Freitag, 22. Januar 2016

"Kölner Botschaft" statt #ausnahmlos

"Das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik wurde zu Recht ausgiebig beklagt. Wenn es überwunden wurde, dann nicht, weil man ausgesucht tolerant gegenüber der Rückständigkeit der Provinz, gegenüber den Kirchen und ihren Wertvorstellungen gewesen wäre."


Adam Soboczynski "Bitte nicht stören", in: DIE ZEIT vom 21.01.2016

Ich habe #ausnahmslos, den "Aufruf des progressiven Feminismus", wie "Der Freitag" diese Reaktion auf die Silvesternacht von Köln nennt, nicht unterzeichnet. Obwohl ich - selbstverständlich - ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus bin, egal von wem sie ausgehen.


Wer allerdings sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus auch für strukturelle Probleme (patriarchaler) Gesellschaften und Weltanschauungen hält - und nicht nur für individuelle Defekte - , muss sich durchaus Fragen zum sogenannten "soziokulturellen Hintergrund" von Tätern stellen. Das, so würden die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen von #ausnahmslos antworten, bestritten sie in ihrem Text ausdrücklich nicht. Stimmt, einen Satz ist es ihnen durchaus wert. Jedoch hüten sie sich davor, auf den spezifischen soziolkulturellen Hintergrund der Täter von Köln einzugehen. Das hat Gründe. Doch es wäre auch anders gegangen, wie die "Kölner Botschaft" eindrucksvoll beweist, die nicht darauf verzichtet, die konkreten Hintergründe der Kölner Taten zu benennen und die im ersten Absatz eine offensive Position - die der Liebe zur eigenen Stadt -  vertritt, die es - gegen die Täter von Köln, die Pegida-Aktivisten, Nazi-Apologeten und Dschihadisten - zu verteidigen gilt. Anders #ausnahmlos", das die Taten von Köln in den Kontext der sogenannten "whatabouts" stellt, wie Adam Soboczynski das im oben zitierten Artikel nennt: was ist denn mit...Übergriffen von Deutschen auf dem Oktoberfest, was ist denn mit...sexistischer Werbung auf deutschen Plakatflächen, was ist denn mit...mädchenverachtenden Mathelehrern an deutschen Schulen etc. pp. Die Taten von Köln - nichts Besonderes, besonders nicht in Deutschland? Oder habe ich da was falsch verstanden?

Aus einer großen Menge von überwiegend aus nordarabischen Ländern stammenden jungen Männern heraus wurden in der Silvesternacht vor und im Kölner Hauptbahnhof Frauen umzingelt, eingeschüchtert, geschmäht, begrapscht und vergewaltigt. Polizeibehörden, Politiker_innen und wohl auch einigen Medien erschienen die Aussagen der Opfer offenbar in der gegenwärtigen, durch den rechten Mob aufgeheizten Situation problematisch. Vielen Feministinnen, wie es scheint, ebenso. Unmittelbar nachdem erste Zeitungsberichte über die Nacht von Köln in den Medien erschienen, wurden in den sozialen Netzwerken die Aussagen der betroffenen Frauen auch von "progressiven Feministinnen" in Zweifel gezogen: Ob es wirklich vor allem sexuelle Übergriffe und nicht doch vor allem Eigentumsdelikte gewesen seien, woran denn die Frauen überhaupt "Araber" hätten erkennen wollen, wurde zum Beispiel gefragt.  Als sich nach der Veröffentlichung von Polizeiberichten nicht mehr leugnen ließ, dass die Übergriffe mehrheitlich von Tätern begangen worden waren, die aus Marokko und Algerien stammen (die Beobachtungen und Einschätzungen der betroffenen Frauen also bestätigt wurden) setzte die Flut der "what about"-Fragen ein. Die größte Gefahr einer öffentlichen Diskussion über die Vorfälle von Köln war nämlich schnell erkannt: Dass die kriminellen Taten von Köln dem tatsächlich in Deutschland derzeit grassierenden Rassismus in die Hände spielen könnten und der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge dienen würden. Ich verstehe diese Sorge gut. Aber ich teile die Einschätzung nicht. Dem Rassismus und der Menschenfeindlichkeit in die Hände spielt mindestens genauso sehr eine fragwürdige "linke" und/oder "feministische" Toleranz gegenüber bestimmten Milieus und eine rhetorische und sachliche Unschärfe, die Differenzen einebnet, erstrittene gesellschaftliche Fortschritte leugnet und Befremden und Fremdheitsgefühl bei den einen mit geradezu paternalistischem Verständnis (Einwanderern) begegnet  und bei den anderen (Einheimischen) als Rassismus brandmarkt.

Wenn es um die Täterschaft aus einem christlich-katholischen Milieu heraus geht, wird - zurecht! - nicht in ähnlicher Weise reagiert. Niemand betont dann unentwegt, dass auch evangelische oder muslimische Menschen Gewalt gegen Kinder verüben. Vielmehr ist es richtig und wichtig zu analysieren, inwiefern die (zum Teil auch sexualisierten) Gewalttaten gegen Kinder bei den Regensburger Domspatzen offenbaren, dass in der katholischen Kirche und im katholischen Milieu über lange Zeit und zum Teil bis heute (darauf lassen auch jüngste Äußerungen des derzeitigen Papstes schließen) Gewalt gegen Kinder begünstigt worden ist. Die Ursachen für diese Gewaltaffinität und -rechtfertigung liegen auch in der Religion, in bestimmten theologischen Interpretationen biblischer Texte, in einem patriarchalen Familienideal, das als "christlich" verstanden wurde und wird. 

Es dürfte wohl kaum eine der Aussage widersprechen, dass alle drei monotheistischen Religionen patriarchale Denkmuster begünstigt, stabilisiert und verHERRlicht haben und diese ("Wert"-) Vorstellungen bis heute wirksam sind. Daher ist Religionskritik, auch sehr scharfe, weiter nötig und unter dieser selbstverständlich auch "Islamkritik". Kritik an Religionen mit Wahrheitsanspruch ist nämlich kein Rassismus, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Pluralität, Liberalität und Toleranz.

Kein gesellschaftlicher Fortschritt für Frauen, Homosexuelle oder Kinder, keine gesellschaftliche Ächtung von (sexualisierter) Gewalt  - wie immer mühsam, fragil und faktisch unbefriedigend errungen -  wurde durch die religiösen (hier: christlichen) Institutionen und/oder Gruppierungen erzwungen oder herbeigeführt, sondern fast immer gegen sie: ob es um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in und außerhalb der Ehe, das Recht der Frau auf die Entscheidung über Abtreibung oder die Akzeptanz von Homosexualität ging. Dass auf diesen Gebieten Fortschritte erreicht wurden, verdanken "wir" nicht dem "christlichen Menschenbild", sondern dem Zurückdrängen des Einflusses der religiösen Institutionen auf Gesellschaft und Politik. Immer mehr Menschen gestalten ihr Leben, ohne sich durch religiöse Überzeugungen leiten zu lassen, manche bleiben sogar Mitglied ihrer jeweiligen Kirchen, ohne jedoch im Alltag deren "Ratschlägen" oder "Geboten" Beachtung zu schenken. Empfängnisverhütung oder Sex vor der Ehe sind nur die offenkundigsten Beispiele. 

Ja, es gibt in Deutschland sexistische Werbung, sexistische verbale Übergriffe, sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen. Aber Männer und Frauen können in der Regel heutzutage selbst entscheiden, mit wem sie Sex haben wollen, mit wem sie zusammenleben möchten und ob sie eine Ehe als Voraussetzung für sexuelle Beziehungen betrachten. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1994 strafbar. Es gibt keine gesellschaftliche Ächtung außerehelicher sexueller Beziehungen mehr, die Ehre einer Frau wird nicht mehr von ihrer Jungfräulichkeit vor der Ehe abhängig gemacht und auch die Diskriminierung von Homosexuellen is gesellschaftlich nicht mehr mehrheitsfähig. Das ist nicht selbstverständlich, sondern schwer erkämpft. Ich finde es fahrlässig, diese Fortschritte klein zu reden. Diese Errungenschaften (ja, ich nenne sie mal so!) können nur verteidigt werden, wenn der Einfluss des "religiösen" Institutionen (Kirchen, Islamverbände) auf Gesellschaft, Kultur und Politik nicht wieder zunimmt. Die christlichen Kirchen nämlich haben ihre patriarchalischen Positionen bestenfalls modifiziert oder geräumt, wenn sie längst nicht mehr mehrheitsfähig waren. Andernorts, wo die Mehrheitsverhältnisse anders sind, setzt  sich z.B. die katholische Kirche  weiterhin für die Pathologisierung der Homosexuellen ein oder verhindert Verhütung etc. ppp. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Einfluss des organisierten Islam in Deutschland (z.B. durch die  sogenannten Islamverbände) auf die Gesellschaft (und insbesondre die Sexualmoral) positiver wäre.  

Vor diesem Hintergrund finde ich es unerträglich, wenn linke Bekannte und Freunde jetzt z.B. Postings auf Facebook absetzen, die dazu aufrufen, das kriminelle Verhalten der Täter von Köln "mit dem Islam, statt gegen ihn" zu bekämpfen. Schließlich hätten die Täter ja selbst gegen ihre (?) Religion verstoßen, da sie alkoholisiert gewesen seien. Soll ich ernsthaft mit freundlichen, wie die "taz" lustigerweise schreibt, "zutraulichen"  Imamen gemeinsam Abstinenz von Jugendlichen einfordern, obwohl ich selbst gern Wein und Bier trinke und das religiös begründete Verbot für Unsinn halte? Werden "wir" dann bei einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Übergriff in Zukunft im Verein mit katholischer Kirche, evangelikalen Freikirchen und Islamverbänden für die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe eintreten, weil wir hoffen, potentielleTäter (muslimische und/oder christliche) so "erziehen" zu können, ohne sie "umzukrempeln", wie die "taz" es so schön formulierte. In meiner Gewerkschaftszeitung finde ich einen Artikel, der um einen verständnisvollen und "interkulturell sensiblen" Umgang mit der verbreiteten Praxis von Familien aus dem "muslimischen Kulturkreis" wirbt, Frauen aus der Öffentlichkeit fern zu halten. Diese "Rücksichtnahme" auf religiös und/oder kulturell "muslimisch" begründete Missachtung des individuellen Rechts von Frauen und Mädchen, aber auch von Männern und Jungen auf Selbstbestimmung lässt gerade jene im Stich, die wohl aus einem "muslimischen" Kulturkreis stammen mögen, sich aber kritisch zu diesen Traditionen stellen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte gerade nicht, dass hinter den Verbrechen von Köln religiöse Motive stecken. Tatsächlich gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass es sich bei den Tätern um religiös inspirierte Menschen handelte (ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den islamistischen Terroristen, deren religiöse Motivation man m.E. durchaus ernst nehmen muss). Ich bin nur davon überzeugt, dass die monotheistischen Religionen (und damit eben auch der Islam, gleich welcher Prägung) kaum Hilfestellung bei der Prävention solcher Taten anbieten können. Zu - freundlich ausgedrückt - problematisch ist deren Geschichte des Umgangs mit Geschlecht und Sexualität, zu rückständig noch immer in den dominierenden theologischen Strömungen deren Sexualmoral und Familienideal. 

Die Feministinnen, die #ausnahmslos initiiert haben, aber auch viele Linke behaupten, dass der Schock und die mediale Beachtung, die die Verbrechen von Köln gefunden haben, ausschließlich darauf zurückzuführen sind, dass  "Fremde" als Täter aufgetreten sind. Daher ließen sich diese Taten von Rassisten instrumentalisieren. Dem wollen sie vorbeugen. Das ist ehrenwert. In Wahrheit, behaupten sie, handele sich um Tatvorgänge, wie sie in Deutschland immer wieder vorkämen. Sexismus und sexualisierte Gewalt seien strukturelle Probleme, die mit keiner bestimmten Tätergruppe verbunden seien. So allgemein formuliert stimmt das. Es stimmt aber nicht, wenn man die Übergriffe von Köln genauer analysiert. Was viele Menschen, auch jene, die sich nicht durch rassistische Hetze instrumentalisieren lassen, an diesen Taten verstört ist, ist die öffentliche, gemeinschaftliche Hetzjagd auf Frauen. Das hat es so meines Wissens in den letzten Jahren in Deutschland nicht gegeben. Eben auch nicht auf dem Oktoberfest, in Kirmeszelten oder Fußballstadien. Dort gibt es sexistische Sprüche zuhauf, unangenehme Anmache, Angrabschen und es kommt im Umfeld solcher Veranstaltung zu Vergewaltigungen. Was ich noch nie bei einer solchen Veranstaltung erlebt habe, ist,  im öffentlichen Raum umzingelt zu werden, Spießruten laufen zu müssen und keine Hilfe von Ordnungshütern zu bekommen. Anders als viele mir bekannte Unterzeichnerinnen von #ausnahmlos bin ich zum Beispiel jahrelang zu Bundesligafußballspielen ins Stadion gegangen. Sexismus gibt es da zuhauf. Und er ist widerwärtig. Aber eine Situation wie in Köln habe ich dort nie erlebt. Deshalb finde ich es wichtig, den Schock über die Silvesternacht in Köln, den sehr viele Menschen empfunden haben, ernst zu nehmen und nicht als rassistischen Affekt zu brandmarken. 

Einige Frauen aus dem arabischen Kulturraum haben nach den Übergriffen von Köln eine Parallele zu den organisierten Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gezogen, andere haben diesen Zusammenhang vehement bestritten. Slavoj Žižek hält die Übergriffe für einen "obszönen Karneval der Underdogs". Andere gehen davon aus, dass es sich im Wesentlichen um organisierte Diebesbanden aus Marokko und Algerien gehandelt habe, deren "Antanz- Methode" in einer sexualisierten Variante in dieser Nacht aus dem Ruder gelaufen sei. Seit Dezember steigt die Zahl der aus Marokko, Algerien und Tunesien stammenden Antragsteller auf Asyl stark an. In keinem dieser drei Länder herrscht Bürgerkrieg. Für die allermeisten der Antragsteller gilt wohl auch, dass sie keinen Anspruch auf politisches Asyl haben. Die Sorge, dass kriminelle junge Männer aus Algerien und Marokko das europäische Chaos in der Flüchtlingspolitik ausgenutzt haben, um nach Deutschland einzureisen, ist nicht unbegründet. 

Es ist schwierig, in dieser Gemengelage herauszufinden, was im Einzelnen zu den Taten von Köln geführt hat. In den Augen der jungen Männer waren "westlich"gekleidete Frauen, die nachts feiernd unterwegs sind, scheinbar "Freiwild". Es spricht viel dafür, dass es sich um eine Tätergruppe handelt, die - wie man so sagt - wenig zu verlieren hat und ihren niedrigen sozialen Status durch rücksichtslose Gewaltausübung und Respektlosigkeit zu kompensieren sucht. Dazu kommt ein "soziokultureller Hintergrund" aus einer zutiefst patriarchalen Kultur, in der "die Ehre" von unverheirateten Frauen daran gemessen wird, dass sie sexuell nicht aktiv sind, ihre Körperlichkeit verbergen und sich den Männern in ihrer Familie unterordnen. Frauen, die sich dem entziehen, werden geächtet und sollen bestraft werden. Es geht wohl bei solchen Taten und in den Tätergruppen darum, die eigene Erbärmlichkeit weniger zu fühlen, indem andere, vornehmlich Frauen, gedemütigt und unterdrückt werden. Diesem Bedürfnis liefert eben ein Teil der "arabischen Kultur" zwei passende Narrative: Die "Underdogs" können sich einerseits als späte Opfer einer fremden kolonialistischen Invasion begreifen, zu deren Lasten ihre Perspektivlosigkeit noch immer geht (statt sie - mindestens auch - auf das politische und ökonomische Versagen der arabischen Eliten in den letzten 50 Jahren zurückzuführen). Andererseits leiten sie aus der Identifikation mit "dem Islam" eine dem Opfersein diametral entgegengesetzte totalitär empfundene Überlegenheit über die "dekadente" westliche Lebensweise ab (statt eine kritische Auseinandersetzung mit den als" islamisch" empfundenen Traditionen zu führen). Derart gespaltene Selbstbilder (zwischen Opferstatus und Überlegenheit) münden nicht selten in brutalen Gewaltausbrüchen. Eine religiös begründete, rigide Sexualmoral begünstigt darüber hinaus Scheinheiligkeit, Doppelleben und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder. Das war (und ist)  in christlich geprägten Gesellschaften so und das lässt sich ebenso in muslimisch geprägten Gesellschaften und Milieus beobachten. 

Was also tun? Die "Kölner Botschaft" fasst es meines Erachtens gut zusammen: 
1. Ja, sexualisierte Gewalt und Sexismus sind #ausnahmslos bekämpfen. 
Aber auch(!):
2. Bandenkriminalität muss unterbunden werden. Dazu gehört auch die Abschiebung von Kriminellen aus Algerien und Marokko in ihre Heimatländer. Denn es ist dieser multikulturellen Gesellschaft nicht zumutbar, dass diese Länder ihre Jugendkriminalität hierher exportieren. Das schadet nicht zuletzt den vielen Zuwanderern aus Marokko und Algerien, die schon lange gesetzestreu hier leben.
3. Die Polizei stärken, indem das Versagen der politischen und administrativen Führungsebene in der Kölner Silvesternacht schonungslos aufgeklärt wird.
4. Ein offenes, gastfreundliches Land bleiben (oder werden), in dem Fremdenfeinde und nicht Fremde geächtet werden und in dem die Werte, die im Grundgesetz dargelegt sind, allen Zuwanderern vermittelt werden als jene, auf die die Gesellschaft, deren Schutz sie suchen, zu Recht stolz ist (in dem Bewusstsein, dass ihre Realisierung eine stete Aufgabe bleibt).

Dienstag, 5. Januar 2016

SÜSSE BEREDSAMKEIT. SCHLECKE(R)N. (Rauhnächte, fein gemacht)

Diß was uns kan ergetzen,

Was wir für ewig schätzen, 

Wird als ein leichter Traum vergehn.



Andreas Gryphius








Gedankenwanderung. Aufgebrochen, abgebrochen. (Das entlarvt am meisten: Wie sich wer überschlägt, um auf jedes unvorhersehbare Ereignis genau so zu reagieren, wie es von ihm/ihr zu erwarten ist. Auf Twitter. Und Facebook. In Blogs. In den "Leit-Medien". Überall wie gehabt: Rechte Trolle, linke Schwätzer, wohlmeinende Feministinnen. Ich distanziere mich von den veröffentlichten Meinungen dazu. Vor allem innerlich. Ich verstehe, wem ich nicht vertrauen kann. Nicht bloß den üblichen Verdächtigen, übrigens.) Allerdings: Wer jetzt oder später von "unseren Frauen" spricht, dem brächte ich gern eine Faust zwischen die Eingeweide, tief. (Andererseits: Keine Berührungen!) Dennoch: Schutzparolen sind mir recht/s. Verlinke ich (jetzt) zur Polizeigewerkschaft ? Rhetorische Frage?


(Wie wär´s damit: Geschichten erzählen, keine Statements abgeben. Reim-Los.

Es war einmal ein kleiner Kerl, 
der schleckte für sein Leben gern. 
Er lernte süße Beredsamkeit 
und fügte sich ein ins Gewölb. 
Die Flügel wuchsen ihm 
und auch die Augen über. 
So quoll das Leben und das Leid,
gülden-rot, ihm krass entgegen. 
Honigschlecker, Birnau

Es schwappte die See 
und wölkte der Himmel. 
Es zogen die Reiher 
und kreischten die Krähen. 
Das Leben endet. Stinkend. 
Und mehr gibt´s nicht zu sagen, 
als dass es weiter geht... )


Ich schätze das Barocke mehr als die unvergängliche Gotik. 
(W e n n der HERR was von mir will, soll er mich überbordend betören, statt mir zu drohen.) 


Was bilden wir uns ein! was wündschen wir zu haben?
Itzt sindt wir hoch und groß, und morgen schon vergraben:
Itz Blumen, morgen Kot, wir sindt ein Windt, ein Schaum,
Ein Nebel, eine Bach, ein Reiff, ein Tau' ein Schaten.
Itz was und morgen nichts, und was sind unser Thaten?
Als ein mit herber Angst durchaus vermischter Traum. 

Andreas Gryphius


Christliches Menschenbild, Münster Konstanz
Doch habe ich dem HERRn (und allen seinen Metaphern) nicht abgeschworen?! (Genau.) WIR lieferten an dieser Stelle schon manche Zeile und wurden doch kaum recht verstanden: Dass wir Drohung, Zurichtung und Gewalt nicht mehr attraktiv finden, mögen es uns auch die Dichter und Dichten von hier und da wie besessene Proselytenmacher eintrichtern wollen in ihrer Sucht nach Unvergänglichkeit (vulgo: Glaube, Glaube, glaube! - Imperative!), die wir nicht teilen. Dass wir ohne GOTT besser leben. Und ihm keine Zuflucht mehr gewähren. Aber: Wie sehr wir den Gesang lieben. Und doch nicht mehr singen werden...

(Ich weiß wohl, dass dies kein Erzählen ist. Sie brauchen Figuren. Plots. Beschreibungen. Ich habe nur Erinnerungen. Gute und... Ach, gute...) Ich spiele mit den Verweisen. Ich wünsche mir Leser_innen, die rot verlinkte Worte klicken und sich verfangen. ... Wie ich mich selbst zurück denken muss, an den Ort, wo die lebendigen Gefühle sind.

Vorsätze für ein neues Jahr: Mehr Lose. 

Noch gott-loser leben und mich arbeits-loser machen. 

Nostalgia reloaded: Ich bleibe die Mutter zweier wundervoller Knaben

Der See, die See, wo ich sie/mich/dich immer finden werde. 

Wir wanderten Prälatenwege, hörten Chöre, flöteten fromme Lieder. Lausten Affen, spielten Bälle, aßen Felchen. 

Und anderswo anders.

Im Spiegel, Meersburg Januar 2016

Und hat Natur zum Feste
Nur wenig dargebracht:

Die Lust ist stets die beste,

Die man sich selber macht.



(Annette von Droste-Hülshoff: Milde Wintertage)



Es waren gute Tage. Friedliche Rauhnächte. Weitere Rückzüge werden angekündigt (und vollzogen)? Es gärt. Hart drängt. Ich stand zum dritten Mal im Sterbezimmer der Droste. Wie Gespenster im Spiegel schauten wir uns an. 

Es bleibt ein Scherz: Jedes gute Leben ein Witz gegen die Wirklichkeit. 

Den Asketen ins Stammbuch geschrieben: Ich werde mehr konsumieren und weniger bereuen!


Mittwoch, 30. Dezember 2015

A DANCE TO THE MUSIC OF TIMES lesen (8): "Action is, after all, exciting rather than interesting."

Nicolas Poussin, ca. 1634-36

Ein Beitrag von Morel




Action is, after all, exciting rather than interesting.

Anthony Powell liebt die eingefrorenen Bilder, die stillgestellte Bewegung. Daher ist der Tod bei ihm kein Abschluss, sondern nur die Unterbrechung eines Tanzes. Blood on the dancefloor. Danach geht es immer weiter, allerdings in veränderter Konstellation.

Da sich der dritte Abschnitt seines Romanzyklus mit den Romanen The Valley of Bones, The Soldiers Art und The Military Philosophers dem Krieg widmet, sind die Gelegenheiten das Schlaglicht des Todes auf die Lebenden zu richten zahlreich. Einige meiner Lieblingsfiguren verlassen in diesen drei Bänden die Bühne so plötzlich wie unerwartet. Zyklisch ist bei Powell nicht das Leben, sondern nur seine Formen. An einer Stelle heißt es, recht frei übersetzt: "Wie in der Reise nach Jerusalem, verstummt das Piano plötzlich, und jemand ist ohne Stuhl, für alle Zeit eingefroren in seiner Haltung in jenem einzigartigen Moment."

Mit den Verlusten nimmt die mitunter von Gleichgültigkeit nur schwer zu unterscheidende Melancholie des Erzählers zu. Gleichzeitig wird er aufmerksamer für die Absurditäten des Leben, einige Szenen seiner Kriegs-Trilogie zählen zu den komischen Höhepunkten der britischen Literatur über den Zweiten Weltkrieg. Der Erzähler, nach eigenem Empfinden als Künstler ohne ernstzunehmenden Beruf, beobachtet das Ungenügen an den Rollen, die das Leben anbietet, auch an seinen Leidensgenossen. Die Tagträume von effizienter Kontrolle der Organisation stoßen sich an den Unzulänglichkeiten der Bürokratie. Das Heldentum der Vorfahren, das in den ersten Seiten von The Valley of Bones noch in der historischen Erinnerung anklingt, wird in der kleinen Münze von Budgetrestriktionen und Kriegssimulationen in der nordirischen Provinz ausgezahlt.

Während die Unterschichten die Phantasien des Generalstabs unter Lebensgefahr ausagieren, bleiben den Oberschichten nur absurde Aktionen, um gegen die eigene Überflüssigkeit zu protestieren. Stringham, vom Alkoholismus kuriert, aber  gesundheitlich angeschlagen, versucht sich als Kellner im Offizierskasino, wird aber in seiner dandyhaften Überheblichkeit als der Rolle unangemessen durchschaut und in die Wäscherei versetzt. Nach einem Vorfall mit einem betrunkenen Offizier ist es Widmerpool, der seine Versetzung nach Singapur durchsetzt, wo er vermutlich ums Leben kommt. Widmerpool, der ewige Karrierist, verkörpert sicher das Böse - sein Kennzeichen in der Welt Powells ist die übermäßige Anpassungsfähigkeit. Was Widmerpool auszeichnet ist die fehlende Substanz (auf interessante Weise verbindet ihn das mit dem Erzähler selbst, der  kaum mehr  ist als ein Schwamm, der seine Zeit, das 20. Jahrhundert aufsaugt). Er  kann jede Rolle ausfüllen mit dem einzigen Ziel voranzukommen - wie der leicht übergewichtige Jogger zu Beginn des Zyklus. Die anderen Figuren dagegen versagen an immer genau daran, im entscheidenden Moment aus der Rolle zu fallen. Stringham ist einfach zu geistreich und arrogant für einen Kellner. Wie Widmerpool die Fäden der Intrige beim Verschwinden Stringhams zieht, so auch beim Tod des zweiten der drei Freunde aus dem ersten Band, Peter Templer, der wie der Erzähler in The Military Philosophers zu den Bürokraten der britischen Kriegsdiplomatie zählt. Bei ihm, der als Frauenheld eingeführt wurde, ist es die Rolle des männlichen Verführers, die er nicht mehr ausfüllen kann. Während er seine Frau in einer psychiatrischen Klinik allein lässt, wird er zum Opfer von Pamela Flitton, einer Nichte Stringhams, die Powell wenig subtil als "femme fatale" im Stil von 40er Jahre-Filmen angelegt hat. Von der Geheimaktion im Balkan, bei der Templer ums Leben kommt, erfahren wir nur aus Büroklatsch und Widmerpools Rechtfertigung, der das abenteuerliche Vorhaben durch ein kritisches Memorandum beendete, das den Tod von Templer auslöste (so zumindest Pamela Widmerpool, wie sie nach der Heirat mit dem Karrieristen, heißt, in einer ihrer stürmischen Szenen). Das ist der Realismus Powell, an die Stelle der Action tritt das Memorandum, eine nur scheinbar interesselose Abschätzung des Lebens. Wie in desillusionierten Spionagethrillern siegt die Bürokratie am Ende immer über das Individuum. Zu Beginn sorgen einige aus der Sowjetunion ausgewiesene polnische Armeeeinheiten für Diskussionen. Eine Differenz von einigen Tausend Offizieren sorgt für kurze Verwunderung, bevor es dann wieder um Budgetfragen geht. Widmerpool kommt später auf das Massaker in Katyn zu sprechen und warum es besser sei, es nicht zum Thema zu machen. Powell übergeht den Hobel, er schweigt aber nicht über die Späne.


Der Erzähler ersetzt schließlich Action durch Reflexion und Erinnerung: Als er auf einen kurzen Abstecher ins gerade befreite Europa ein für die Besatzungstruppen konfisziertes Hotel verlässt, fällt ihm erst im Nachhinein auf, das dies das Hotel in Prousts Balbec sein muss, wie der französische Romancier es in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schildert. Auch in Powells Romanzyklus treten mit dem Alter an die Stelle lebender Weggefährten Literatur und Erinnerung.


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Montag, 28. Dezember 2015

MITLEID TÖTET: Endgültig abgehongen (sic!)

Auch im neuen Jahr werde ich mir Geschichten erzählen müssen, um Geschichten zu beenden. Vielleicht habe ich das Schreiben immer - auch - dafür benutzt. 

"Ich kann nicht gut Schluss machen. Deshalb schreibe ich." - Das hört sich auch nicht verlogener an als alles andere.

Konstruktionen und Perspektiven: Wie das Wissen um die Architekturen der Erzählungen das Leben formt. Oder umgekehrt.

Blick zurück, ohne Zorn:

"Er war wirklich nie behütet worden. Aber ich konnte ihm auch nicht mehr zuhören. Ich wollte lieber ohne Noah weiterleben. Ohne mein Mitleid mit ihm, das die Freundschaft getötet hatte. Der Bus hielt an der einzigen Bushaltestelle im Ort. Von hier aus konnte man den Pfarrhof sehen. Die Tür hing lose in der Angel. Im Hof stapelte sich der Unrat von dreißig Jahren. Da war sicher auch Müll von mir dabei. Das wusste ich. Aber ich konnte es auch nicht ändern."


(Aus: Abschied von Noah 2012))

- jedoch: Die Geschichte wiederholt sich nicht.

Ich gehe, diesmal, ohne ein Wort. Ich lasse das Schweigen erdrückend wirken. Eine ausgeleierte Metapher erstickt: alles.

Manchmal gibt es keine Heilung. Man muss einfach weiterleben.

(Ich verabscheue Sätze mit "man"...)

Das ist (k)ein Tagebuch. Doch (noch) brauche ich ein Archiv der Wunden.

Vielleicht werde ich diesen Post demnächst wieder löschen. Wie Noah.





Mittwoch, 9. Dezember 2015

ABGRUND : FREUDE. Jost Eickmeyers Rezension zu PUNK PYGMALION in "Die Wiederholung" 1-11/2015

Dass so ein mieser Tag noch so wunderbar enden kann... Heute kam die erste Ausgabe von "Die Wiederholung" hier an. Mit einer Rezension von Jost Eickmeyer zu meinem Roman "PUNK PYGMALION". Eine Rezension, die mich - vor Freude - erschüttert, weil Jost Eickmeyer so genau die Konstruktion und die Sprache des Romans erfasst, das was ich wollte und was ich nicht wollen konnte (weil es mir selbst unbewusst blieb), was aber der Roman und seine Figuren wollten,  mussten. Und dies: "Emmi verkörpert die Struktur des Begehrens, das - wie tendenziell jedes - nicht auf etwas, sondern auf die Abwesenheit selbst gerichtet ist." Meine (!?) E m m i... Es ist etwas seltsam Abgründiges um die Erfahrung erkannt zu werden i n  Worten (die ich nicht bin, aber schrieb). 

Später - vielleicht - mehr....

Dies aber - musste: Sofort. Raus!!!

Die Wiederholung. Zeitschrift für Literatur 1-11/2015
Zu bestellen über http://diewiederholung.de.

Dienstag, 24. November 2015

ES LEBE DIE IGNORANZ! ("Können Muslime nicht malen?" oder "Was ist ein Fakt?)

Großen Menschheitsfragen gilt es auszuweichen, geradeso wie Kirchenfürsten, die als Klimakönig oder Weihnachts-Grinch Kompetenz vortäuschen, die ihnen fehlt. Wer die Mühen der Ebene scheut, sollte die Klappe halten, statt Beistand (von oben) anzurufen.  Schlage ich mal vor. Ich traue nur noch denen, die hingehen, wo es ungemütlich ist und Zustimmung unwahrscheinlich: An den Fronten der Widersprüche, der Ängste und Verletzlichkeiten. Wo Zorn wächst, Hass und Leid. Und Phrasendreschen nicht gediegen wirkt, sondern blöd. "Am Anfang war das Wort"? Blabla. Die TAT! 

Mit anderen singe ich vielleicht Lieder (besser: summe mit). "Schneeflöckchen. Weißröckchen." Ich bin konservativ und kitschorientiert bis ins Mark. Ich werde auch dieses Jahr wieder Adventskalender aufhängen und Tannengirlanden schwingen. Oder friedfertig lächeln. (Und inwendig fluchen?) Ich weiß nichts besser und nichts Besseres.  "Sie wollen halt perfekt sein.", hält mir einer vor. Das begreife ich als Beleidigung. Zeit zum Schmollen bleibt indes nicht. Ich wünschte, ich könnte mal was ausplaudern. All die Geheimnisse, die ich nicht hüte. Stattdessen kneife ich die Arschbacken zusammen. Ich bin feiger geworden. Und trauriger. Immer nur der (Über-)Mut hat mir Glück gebracht.  

Was wäre wenn: Schlachten-Maler Baselitz gesagt hätte: "Schwarze können halt nicht so gut malen. Das ist ein Fakt." oder "Muslime können halt  nicht so gut malen."? Gäbe es dann Solidaritätskundgebungen einer empörten Linken? Davon ist auszugehen. Wie von all der Selbstgerechtigkeit in jeder Timeline. Jede/r will sich noch ein wenig Distinktionsvorteil verschaffen: Viel- und Fernfliegerinnen gegen Konsumfetischisten und Fleischfresser, Gemüse züchtende Eigenheimbesitzerinnen mit Solardächern gegen Hartz IV- Stromverbraucher mit Flachbildschirm, gefühlige Katzenbilderposter gegen rationalisierende Nerds. Es lebe der Widerspruch. Und die Ignoranz!

Denn ohne Ignoranz geht gar nichts. Die meiste Zeit will ich mich mit niemandem streiten und niemandem anvertrauen, wie heftig ich liebe. Die meiste Zeit will ich so tun, als ob ich die meisten erträglich fände und niemanden von der Klippe stoßen könnte. Die meiste Zeit setze ich eine unverfängliche Miene auf, rede so mit und rum und wenn es mir schlechter geht, reiße ich dümmliche Witze. Die meiste Zeit achte ich auf meine soziale Verträglichkeit. Aber die allermeiste Zeit verlasse ich mich auf das Bekannte und die geliebten Menschen und sperre die Welt da draußen aus. 

Es lebe der Eskapismus! Ich liege das aus und stehe dazu. 

Heute Abend schaue ich Eric Rohmers "Herbstgeschichte". Auch wenn´s schon Winter wird. Ich bin nämlich immer ein wenig zurück und rückständig, obwohl ich so schnell renne. Und für niemanden spreche.

Samstag, 21. November 2015

BILDUNTERBRECHUNG ("Denn ich bin ein anständiges Mädchen...") Ein Traumbild

Die Missachtung für diesen Willen, der kein Weg ist. Dass kein Begehren auch keine Lösung ist. Ich reiße mich zusammen, heißt es. Betone: Reißen. Ein Riss geht mitten durch. Ich sträube mich zu nähen. Du? Kannst es gar nicht.

Fangen wir an. Sagt Klassenkamerad Müller, an den ich 30 Jahre lang nicht mehr gedacht hatte. Er hat ein Froschmaul und spricht, als sei er direkt aus dem Wilden Westen hergeritten. (Ich habe Kamerad Müller noch nie auf einem Pferd gesehen.) Er fängt nicht an. Er vollführt keine Peitschen-Kunststücke. Er steht auf einer Bretterbühne wie stillgestellt. Ein Film Still ohne jeden ästhetischen Mehrwert. Er trägt grüne Socken, sonst ist das Bild schwarzweiß. Das macht doch alles keinen Sinn. Sage ich. Bewegt Kamerad Müller den Mund, wenn er spricht? Stehe ich im Zuschauerraum? Sind wir in einem Saloon? 

Bildunterbrechung

Wer sind Sie? Fragt die Dame in Gelb. Als könnte ich darauf eine Antwort geben. Wechsel des Bühnenbildes. Ich stehe in einem verwilderten Garten vor einem Seerosenteich. (Ich weiß, dass ich noch niemals hier war, aber immer hierher wollte.Die Dame, die mir den Rücken zuwendet, stochert mit einem Kescher zwischen den Algen. Ihr breitrandiger Hut bildet die Sonne nach, die nicht scheint. Der Himmel ist verhangen. Frösche quaken. Film still. Ich bin Keiner. Sage ich. Bist Du es, Vita? Bin ich ein Ding, das nur Dich will? Werde ich Dich herumreißen und küssen auf Deinen Kirschenmund? 

Bildunterbrechung

So verpeilt. Sagst Du. Ich lächele, automatisch. Mehr wage ich nicht. Halte Dir die Tür auf. Stelle mich nicht auf die Zehenspitzen. Lasse Dich laufen. (Alles wie gehabt, dabei hatte ich geglaubt, das Zauberwort gefunden zu haben, dass Dich wegfliegen lässt.) Du bist kein Schmetterling und längst gefangen. Deine Befangenheit. Bilde ich mir wahrscheinlich nur ein. Ich sähe dich gern anders als Du bist. Damit ist eigentlich alles gesagt. Schweigen wäre am ehrlichsten. Deshalb plappere ich hilflos drauflos. Film still. Film still. Flehe ich. Aber das geht immer weiter: das Geplapper, das Flimmern, Du. Meinen Gefühlen kann ich trauen. 

Ich werde mich nicht erklären. Das ist ausgemacht. Denn ich bin ein anständiges Mädchen. Und Du.