Montag, 30. Januar 2012

Die Sache mit dem Körper (und andere Zweifel)

„Diese Beiträge über „das Böse“ - du weißt, dass sie mir auf die Nerven gehen.“
„Ein Vorwurf, den du mir schon öfter gemacht hast: das ewige Moralisieren.
"Es muss doch möglich sein, die Dinge ohne dieses dauernde Werten zu betrachten.“
„Das versuche ich. Andererseits: Ich glaube tatsächlich, dass die Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ den Kern menschlicher Existenz ausmacht. Der Sündenfall.“
„Wir kommen immer wieder darauf. Und ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken. Mir erscheint das völlig unsinnig. Schon das Wort: Sünde.“
„Weil du es sofort mit den tradierten Verboten und Geboten verknüpfst.“
„Die beliebig sind. Und vor allem als Machtinstrumente eingesetzt wurden.“
„Einverstanden. Doch dieses Wissen heilt den Bruch nicht.“
„Ach, „der Bruch“ schon wieder.“
„Ja, der Bruch. Sein und Sollen. Davon können wir nicht lassen. Die Welt an einem Maßstab außer ihrer selbst zu messen.“
„Auch diese Maßstäbe sind kulturell genormte.“
„Genau. Der Schuh, den du trägst, ist ein Ergebnis dieses Bruchs. Dein Hemd, deine Hose, deine Plattensammlung.“
„Na gut, alles, was der Mensch schafft. Das hat noch nichts mit Gut und Böse zu tun.“
„Das sehe ich anders. Wir ändern die Welt. Schau zum Fenster hinaus. So weit kannst du nicht gehen, dass du ein Biotop erreichst, das „natürlich“ wäre.“
„Na und?“
„Sobald wir schaffen und schöpfen, beginnt das Werten. Was ist richtig? Was nicht? Was dürfen wir? Was nicht?“
„Man kann das auch nach Nützlichkeitserwägungen beurteilen. Ganz ohne Moral.“
„Auch der Utilitarismus ist eine Ethik. Wenn du voraussetzt, dass jemand nicht tut, was er muss, sondern was er will, bist du bei der Moral.“
„Warum kannst du nicht alle machen lassen, was sie wollen?“
„Kannst du?“
„Ich bemühe mich.“
„Du hältst dich als Beobachter am Rand. Das ist dein Recht. Aber es ist auch eine moralische Haltung. Die „Doktrin der Nichteinmischung“.“
„Halte ich  für angemessen. In den meisten Fällen.“
„Bei Raumschiff Enterprise hat´s nie geklappt.“
„Kirk war ja auch ein Idiot. –Aber Spaß bei Seite. Es ist ja nicht nur  die Sache mit „dem Bösen“. Mir scheint, du überschreibst diesen Gegensatz auch immer wieder mit der Geschlechterdifferenz: gute Frauen – böse Männer.“
„Kannst du mir Beispiele nennen?“
„Männer kommen, finde ich, bei dir vor allem als defizitär vor. Du siehst alles aus dem weiblichen Blickwinkel.“
„Das stimmt. Ich habe keinen anderen."
„Den menschlichen?“
„Kann ich vom weiblichen nicht trennen. Für mich ist diese Hierarchie - ganz oben ist abstrakt „der Mensch“ ohne Geschlecht - selbst Ergebnis einer patriarchalisch dominierten Denkweise. Denn dieser Mensch redet nicht zufällig meistens als Mann.“
„Das stimmt doch gar nicht. Warum beharrst du so unnachgiebig auf dieser Geschlechterdichotomie? Ich kann sogar deine geschätzte Ivy Compton-Burnett gegen dich ins Feld führen: "There is more difference within the sexes than between them."“
„Und von Virginia Woolf findest du bestimmt auch so was. Klar. Ich sage auch  gar nicht, dass es für jede und jeden so sein muss. Allerdings weise ich dich darauf hin, dass in dem Buch, aus dem das Zitat stammt, eine homosexuelle Beziehung eine wichtige Rolle spielt.“
„Was hat das damit zu tun?“
„In einer heterosexuell dominierten Kultur und aus einer heterosexuell geprägten Selbstwahrnehmung ist die Geschlechterdifferenz sehr prägend. Das zu leugnen kommt mir fast kindisch vor.“
„Das hieße doch, du könntest nichts zu mir sagen, bei dem es keine Rolle spielt, dass du eine Frau bist.“
„Genau. Weil ich mich nie als was anderes erlebe, denn als Frau. So sehr, wie dir die Geschlechterdichotomie auf den Senkel geht, so sehr regt mich die Leib-/Seele-Trennung auf.“
„Na ja. Seele. Damit würde ich dir auch nicht kommen.“
„Geist. Erkenntnis. Gewissen. Gefühl. Egal. Die ganze Idee, dass mein Körper und ICH (großgeschrieben, verstehst du?) nicht identisch sind.“
„Sind sie? Wie könntest du dann über deinen Körper reden?“
„Ich rede aus ihm. Genau das ist der Unterschied.“
„Aber auch über ihn. Du wärest doch immer noch du, wenn du einen Arm verlieren würdest. War das nicht Descartes´ Beispiel?“
„Ich wäre ohne Arm eine andere. Wie ich eine andere bin, wenn sich meine Haut schuppt. Es änderte mich, dass ich in der Pubertät Pickel bekam. Wenn ich nicht mehr rum rennen könnte, wäre ich nicht dieselbe. Dass ich eine Lesebrille brauche, macht mich zu einem anderen Menschen.“
„Aber nicht substantiell.“
„Genau daran glaube ich nicht. An die Substanz. Den Kern. So was. Es ändert mich auch, dass ich Alexander Kluge lese. Sogar ob ich Orlando als Taschenbuch oder auf dem Kindle lese, ändert mich. Verstehst du? Ich ändere mich. Und ICH – das sind Körper und Geist, untrennbar. Eine Frau.“
„Auch das nervt mich. Diese Bestimmtheit, mit der du dich behauptest. Kein Raum für Zweifel. Dafür, dass du auch ein anderer sein könntest. Oder eine. Dass du dir nicht gehorchen könntest.“
Als das Kind in mir wuchs, zerbrach diese Gewissheit. Vielleicht hast du Recht: Meine Starrheit in dieser Frage rührt daher. Dass mein Körper nicht mehr ICH war, sondern die Hülle für einen anderen, der ICH gerade NICHT war. Diesen Bruch will ich nicht so stehen lassen.“
„Das Kind als Fremdkörper in dir?“
„Das klingt schlimm. Aber als was sonst sollte ich es empfinden?“
„Als Teil von dir.“
„So war es nicht. Ich liebe das Fremde. Dieses mehr als mich selbst. Die Kinder. Und doch: fremd. Aliens.“
„Du weinst?“
„Entschuldige.“
„Schon gut.“
„Auch ich bin mir fremd, weißt du?“

Kommentare:

  1. So wenig sich Geist und Körper trennen lassen, so wenig lassen sich auch Kopf und Herz trennen. Deshalb, für Dein Ringen: <3

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  2. Danke! Manchmal denke ich, dass der Sturkopf das Herz drangsaliert, indem er immer um dieselben Themen kreist, aber dann fühle ich, dass es das Herz ist, das immer wieder Flammen wirft, die den Kopf heiß machen. ;-).

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  3. Und dann kam eine Teil-Lösung, die Antje Schrupp mir nahe legte. Kirk war gar nicht so dumm: Die Doktrin der Nichteinmischung. Sie hielten sich dran. Solange sie die Uniform anhatten. Um sich einzumischen, mussten sie sie ausziehen! Da ist der entscheidende Punkt.

    Darüber denke ich jetzt nach. Die Sache mit dem Körper. Mit den Verkleidungen. Und wer wem wo wie was sagen kann und darf. Wann es annehmbar ist und wann unangemessen. Wer andere belehren will, muss was riskieren. Sich. Sonst ist es billig und dumm. Der Eros der "Einmischung" - auch ins eigene Leben, übrigens: wer spricht hier über wen? "Mein Körper." Das fängt´s schon an.

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