnächst wieder hinaus auf die Terrasse oder hinab in den Garten. Die Krokusse blühen und die Narzissen wackeln mit ihren Köpfchen in den Kübeln und die Tulpen strecken ihre roten und lila Spitzen in die Frühlingssonne. Nur die Platanen stehen noch kahl mit ihren golden leuchtenden Schalen im Frühlicht. Was für eine Idylle und was für eine Lust für die kannibalische Leserin!

Was ich lese – wie immer nebeneinander Roman, Erzählung, Theorie -  fordert mich heraus, Seite um Seite Widerstand und Berührung. Lesend will ich weder mich wiedererkennen, noch eine Andere (zum Beispiel die Autorin) verstehen. Texte sind für mich auch keine Subjekte, mit denen ich mich unterhalten wollte, die Rücksichtnahme oder Respekt für sich beanspruchen könnten. Ich lese wie ich Sex habe, nämlich kannibalisch. Lesen ist für mich Einverleibung: Ich nehme das Fremde auf, das etwas mit mir macht, mit dem ich etwas mache und dann kommt etwas heraus, was vorher nicht da war und weder Text ist noch Ich, sondern Etwas im Zwischenraum, ein Moment der Erschütterung, eine zitternde Wolke Erkenntnis, die verpufft. Deshalb schreibe ich auch nur über Texte, die ich in mich eindringen lassen kann. Manchmal kann ich darüber schreiben und manchmal nicht. Weil der Verdauungsprozess Zeit braucht, bin ich auch keine, die über Bücher schreibt, die sie gestern fertig gelesen hat, sondern es liegen Tage und oft Wochen, manchmal Jahre zwischen einer Lektüre und einem Schreiben darüber.

(Ich kann natürlich auch anders; ich habe studiert und Handwerkszeug, Analysemittel: produktionsorientiert, textimmanent und rezeptionsorientiert, wenn Sie wollen - und Theorien bei der Hand: Autorschaft, Subjektivität, Fiktionalität, Moderne, Postmoderne, implizit und explizit rezipiert, relativiert und diskutiert, was Ihr wollt. Aber ich bin gegen Interpretationen (die Rache der Intellektuellen an der Kunst) – wie vor Jahrzehnten schon Susan Sontag –. Und ich muss keine mehr machen. Jetzt mache ich, was ich will, und ich bin Kannibalin.)

Provinzielle Franzosen
Ich lese ein antiquarisches Werk, das ich vor Jahren schon einmal begonnen und zornig in die Ecke gefeuert hatte nach wenigen Seiten. Auch jetzt greift es mich heftig an und nimmt mich mit, dann aber dringt es plötzlich mit sowas in mich ein und zertrümmert „Das Denken des Herrn“:

„Der verderblichste der aus Frankfreich importierten Gedanken ist die Vorstellung, dass hinter einem Text kein Subjekt stehe. Was könnte es Eigenwilligeres, Aggressiveres und erbarmungslos Konkreteres geben als das Pariser Intellektuellensubjekt – ob Mann, ob Frau – hinter seinem/ihrem schwülstigen Text? Die Pariser sind Provinzielle, wenn sie vorgeben, das Universum zu Wort kommen zu lassen. Hinter jedem Buch steckt eine bestimmte Person mit einer bestimmten Geschichte. Über diese Person und ihre Geschichte kann ich nie genug wissen. Person (oder Individuum) ist eine Realität im Westen. Sie ist die jenseits des sprachlichen Bereichs sichtbare Verkörperung des Sexual- und Seelenlebens. Wir kennen sie dank der apollinischen Schau, dem heidnischen Kino der abendländischen Wahrnehmung. Bestehlen wir nicht das Auge, um das Ohr zu bereichern!“ (Camilla Paglia: Die Masken der Sexualität, Berlin, Byblos 1992)

Böse Statthalter
Und gegen diese Apologie des dichotomischen Denkens, das den Logos aber nur retten will, um den Leib nicht zu verleugnen, spricht weiterhin mächtig und böse der „Ich-Zwang“ an, der mir nicht weniger Bauchschmerzen verursacht:

Der psychotische Akt in seiner klammernden und egoistischen Natur entspringt dem Wunsch, sich in den Körper oder in das Leben ausgerechnet dieses bestimmten anderen einzuschreiben, mit dem den Psychotiker ein besonderes Maß an Unsicherheit verbindet. Er möchte diesem damit vielleicht überhaupt erst Existenz und Konsistenz verleihen. Er möchte dies deshalb, weil der Andere Statthalter des Subjekts ist, das er selbst sich zu werden sehnt.“ (Gerrit Confurius: Ich-Zwang, Berlin, Matthes & Seitz 2011)

Raten Sie mir nicht zu einer Diät! Ich bin eine gute Futterverwerterin, es bleibt wenig als Fettschicht hängen. Jetzt, wo die Sonne die Hüften wärmt, kann ich sogar auf immer mehr Verkleidungen verzichten. Doch statt Entblößung entscheide ich mich für durchsichtigere Hüllen:

Jummy Jelly-fish
„These jelly-fish, I think, are the ´seeds cast into the ground´. But as it takes a man and a woman to create another life, so it takes these two forms of seed, one in the head and one in the body to make a new spiritual birth. I think that is why I saw them as jelly-fish.“ (Hilda Doolittle: Fragmente der Saphho, Solothurn, rough books 2011)

Die Qualle als Bild für den Brain-Fuck der Philosophie scheint mir ein besseres Bild als der schäbige, alte Pseudo-Geburtsmythos ohne Gebär-Mutter oder die eingebildete Autorschaft eines Pygmalions mit seinem schlechtem Atemhauch.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“, flattert es blau durch die Frühlinglüfte. Im Märzen setzt der Bauer die Felder in Stand. Und ich werde sein, die ich sein werde. Zweien gab ich Namen und zwei gaben mir den meinen. Er wird verklingen und vergehen und keine Spur hinterlassen. Was bleibt von einem Menschen, dessen Name vergessen ist?

Dem Leben den Vorzug vor der Kunst geben
„Dass er als Romanschreiber und als Navid Kermani nicht derselbe ist, ist ihm in dieser Deutlichkeit überhaupt erst durch ´Deinen Namen´ bewusst geworden. Anders als der Romanschreiber hat Navid Kermani auch gelernt, dass er nicht über Leichen gehen möchte, um an den flapsigen Ausdruck zu erinnern, der zweimal fiel, vielmehr dem Leben den Vorzug über die Kunst gibt, dem Jetzt, soweit es ihm eben zuteil wird, über die Ewigkeit, soweit sie einem Roman zuteil werden könnte, den ich schreibe.“ (Navid Kermani: Dein Name, München, Hanser 2011)

BenHuRum fiel es genauso schwer wie mir, in Worte zu fassen, was uns die Poetik-Vorlesung Navid Kermanis in Frankfurt 2010 so viel wertvoller machte als die – dennoch interessante – folgende von Thomas Meinecke im Februar diesen Jahres. Da steht es nun. Wir fühlen uns (anders als Morel) dieser Auffassung von Schreiben und Malen und Leben näher, die das Ich ausstellt und sich dessen Unfassbarkeit und Endlichkeit stellt. Das ist ohne Zweifel auch ein moralischer Standpunkt, weil es eine Antwort auf die Frage ist, der man nicht ausweichen kann: wie und wofür man leben soll. Längst schon ist allerdings die in Intellektuellenkreisen normativ gewordene Trennung von Ästhetik und Moral nicht mehr der avancierteste Standpunkt, den man einnehmen kann. Vielmehr gilt es auszuhalten, dass es auch zu dieser Frage keine Norm gibt, sondern die Frage sich immer wieder an jede und jeden Einzelnen richtet und richten wird, dass sie nicht abschließend zu beantworten ist, solange wir leben – und danach interessiert es eh nicht mehr. 


Wir würden alle den Tod schöner finden, wenn er unsere Hülle nur entseelte, nicht zerlegte.“, meint Jean Paul. Doch zwei Seiten weiter lässt er die Seele frei und hell in den Himmel fliegen. Ach...

Ich werde die Auflagen aus dem Keller holen, meine Strickjacke überziehen und vom Gartenstuhl auf der Terrasse aus mein Gesicht in die Abendsonne halten. 

Kommentare:

  1. Liebe Melusine, wie freue ich mich über diesen Beitrag!
    (Zum Glück betreibe ich meine derzeitige Internetabstinenz nicht ganz streng, sondern mehr nach Lust und Laune, versage mir auch nicht das Lesen, sondern vor allem das Schreiben und Kommunizieren, verschlinge also diverse Neuerscheinungen des Frühjahrs und stöbere hin und wieder in meinen Lieblingsblogs. Aber alles, was mir jetzt zu Deinem Text einfallen will, halte ich zurück, vielleicht komme ich später nochmal drauf zurück.)
    Herzliche Grüße! Iris

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  2. Danke für die Grüße aus der "Teil-Abstinenz". Ich bin gespannt auf alles, was dir einfällt - und auf die nächsten "Blütenblätter" (zum Osterfest?)
    Herzliche Grüße Melusine

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