Freitag, 4. November 2011

OKTOBER-LEKTÜREN (was ich lese, obwohl ich viel Zeit im Netz vergeude!)

Im Oktober habe ich an der sogenannten „Bücherchallenge“ des Blogs "Lesen beflügelt" teilgenommen. Dabei ging es darum, wie viele Bücher jeweils das Team „Hard Cover“ (HC) bzw. das Team “Taschenbuch“ (TB) im Oktober liest. Es zählte ausschließlich die Anzahl der gelesenen Bücher, nicht die Seitenzahl und erst recht nicht der Inhalt. Ich habe gelesen, was ich ohnehin gelesen hätte und am Ende schlicht im Kommentarfeld eingetragen, wie viele Taschenbücher darunter waren, denn per Zufall wurde ich ins Team „Taschenbuch“ gesteckt. 

Kein Zufall ist es aber, dass diese Zuordnung „meinem Team“ zugute kam, denn ich lese kaum je die Hardcover-Neuerscheinungen, die im Feuilleton von FAZ, FR, Süddeutsche, SPIEGEL oder der ZEIT besprochen werden. Was ich als Hardcover kaufe, sind Klassiker, Gesamtausgaben, antiquarische Bücher. Ich bin überzeugt, dass unter den Neuerscheinungen, die in der seriösen, meinungsbildenden Presse besprochen werden, auch einige gute Bücher sind. Doch pflege und hege ich meine Abneigung gegen den ganzen Diskurs der "Meinungsmacher“. Das hat jedoch nichts mit einer Abwertung des "Massengeschmacks" zu tun. Lieber lasse ich mir von einer Freundin die seicht-komisch-frivole nächste Stephanie Plum-Bestseller-Episode empfehlen, als von Iris Radisch die „Entdeckung des literarischen Herbsts“. Es stimmt mich skeptisch – und das ist noch euphemistisch ausgedrückt -, dass in der handvoll bundesweit bedeutsamer Tages- und Wochenblätter stets die gleichen Erzeugnisse eine Besprechung erfahren, während viel anderes Lesenswertes einfach übersehen wird. Daher lese ich die „Entdeckungen der Saison“ – wenn überhaupt – immer erst ein oder zwei Jahre später. Inzwischen lese ich wieder oder zum ersten Mal Klassiker, barocke Gedichte, in Kleinverlagen erschienene sonderbar anmutende Texte, die mich auf irgendeine Weise packen oder einfach das, was Freundinnen mir schenken. Es wird Sie vielleicht überraschen, da dies ein Literatur-Blog ist, aber vielleicht haben Sie es auch schon geahnt: Ich lese fast keine Feuilleton-Artikel. Ich lese den Sport-, den Politik- und den Wirtschaftsteil (in dieser Reihenfolge) der Zeitung. Was drin steht, in den einschlägigen Feuilletons, erfahre ich allenfalls durch Gespräche mit Morel (FAZ) oder BenHuRum (Süddeutsche Zeitung).

Die Teilnahme an der „Bücherchallange“ hat mich dazu genötigt, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was ich in vergangenen Monat gelesen habe (ohne die Sachbücher zu berücksichtigen). Die Bilanz ist beruhigend, besonders weil mir immer wieder von gewissen Leuten - mit einem vorwurfsvollen Unterton, wie ich heraushöre - gesagt wird, sie hätten nicht soviel Zeit, um sie - wie ich - im Netz zu verschwenden, da läsen sie doch lieber ein gutes Buch. Mit Blick auf diesen Oktober-Stapel kann ich nun selbstbewusst erwidern: Das tue ich auch, trotzdem - und deswegen!

Was habe ich gelesen im Oktober 2011?

Den ersten Band von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Ruppiner Land“ habe ich zur Vorbereitung meiner Reise in die Mark und dort begleitend gelesen.

In Wuthenow am See, wo wir im Kossätenhaus eine Ferienwohnung gemietet hatten, las ich zum sicher vierten oder fünften Mal „Schach von Wuthenow“, eine Novelle für die ich vor einiger Zeit schon einmal in einem Kommentarstrang in Aléa Toriks Blog Dr. NO begeistern wollte. (Vergeblich bis dato, wie ich glaube.) Überraschend war für mich diesmal vor allem, dass das von mir in Rom so verabscheute Santo Bambino auf den letzten Seiten zu solchen Ehren kommt. Eine katholisierte Victoire? Das sollte mich noch einmal zum Nachdenken bringen. 

Über „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ von Shahriar Mandanipur habe ich nicht im Blog geschrieben. Das hat Gründe. Das Buch hat mich beeindruckt; ich habe viel erfahren über die iranische Gesellschaft, über Beziehungen, Gedanken und Liebescodes in einer fremden Kultur. Die Fremdheit allerdings blieb. Mandanipur bezieht sich in seinem Roman gleichermaßen auf eine westliche Roman-Tradition wie auf persische Epen und Gedichte. Diese letztere Traditionslinie kenne ich nicht, aber – was schwerer wiegt – die Spuren, die sie im Text hinterlässt, erlebe ich überwiegend als unangenehm, als einen Hang zur Schwülstigkeit, ja bisweilen zum Kitsch. Ich fürchte aber, dass diese Wahrnehmung eher meiner kulturellen Beschränkung geschuldet ist, als der Qualität des Textes.

Was ich sonst noch las, davon war hier im Blog zu lesen:

Alban Nikolai Herbsts „Die Fenster von Sainte Chapelle“  habe ich vorgestellt  (und, um diese Novelle besser zu verstehen, las ich noch einmal  vom selben Autor „Die Orgelpfeifen von Flandern“ und für meine Rezension wartete ich auf das Erscheinen seiner „Kleinen Theorie des literarischen Bloggens“)


Guido Rohms „Blutschneise“ las ich in einer einzigen Nacht durch. Rohms Roman hätte vielleicht Chancen den Preis für den "Krimi des Jahres mit den meisten Toten" zu erhalten. Aber das macht seine Qualität nicht aus. Der Autor bedient sich ungeniert, bis zum Namen des Protagonisten Max Vonderscheidt hin, bei großen Vorgängern der Schwarzen Serie wie Jim Thompson. Durch die Übererfüllung der Genre-Normen führt Rohm seine Leser:inn:en jedoch eiskalt mitten hinein ins eigene dunkle Herz, das sich an der  Unausweichlichkeit einer von jeder Moralität entkleideten Welt im warm ausgeleuchteten heimischen Wohnzimmer ergötzt. Denn Rohm konfrontiert die routinierten Krimi-Leserinnen nicht nur mit den Opfern und deren Kampf ums Überleben, sondern vor allem damit, dass die Kälte, menschliche Gleichgültigkeit und materielle Gier der Verbrecher nur konsequent unseren Alltag im Kapitalismus zu Ende denkt, wo jeder alles, die anderen und sich selbst als Ware optimiert, anbietet, kauft, verkauft und konsumiert. So werden letztlich der mörderische Ferienausflug der Killer, die eine Blutschneise schlagen, bloß um sich einmal von der verbrecherischen Routine zu erholen oder Max Vanderscheidts leidenschaftslose Rache am sadistischen Milliardär zu einer perversen Form des Widerstands gegen eine pervertierte gesellschaftliche Formierung.

Ende des Monats las ich Claire Harmann: Jane´s Fame. How Jane Austen conquered the world. Neben vielem anderen stieß ich auf das wunderbare Wort "nincompoops", das mich seither verfolgt. Jane Austen nennt in einem Brief den Sekretär des Prinzregenten so, der sie belehren will, ihr Talent könne sich noch viel besser verwirklichen, wollte sie nur einen Mann wie ihn, einen gelehrten Kleriker mit Gefühl und Verstand in den Mittelpunkt rücken.

In Edward St. Aubyns „Some hope“ finde ich nur schwer hinein. Die Perspektive ist sehr distanziert, die Charaktere unsypmpathisch, erbärmlich, mitleiderregend oder kindisch. Doch langsam spüre ich einen Sog. Vielleicht finde ich noch meinen Zugang. Sie werden es merken, falls ich darüber schreibe.

Den ganzen Monat über begleitet hat mich die Gesamtausgabe des Werkes von Karoline von Günderode aus dem Stroemfeld Verlag. Ich höre hinein.

Was haben Sie im Oktober gelesen?

Kommentare:

  1. ...."Das Schwarze"... Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne. Philosophisch-literatischer Essay von Max Lorenzen, Tectum Verlag.

    ...."Bibliothek zur historischen deutschen Studenten- und Schülersprache, Band 2, deGruyter.

    ..."Faszien, Anatomie, Strukturen, Techniken" von Serge Paoletti, Urban & Fischer.

    Manchmal fragen mich Freunde: "Wie schaffst du es, bei alledem, was du tust, noch zu lesen?" "Die Zeit ist immer....", antwortete ich. :-)

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  2. Beeindruckend. Werde ich alles nachschlagen. Besonders reizt mich die "Bibliothek zur historischen deutschen Studenten- und Schülersprache".

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  3. Dieses Buch hat's in sich. Heutzutage vermuten ja viele Menschen, daß einige Begrifflichkeiten, auch die von unser jungen Generation oft benutzten, aus unserer Zeit stammen. Ab und an.... weitgefehlt. Die "Kümmeltürken" beispielsweise gab's schon im 18. Jahrhundert. Studenten, die aus der umliegenden Gegend von Halle gebürtig waren, weil in der ganzen Umgebung um Halle herum damals Kümmel angebaut wurde, hießen so. :-)

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