Montag, 18. Juli 2016

Montagne St. Victoire für Arme. Und Weltläufe. Aus der Ferne.

Über den französischen Autobahnen der Schriftzug auf den Leuchtanzeigen:


Solidarité avec Nice!

und


Liberté! Egalité! Fraternité!


Ein Land im Schock, durch das wir gen Süden fahren. In Trauer. - Und im Bemühen, sich zu einigen. Nicht hinter dem Präsidenten, hinter der Macht. Sondern: Im Zentrum der Idee/n, die überhöht oder höhnisch die "des Westens" genannt werden. Ich bin kein Bruder und vermag nicht Brüderlichkeit zu teilen. Und trotzdem: der Trotz. Gegen den verdammten Gott der Verdammten, die Vorstellungswelt jener, die sich nur fühlen wollen und Sinn erfahren aus der Begegnung und dem tödlichen Gehorsam gegenüber jenem einen, eifersüchtigen, gewalttägigen GottGottGott, der eben gerade nicht groß ist (bzw. vorgestellt wird), sondern ein kleiner Schisser, der nicht lieben kann, sondern sich die Liebe erkaufen und erpressen muss wie ein widerlicher Dompteur: Gehorche oder verrecke. Dieser dumpfdumme Vollstrecker-Gott mit seinem vorsintflutlichen Regelwerk. Seinen Geboten und Verboten. Seinem Straf- und Belohnungssystem. Unversöhnlich bleib ich gegenüber diesem und seinen Gläubigen. Aber ohne Geschrei. (Schreien, sich gegen die Brust schlagen und in die Luft schießen erscheinen mir als Symbolsprache jener, denen der einzelne Mensch erst durch seinen Pseudo-Märtyrer-Tod wert wird, die den Tod ehren, statt das Leben). Denn (daran glaube ich): Er, der verfluchte GottGottGott liegt in den letzten Zügen.  Seine Protagonisten: Die Loser der Geschichte, des Lebens, der Lachens, der Liebe. Es eint sie nicht, dass "unsere" westlichen Gesellschaften sie nicht anerkannten, ihrer Feigheit und Denkfaulheit den Respekt versagten. Es eint sie eine widersinnige Ideologie und ein Versagen im täglichen Leben "ihren Mann zu stehen", zu zweifeln, zu lernen, zu verstehen, ihre Kinder zu versorgen, mit ihren Partner_innen in achtsamer Gemeinschaft zu leben, sich selbst zu disziplinieren und ihren Mitmenschen mit einem grundsätzlichen Wohlwollen zu begegnen. Narzissten, wie jede Epoche und noch die idealste Gesellschaft sie hervorbringen kann, stoßen, so sie dem islamistischen Milieu nahe oder offen stehen gegenwärtig auf Narrative, die ihr Unvermögen zu leben scheinhaft veredeln. Diese Erzählungen von Opferlämmern und ewig Betrogenen und Belogenen gilt es zu bekämpfen. Wahlweise mit Humor: "Was haben die Römer je für uns getan?"

Vauvenargues. Idylle totalitär
Verzögert am frühen Samstagmorgen im verschlafenen Saint Amour in der Region Bresse (das berühmte Huhn) erfahren wir vom gescheiterten Putsch in der Türkei. Widersprüchliche Gefühle: Vom Militär als Machthaber ist nicht nur nichts Gutes, sondern in der Tat nur Schlechtes zu erwarten. Die überwältigende Mehrheit der Türken und Türkinnen lehnt den Putsch ab. Er wirkt dilettantisch. Schon wenig später steht der strahlende Sieger fest: Der sich und seine Herrschaft religiös begründende Erdogan. Dass Demokratie nicht die Diktatur einer Mehrheit ist, sondern einen Rechtsstaat voraussetzt, der die Grund- und Menschenrechte sichert, verstehen in der Türkei weder jene, die den gottesfürchtigen Präsidenten unterstützen, noch die meisten, die gegen ihn opponieren. Im Schatten der Sieger und der Besiegten bleibt jene Minderheit, die nicht auf den Straßen kreischt oder schießt, der der Gott der anderen so gleichgültig ist wie ihr die Menschenrechte heilig. Viele Türken und Türkinnen, die ich kenne (und - leider - verstehen sich auch viele, die in der BRD geboren sind, eher als solche, denn als Deutsche), geben sich sehr stolz auf ihr Land, auf das "Türkisch-Sein". Mir ist diese Art Stolz immer fremd geblieben. Heute denke ich, dass ich weinen müsste, wenn dieses Land mein Land wäre. Doch es ist fern, auch gefühlt.

Ferner noch als jenes fremde Frankreich, durch das wir uns von Stau zu Stau gen Süden winden. Die Sprache, die so schön klingt, verstehe ich kaum noch, obwohl ich täglich mit Duolingo übe :-). Morel hat in Saint Amour zum ersten Mal Froschschenkel gegessen. In Petersilien-Butter. Und war begeistert. Der Ort wirkt, als habe er noch niemals Fremde gesehen. Nicht arm, aber abgeschieden. Gepflegte Tennisplätze inklusive. Die Bourgeosie isst gerne mit viel Sahne. Das ganze Dorf eine Filmkulisse. Und das stimmt, wie Google zeigt: In Saint Amour drehte Gerard Depardieu einst einen Kinofilm

Lavendelfelder unterhalb der Montagne St. Victoire
Weiter südlich, in der Provence, ist es staubtrocken, aber ein kühlendes Lüftchen weht allezeit, das die Hitze erträglicher werden lässt. Wir hören kaum noch Nachrichten. Vom Swimmingpool unseres Quartiers aus können wir einen Blick auf Cézannes Hausberg, die Montagne Sainte-Victoire erhaschen. Der Berg ruft. Von der Autobahn aus wirkte er einsam thronend, beinahe deplatziert in der Landschaft. Hier, aus der Nähe, ist er nur gelegentlich zu sehen. Wir wandern um das malerische Vauvernagues herum. Das imposante Schloßgebäude hatte sich einst Picasso gekauft, der in einem Brief dann großkotzig schrieb, er habe die Montagne St. Victoire erworben. Picasso blieb nur kurz, Cézanne dagegen war offensichtlich gebunden an diese Gegend. Der Berg rief und rief ein Leben lang. So scheint es. Wir sahen ihn am schönsten vom Damm der Talsperre am Lac du Bimont (Das ist nicht jene Talsperre ein paar Kilometer weiter, die der Vater von Cézannes Schulfreund Emile Zola bauen ließ, am heute sogenannten Lac de Zola).  Im Naturschutzpark St. Victoire entstanden, Ruckizucki, ein paar Bilder: Montagne St. Victoire für Arme. Morgen geht´s Originale von Cézanne gucken. In der Hauptstadt der "wahren" Provence, wie unser Gastgeber stolz verkündete: In Aix. 









Mittwoch, 6. Juli 2016

Recyling- und Nostalgie-Post

Manchmal lese ich  ja tatsächlich, was ich früher hier so geschrieben habe. Seltener suche ich in letzter Zeit gezielt nach einem Text (außer kürzlich unter "Aus dem Gehege. Artgerechte Männerhaltung" , als ich ein wenig nostalgisch war und meine Söhne noch ein wenig mehr vermisste als ohnehin jeden Tag). Sonst geschieht es eher zufällig - oder eben auch nicht -, denn ich klicke öfter Posts an, von denen angezeigt wird, dass Leserinnen und Leser sie heute, gestern oder diese Woche gelesen haben. Manchmal sagen mir die Überschriften zunächst einmal gar nichts mehr, wie zum Beispiel bei diesem, der in dieser Woche öfter gelesen wurde:

Männer-Film von 2012, indem es - neben dem Film "Avenger" darum geht, warum offenherzige Männer irgendwie weniger anziehend (auf mich) wirken als die verschlossenen Grübler und/oder Angeber (Widerspruch ist mein Mittelname!)

oder 

"Kein mal geübt. Immer gekonnt" von 2013, basierend auf einem entblößenden Foto 
Miss TTs, das entlarvt, warum ich es nie in die Damen-Liga schaffen werde.

Spitzenreiter in dieser Woche ist allerdings (weiß nicht warum), meine Buchbesprechung zu "Ali und Ramazan" von Perihan Magdan: "Du gehörst zu mir", das die tragische Liebesgeschichte eines schwulen Paares in Istanbul erzählt;

dicht gefolgt vom All-time-Favoriten: "Rüde onanieren", das  immer noch Google-Sucher enttäuscht, die offenbar weiterhin täglich suchen nach: "Hund mit der Hand befriedigen". 


______________________

Das hier ist ein unverschämter Recycling-Post, wie Sie bemerken, der nicht Neues enthält.







Donnerstag, 30. Juni 2016

It´s ideology and religion, stupid! - Widerstand gegen den radikalen Islamismus

"Die Attentäter von Istanbul kamen aus Kirgisien, Russland und Usbekistan." Die IS-Kämpfer in Syrien und dem Irak kommen aus Tunesien, Marokko, Syrien, Irak, Tschetschenien, Belgien, Türkei, Großbritannien, Frankreich, Deutschland... Auch in Nigeria, Somalia und Mali kämpfen einheimische Gruppen und Söldner aus vielen Ländern, die sich auf den sogenannten islamischen Staat berufen und dem selbst ernannten "Kalifen" die "Treue" schwören. 

Gegen die Faktenlage (und offensichtlich auch aus Eigeninteresse) halten manche europäische "Linke" dennoch hartnäckig daran fest, die Ursache des islamistischen Terrors sei "mangelnde Integration" und mangelnde Anerkennung von Muslimen im sogenannten "Westen" oder die "Politik des Westens" (der als monolithischer Block wahrgenommen wird) oder die ewige Kränkung der Kolonialzeit, statt die hinter dem Terror stehende religiös begründete Ideologie ernst zu nehmen und zu bekämpfen. Es fällt den ewigen inneren Sozialarbeiter_innen offenbar ganz genauso schwer, die fanatischen Kämpfer des einen und großen Gottes als Subjekte anzuerkennen, wie dem von ihnen verfemten politischen Establishment. Ganz egal, was und wie sich der Terrorist/die Terroristin erklärt: Wir erklären ihm/ihr sich selbst. Als Opfer, selbstverständlich.

Wie sollten nicht einfach zusehen, wie der dümmliche, rückwärts gewandte, geschichtsvergessene wahabitisch-salafistische Islam den innerislamischen Kulturkampf gewinnt: In Frankreich gibt es einen Aufruf von Intellektuellen, dem Islamismus gemeinsam entgegenzutreten.

Sonntag, 26. Juni 2016

FRAUSEIN. Ein Gespräch mit Antje Schrupp auf bzw in 4 Teilen

Mit Antje Schrupp führte ich im Mai ein langes Gespräch über Frausein, die Bedeutung der biologischen Geschlechterdifferenz, Schwangerwerdenkönnen und Körperpolitik, das nun in vier Teilen vollständig auf der Internetplatfform beziehungsweise - weiterdenken erschienen ist.


Antje und ich vertreten unterschiedliche Standpunkte, vor allem mit Blick auf die Bedeutung  der biologischen-genetischen Voraussetzungen für den Begriff "Frau", aber auch wenn es darum geht, den gesellschaftlichen Ist-Zustand zu beschreiben und daraus Schlüsse für eine politische Positionierung zu ziehen. Es war ein spannendes und herausforderndes Gespräch, das mir geholfen hat, meine eigene Position - wenn auch, selbstverständlich, nicht endgültig - zu klären. Mehr noch als vorher ist mir deutlich geworden, wie eng für mich "Frausein" mit meiner Körperlichkeit, mit dem Bewusstsein schwanger werden zu können, der Monatsblutung, den Hormonschwankungen, der Erfahrung der "Wechseljahre" (hierzu gab es in letzter Zeit einige interessante Beiträge unter dem "Label" Menopausen-Bloggen, auf die ich unten verlinke) und - ja! - auch mit dem Schwangersein und Muttersein verbunden sind. Ich frage mich, wie sehr es schon Ausgrenzung ist, wenn ich Frausein auch und vor allem auf diese biologischen Voraussetzungen und Möglichkeiten beziehe - und andersherum, wie sehr jede andere Definition von "Frausein" (insbesondere die subjektive Selbstdefinition) nicht gerade gefährdet, was sie politisch bekämpft: die erneute und vielleicht noch klischeehaftere Zuschreibung des "Frauseins" an Gefühlslagen und Geschmacksfragen, an Selbstdarstellungscodes und kulturelle Prägungen. 

Wie immer, denke ich, geht eine jede auch in der Theoriebildung mindestens unbewusst "von sich selbst aus", kann die Bildung "blinder Flecken" aus dieser subjektiven Beschränktheit und Selbstbeschränkung gar nicht vermeiden. Ich lebe ein konservatives, d.h. hier dem Bewahren verpflichtetes Leben mit einem hohen Übereinstimmungsfaktor gegenüber traditionellen Vorstellungen und Prägungen der Geschlechterdifferenz: als heterosexuelle Frau in fester Beziehung mit Kindern. Die traditionelle Familie ist mir weniger Gefängnis als Zufluchtsort. Als Tochter eines stets "anwesenden Vaters" erlebe ich genetische Elternschaft nicht als arbiträr, sondern identitätsstiftend. Es fällt mir daher schwer, in neuen Familienkonstellationen, die diese Beziehung - die genetische Verwandtschaft - als beliebig begreifen (Leihmutterschaft, Samenspende, Ausschließlichkeit sozialer Elternschaft), das befreiende Moment stärker wahrzunehmen als die - aus meiner Perspektive - Gefährdung der Identität. 

Letztlich geht es bei all diesen Fragen um Freiheit. Je älter ich werde, desto gefährlicher erscheint es mir, Freiheit vor allem als Ausweitung der Wahlmöglichkeiten zu begreifen. Freiheit, so glaube ich, ergibt sich erst aus der Einsicht in unsere Beschränktheit und Beschränkungen. Sie kann sich nur da entfalten, wo wir die Verantwortung für die Folgen unserer Wahl übernehmen können. Dieser Spielraum scheint mir weniger groß, als "postmoderne" Theoreme (oder deren vereinfachte Rezeption) oder Queer-Theorien ihn sich auslegen. Wo er überdehnt wird, so glaube ich, wird weniger Freiheit erreicht als vernichtet. Denn wir begeben uns in neue Abhängigkeiten und Beziehungskonstrukte, für deren Verbindlichkeit wir keine Traditionen haben und keine Verantwortlichkeiten übernehmen wollen oder können. Das ist für diejenigen am gefährlichsten, die noch keine Stimme haben: die Ungeborenen. In unseren Theorie- und Rechtskonstrukten "schulden" wir ihnen, den "Nochnichtexistierenden", nichts. Genau darin sehe ich schon lange die Leerstelle, den "blinden Fleck" der meisten Theorien "über den Menschen": dass sie die Gebürtlichkeit unseres Lebens ausblenden. Keine/r von uns lebte, wenn nicht eine Frau auf sich genommen hätte, dieses noch nicht eigenständige Leben "auszutragen". Neue Technologieangebote machen sich diese (gedankliche, eben nicht faktische) Leerstelle zunutze, indem sie das menschliche Leben/die menschlichen Körper in eine Ware zu verwandeln suchen. Alles ist oder scheint modifizierbar (und käuflich) geworden. Noch aber gibt es die "elektrische Gebärmutter" nicht. Noch lebt kein Mensch auf dieser Welt, der nicht im Körper einer biologischen Frau, in einer Gebärmutter, seine Geburt erwartete. 

Kämpfe ich auf verlorenem Posten, wenn ich hoffe, dass es so bleibt? Meine Phantasie bewegt das Neue in Kopf und Herz. Mit Sternchen und Schnuppe habe ich vor Jahr und Tag ein "Geschwister"-Paar mir erdacht, für das nicht mehr gilt: eine Mutter hat uns geboren. Was das mit ihnen macht? Versuche ich schreibend weiter zu ergründen. (Was Zeit braucht und Mut, weil ich eine Zukunft erschauen und erfühlen will, gegen die ich mich sträube).

Es ist wichtig, dass es über solche existentiellen Fragen strittige Gespräche gibt, die nicht polemisch werden, sondern "beziehungsweise" miteinander um Antworten ringen (und damit selbstverständlich neue Fragen produzieren). Dafür danke ich Antje Schrupp! Und ich denke, das Gespräch geht, auf verschiedenen Ebenen und bei unterschiedlichen Anlässen, weiter. Meine Haltung bleibt vorläufig, tastend, kritisch gegenüber Gewissheiten und doch achtsam gegenüber den eigenen Zuwendungs- und Abwehrgefühlen. Ich versuche nicht, sie zu überwinden, sondern sie zu verstehen und dann - vielleicht - zu verändern. 


Noch mehr Links:
Menopausen-Bloggen

Samstag, 25. Juni 2016

No Man is an Island (Sad story of an unwanted divorce)

Cornwall 2010


No Man is an Island

No man is an island entire of itself; every man
is a piece of the continent, a part of the main;
if a clod be washed away by the sea, Europe
is the less, as well as if a promontory were,
as well as any manor of thy friends or of thine
own were; any man´s death diminishes me,
because I am involved in mankind.
And therefore never send to know for whom
the bell tolls; it tolls for thee.
John Donne
Verwandte Beiträge
Morel 2012 über das, was wir verlieren, wenn wir die Briten verlieren:
http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2012/01/englische-notizen-erste-lieferung.html?spref=fb

Sonntag, 5. Juni 2016

FALLING FOR LOVE. CONTRAPUNTALLY. Gegen korrekte Gefühle und für weibliche Freiheit. Die Romane Mary Wesleys


 „You can´t insure an emotion, it´s a pleasure like eating or drinking.“

Quelle: https://victoriacorby.wordpress.com/tag/mary-wesley/

Worüber sie schrieb: Die Freiheit der Frauen im Krieg. Dass Liebe und Monogamie nicht miteinander identisch sind. Aber Liebe stets wehtut. Schwerer, einen Mann zu ertragen, den eine nicht mehr riechen kann, als einen, der sie schlägt. Mary Wesleys Schreiben kennt keine Korrektheiten des Gefühls. Ihre Protagonistinnen sind treu, obwohl oder gerade weil sie nicht nur einem Mann angehören. Sie gehen stur ihren Weg, einen der weder moderne Selbstverwirklichung sucht, noch Selbstverleugnung notwendig macht. Versprechen, die diese Frauen geben, halten sie. Aber sie geben nicht allzu viele. Sie stammen aus zerrütteten Verhältnissen und sogenannten guten Familien. Verwundete Kinderseelen, die zu Frauen werden, die putzen, kochen, huren, um Geld zu verdienen. Denen die Unterscheidung zwischen Gabe und Tauschhandel zentral bleibt, die das bürgerliche Bewusstsein stets verwischt, indem es die Tauschbeziehungen zu moralischen Schuldverhältnissen auflädt. Die tun, was verlangt wird, aber keine Gefühle heucheln. Die viel schweigen und wenig preisgeben. Geheimnisvolle Schattenexistenzen im Dienstleistungsgewerbe oder im Schein-Scheinwerferlicht des bürgerlichen Lebens.

Mary Wesley veröffentlichte ihren ersten Roman „Jumping the Queue“ mit 71 Jahren. Sie stammte aus der englischen Oberklasse und wurde als Mary Mynors Farmar 1912 geboren. In ihrer Kindheit wurde sie von 16 verschiedenen Gouvernanten betreut. Als sie ihre Mutter einmal fragte, warum die Betreuerinnen so häufig wechselten, antwortete diese: „Weil sie dich alle nicht leiden können.“ Sie hatte Kinder von drei verschiedenen Vätern, einem Baron, einem tschechischen Kriegshelden und mit ihrer großen Liebe, dem versoffenen Schriftsteller Eric Siepmann, den sie kurz nach dem 2. Weltkrieg heiratete. Siepmann starb 1970 und ließ seine Frau völlig mittellos zurück. Erst nach seinem Tod begann Wesley ernsthaft zu schreiben. In den 80er und  90er Jahren veröffentlichte sie kurz hintereinander sieben Romane. (Patrick Marnham hat eine sehr lesenwerte, noch von Wesley selbst autorisierte Biographie geschrieben: Wild Mary. A Life of Mary Wesley, VintageBooks, London 2006)

Man hat Mary Wesleys Romane als „Jane Austen with sex“ bezeichnet, was sie lächerlich fand. Ihre scharfen Beobachtungen erinnern tatsächlich an Jane Austen. Wenig haben jedoch ihre verschachtelten, vielschichtigen Plots, die große Zeiträume abdecken und mehrere simultane Handlungsstränge entwickeln, mit Austens stringenter, zielstrebiger Handlungsführung zu tun. Auch erweist sich Wesley als sehr zurückhaltend, wenn es um die Nutzung der Mittel des auktorialen Erzählens geht. Zwar wechselt sie die personalen Perspektiven, aber sie rückt ihren Figuren nicht auf die Pelle. Sie spiegelt vielmehr deren Zurückscheuen vor Nähe und Selbstrechtfertigung in der Erzählhaltung wieder. Es gibt kaum Sätze nach dem Muster von „Sie dachte...“, „Er hoffte,...“. Wesley lässt die Figuren entweder unmittelbar aussprechen, was sie denken, oder überlässt es den Leserinnen, ihre eigenen Schlüsse aus deren Handlungen zu ziehen. Die Schärfe der Dialoge erinnert dabei bisweilen auch in ihrer fast schon sarkastischen Komik an Ivy Compton-Burnetts Romane. Während sich bei Austen stets der Plot wiederholt (ein paar Familien auf dem Land, Heiratskandidatinnen und –kandidaten, das Finden des „richtigen“ Paars), durchziehen Wesleys Romane, die ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, sich wiederholende Motive: zwei Männer und eine Frau, dysfunktionale Familien, unklare Vaterschaft, große Altersunterschiede zwischen Paaren, Inzest, Abtauchen in beinahe unsichtbare, aber selbstständige Existenzformen wie Haushaltshilfen, Putzfrauen, Köchinnen. Wesleys Figuren verhalten sich dabei häufig widersprüchlich, ohne unglaubwürdig zu werden. Es ist möglich einen zu lieben und dennoch einem anderen zu verfallen. Eine kann an etwas glauben und dennoch zur selben Zeit etwas anderes für richtig halten. Mary Wesley hat dieses Denken und Handeln in einem ihrer Roman „contrapuntually“ genannt. Auch und gerade ein Leben, in dem eine sich um Treue (zu sich selbst und ihren Versprechungen) müht, verläuft nicht geradlinig. Wesleys Romane erzählen von der Rücksichtslosigkeit der Jugend, der Trauer und den Verlusten des Älterwerdens, den Veränderungen, die an Menschen und Orten zu beobachten sind, gerade jenen, die wir am meisten geliebt haben.

Durch das vergangene Jahr haben mich die Romane Mary Wesleys begleitet. Ich bin dieser Autorin verfallen, wie nur wenige Male zuvor einer: Jane Austen, Virginia Woolfe, Barbara Pym, Alice Munro. Es ist vielleicht kein Zufall, dass alle diese Autorinnen weiblich sind und in englischer Sprache schreiben. Als der unwiderruflich letzte ihrer Romane von mir „ausgelesen“ war, fiel ich in ein tiefes Loch, fast wie nach dem Ende einer heftigen und verzehrenden Liebesleidenschaft. Erst jetzt, ein halbes Jahr später, habe ich eine Distanz gefunden, die mich über diese Romane schreiben lässt.

Als Appetizer ein paar „Klappentexte“ zu ihren Romanen (die der Vielfalt der Erzählebenen und der Ausgestaltung der verschiedenen Figuren sowie den erzählerischen Verschränkungen zwischen den Romanen keineswegs gerecht werden). Die Links führen jeweils zur E-Book-Ausgabe des Romans:


„´That´s were you´re wrong´, said Polly. We all lived intensly. We did things we never would have done otherwise. It was a very happy time.´“

Wesleys erfolgreichster Roman erzählt von den fünf Nichten und Neffen Richard und Helena Cuthbersons, die sich im Sommer 1939, kurz vor dem Beginn des zweiten Weltkriegs, ein letztes Mal bei ihrem Onkel und ihrer Tante in Cornwall treffen. Erst im Jahre 1980 kommen sie zu einer Beerdigung wieder im Landhaus zusammen. Der Ausbruch des Krieges und das Chaos, das er verursacht, beschleunigen das Erwachsenwerden der jungen Menschen. Oliver ist hoffnungslos in seine Cousine Calypso verliebt. Polly liebt die Zwillingssöhne des lokalen Pastors, der ein deutsch-jüdisches Migrantenpaar aufgenommen hat, dessen Sohn in einem Konzentrationslager verschwunden ist. Sophy, die jüngste, schwärmt für Oliver, der sie kaum beachtet. Die Befreiung aus konventionellen Zwängen geht über Missbrauch, Begehren und Leichen. Die Tante wird sich den deutschen Musiker als Liebhaber nehmen, Polly schwanger werden und nicht wissen, von welchem der Zwillinge, Oliver wird desillusioniert aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurückkehren und Calypso wird sich in den gewalttätigen, reichen Ehemann verlieben, den sie nur um des Geldes willen genommen hat. Am Ende des Romans stehen Calypso und Sophy in der Küche und öffnen eine Flasche Wein. Calypso, die Schöne, „looked quite old but a lot more human since her stroke than the girl on the camomile lawn.“



„´Why do woman always do expect this one-at-a-time business? It makes no sense.´“

In die „Bändigung der Pfauen“ steht Hebe im Mittelpunkt, die als Waise bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Auf Hebes Schwangerschaft reagieren die Großeltern, Onkeln und Tanten mit Empörung und der Organisation einer Abtreibung. Hebe verlässt jedoch vorher ihr Zuhause. Zwölf Jahre später lebt sie allein mit ihrem Sohn Silas im Westen Englands. Um ihrem Sohn den Besuch einer teuren Privatschule zu ermöglichen, arbeitet Hebe als Köchin in privaten Haushalten und schläft, um sich zusätzliche Einnahmen zu verschaffen, mit den Söhnen oder Schwiegersöhnen ihrer Kundinnen.  Hebes Privat- und Arbeitsleben sind strikt voneinander getrennt; die Arbeitgeber kennen ihre Adresse nicht, sie vereinbart Löhne und Arbeitszeiten stets nur über eine Agentur mit ihnen. Dieses wohlgeordnete Leben gerät in Gefahr, als sich einer von Hebes Kunden in sie verliebt, ein anderer sich als Vater eines Schulfreundes ihres Sohnes herausstellt und gleichzeitig der leibliche Vater des Sohnes beginnt nach Hebe zu suchen. Die Bändigung der „Pfauen“, jener Männer, die Hebes erotische Dienste gekauft haben, aber glauben, sich mit diesem Deal auch die Realisierung ihrer gefühligen, romantischen Ausbruchsträume aus dem bürgerlichen Leben erworben zu haben, wird für Hebe im Verlauf des Romans immer schwieriger und für die Leserin immer komischer.


„`I was under the delusion that what I wanted was a lover, a pleasure man. I thought I might try Victor or Fergus or both. (...) Stuck under that lorry I realised that it wasn´t just pleasure I wanted, I want the lot. Right?“

In diesem Roman geht es, wie der Titel schon sagt, um die Unentschiedenheit der Poppy Carew. Er beginnt mit dem Tod ihres Vaters, der sich lachend von ihr und dem Leben verabschiedet, als er hört, dass ihr Freund, den er nie leiden konnte, sie verlassen hat. Letzter Wunsch des Vaters war es, dass sie eine  „lustige“  (fun) Bestattung für ihn organisieren solle. Sie findet ein seltsames Bestattungsunternehmen mit Pferden und altem Fuhrwerk, dass zwei junge Männer gerade gegründet haben. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater ein Vermögen hinterlässt (beim Pferderennen und durch Erbschaften von reichen Liebhaberinnen erworben) und sie ihn kaum gekannt hat. Ihr Ex-Freund versucht sie zurückzugewinnen, um an das Geld zu kommen. Die beiden Bestatter verlieben sich in sie und ein junger, von der Liebe enttäuschter Schriftsteller, der seine Tante Calypso zur Beerdigung begleitet hat, kann Poppy nicht vergessen. Poppy lässt sich von ihrem Ex-Freund entführen, begleitet ihn auf eine Geschäftsreise in ein diktatorisch regiertes Land in Nordafrika, wo sie Zeugin einer Hinrichtung wird. Die meiste  Zeit verbringt sie jedoch im Hotelzimmer, während ihr Ex-Freund mit seinem Geschäftpartner Bordelle besucht. Schließlich kommt es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung und Poppy flieht. Der Roman endet mit einem grässlichen Lastwagen-Unfall und einer Entscheidung.



„So you are married boring old Ned and are stuck with him and protect him and mother him and defend him from blackmail.“

Rose liebt den unvermögenden Mylo Cooper, aber heiratet auf Wunsch ihrer Eltern den Landbesitzer Ned Peel. Rose liebt den Mann nicht, aber den Landsitz „The Slepe“, der ihm gehört. 48 Jahre dauert Rose Ehe mit Ned und ihr Verhältnis mit Mylo. Niemand in Rose Umgebung, nicht einmal das bösartige, inzestuöse Geschwisterpaar Emily und Nicolas Thornby, ahnt in all den Jahren, dass die „anständige“ Mrs. Peel stets einen Liebhaber hatte. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter übernehmen nach Neds Tod „The Slepe“ und Rose verlässt den Landsitz mit ganz wenigen Besitztümern. In einem Hotelzimmer erinnert sie sich an die vergangenen Jahre und das Versprechen, das sie Ned in der Hochzeitsnacht gegeben hat: ihn niemals zu verlassen. Mit 67 ist Rose nun frei, aber sie hat keine Ahnung, was sie mit dieser Freiheit anfangen soll.



„There was nothing to build on except imagination.“

Der zwanzigjährige Claude Bannister schmeißt sein Studium hin und beschließt Schriftsteller zu werden. Nach einem Konzert wird er der 45jährigen Laura Thornby vorgestellt. Laura nimmt seine kindlichen Träume ernst, organisiert ihm eine Bleibe, liest seine Entwürfe, lässt sich von ihm anbeten und verführt ihn. Dabei bleibt sie stets reserviert, nimmt seine Liebesschwüre scheinbar ungerührt entgegen. Doch Laura, die bisher immer nur kurze Affären hatte, beginnt Claude zu lieben. Die Lektüre seiner Romanentwürfe zeigt ihr jedoch, dass seine weiblichen Hauptfiguren immer weniger ihrem Bild gleichen, dass sie die „zweite Geige“ wird, und er sich in seiner Imagination längst von ihr zugunsten einer jüngeren Frau verabschiedet hat. Ihr jedoch gelingt es nicht mehr, „to reduce Claude to similar, mangeable size, find a secure cubby-hole for him.“



„In old age Flora would smile, remembering the child who believed that love was for one person, for ever, for Happy Ever After.“

Mitte der zwanziger Jahre verbringen Mr. und Mrs. Trevelyan mit ihrer zehnjährigen Tochter Flora ihren Urlaub an der bretonischen Küste. Die beiden verbergen weder vor dem Kind noch vor den anderen Urlaubern, dass sie die Tochter am liebsten los werden möchten. Sie planen eine Rückkehr nach Indien ohne das Kind, das sie in irgendeiner bezahlbaren Schule unterzubringen versuchen. Das kleine Mädchen verliebt sich in seiner Verlassenheit gleich in drei Jungen, die ebenfalls an der bretonischen Küste Urlaub machen und die sie in den folgenden Jahren immer einmal wiedersehen wird. Die nächsten sieben Jahre verbringt sie in einem Internat, mit siebzehn soll sie ihre Eltern in Indien besuchen, taucht aber unter und wird Hausmädchen in London. Sie führt ein zurückgezogenes, aber eigenständiges Leben als Hausangestellte und hat über die Jahre mit den drei Jungen aus der Bretagne bei verschiedenen Gelegenheiten Sex.



„You can love after only one meeting.“

Das ist einer der düstereren Romane von Mary Wesley. Während des Weltkrieges hat Henry Tillotson eine unaustehliche Frau geheiratet, die er heimbringt nach Cotteshaw in Westengland. Später stellt sich heraus, dass sein Vater ihn in einem Brief gebeten hatte, diese Frau, die in Ägypten festsaß, sicher nach England zu bringen. Sie macht Henry das Leben zur Hölle,  verlässt fast nie ihr Schlafzimmer, außer um ihn vor seinen Freunden zu blamieren. Henry verliert jedoch niemals die Geduld. Zwei Paare besuchen in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Cotteshaw. Henry hat Affären mit beiden Frauen. Das Thema der Ehe, die um der Sicherheit willen geschlossen wird, durchzieht diesen Roman. Die beiden Paare heiraten aus einer Mischung aus Anziehungskraft, Machtansprüchen und Versorgungswünschen. Beide Frauen werden gleichzeitig (wahrscheinlich von Henry) schwanger.



„It´s irrational, it was an obsession. I hated Giles, hated him, hated him; and Christy I loved. But he had Gile´s hair, Gile´s eyes, Gile´s mouth, Gile´s expression, his gestures! He was Giles in miniature. The likeness has grown in my mind until it is monstrous and I cannot see my little boy any more.“

Julia Piper hat Mann und Sohn bei einem Autounfall verloren. Später stellt sich heraus, dass der Ehemann Liebhaber ihrer Mutter war. Julia hat er vergewaltigt und die Schwangere dann in die Ehe gezwungen. Die Mutter gibt Julia die Schuld am Verlust ihres Liebhabers und ihres Enkels. Julia arbeitet als Putzfrau in London. Die Wohnungen putzt sie, wenn ihre Auftrageberinnen nicht anwesend sind, so dass sie fast keine sozialen Kontakte hat. Einer ihrer Kunden, Sylvester Wykees, hat Julia auf einer Zugreise zufällig gesehen, ohne zu ahnen, dass sie seine Wohnung putzt. Er ist fasziniert von ihr und versucht mehr über die junge Frau herauszufinden. Dabei lernt er einen Stalker kennen, der Julia mit nächtlichen Anrufen drangsaliert und bedroht.


„´Yes, yes, but she knows and he knows it was to repair the old ego when her husband strayed -´´And the husband?´´Oh, I expect he knew, they were all friends.“

Die 17jährige Juno Marlowe ist verliebt in die Brüder Jonty und Francis, bei deren Familie sie und ihre Mutter nach dem Tod des Vaters Unterschlupf gefunden haben. Beide werden zu Beginn des 2. Weltkrieges als Soldaten eingezogen. Zum Abschied haben sie gemeinsam Sex mit Juno, die sie danach einfach in London auf der Straße stehen lassen. Während eines Luftangriffs findet sie Unterschlupf im Haus von Evelyn Copplestone. Dieser stirbt an Herzversagen,  als sie während des Angriffs bei ihm ist. Auf sich gestellt reist sie in den Westen Englands zu Evelyns Vater. Dort arbeitet sie als Erntehelferin und entdeckt schließlich, dass sie schwanger ist. Trotz des großen Altersunterschieds verlieben sich Julia und Evelyns Vater. Viele Jahre später trifft sie mit ihrer Familie in einem Restaurant Francis wieder, der sie einst als „part of the furniture“ bezeichnet hatte

*** 


Nach 1997 veröffentlichte Mary Wesley keinen weiteren Roman mehr. Als sie gefragt wurde, warum sie mit dem Schreiben aufgehört habe, antwortete sie: „If you haven´t got anything to say, don´t say it.“ Zwischen 1984 und 1997 hatte sie mehr zu sagen, als die meisten in einem langen Leben. Oder andersrum: Sie hatte sich die glücklichen und schmerzhaften Erfahrungen eines langen, wilden Lebens aufgespart, um in diesen wenigen Jahren Romane zu schreiben, die die Fülle ganzer Leben nicht ausbreiten, sondern aufscheinen lassen: Frauenleben jenseits von Klischees und Männerphantasien, bürgerlicher Sexualmoral oder ausgestellter Selbstermächtigungsbehauptungen. Jeder ihrer Romane ist auf diese Weise ein Plädoyer für weibliche Freiheit. 

Mary Wesley starb am 30. Dezember 2002.

Dienstag, 17. Mai 2016

Binsenweisheiten: Wir sind halt auch anders. (Multikulti kann verdammt anstrengend sein)

Auf Spon gibt es eine Fotostrecke mit Flüchtlingen. In den Texten darunter formulieren sie, was ihnen in Deutschland, an den Deutschen auffällt. Das ist interessant. Weil es "uns" einen Spiegel vorhält. Aber auch, weil vielleicht an einigen der Texte deutlich wird, wie unterschiedlich Kulturen ausprägen, was als angenehm oder unangenehm, als angemessenes oder unangemessenes Verhalten wahrgenommen wird. Selbstverständlich sind es Momentaufnahmen, versammeln sich hier Klischees und kann im Einzelfall immer noch alles ganz anders sein. Dennoch sind solche Wahrnehmung spannend, weil sie dabei helfen, die Probleme, die durch Zuwanderung entstehen können, jenseits von Rechtsfragen und aufgepeitschten Debatten, jenseits übersteigerter Ängste und schriller Töne zu verstehen. Das Eigene und das Fremde nicht als "gut" oder "böse" zu bewerten, aber durchaus auch zu erkennen, warum es nachvollziehbar sein kann, auf dem "Eigenen" zu beharren und es bewahren zu wollen, warum "Multikulti" nicht immer und für jede/n als Bereicherung erscheint und dass dieses Empfinden durchaus wechselseitig ist (und nicht schlimm.)

Ayham Askar aus Syrien zum Beispiel beklagt, dass die Nachbarn in Deutschland kaum Verbindung zueinander hätten und sich bloß freundlich grüßten. Albert Addai aus Ghana vermisst das Tanzen und Singen auf den Straßen. Shahrbanoo Ganavati aus dem Iran stellt fest, dass man für alles einen Prüfungsnachweis braucht. Faten Dukhen vermisst Geschäfte, die auch um Mitternacht noch offen sind. Auch Sajjad Ebadi aus dem Iran findet es schade, dass die Straßen nachts so leer sind. Farah Farho zeigt sich überrascht darüber, dass ältere Menschen zum Arzt alleine gehen müssen, unbegleitet durch Töchter oder Söhne. 

Während ich das lese, bemerke ich, dass ich vieles, was die Zuwanderer als unangenehm beschreiben, besonders schätze: Dass meine Nachbarn freundlich sind, aber auf Distanz halten, dass die Nachtruhe weitgehend gewahrt wird, dass Berufe geschützt sind und ich mich auf bestimmte Qualifikationen verlassen kann, dass meine Eltern alleine zum Arzt/zur Ärztin gehen, solange ihnen das möglich ist. Ich schätze es, keiner sozialen Kontrolle durch Nachbarn und Verwandte zu unterliegen, Ruhe zu haben, nicht - wie ich es empfinde - zwanghaft "mitfeiern" zu müssen, wenn ich lieber allein sein und ein Buch lesen möchte, dass meine Eltern auch gegenüber ihren Kindern ihre Privatsphäre schätzen und umgekehrt die unsere achten (wozu z.B. auch Arztbesuche gehören können). Ich mag Distanz, Ruhe, fühle mich durch - vor allem körperliche - Nähe bedrängt, will mich nicht offenbaren, finde, dass auch familiäre Bindungen nicht dazu verpflichten oder berechtigen, in die Intimsphäre der anderen einzudringen. Was manche Zuwanderer als Kälte erfahren, empfinde ich als Schutzraum, den ich nicht preisgeben will. 

Als wir türkische Gäste beherbergten, fotografierten sie, wie Deutsche am Zebrastreifen und an roten Ampeln tatsächlich anhalten. Sie waren erstaunt, dass Termine pünktlich eingehalten wurden und fanden es - glaube ich - nicht gerade amüsant, dass Deutsche immer gleich "zur Sache" kommen, ohne vorher durch freundliches Palaver erst einmal eine gute Stimmung herzustellen. Ich dagegen fühlte mich im mediterranen Raum als Gast oft "überbetreut" und manchmal sogar genötigt: Immer kümmern sich alle um alles, wer mal allein sein will oder etwas für sich erledigen, gilt als Problemfall, wirkt verstört oder unzufrieden, kritisiert durch Abweichlertum die Gastgeber. 

Es ist schwierig, im Alltag diese unterschiedlichen Erwartungen unter einen Hut zu bringen. Deutsche  aus dem "alternativen" grün-rot-roten Milieu neigen dazu, das "Andere" erst einmal als exotisch, schillernd und erstrebenswert wahrzunehmen und sich den Blick der Anderen auf sich selbst anzueignen. Dann gilt es, Distanziertheit und Kälte zu überwinden, sich "einzulassen", locker zu machen und mitzufeiern. 

Mir geht es inzwischen anders. Ich habe verstanden - für mich - , dass ich es wirklich schätze, pünktlich zu sein und Pünktlichkeit zu erwarten, dass ich Distanz zu Nachbarn und Kolleginnen wahren will, dass ich übermäßige soziale Kontrolle durch Familie und Bekannte ablehne. Dass ich unangemeldete Besuche, auch von Freunden und Verwandten, nicht schätze und auch selbst darauf achte, die Privatsphäre der anderen nicht unaufgefordert zu verletzen. 

Dabei glaube ich nicht, dass dies die "richtige" Lebensweise ist. Es ist lediglich die, die mir besser gefällt. Und ich komme deshalb besser und leichter mit Menschen aus, die ähnlich empfinden. Dabei ist das wohl keine Wahl, sondern hat viel mit Erziehung und Kultur zu tun. Es ist also "normal", dass wir mit Menschen, die aus einem ähnlichen kulturellen Umfeld kommen, leichter und häufig auch besser auskommen. Das Fremde und die fremden Gewohnheiten sind anstrengend. Alles muss dauernd ausgehandelt werden. Es gibt kein: "Das tut man eben nicht" (auf der Straße rumhängen und laute Musik machen, seine Eltern überall hin begleiten und umgekehrt, rote Ampeln ignorieren...). Ich weiß: Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele dieser vorgeblichen Gewissheiten längst im Wanken befindlich sind. Kaum eine muss mehr um 6 Uhr zum Abendbrot daheim sein. Trotzdem finde ich es nachvollziehbar und verständlich, dass Menschen an ihren Gewohnheiten, die sie als angenehm empfinden, festhalten. Und dass sie es unangenehm finden können, mit neuen und fremden Gewohnheiten konfrontiert zu werden (Zuwanderer wie Einheimische). 

Alles wandelt sich. Es gibt keine Alternative zum Aushandeln. Dennoch bleibt eine (vielleicht auch unangenehme) Wahrheit: Ich bleibe bis auf Weiteres froh und nehme es als Privileg wahr, in einem Umfeld zu leben, in dem Nachbarn nicht jeden Abend beieinander sitzen, in dem lauter Gesang und Tanz auf der Straße Ausnahme sind, in dem Alleinsein zu wollen nicht als Absonderlichkeit oder Unglück gilt. Das - dieser Wunsch - wirkt jedoch auch ausgrenzend. Darüber sollte man sich Rechenschaft ablegen. Ohne den eigenen Wahrnehmungen Gewalt anzutun. Es ist weder das als exotisch empfundene Fremde so "toll", wie es manchen auf den ersten Blick erscheint, noch ist "unsere" Kälte alternativlos. Wir sind halt auch anders. Als die anderen.  


Donnerstag, 12. Mai 2016

SEXY-NESS ("Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst") Ein Traumbild

Ich träume dich nie. Nicht mehr. Was ich träume, kannst du nicht werden. Schlafräuber!

Wir zogen über die Lande. Ich hielt gewaltige Reden. Brüder, Schwestern! Wir plünderten (nicht). Wir waren so blond und heldenhaft wie später nie mehr wieder. Ach, ich wollte immer schon einmal sagen: Landsleute! Lasst uns ziehen! Verfluchte aller Lande! Wir kriechen nicht! Oder so. Eine lächerliche Geste in zerlumpten Fetzen.

Eigentlich will ich nur dich beeindrucken. Du sollst denken: Sie. Ist wie keine. Wie sie das Fäustchen ballt. Ich stelle mir mich als Film vor, den du in einem altmodischen Kino guckst. Und dann will ich doch nur ein kleines Mädchen sein, dass dir den Kopf in die Armbeuge schmiegt. Du sollst stark sein und ich will mich beugen. 

Aber sobald du die Stimme erhebst, fange ich an zu rebellieren. Sei lieber witzig. Charmant. Steh auf erwachsene Frauen. Zeig mir, dass du Esprit hast. Aber zwinkere mir niemals zu. Ich hasse das. (Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst.) Lass deinen Schritt leicht federn wie Reinhold Messner mit seinen kaputteren Knien. Aber verzichte auf einen Bart. Am schönsten wäre es, wenn du dich in eine bezaubernde schwarzhaarige Frau verwandeln könntest, die einteilige Badeanzüge trägt: My Ava. Aber ich werde nicht Adam sein. Love me tender. 

Ich will deine Knochen nicht sehen. Du solltest schon etwas Fett auf den Rippen haben. (Keine Chance für Hungerleider.) Aber lass die Haare auf deinen Handrücken wachsen. Wenn der Wind sie bewegt, bin ich maximal erregt. Falls du den kleinen Finger richtig streckst. Es liegt immer nur an den Kleinigkeiten. Ich bin kein Wild. Ich bin so wild. Reiß mich! (Bleibt zärtlich!) HELLBOY. Dark Knight. Immer wieder. Der dunkle Schopf. Das widerspenstige Kinn. You are my sweetest downfall. 

Es ist alles so widerlich banal. Und so süß. Fuck off. Lean in. Surrender. Lass die Hosen runter! (Bloß nicht! Such dir einen besseren Schneider.) Ich danke, also bin ich. Dir. Immer noch. Gut.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Alter und alteration...(Worte des Tages)

"Love is not love, which alters when it alteration finds, or bends with the remover to remove."


William Shakespeare