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Montag, 22. Juli 2013
Sonntag, 21. Juli 2013
HOCHGOTIK: Pein und Heim. Das Münster in Bad Doberan
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| Münster, Bad Doberan |
Nur im Norden, in den roten, backsteingotischen Kirchen, in denen alles Vertrauen in die Effekte des Lichts gesetzt wird, um jene farbenfrohe Schlichtheit zu erzeugen, nur dort, nicht aber in den barocken, von Gold gefluteten, mit rundlichen Putti ausgestatteten, auf die Fülle der Bilder setzenden Gotteshäuser des Südens überkommt mich noch die Sehnsucht nach jener kindlichen Frömmigkeit, die sich anheim geben kann.
Ich verehre den Überfluss, den schönen Schein, den Widerstand gegen die Sparsamkeit, die heillose Verschwendung, den dem Bewusstsein um die Endlichkeit entgegen gestemmten Willen zu Lust und Farbe, gerundeter Weiblichkeit und kindischem Übermut. Aber ich verschwende mich an den Schall der gottesfürchtigen Lieder in hohen Hallen und an das flimmernde Licht, wie es aus den spitzen Bögen auf geometrisch strenge Muster fällt. "Das Gotische", sagt Morel, "entspricht dem Deutschen." Schnell fügt er an: "Sagt das Klischee ."
Sich Gefühlen hingeben, denen eine mit Grund zu misstrauen gelernt hat: der Lust, sich zu unterwerfen unter den stärkeren Willen einer Himmelsmacht. "Ich weiß, mein Gott, dass all mein Thun und Werk auf deinem Willen ruh, von dir kommt Glück und Segen, was du regierst, das geht und steht auf rechten guten Wegen." Die Mutter, wie sie die verkrampften Hände der Großmutter von der Decke hob und in die ihren legte, Paul Gerhardts Weisen singend, wie sich etwas löste in deren verhärmten Zügen; ein verunglücktes, langes Leben, dem in seinen letzten Moment dies der einz´ge mögliche Trost war: "Der Weg zum Guten ist fast wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt, doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet. Du bist mein Vater, ich dein Kind; was ich bei mir nicht hab und find, hast du zu aller Gnüge, so hilf nun, dass ich meinen Stand wohl halt und herrlich sieg." Da erst trat eine Träne aus den vertrockneten, blinden Augen einer alten Frau, die viel zu lange keiner geliebt hatte. Es hätte anders sein müssen. Der Betrug, der an ihr und vielen begangen wurde, um Lebensmut und -glück, der lag auch - und viel davon - in dieser Art von Ergebenheit, von anerzogenem Unvermögen, sich selbst zu erspüren und zu behaupten. Sie nahm sich ein Leben lang nichts (heraus), außer dem Vorwurf, den ihr ganzes Dasein darstellte, gegen Heiterkeit, Übermut und Lebenslust.
Ich habe das hassen gelernt und dagegen rebelliert. Aber wann immer sich eine Tür öffnet zu einer Kirche dieser Art, kehrt die Sehnsucht zurück danach, sich klein zu machen, den Kopf zu neigen und die Knie zu beugen: Hier bin ich, nimm mich hin in deine Hände.
***
Das Bad Doberaner Münster ist ein beeindruckendes Beispiel hochgotischer Bauweise und Ausstattung: bunt, reich ausgestattet und doch von hinreißender Schlichtheit, weil Raum ist und bleibt für die Regie des Lichtes, das aus den farbenfroh verglasten Fenstern fällt. Das Lettnerkreuz ist wie ein Lebensbaum gestaltet, statt des Leidens und des Todes wird die lebenspendende Kraft des Glaubens gefeiert. Obwohl das Münster Grabstätte des mecklenburgischen Fürstenhauses ist, dominiert hier das Leben, in dessen Unendlichkeit sich der Tod - in Gestalt der Gräber und Grabkapellen - fügen muss.
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| Lettnerkreuz, Münster in Bad Doberan |
In der kleinen Residenzstadt Bad Doberan, von der aus im 18. Jahrhundert die ersten Badegäste an die Ostsee nach Heiligendamm fuhren, sind viele schöne Villen aus jener Zeit und dem folgenden 19. Jahrhundert erhalten. Im städtischen Museum kann man die Geschichte des ersten deutschen Seebades nachvollziehen oder sich am Modell klarmachen, wie ein Zisterzienserkloster im 14. Jahrhundert aufgebaut war. Der Benediktinerorden setzte auf klösterliche Autonomie, was die große, zum Teil erhaltene Anlage rund um das Münster gut widerspiegelt: Ora et labora.
Zurück in der Stadt, auf dem Alexandrinenplatz steht dann plötzlich ein Denkmal, das eine hier kaum erwartete: Für Frank Zappa. Vom 1.-4.August, so las ich auf Plakaten, findet im kleinen Städtchen die "Zappanale" statt, mit Beiträgen wie "Dylan, Hendrix, Zappa spielen für Bach" - womit dann, auf überraschende Weise der Bogen wieder zurückgeschlagen wäre zum Beginn dieses Textes und zur Musik der Frömmigkeit:
"Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!"
Samstag, 20. Juli 2013
UWE KROPINSKI und JOE SACHSE in der Kunsthalle Kühlungsborn
Was für ein Erlebnis: Zwei große Musiker in einem Ostseebad. Wer hätte das erwartet? Doch warum nicht? Mit solcher Musik füllt man keine Hallen, nur eine kleine Kunsthalle in Kühlungsborn-West. Die gestern Abend dort waren aber, deren Gesichter strahlten am Ende, waren sie doch Zeugen geworden, wie zwei Menschen etwas machten, was sie konnten und wollten, konzentriert, präzise, spontan. Das kommt seltener vor, als eine sich vorstellen mag. Nicht viele haben das Glück, sich so zu entdecken: Etwas so gut zu können, dass man es nicht beherrschen, sondern damit wirklich spielen kann.
Ich verstehe nicht genug von Musik und gerade von dieser speziellen, um in Worten auch nur andeuten zu können, was zu hören war. Im Grunde glaube ich auch nicht daran, dass Worte das können oder dass Texte über Musik oder Bilder denen etwas Wesentliches hinzufügen könnten. Bloß wer nicht Musik oder Bilder machen kann, hat das Bedürfnis, sich über Texte zu versichern, dass da etwas Bedeutsames zu hören oder zu sehen war.
Uwe Kropinski und Joe Sachse gestern Abend in der Kunsthalle in Kühlungsborn: Zwei sehr unterschiedliche Männer, die sich mit ihren Gitarren aufeinander einließen. Sie spielten eigene Kompositionen (u.a. "Ein Germane in Madrid"/Kropinsiki oder "HongKingKong"/Sachse) und eine freie Improvisation. Immer wieder schloss ich die Augen, um besser zu hören - und öffnete sie dann wieder, um neugierig zu schauen, wie das gemacht wurde, was da zu hören war - vergeblich: Denn, wie der Veranstalter ankündigend gesagt hatte: "Das geht eigentlich gar nicht, was die da machen." Schwebend, zwitschernd, schlagend, schreiend, lachend, aufschlagend, hochsteigend, wegtretend, ankommend, runterfallend, auftrumpfend, jubilierend, kreischend, flüsternd, zitternd, schluchzend, rhythmisch, aus dem Takt, im Blues, Freejazz, Afrika, Indien, meditierend, aufwachend, begeisternd. Ich habe Gitarren noch nicht so gehört.
(Und: Es gibt keine größere Dummheit, als die Wahnidee, Denken finde nur in Worten, gar in Texten, statt.)
Lassen Sie sich keine Gelegenheit entgehen, diese beiden großen Musiker allein oder zusammen oder in anderen Kombinationen zu hören!
http://www.kropinski.com
http://www.helmut-joe-sachse.de
Uwe Kropinski und Joe Sachse gestern Abend in der Kunsthalle in Kühlungsborn: Zwei sehr unterschiedliche Männer, die sich mit ihren Gitarren aufeinander einließen. Sie spielten eigene Kompositionen (u.a. "Ein Germane in Madrid"/Kropinsiki oder "HongKingKong"/Sachse) und eine freie Improvisation. Immer wieder schloss ich die Augen, um besser zu hören - und öffnete sie dann wieder, um neugierig zu schauen, wie das gemacht wurde, was da zu hören war - vergeblich: Denn, wie der Veranstalter ankündigend gesagt hatte: "Das geht eigentlich gar nicht, was die da machen." Schwebend, zwitschernd, schlagend, schreiend, lachend, aufschlagend, hochsteigend, wegtretend, ankommend, runterfallend, auftrumpfend, jubilierend, kreischend, flüsternd, zitternd, schluchzend, rhythmisch, aus dem Takt, im Blues, Freejazz, Afrika, Indien, meditierend, aufwachend, begeisternd. Ich habe Gitarren noch nicht so gehört.
(Und: Es gibt keine größere Dummheit, als die Wahnidee, Denken finde nur in Worten, gar in Texten, statt.)
Lassen Sie sich keine Gelegenheit entgehen, diese beiden großen Musiker allein oder zusammen oder in anderen Kombinationen zu hören!
http://www.kropinski.com
http://www.helmut-joe-sachse.de
(BenHuRum, DU musst das hören!)
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Musik,
Sommerfrische 2013,
Unterwegs
Mittwoch, 17. Juli 2013
Sommerfrische: GOOD VIBRATIONS
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Für Wilhelm Bartelmann (1845-1930), den Erfinder des Strandkorbs |
Manche lieben die wild belassenen Naturstrände, raus schwimmen im Morgengrauen, wo keine DLRG-Wache vermisste Kleinkinder ausruft. Ich kann das nachvollziehen. Am liebsten gehe ich nach 6 schwimmen, wenn der Strand sich geleert hat, weil die Besucher norddeutscher Strände auf pünktliches Abendessen offenbar großen Wert legen. Außerhalb des Wassers mag ich´s aber sehr, Menschen zu beobachten. Der Strandkorb ist der ideale Ausguck für eine wie mich. Auf einer italienischen Liege an der Riviera (zum Beispiel) liegt man viel zu dicht beisammen, als dass man sich hinzuschauen traut. Oder wenn eine doch schaute, dann hätte es gleich Folgen...
Das kleine Mädchen vom Strandkorb nebenan hat heute endlich eine Freundin gefunden, zwei Reihen weiter unten. Das war überfällig, seit Tagen habe ich gehofft, dass die beiden sich endlich nicht mehr nur beäugen, sondern sich den Ball zuspielen und gegenseitig ihr Sandeis abkaufen. "Sie geht auch in die 3. Klasse", hat die Kleine ihrer leider immer ein bisschen übellaunig drein schauenden Mama aufgeregt erzählt. Und später, als unsere Nachbarn ihren üppigen Standkorbhausrat zusammengeklaubt und mit Matratze und Strandmuschel und Eimern und Bällen und Freßkorb und Kühltasche abgezogen waren, kam das Mädchen von weiter unten mit seinem Papa, um das Terrain der anderen zu erforschen. "Morgen komme se doch wieder.", beruhigte der.
Heute früh ist leider der Alm-Öhi mit seiner Großfamilie abgereist, der im Strandkorb links von uns seinen Astralleib täglich bräunte, muskelgestählt, mit einer wildiockigen grauen Haarmähne, zwei Enkelkindern, einer rundlichen, stillen Gefährtin, einer blonden Tochter und einem gut aussehenden, kurzhaarschnittigen, brusthaarfreien Schwiegersohn. Sehr harmonisches Familienleben offenbar, obwohl keine Außenstehende die sechs je zusammengebracht hätte.
Arschgeweihe, wie noch vor 10 Jahren üblich, sind seltener geworden, häufiger sind jetzt ausladende Oberarmtätowierungen. Funktioniert nur, wenn darunter auch hinreichend trainierte Muskeln liegen. Sonst sieht´s bei Männlein und Weiblein arg aus.
Die Sonne bleicht mir die Haare aus, weißblond werde ich zurückfahren, wenn das so weiter geht. Das Wasser der Ostsee hat 18 Grad und ist damit nur unwesentlich kälter als die Luft. Jeden Tag traue ich mir zu, ein wenig weiter und länger hinaus zu schwimmen. Ich nehme mir vor, regelmäßiger zu schwimmen, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich lese auch viel: Die Tageszeitung von vorne bis hinten; Yoko Tawada, eine deutsch-japanische Schrifstellerin, die mir Jana Volkmann empfohlen hat. Kriminalromane. Schillers "Jungfrau von Orleans" (ehrlich!), über Sünde und das Böse (Ronald Paulson: Sin and Evil. Moral values in literature). Auf meinem Kindle ist auch noch Elisabeth von Arnims: Elisabeth und ihr Garten. Vielleicht werde ich das anfangen. Ich suche nach dem ultimativen Ostsee-Sommerfrische-Buch (Bitte nicht empfehlen: Buddenbrooks. Habe ich schon zu oft gelesen. Mag ich, bis der unerträgliche Hanno auftaucht. Von dem habe ich immer nur gedacht: Wann rafft´s ihn endlich dahin? So bin ich halt. Ohne Mitgefühl und Verständnis für die "künstlerischen", blutarmen Typen. Ich glaube halt nicht an den Zusammenhang von Kunst und Hinfälligkeit und verabscheue die Gleichsetzung von Empfindsamkeit mit Empfindlichkeit.)
Der ultimative Sommer-Song ist - wie immer und ewig (!): Good vibrations.
Dieser Sommer fühlt sich sehr sommerlich an.
Die Arbeit am "Kleinen Eisdielen-Führer durch Deutschland" wird fortgesetzt.
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Sommerfrische 2013,
Unterwegs
Sonntag, 14. Juli 2013
HORIZONT(e) erwandern
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| Turm der Johanniskirche in Brunshaupten, 1680 |
Die Kirche von Brunshaupten ist noch romanisch und ihr (jüngerer) Turm aus Holz. Sonntagmorgens um 10.00 beginnt ein gut besuchter Kindergottesdienst, dem ein Pfarrer ganz traditionell im weißen Talar vorsteht. Orgelmusik schallt über den Friedhof. Dort ruht mehr als ein Superintendent der evangelischen Kirche, mit Ehefrau oder Schwester bestattet; meist lebte der Herr ein paar Jahr länger als die Frau, die ihn versorgte.
Auf den Diedrichshagener "Berg" (! 130 m über dem Meer! ) geht´s auf, wie´s scheint, gefährlichen Pfaden.
Vor Schreck verlaufen wir uns später, als wir den Berg wieder hinab wandern, aufgeschreckt durch einen maskierten Quad-Fahrer, der auf seinem Gefährt durch den stillen Wald dröhnt. Der Weg nach Wichmannsdorf endet in einem Acker. Später richten wir unsere Wanderung schlicht nach dem Bastorfer Leuchtturm aus, der schon zu sehen ist am Horizont - und landen in einer Sackgasse: "Privat. Kein Durchgang. Eltern haften für ihre Kinder." Eltern haften ziemlich viel für ihre Kinder, stellen wir fest. (Oder es gab in der Gegend günstige Sonderangebote dieser Emailleschilder .) Auch vor bissigen Hunden mit schlechter Laune wird an fast jedem zweiten Hof gewarnt.
Immerhin: Am Wegesrand leuchten rot die Mohnblüten. Und zwischen den rollenden gelben Felder lugt das Meer hervor, schaumbekront heute, denn ein heftiger Wind fegt drüber weg und uns später beinahe vom Leuchtturm.
Das Sanddorn-Törtchen aus dem viel gelobten und besuchten Café Röntgen habe ich mir redlich verdient: 24 km heute, trotz Hallux valgus.
Achter in´t Holt
Dat is so still hier achter,
as wir 'ne Kirch dat Holt,
mit väl wid Bagenfinster
un Pilers, hoch un olt.
Dat is so still nu worren;
de Wold, de steiht un swiggt,
as wenn dor vun sin Kanzel
de Preester rünner stiggt;
as wenn dor vör'n Altor
de Preester steiht un singt
un de Gemeen den Sägen
un ehr den Fräden bringt.
Dat is de söte Vagel,
de Nachtigall is dat –
dat sleiht een'n so to Harten,
dat Og dat ward di natt;
as künnst du af dat lüchten
all, wat up't Hart di liggt,
as ob een gahn un bichten
un still eens baden mücht.
De hogen ollen Eeken
de geiht dat dörche Kron,
de hogen ollen Eeken,
as Chur un Örgelton.
John Brinkmann
Samstag, 13. Juli 2013
SOMMERFRISCHE: "Du, ich lebe immer am Strand..."
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| 12. Juli 2013, Arendsee |
Leider stimmt das nicht. Auch nicht, dass zwischen meinen Zehen und Fingern die Schwimmhäute schon wachsen, wie sie sollten. Denn: Mein Element ist das Wasser, salzig oder süß, eintauchen, schaudern, schwimmen, sich freischwimmen, schaumgeboren entsteige ich den Wellen, tapsig, die Füße tragen kaum, flossengleich über den Sand.
Sommerfrische 2013 - keine Besichtigungen alter Kirchen und golden umrahmter Gemälde diesmal, sondern: lesen, dösen, schwimmen. Im Süden, wo ich nicht bin und hingehöre, den ich aber auch liebe, ist der Sommer heiß. Hier ist er frisch. Die Sonne brennt nicht vom Himmel, sondern wärmt die Gänsehaut und macht sie weich. Wohin ich gehöre, rollen die Hügel grün gegen einen von Wolken durchpflügten blaugrauen Horizont.
Die MS Baltica hatte gestern einen Motorschaden und der Kapitän beschallte uns, gerade noch sicher wieder an Land gebracht, ein wenig länger als vorgesehen mit Freddy Quinns Sehnsucht. Hans Albers singt "La Paloma, ade" und "Nimm mich mit Kapitän auf die Reise..." Passend. Wir wollten hinaus aufs Meer, aber zurück ging es nicht mehr. Wer weiß, ob die MS Baltica noch einmal wieder kommt, ob für jenes Teil, das platzte, ohne uns zu versenken, noch einmal ein Ersatz gefunden werden kann. Immerhin sind die beiden Motoren der Baltica schon 40 Jahre alt und mehr. Der Kapitän nahm´s äußerlich gelassen und munterte das Publikum auf. Aber ich hörte ihn "Schiet" fluchen, als er an uns vorbei in den Maschinenraum eilte.
Nachzutragen: der Landgang in Warnemünde. Schönes Städtchen. Legendäre Broiler-Stube im Hotel Neptun. Phantastisch renovierte 70er Jahre (Innen-)Architektur, wundervolle Hotelbar. Zwei Eis-Dielen in der Altstadt getestet, keine konnte mit der in Neuruppin mithalten. In der Abendsonne, nach der Rettung aus Beinahe-Seenot noch einmal hinausgeschwommen in die Ostsee, still wie eine Badewanne gestern Abend. Sonnenuntergang am Strand. Nein, ich lebe nicht immer Strand. Leider. (Für das Gefühl aber, es könnte doch einmal so geworden sein, nehme ich ein wenig Kitsch und Nostalgie in Kauf...Du, soviel Nachsicht und Zuversicht mit mir selbst kann ich mir nicht immer leisten. Aber jetzt.)
Sommerfrische
Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.
Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.
Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.
Joachim Ringelnatz
(1883-1934)
Donnerstag, 11. Juli 2013
Dienstag, 9. Juli 2013
WIR SIND IMMER IM GARTEN GETHSEMANE (Verführung in Güstrow)
Der Norden: rote Backsteinkirchen,
endlose Weizenfelder, wilder Mohn am Wegesrand, der Klang der Orgel in den Gassen, auf den Grabplatten zitieren die Inschriften immer wieder die
Lichtmetaphorik bei Lukas und Matthäus. Es schallt gegen die düsteren Wände das stumme Gebet der Verworfenen, die volle Hoffnung schöpfen - was Not ist und tut, weiß, wer diesem Glauben huldigt
und an ihm leidet. Der Protestantismus stellt seine Schlichtheit als einen
Schmuck aus.
Wir sind immer im Garten Gethsemane.
(Ich will zu diesem Satz keine Deutung
liefern. Es steckt alles darin: der Garten, das Paradies, die Verlassenheit,
die panische Furcht, die überirdische Hoffnung: "Wer an mich
glaubt..." - und musste doch erst einmal selber an sich glauben,
der.)
Vom Ruppiner See nach Güstrow. Auch dort gibt
es einen See mit dem sonderbaren Namen Inselsee. An dem lebte und schaffte
Ernst Barlach, baute sich 1930 noch ein Atelierhaus neben das Wohnhaus der
Frau, die seine große Liebe und Lebensgefährtin wurde: Marga Böhmer, Ex-Frau seines
Freundes und Händlers Bernhard A. Böhmer. Es bliebt ihm wenig Zeit. Die seine
Kunst entartet nannten, kamen 1933 an die Macht; seine Werke schafften es rasch
auf die von ihnen erstellten Listen verfemter "volksfeindlicher"
Kunst. So nicht: So sollten nicht dargestellt werden: die Soldaten,
die Bauersmänner und - frauen, die Mütter, Väter und Kinder, so
ausgeliefert, so befangen, so bedürftig nicht - und so frei nicht, frei von
ideologischer Selbstherrlichkeit und Hybris. Wer sich eine "neue" Welt
schaffen will, kann diese Kunst nicht brauchen, in deren Mittelpunkt der Mensch
als ein Bedürftiger, Verlassener, Suchender, Verzweifelter, aber auch Hoffender
steht. Barlachs Skulpturen sind Darstellungen tiefer Gottverlassenheit und sehnsüchtiger
Hinwendung zur Erlösungshoffnung zugleich; gegen die Begegnung mit einer gottlosen Welt wird die Hoffnung in den aberwitzigen Glauben der Menschen gesetzt. In der Gertrudenkapelle und im sie umgebenden Garten haben diese
Skulpturen ihren schönsten und passendsten Ort gefunden: Ein Ort der
Gräber und der Trauer, aber auch der Ruhe und Hoffnung.
"Ich bin als ein Licht in die Welt
gekommen,
damit jeder, der an mich glaubt,
nicht in der Finsternis bleibt.“
Wir wandeln durch unser Leben wie an einem letzten
Abend in der Dämmerung durch einen verschatteten Garten. Es gibt Zeiten, in
denen die Hoffnung hassenswert erscheinen mag, in denen sie zum Trug wird, in
der sich ihre Wärme und Zärtlichkeit in Häme und Spott verwandelt. Am Ende
seines Lebens mag Ernst Barlach so gefühlt haben. "Der Schwebende"
aus der Domkirche in Güstrow war eingeschmolzen, "Der Geistkämpfer"
in Kiel und die "Trauernde Mutter mit Kind" in Hamburg entfernt
worden, seine Werke aus den Sammlungen der Museen genommen; er selbst als
"entarteter Künstler" gebrandmarkt. Als er 1938 starb, war er entkräftet und entmutigt. Käthe Kollwitz reiste zu seiner Beerdigung an und
beschrieb in ihrem Tagebuch, wie der Freund so "klein und mager" in
seinem Sarg gelegen habe. Sie fertigte eine Zeichnung des aufgebahrten Toten an.
Barlachs Mahnmal des "Schwebenden", das nach einem geretteten
Nachguss wiedererschaffen werden konnte, indes trägt unverkennbar die
androgynen Züge Käthe Kollwitz´, ganz unbeabsichtigt, wie er behauptete.
Die meisten Besucher der Residenzstadt Güstrow
werden in der Domkirche nach Barlachs bekanntestem Werk "Der Schwebende" Ausschau halten. Es
lohnt sich aber fast mehr noch der Besuch der stillen Gertrudenkapelle, die
etwas außerhalb des inneren Altstadtringes liegt. Die backsteinerne Kapelle ist
von einem kleinen Friedhofsgarten umgeben, in dem einige Skulpturen von Barlach
und anderen Künstler wie beiläufig aufgestellt sind.
Ein Garten umgeben von einer Mauer.
Wir sind unter uns. Bei uns.
Aber es ist kein Verteidigungswall, mit dem wir uns umgeben.
Warum braucht jeder Garten eine Begrenzung?
Es ist dunkel.
Durch die Baumkronen schimmert der Mond.
Wir warten auf das Licht der Welt.
"Heimat", schrieb Uwe Johnson, "ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß." In Güstrow, in der John-Brinkmann-Schule machte Johnson Abitur. Heute trägt die Stadtbibliothek seinen Namen.
Der Norden: Das Karge, die Gewissheit des Todes, die Unvermeidlichkeit des Leides in und an den versehrbaren Körpern. Kälte. Aber auch: die grünen Hügel, das Gelb der Rapsfelder, die roten Tupfen des Mohnes dazwischen, hoch aufragend die wuchtigen Glockentürme der Kirchen, deren Rufe in flache Täler rauschen, vom Meer her weht ein Wind, der noch einen Hauch von Salz auf den Lippen hinterlässt. Wer sich nach Heimat sehnt, ist ein Protestant? Wer eine hat und kennt, mag ein Katholik sein? Oder etwas anderes. Wer keine braucht... Denn die Heimat, wo meine Erinnerung Bescheid weiß, ist immer da, wo ich nicht bin: in der Vergangenheit.
Schwermut ist etwas anderes als Melancholie, die nach meinem Gefühl allzu oft in der Moderne jener ekle Hauch der Selbstbeweihräucherung des asozialen "Ausnahmemenschen" umweht, der sich gar so anders als die andern wähnt. Melancholie kann sich leisten, wer sich raushalten kann und mag. Ein Luxusgefühl für Beobachter mit manikürten Händen, wohlbestückten Bibliotheken und Weinkellern, denen Hunger eine bloße Metapher ist. Der Schwermütige sitzt mittendrin und trägt schwer und mit. Schwermütig kann eine alte Bäuerin inmitten ihrer Enkel sein. Es ist die Einsamkeit, die man nicht sucht und die Trauer um die Vergänglichkeit der Liebe, der keine/r entgeht.
Wir sind immer im Garten Gethsemane.
Samstag, 6. Juli 2013
Zurück am See....
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