Dienstag, 27. September 2016

PINKFARBENE BEHAUPTUNGEN. POSTFAKTISCH. ("Von Kondomen lernen.") Ein Traumbild

"Keine Hülfe für Vera." Mir träumte, du stiegest die Leiter eines Doppeldeckerbettes hinunter. Oder hinauf? Mir träumte, da hinge eine rote Schnur. So ließe sich der Zug anhalten. Du zogst nicht. 

Mein Name ist...nicht Vera. Mit der Wahrheit nehme ichs nicht so genau. Trotzdem habe ich keine Meinung, die ich respektiere. (Man nennt diesen Einsatz von Konjunktionen kontralogisch, weißt du.) Postfaktische Traumata. Therapie ist unmöglich. Es gibt nichts Vergnüglicheres, als einen Sack pinkfarbener Behauptungen aufzuhängen und in der Sonne trocknen zu lassen. Was ist der Unterschied zwischen einer Lüge und deiner überbordenden Phantasie? Der Sack sieht Scheiße aus. Wer erfindet, muss gewissen ästhetischen Maßstäben gehorchen. (Hier nicht.)

"Ich geh aggro.", sagt sie (ich). In Wirklichkeit (immer gelogen!) hält sie die Klappe. Oder quatscht alle zu und tot. Bloß nichts aufkommen lassen. Die innere Arroganzpuppe tobt: Dummies. Dummies. Dummies. Autounfallsimulation. Crash. Bong. Spritz. Nutzlose Gehirne auf grauem Asphalt. Auch nicht schöner als Kotze. Leider wird der letzte Teil, wenn alles quetscht, platzt und blutet selten realitätsnah nachgebildet. Belegen wir einen Schminkkurs für Splatterfilmmaskenbildnerinnen? (Die Frage war ernst gemeint.)

Warum so zynisch, Madam? Ich bin grad nicht so verliebt. Mancher Mund ist einfach zu klein, um zum Küssen zu verführen. Boyscouts wirken nicht anziehend, wenn sie ihre Zelte aufschlagen und ihre Kompasse vergleichen. Ohne Eros geht bei mir eben kaum was. Sex wird dagegen maßlos überschätzt. "Virginia. Virginia."

"Keine Hülfe für Vera." Denn es geht nur noch um Gefühle. Beziehungsweise um gefühlsechte Simulationen. Von Kondomen lernen. (Ich wünschte, du nähmest mich einmal ganz fest in die Arme und ersticktest meine Gejammere an deiner Schulter.) Zieh an der Schnur. Gleise. 


Freitag, 2. September 2016

NIXENSCHWEIF oder GRAMGLÜCK "Nur die Wellen wurden zaudernder."

Am Anfang schienen die Machtverhältnisse klar: Die B. führte und die L. ließ es geschehen. Sie war verführt worden, wahrhaftig, angelockt wie eine leichte Beute und gefangen von der B., die mit all ihrer Erfahrung das Begehren der L. erahnt, verstärkt, gedehnt hatte, so dass die L. ihr verfiel, verfallen musste, als es soweit war. Dennoch spürte auch die B. schon bei jenem ersten Kuss, mit dem sie die L. in der Anstalt überwältigt hatte, wie sich in ihr etwas regte, eine Sehnsucht, die das bekannte Spiel überschritt, die nach Ruhe schrie, um Vergebung flehte. Noch verhallte das wie in einer tiefen, engen Schlucht und sie riss die L. mit sich, wie andere Geliebte zuvor, Männer,die sie liebend vernichtet hatte. Auch die L. gab sich auf: Beruf, Stand, Freunde, Verwandte. Folgte der B., wohin die sie führte. Ans Meer. 

Und hier saßen sie nun. Im weißen Haus über dem Hafen auf ihrer Bank wie Philemon und Baucis nebeneinander, noch nicht alt allerdings. Und da geschah es. Sie saßen, vier nackte Knie parallel gestellt, die Handflächen eine jede auf die hölzerne Bank gelegt, links die B. und rechts die L. Nicht einmal ihre Schultern berührten sich. Nur der rechte kleine Finger der B. streifte hauchzart den linken kleinen Finger der L. So saßen sie. Still. Die B. trug ein weichfallendes, silbergraues Chiffonkleid, ihre blonden Locken bewegte leicht der Wind. Das dunkle Haar der L. lag kurz und flach wie ein Helm um deren Kopf. Sie trug ein dunkelblaues T-Shirt mit weitem rundem Ausschnitt und enge Jeans. Das Bild, das sie abgaben, war idyllisch und fremdartig zugleich. Sie harmonierten miteinander und mit dem Hintergrund: dem weißen Haus und seinen grauen Fensterläden, dem hellen Blau des Himmels, dem dunklen Kopfsteinpflaster unter der Holzbank. Dennoch ging es nicht auf: Die B. wirkte wie aus der Zeit gefallen und die L. war viel zu klassich modern. Zu schön um wahr zu sein, sozusagen. Niemand sah sie so sitzen (oder zumindest nahmen sie niemanden wahr, der sie sah). Doch sie beide waren in jener Stunde ganz bei sich und hatten zugleich das Bild vor Augen, das sie abgaben. Sie spürten sich innig, wie in keiner Umarmung, keinem Kuss zuvor, vereint und doch getrennt, indem sie einander erkannten, als das, was sie sich sein würden: die Erinnerung an eine Nähe, die alle Sehnsucht stillte. All ihr Empfinden konzentrierte sich in jener Stunde in den winzigen Hautpartien, an denen sich ihrer beide kleinen Finger berührten. Sie wussten, dass sie einander niemals näher kommen konnten, egal wie heftig oder wie zärtlich sie den Körper der anderen vorher oder später erkundeten, einander nutzen würden, um sich der Ekstase zu nähern. Und alle Lust will Ewigkeit. Dachte die B. Da war es vorbei. Denn die Ewigkeit verging, sobald sie gedacht wurde. Sie haben alle recht: Ich kann nicht treu sein. Wusste die B. Und die L. sagte in das Schweigen hinein: "Wir haben doch einander." Das war kitschig. Unsägliche Lästigkeit. Und das Ende. 

Noch nicht sofort, selbstverständlich. Das Meer blieb. Der wunderbare Altweibersommer dieses Jahres. Sanft bräunte die Sonne die nackten Beine der B. und der L., die am Strand entlang wanderten. Ein Schiff wird kommen. Es schien alles offen, der Horizont, die junge Liebe, das ziellose Leben. Nur die Wellen wurden zaudernder. Die B. drängte es nirgendwo hin. Dieses eine Mal musste sie nicht gehen. Keine Szene machen. Niemanden verwunden. Sie wusste, das etwas Neues geschehen würde, schon geschehen war. Die L. würde sie verlassen. Mit viel Wut im Bauch. Wofür ich mich geopfert habe. Die B. fragte sich, wie es wohl sein mochte, verlassen zu werden. Sie forschte nach der Traurigkeit, die sie nicht empfand. Der L. sagte sie nichts davon. Die L. verhielt sich, noch im September und im Oktober, als gäbe es kein Morgen. Wir haben doch einander. Im November nahm sie die Gleichgültigkeit um die Mundwinkel der B. wahr. Noch gab es tränenreiche Versöhnungen. Ein sonderbares Weihnachtsfest, bei dem die L. über jedem Geschenk Tränen vergoss, sowohl bei denen, die sie bekam, wie bei denen, die sie verschenkte. Die B. wartete gelassen. Sie wusste inzwischen, dass sie nicht leiden konnte um der Liebe willen. Nur dieser leichte, bitter-salzige Geschmack auf den Lippen. Seeluft. "Ich werde verlassen", dachte sie und fühlte nichts. Sie nimmt sich selbst zurück. Am Neujahrstag packte die L. ihre Sachen. Sie hinterließ kein Abschiedsschreiben. Sie fühlte keine Schuld. Noch nicht. 


Von oben kam nichts. Die Vivipara langweilte sich schrecklich. Sie sah nur Postkartenidyllen: weiße Häuser am Meeresstrand, Frauen im wehenden Kleidern und weißen Hüten am Strand, sanfte Küsse vor duftenden Öfen. War die B. wirklich eine solche Enttäuschung? Oder entging ihnen etwas? Das Wesentliche. Die Vivipara schlug mit dem schuppigen Schwanz auf den Tisch. (Nur wenn niemand zusah; im Allgemeinen gab sie sich menschlich.) Sie ließ die Wahrscheinlichkeiten berechnen. Gut, im Herbst zeigten sich kleine Risse im feinen Beziehungsgeflecht zwischen L. und B. Andererseits: Die B. blieb sesshaft, rührte sich nicht. War das Experiment endgültig gescheitert? Oder ging es gerade darum, diese Abweichung zuzulassen? Wie sollte man mit der L. verfahren, falls sie zurückkam? "Die L. ist draußen."; das war die Mehrheitsmeinung. Die Vivipara dagegen wirkte unentschieden. Etwas an der L. rührte sie. Sie ertappte sich dabei, dass sie gerne mit der Hand über deren glattes Helmhaar gestrichen wäre. Dann schüttelte sie sich. Das war obszön. Von weiter oben kam nichts. Jahre lang nun schon. 

Erst im April erreichte die B. ein Schreiben der L., vom Computer ausgedruckt, handschriftlich unterschrieben. Es zeugte von herber Bitterkeit. Die B. wartete vergeblich auf Tränen. Sie setzte sich vor dem Haus auf die Bank in den Wind. Noch immer war sie eine außergewöhnlich schöne Frau mit ihren blonden Wellen und grünen Augenteichen, bis zu den Hüften abwärts. Unter der Bank erstreckte sich schuppig ihr silberner Schwanz.

Die Vivipara hatte kein Herz. Aber hätte sie eines gehabt, in diesem Augenblick hätte es heftig geschlagen. 

Verwandte Beiträge

Bisherige Posts zu "Fabelwesen"
Bisherige Posts
Kadaver
Vorkassa
Mein Sein
Das Ende der Handschrift


* Lange lag - wie anderes auch - das Fabelwesen-Projekt brach. Dann geschieht etwas. Jemand stößt eine Erinnerung an, unbewusst, unwissend. Jemand bewegt sich - und etwas in mir. Die Fabelwesen sind immer da, wie ein Bandwurm in den Eingeweiden, jetzt spüre ich sie wieder. 

Mittwoch, 17. August 2016

BEWEGTBILDEXPONAT. Das filmische Erzählen - eine neue Installation im Deutschen Filmmuseum Frankfurt a.M.




Bild. Ton. Schauspiel. Schnitt.







Die Elemente des filmischen Erzählens. Dass der Film eine epische Kunstform ist, inzwischen eine traditionelle, weiß jede/r. Die Tradition des filmischen Erzählens verdankt dem deutschen Kino des frühen 20. Jahrhunderts viel: die expressionistischen Experimente mit Licht und Schatten (Wegners "Der Student von Prag", 1913 oder später Murnaus "Nosferatu", 1922), die die Horrorfilm-Ästhetik bis heute prägen, die Slapstick-Einlagen und den Witz rhythmisch gesetzter Schnitte schon in Ernst Lubitschs frühen Komödien-Zweiaktern, Georg Wilhelm Pabsts sozialkritische Gesellschaftspanoramen ("Die freudlose Gasse", 1925), Fritz Langs monumentale Entwürfe ("Die Nibelungen", 1924 und schließlich "Metropolis", 1927), Lotte Reinigers faszinierende Animationsfilme ("Die Abenteuer des Prinzen Ahmed", 1926), die bis heute nichts von ihrem Zauber verloren haben.  

Diese Auswahl ist willkürlich. (Ich nenne Filme, die ich gesehen habe.) Von dem Aderlass des deutschen Films in den Jahren nach der Machtübernahme der Nazis 1933, die nicht weniger als 1500 Filmschaffende ins Exil trieb, hat sich indes der deutsche Film nie wieder ganz erholt. Hinzu kommt, dass in Deutschland das Bewusstsein für den Film als Kunst  behindert wurde durch die auch nach 1945 vom Kultur-Establishment gepflegte Trennung von E- und U-Kultur. Der Film wurde von den meisten Vertretern desselben der U-Kultur zugeschlagen, gegen die mit anti-amerikanischem Unterton von konservativen wie linken Vertretern des Kulturmilieus polemisiert wurde. (Stichwort: "Kulturindustrie"). 

Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, das 1984 von Walter Schobert als erstem Direktor eröffnet wurde, zu verstehen. Die Seminare Walter Schoberts, in denen er mit Leidenschaft und vielen Filmbeispielen erklärte, waren mein Einstieg in die Filmkultur (unvergessen ein wunderbares, lustig-trauriges zu Buster Keatons großartigen Stummfilmen). Im Deutschen Filmmuseum und im ihm angeschlossenen Kino stellt man sich seit nun mehr über dreißig Jahren der Aufgabe, das kulturelle filmische Erbe würdigen: Dass der Film eine epische Kunstform ist, inzwischen eine traditionelle, weiß nämlich jede/r. 

Seit 2006 ist Claudia Dillmann Direktorin des Filmmuseums. Unter ihrer Leitung wurde das Haus umgebaut und für die Dauerausstellung eine neue Konzeption erarbeitet, die 2011 erstmals den Besuchern offen stand. Neben der Vermittlung der Geschichte des Films wurde der Fokus nun stärker auch auf die erzählerischen Mittel des Films gesetzt, die dem Publikum durch Film-Beispiele und interaktive Elemente (Tonexperimente, Greenscreen etc.) näher gebracht werden. Unter Claudia Dillmanns Ägide hat das Deutsche Filmmuseum zudem eine Reihe überaus erfolgreicher Sonderausstellungen realisiert, darunter die legendäre Stanley-Kubrick-Ausstellung, die seit Jahren durch die Welt tourt und weit über eine Million Besucherinnen und Besucher erreicht hat. Zugleich bietet das Kino des Deutschen Filminstituts im Untergeschoss nicht nur dem neuen deutschen Film eine Plattform, sondern ermöglicht auch immer wieder Filmreihen, die das Gesamtwerk einzelner Regisseurinnen und Regisseure oder bestimmte thematische oder formale Aspekte der Filmgeschichte in den Fokus rücken (Morel schreibt in diesem Blog gelegentlich unter dem Titel "Spätvorstellung" zu diesen Reihen). Besonders erwähnen möchte ich die Reihe "Lecture and Film", die in Zusammenarbeit mit der Universität Frankfurt durchgeführt wird. Im Rahmen dieser Reihe war beispielsweise zuletzt Agnés Varda in Frankfurt zu Gast und gab erhellende Einblicke in ihr langjähriges filmisches Schaffen. 

Am 14. Juli 2016 feierte das Deutsche Filmmuseum nach 5 Jahren die Eröffnung des "neuen" Filmmuseums und konnte dabei gleich mit einem neuen Highlight aufwarten. Im zweiten Stock des Hauses wurde der "Filmraum", eine vierteilige Leinwand-Installation völlig neu inszeniert. Unter den Überschriften "Bild", "Ton", "Schauspiel", "Schnitt" hat Medienkurator Michael Kinzer ein "Bewegtbildexponat" geschaffen, das selber filmische Kunst ist. Auf vier Leinwänden werden die Betrachterinnen und Betrachter über insgesamt eine Stunde im vergleichenden Sehen und Hören geschult. Über 200 Filmausschnitte aus  100 Jahren Filmgeschichte zeigen, wie Licht und Schatten, Farbspiele, Schnittfolgen, Tonspuren unsere Wahrnehmung gestalten. Dabei setzt Kinzer auf Ähnlichkeiten, Wiedererkennen, Erinnerungen, Kontraste. "Spiel mir das Lied vom Tod" wird in seine einzelnen Schnitte zerlegt, Meryl Streep und Dustin Hoffmann sind gleichzeitig in unterschiedlichsten Rollen zu sehen, auf vier Leinwänden wird zeitgleich ein Streichholz entzündet, dieselbe Musik begleitet Filmausschnitte aus vier auch zeitlich weit auseinander liegenden Filmen. Kinzers Installation kommt dabei nicht plump didaktisch daher. Wir verstehen, wie "es" gemacht wird und können uns doch gleichzeitig der Magie nicht entziehen, manchmal lachen wir über unsere (Selbst-)Überlistung, manchmal sind wir schockiert über unsere Fehlwahrnehmungen. Wir reflektieren unsere Seh- und Hörerfahrungen und machen zugleich ganz neue. Die Installation erzählt eine Geschichte des Films, falsch, sie ermöglicht es, uns selbst verschiedene Geschichten des Films zu erzählen. Man muss diese Installation nicht in Gänze "am Stück" sehen, man kann es aber - und es wird nicht langweilig. Schöner noch: Es lohnt sich, dem Spiel der Bilder, Töne, Schnitte, Schauspieler mehrfach zu folgen, denn die Geschichte des Films, die eine sich hier erzählen kann, wird sich ändern: neue Assoziationen, Erinnerungen, Entdeckungen. 

Dass der Film eine epische Kunstform ist, inzwischen eine traditionelle, weiß nämlich jede/r. Schön, dass diese Kunstform gepflegt, ihre Geschichte und Tradition in Frankfurt vermittelt wird. Weniger schön, dass in Deutschland für die dringende Digitalisierung des filmischen Erbes seit Jahren nicht genügend Geld bereitgestellt wird. Wenn es nicht jetzt geschieht, gehen unschätzbare Kulturgüter für immer verloren. Die Zeiten, in denen das filmische Erbe vom Kulturestablishment nicht als Kunstform anerkannt wurde, sollten endgültig vorbei sein. Doch sie werfen, was die Finanzierung angeht, offenbar noch ihre Schatten. 

Besuchen Sie die Dauerausstellung des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt und lassen Sie sich von der "Bewegtbild"-Installation im 2. Stock faszinieren und berühren! 

Deutsches Filmmuseum/Deutsches Filminstitut in Frankfurt am Main (Öffnungszeiten etc.: hier).

Dienstag, 16. August 2016

Freitag, 12. August 2016

SCHLÄFRIG ("Gummipuppen für alle!") Ein Traumbild

Wenn diese Kälte unter die Decken kriecht, durch jene kleinen Falten, die der Nachweis meiner mangelhaften Vermummung sind, höre ich dich murmeln: "Und doch!" Ich weiß nicht mehr, wovon du sprichst und es ist mir auch egal. Du solltest schlafen, wenn ich wache.


Wie das dröhnt, dass die Böden wackeln. Ich lausche in die Nacht hinein, das Hämmern der Bässe, die zerkratzten Melodien, hysterische Stimmen. So fern. Ein Lachen wie eine Maschinenpistolensalve. Weiber! Unrythmisches Klatschen. Männer-Fäuste auf den Tischen! "Bitte nehmen Sie die Finger von meiner Schulter." Begeben Sie  sich auf direktem Wege zum Ausgang. Sich selbst hinaus komplimentieren. "Salon-Esprit funktioniert hier doch nicht!" Schreist du über den Lärm hinweg. Falscher Text. Falsches Jahrhundert. Ich hätte nicht mitkommen sollen. Wohin ich in Wahrheit gehöre. Hihi.

Das Geräusch eines Springbrunnens soll das Wasserlassen beschleunigen. Geschlechtsunterschiede beim Pinkeln. Ich könnte einige Themenkomplexe konstruieren. Unterhaltungsmaterial für Kneipengespräche. Jetzt lasse ich dich aber endgültig hier stehen. Ich mag Holzvertäfelungen. Fällt mir gerade ein. Nussbaum, amerikanisch. Haare sollten nicht die Farbe von Margarine haben. Nur mal so ins Unreine gedacht. Was wenn ich nicht aufhören könnte, an dich zu denken, trotzdem. 

Später liege ich wach. Ich gründe eine Hacker-Vereinigung zur Zerschlagung islamofaschistischer Internet-Accounts. Dieser Geruch nach vollgepissten Männer-Unterhosen, immer wenn Allah groß erwähnt wird. Oder ein anderer Gott. Fuck ´em all. Eher nicht. Ein Grund für den ganzen Scheiß ist ja die Unterficktheit unsympathischer Jünglinge. Gummipuppen für alle! Hehe.

"Dein Humor war auch schon mal besser." Geschenkt. Ich sehne mich jederzeit nach mehr Poesie. Maiglöckchen-Alarm. Ein Freund im Arm. Und einer an der Hand. So happy to meet you again. Verregnete Sommer wurden auch schon mal für bessere Songs verwendet. Die Laune ist besser als es scheint. "Maiskroketten." "Gibt es?" Perfekte Dinner mit der ganzen Familie.

Ich führe die Kinder an der Hand. Sie reißen sich los und rennen über den Flur. "Hier schlafen wir.", schreien sie und öffnen eine Tür. Dahinter wird es weit und weich. Ich sinke ein. Irgendwann kommst du hinterher. Bestimmt. 

 

Sonntag, 31. Juli 2016

"Es geht auch mal ohne Butter..." Serviceteil (random): EMPFEHLENSWERTE RESTAURANTS IN JURA UND PROVENCE

Eine Reise nach Frankreich ist (oder könnte/sollte?) immer auch eine kulinarische Reise (sein). Denn, wie der kürzlich verstorbene Papst der deutschen Restaurantkritik Wolfram Siebeck uns willige, aber weitgehend unerfahrene Esser_innen stets wissen ließ, ist und bleibt die bürgerliche, französische Küche der plumpen deutschen - jenseits der Kochshows und Küchenenthusiasten - überlegen. Darüber lässt sich streiten. Persönlich ziehe ich gute Butter, wie ich schon im Kopenhagen-Post in diesem Frühjahr kundtat, jedem feinsten Olivenöl mit Sonderprägung vor. Und französische Küche erschöpft sich ja auch nicht in der mediterranen, wie wir gleich zu Beginn unserer Reise noch einmal praktisch erleben konnten.

Im französischen Jura (der, beiseite gesprochen, eben jenen welligen, sanften Gebirgstyp vorstellt, den ich, die Mittelhessin, jedem Hochgebirge bei Weitem vorziehe, grad wie es schon Gottsched tat, dem bereits die rauhe Oberpfalz zu unwirtlich erschien: 

"Gehab dich also wohl, 
Du rauhes Pfälzer Land
Dein felsenreicher Grund 
Ist mir nur mehr bekannt,
Bekannt, doch auch verhasst.
Von deinen harten Steinen
Komm ich, gottlob, diesmal,
An, noch mit ganzen Beinen."

Was hätte der gute Mann erst zu sagen gehabt, wäre er, gleich mir, unterhalb des Croix de Provence in brütender Hitze um die karstige Montaigne St. Victoire  über Schlagloch versehrte Straßen gerumpelt? Doch: Ich schweige hierüber, wohl ahnend, dass eine Horde den Süden, die Hitze, das Olivenöl und die hohen, zackigen Berge fanatisch Liebender sonstens über mich herfallen würde.) ---im französischen Jura also stießen wir, geleitet von unserem Navi auf jenes abseits gelegene Saint-Amour mit dem schönen Namen und stiegen im St. Augustin ab, einem kleinen Hotel, das in einem ehemaligen Kloster komfortable modernisierte, wenngleich kleine Zimmer anbietet. Angeschlossen ist ein Restaurant, wo es - im besten Sinne - gutbürgerliche, regionale Küche - zu genießen gilt. Als Vorspeise hatten wir an jenem Abend ein üppiges Gratin mit Krebsfleisch und Klösschen, die in einer reichhaltigen, sahnigen Safransoße schwammen. Das war delikat - und magenfüllend. Morel versuchte sich hernach (zum ersten Mal im Leben) an Froschschenkeln. Sie wurden in Butter und Petersilie gebraten serviert. Ein Einmal-Händeputzen-ZitronenTüchlein war gleich beigelegt. Morel schwärmte hernach von der Zartheit des Froschfleisches. Weniger mutig hatte ich Bresse-Huhn in einer Sahne-Morchel-Soße bestellt, das gut war; für mich allerdings doch ein wenig zu mächtig nach der Vorspeise.

Froschschenkel in Petersilienbutter
Im Süden dann versorgten wir uns weitgehend selbst in unserem Ferienappartement in der Nähe von Aix. Die französischen Supermärkte, in denen wir einkauften, erschienen uns dabei - anders als vor Jahren jene in der Toskana - nicht mehr Qualität zu bieten als hiesige vergleichbare, auch nicht, was die Auswahl und die Frische des Gemüses angeht. Aber vielleicht fanden wir auch einfach nicht die richtigen. Auf den Wochenmärkten indes war die Auswahl gigantisch; Augen, Ohren, Nase wurde viel und Unbekanntes geboten. 

Restaurants besuchten wir nur während unserer Ausflüge, dann jeweils zur Mittagszeit, und immer nahmen wir das "menu du jour", meist jedoch auf zwei Gänge reduziert (meistens kann man wählen zwischen Vorspeise + Hauptgang bzw. Hauptgang + Dessert). Unsere Auswahl trafen wir zufällig, ohne vorher Reiseführer oder Internet-Empfehlungen zu konsultieren. Trotzdem wurden wir nie wirklich enttäuscht (außer vielleicht ein wenig in Avignon, wo uns der starke Regen ins erstbeste Lokal an der Ecke trieb).

Le Plaza Le Paillotte, Arles
In Arles mieden wir das Café La Nuit und die angrenzenden Restaurants an der Place du Forum, die auf der Van-Gogh-Touristen-Welle schwimmen. Wenige Straßen weiter stießen wir auf Le Plaza La Paillote, wo ich die beste Gazpacho gegessen/getrunken habe, eiskalt, intensiv tomatig, mit frischen Kräutern gewürzt. Wunderbar. Auch die Hauptgänge (Dorade bzw Huhn) waren aromatisch provencalisch gewürzt und schön präsentiert. 

In St. Remy-de-la-Provence aßen wir im L´Aille ou La Cuisse, dessen Auslage an verführerischen Nachspeisen in der Vitrine im Eingang uns anzog. Trotzdem verzichteten wir dann auf ein Dessert, was sich als goldrichtige Entscheidung erwies. Denn als Vorspeise servierte man uns in Einmachgläsern delikaten Ziegenfrischkäse mit Früchten, Salat und Schinken. Als Hauptgang gab es Parmentier. Zu Hause verstecken wir unter der Kartoffelkruste meist Estragonhuhn. Hier war es ein Rindfleischschmorbraten, so zart, das die Stücke von der Gabel fielen.

 L´ Aille ou La Cuisse, St. Remy

In Aix speisten wir, erschöpft von einem vor allen Dingen Morel verdrießlich stimmenden Film über Cézanne, der kein fades Unverstandener-Künstler-Genie-Klischee ausließ, im zartblau dekorierten Salon-Café des brandneuen, privat finanzierten "Artcenters" des Hotel de Caumont. So doof der Cézanne-Huldigungsfilm ist, so kitschig die Artikel im Souvenir-Shop, so sehenswert ist die Ausstellung "Turner et la Couleur", die gegenwärtig (bis Mitte September) dort gezeigt wird. Das Café bietet zur Mittagszeit eine Auswahl an ambitioniert präsentierten Salaten, die nach Operntiteln benannt sind. In Frankreich muss einmal Foie gras sein, finde ich, also bestellte ich eine Variante mit ebendieser. Die Salate des Cafés sind teuer, sehr frisch, gut abgeschmeckt und originell kombiniert. 

Retro-Tankstelle, voll funktionstüchtig, St. Remy


Fast immer passt der regionale Rosé zu den leichten, sommerlichen Mittagsgerichten. Wir testen uns noch durch eine Auswahl, die wir eingekauft und in den heimischen Norden mitgenommen haben. Zuletzt, vor der herrlichen (wenn auch nicht meinem Geschmack, s.o., entsprechenden) Kulisse der Montaigne St. Victoire von der Südseite aus, besuchten wir die Domaine Richeaume, auf deren roterdigem Boden die deutschstämmige Familie Hoesch seit 30 Jahren biologischen Weinbau betreibt. 

Eine Food-Bloggerin wird aus mir nicht mehr, stelle ich fest. Ich esse gern. Am liebsten gut. Aber mir fehlen, grad wie beim Wein, meist die Worte, um einen Geschmack genauer zu beschreiben. 

Und ich bleibe, im Großen und Ganzen, ein nordisches Gewächs: Es darf schon mal Olivenöl sein, gutes selbstverständlich. (Gute) Butter bleibt mir lieber. Auch zu einem Croissant :-). 






Sonntag, 24. Juli 2016

BEWEGEN SIE SICH! Kunst gegen den Verrat der Wirklichkeit



Der Berg. Ruft. Oder gibt eine Kulisse ab. Mehr nicht. La Montaigne St. Victoire – auch für Cezanne in seinen frühen Jahren vor allem ein Hintergrund. Die Aixer schätzten den Sohn eines Bankiers als Maler gering, der „mit einem Apfel Paris“ zu erobern gedachte. Man kann ihnen das nicht verdenken. Er war ein Feigling, offenbar, ausgehalten vom Vater, der ein so schlimmer Tyrann, wie ihn sich das Klischee ausmalen mag, wohl nicht gewesen ist; immerhin ließ er den Sohn die Wände der Familienvilla Bastide Jas du Bouffan mit Fresken verzieren und baute ihm im Dachgeschoss ein Atelier aus. Ein Missverständnis allerdings, denn der Sohn stand ja gerade für eine Malerie, die „unmittelbar“ den Eindruck der Natur wiederzugeben trachtete (Ich setze kursiv, woran ich nicht glaube.) Cezannes Bedeutung für die moderne Malerei ist kaum zu bestreiten. Vielleicht äußert sich in seiner Person, seinem Lebensentwurf aber auch schon das tiefe Verhängnis dieser Kunst- und Künstlerleben-Ideologie: die Abhängigkeit von väterlichen „Mäzen“, dem das eigene Bohéme-Leben zu verbergen oder zu idealisieren ist, die vorgebliche Abneigung gegen den Markt und seine Mechanismen bei gleichzeitiger vollständiger Angewiesenheit auf dessen monetären „Abfall“, die Überhöhung des Unverantwortlichen und der Einsamkeit als Ausdruck „wahrhaftigen“ Künstlertums. Großartige Farben, Landschaft der Empfindung, Widerstand gegen die Diktatur der verhängisvollen Realität. Im Familiensommerlandsitz vor der Stadt, heute eingepresst in ein ödes Vorstadtviertel, vermittelt uns der tapfere Abgesandte des Touristenbüros einen Einblick in die Modernität Cezannes, der Schritt für Schritt, wie die laminierten Schautafeln zeigen, mit dem Klassizismus brach. Viel mehr als Verfall ist hier allerdings nicht zu besichtigen. Die Apologeten desselben wird gerade das erfreuen. Wir fühlen uns ein wenig geleimt: Die „Ausstellung“ besteht in einem Film über die Geschichte des Hauses, der im Erdgeschoss in einem schäbigen, verdunkelten Raum gezeigt wird. Der Rest des Hauses ist gesperrt. Ein wenig mehr bietet der Garten; der Pool mit Delphin und Löwen, die Cezanne Motive waren, ist noch erhalten. Es gibt Pläne für das verfallene Haus im vernachlässigten Garten. Doch, wie unser Führer es ausdrückt: Im Süden geht es langsam. Das kann dauern. Der Tourismus in Aix setzt auf den berühmtesten Sohn der Stadt, auf Cezanne, hat aber wenig von ihm zu bieten. Im Museé Grandet, benannt nach dem gutaussehenden und zu Lebzeiten geschätzteren Konkurrenten, hängen nur neun Gemälde des von den Touristen vergötterten Malers, die man sich noch dazu von woanders her ausgeliehen hat. Dafür kann die Besucherin feststellen, dass auch Cezannes Vorgänger die Gestalt des Berges nutzten, als Hintergrund und als Kulisse. Selbst Künstler müssen nicht besessen sein.

Aix, so behaupten zwei von drei Reiseführern, ist der Traumort der Franzosen. Hier wollten sie leben, so sie die Wahl hätten. Morel und mir bleibt es vor allem ein Verkehrschaosknotenpunkt. Schöner fanden wir Arles, die alte Römermetropole, wo just zum Zeitpunkt unseres Besuches die „Recontres Internationales de la Photographie“ stattfanden, eine Dokumenta der fotographischen Kunst, vielseitig, spannend, zu viel für einen eintätigen Aufenthalt. Wir versuchten das Beste daraus zu machen und besuchten immerhin 10 der 40 Spielstätten.

Gleich zu Beginn, auf der Place du Republique verstört und begeistert uns eine hervorragende Ausstellung des Lebenswerkes von Don McCullin. Berühmt ist er, vor allem im angelsächsischen Raum, für seine Kriegsfotografien. Die Ausstellung zeigt aber auch, mit welcher Intensität er die Landschaften seiner englischen Heimat einzufangen wusste.

In der Espace van Gogh, gelb und blau gestrichen immer noch wie in den Gemälden des verstörten Malers, findet sich eine faszinierende Werkschau von Sid Grossman, dem großen amerikanischen Fotografen, dessen Werke zum ersten Mal in solcher Breite in Europa gezeigt werden. Seine Straßenbilder von New York aus den 40er und 50er Jahren werden ein Stockwerk darüber konfrontiert mit einem Projekt des irischen Fotografen Eamonn Boyle, das technisch brillante Fotografien von Passanten vor Boyles Dubliner Haus zeigt. Die Motive vermeintlicher Straßen-„Schnappschüsse“ Grossmans verändern sich in der Ära des Mobilphones unter Eamonn Boyle in stilisierte, scharfkantige Aufnahmen, die ihre Protagonisten in Skulpturen der Großstadt verwandeln, die ewige Bewegung zum Stillstand bringen, um ihr Würde zurück zu verleihen. Und darin liegt dann vielleicht auch die Gemeinsamkeit des Ansatzes: mit den Mitteln der Kunst in den „alltäglichen“ Menschen und ihren Bewegungen Schönheit entdecken.


Freude und Lachen erzeugt eine Ausstellungssequenz unter dem Titel „Western Stories“, die in einem Kirchenraum Filmstills einer Camarque-Western-Tradition zeigt, die mir gänzlich unbekannt war. Johnny Holliday singt und reitet, unentwegt das Leben und die Liebe preisend. Die Indianer der Camarque sind die Sinti und Roma, die in St. Marie-de-la-Mer ihre Heilige verehren. Laszive Blondinen inklusive. „J´aime la vie...“

In Fabrikhallen außerhalb der Stadtmauern zeigt die Schau junge Fotografinnen und Fotografen, die  einen nicht-männlichen, nicht-europäischen Kamera-Blick in die Welt werfen. Am nachdrücklichsten allerdings hat sich mir eine Sammlung Sebastien Sifshitz´ unter dem Titel „Sincerly queer“ eingeprägt, die Postkarten von Flohmärkten, Zufallsfunde und Polizeifotos von Männern und Frauen zeigt, die sich dem Geschlechterrollenmodell widersetzten. Unvergesslich unter vielen dieser eindrucksvollen Fotographien eine Serie von Bildern „Bambis“, eines Jungen, der sich ein Leben als Frau entwarf und es mit ihrem Körper führte, verführte, alterte, lebte. Auf eine Weise, die noch tiefer zu ergründen wäre, verdeutlichen diese Fotografien auch, was „bloßes“ Spiel mit der Rolle, Maskerade/Travestie ist und was als ein individueller, ein „verwirklichter“ Lebensentwurf eine noch gänzlich andere Form der Anerkennung verlangt und verdient. Darüber wäre – mit und jenseits der Theoreme zu „queer“ – noch einmal nachzudenken. Ich denke an Begriffentwürfe wie „Bürgschaft der Körper“, die aber noch entwickelt werden müssten. Oder: Wahl und wahllos.

Das bringt mich – nolens volens – „irgendwie“ zu aktuellen Ereignissen und den medialen Reaktionen darauf. Überall nur Rechthaber, auch links, empfinde ich. Alle haben alles schon gedeutet, ohne irgendwas zu wissen oder abzuwarten.  Attentäter werden eingenordet, wo „man“ sie braucht: Wer Multikulti will und Differenz bejubelt, dem sind noch die (selbst-)erklärendsten Bekenntnisse der Mörder bloß Ausdruck ihres (meistens) durch gesellschaftliche Verhältnisse („unser“ Versagen, Rassismus, Mobbing, allgemeine Bosheit durch „Weiße“, „Etablierte“, „Rechte“ etc.) verursachten Wahnsinns. Andersrum ist den rechtsradikalen Idioten noch jedes Attentat, jeder Amoklauf auf „Ausländer“ und/oder „Islam“ zurückzuführen. Muslime twittern, noch während der Schießwütige frei herum läuft, sie hofften es handele sich um einen Attentäter im Stile Breiviks, AfD-Politiker werben mit den Todesschüssen für ihre Partei. Niemand interessiert sich sonderlich für die Opfer, scheint mir. Und keine/r nimmt die Täter in die Verantwortung; immer ist es etwas Größeres: die Ideologie, die Gesellschaft, die Ausgrenzung. In solchen Stunden erkenne ich, wo ich „in Wahrheit“ stehe: Ich bin eine Liberale. Wider die Wirklichkeit und die Mehrzahl ihrer Interpreten halte ich denjenigen für schuldig, der schießt, tötet, hasst. Ich glaube daran, dass er (es ist ja fast immer ein „er“) auch anders könnte, wenn er wollte. Dass er an seiner Unfähigkeit, seinen Ängsten, seiner Bosheit, seinem Hass auch arbeiten könnte, dass er die Verantwortung für sein Leben auch bei sich verorten könnte statt sie „in den Umständen“ zu suchen, auf die er seinen Hass projiziert. Und ich glaube daran, dass sich Attentate und Amokläufe eher verhindern ließen, wenn weniger „Ausreden“ für Versagen, Undiszipliniertheit und Selbstmitleid anerkannt würden. Und deshalb: Ich fordere: Aufmerksamkeitsentzug für diese Vollversager! Aufmerksamkeit verdienen allein ihre Opfer, die Menschen, denen sie das Recht auf leben, lieben, lachen entzogen haben. Und die Frage: Warum sie diese Opfer ausgewählt haben: Weil sie jung waren, Freunde hatten, feierten, lachten, sich für eine friedliche, vielfältige Gesellschaft einsetzen...? Das gilt es hochzuhalten, zu feiern und zu ehren: Wofür die Opfer standen, nicht die Täter!

Hoch über Aix-en-Provence war mehr zu entdecken als im Familienwohnsitz des viel gefeierten Cezanne. Die Fondation Vasarely feiert, analysiert und erforscht das Werk Victor Vasarelys, seiner Ideen einer neuen Stadt und Gesellschaft, seiner optimistischen Sicht auf eine freiere, schönere, buntere Lebensweise in der Zukunft. Von hier aus, von diesen gleichförmigen und vielfältigen achteckigen Architekturbausteinen, in denen seine avantgardistischen Entwürfe nicht ausgestellt, sondern dargestellt sind, ließe sich eine bessere Welt regieren, denke ich: „Bekämpft die visuelle Verschmutzung und realisiert die bunte Stadt des Glücks.“ Das ist utopisch. 




Es gibt nichts Verräterischeres als die Wirklichkeit.

Bewegen Sie sich!

Montag, 18. Juli 2016

Montagne St. Victoire für Arme. Und Weltläufe. Aus der Ferne.

Über den französischen Autobahnen der Schriftzug auf den Leuchtanzeigen:


Solidarité avec Nice!

und


Liberté! Egalité! Fraternité!


Ein Land im Schock, durch das wir gen Süden fahren. In Trauer. - Und im Bemühen, sich zu einigen. Nicht hinter dem Präsidenten, hinter der Macht. Sondern: Im Zentrum der Idee/n, die überhöht oder höhnisch die "des Westens" genannt werden. Ich bin kein Bruder und vermag nicht Brüderlichkeit zu teilen. Und trotzdem: der Trotz. Gegen den verdammten Gott der Verdammten, die Vorstellungswelt jener, die sich nur fühlen wollen und Sinn erfahren aus der Begegnung und dem tödlichen Gehorsam gegenüber jenem einen, eifersüchtigen, gewalttägigen GottGottGott, der eben gerade nicht groß ist (bzw. vorgestellt wird), sondern ein kleiner Schisser, der nicht lieben kann, sondern sich die Liebe erkaufen und erpressen muss wie ein widerlicher Dompteur: Gehorche oder verrecke. Dieser dumpfdumme Vollstrecker-Gott mit seinem vorsintflutlichen Regelwerk. Seinen Geboten und Verboten. Seinem Straf- und Belohnungssystem. Unversöhnlich bleib ich gegenüber diesem und seinen Gläubigen. Aber ohne Geschrei. (Schreien, sich gegen die Brust schlagen und in die Luft schießen erscheinen mir als Symbolsprache jener, denen der einzelne Mensch erst durch seinen Pseudo-Märtyrer-Tod wert wird, die den Tod ehren, statt das Leben). Denn (daran glaube ich): Er, der verfluchte GottGottGott liegt in den letzten Zügen.  Seine Protagonisten: Die Loser der Geschichte, des Lebens, der Lachens, der Liebe. Es eint sie nicht, dass "unsere" westlichen Gesellschaften sie nicht anerkannten, ihrer Feigheit und Denkfaulheit den Respekt versagten. Es eint sie eine widersinnige Ideologie und ein Versagen im täglichen Leben "ihren Mann zu stehen", zu zweifeln, zu lernen, zu verstehen, ihre Kinder zu versorgen, mit ihren Partner_innen in achtsamer Gemeinschaft zu leben, sich selbst zu disziplinieren und ihren Mitmenschen mit einem grundsätzlichen Wohlwollen zu begegnen. Narzissten, wie jede Epoche und noch die idealste Gesellschaft sie hervorbringen kann, stoßen, so sie dem islamistischen Milieu nahe oder offen stehen gegenwärtig auf Narrative, die ihr Unvermögen zu leben scheinhaft veredeln. Diese Erzählungen von Opferlämmern und ewig Betrogenen und Belogenen gilt es zu bekämpfen. Wahlweise mit Humor: "Was haben die Römer je für uns getan?"

Vauvenargues. Idylle totalitär
Verzögert am frühen Samstagmorgen im verschlafenen Saint-Amour in der Region Bresse (das berühmte Huhn) erfahren wir vom gescheiterten Putsch in der Türkei. Widersprüchliche Gefühle: Vom Militär als Machthaber ist nicht nur nichts Gutes, sondern in der Tat nur Schlechtes zu erwarten. Die überwältigende Mehrheit der Türken und Türkinnen lehnt den Putsch ab. Er wirkt dilettantisch. Schon wenig später steht der strahlende Sieger fest: Der sich und seine Herrschaft religiös begründende Erdogan. Dass Demokratie nicht die Diktatur einer Mehrheit ist, sondern einen Rechtsstaat voraussetzt, der die Grund- und Menschenrechte sichert, verstehen in der Türkei weder jene, die den gottesfürchtigen Präsidenten unterstützen, noch die meisten, die gegen ihn opponieren. Im Schatten der Sieger und der Besiegten bleibt jene Minderheit, die nicht auf den Straßen kreischt oder schießt, der der Gott der anderen so gleichgültig ist wie ihr die Menschenrechte heilig. Viele Türken und Türkinnen, die ich kenne (und - leider - verstehen sich auch viele, die in der BRD geboren sind, eher als solche, denn als Deutsche), geben sich sehr stolz auf ihr Land, auf das "Türkisch-Sein". Mir ist diese Art Stolz immer fremd geblieben. Heute denke ich, dass ich weinen müsste, wenn dieses Land mein Land wäre. Doch es ist fern, auch gefühlt.

Ferner noch als jenes fremde Frankreich, durch das wir uns von Stau zu Stau gen Süden winden. Die Sprache, die so schön klingt, verstehe ich kaum noch, obwohl ich täglich mit Duolingo übe :-). Saint-Amour wirkt, als habe es noch niemals Fremde gesehen. Nicht arm, aber abgeschieden. Gepflegte Tennisplätze inklusive. Die Bourgeosie isst gerne mit viel Sahne. Das ganze Dorf eine Filmkulisse. Und das stimmt, wie Google zeigt: In Saint Amour drehte Gerard Depardieu einst einen Kinofilm

Lavendelfelder unterhalb der Montagne St. Victoire
Weiter südlich, in der Provence, ist es staubtrocken, aber ein kühlendes Lüftchen weht allezeit, das die Hitze erträglicher werden lässt. Wir hören kaum noch Nachrichten. Vom Swimmingpool unseres Quartiers aus können wir einen Blick auf Cézannes Hausberg, die Montagne Sainte-Victoire erhaschen. Der Berg ruft. Von der Autobahn aus wirkte er einsam thronend, beinahe deplatziert in der Landschaft. Hier, aus der Nähe, ist er nur gelegentlich zu sehen. Wir wandern um das malerische Vauvernagues herum. Das imposante Schloßgebäude hatte sich einst Picasso gekauft, der in einem Brief dann großkotzig schrieb, er habe die Montagne St. Victoire erworben. Picasso blieb nur kurz, Cézanne dagegen war offensichtlich gebunden an diese Gegend. Der Berg rief und rief ein Leben lang. So scheint es. Wir sahen ihn am schönsten vom Damm der Talsperre am Lac du Bimont (Das ist nicht jene Talsperre ein paar Kilometer weiter, die der Vater von Cézannes Schulfreund Emile Zola bauen ließ, am heute sogenannten Lac de Zola).  Im Naturschutzpark St. Victoire entstanden, Ruckizucki, ein paar Bilder: Montagne St. Victoire für Arme. Morgen geht´s Originale von Cézanne gucken. In der Hauptstadt der "wahren" Provence, wie unser Gastgeber stolz verkündete: In Aix. 







Mittwoch, 6. Juli 2016

Recyling- und Nostalgie-Post

Manchmal lese ich  ja tatsächlich, was ich früher hier so geschrieben habe. Seltener suche ich in letzter Zeit gezielt nach einem Text (außer kürzlich unter "Aus dem Gehege. Artgerechte Männerhaltung" , als ich ein wenig nostalgisch war und meine Söhne noch ein wenig mehr vermisste als ohnehin jeden Tag). Sonst geschieht es eher zufällig - oder eben auch nicht -, denn ich klicke öfter Posts an, von denen angezeigt wird, dass Leserinnen und Leser sie heute, gestern oder diese Woche gelesen haben. Manchmal sagen mir die Überschriften zunächst einmal gar nichts mehr, wie zum Beispiel bei diesem, der in dieser Woche öfter gelesen wurde:

Männer-Film von 2012, indem es - neben dem Film "Avenger" darum geht, warum offenherzige Männer irgendwie weniger anziehend (auf mich) wirken als die verschlossenen Grübler und/oder Angeber (Widerspruch ist mein Mittelname!)

oder 

"Kein mal geübt. Immer gekonnt" von 2013, basierend auf einem entblößenden Foto 
Miss TTs, das entlarvt, warum ich es nie in die Damen-Liga schaffen werde.

Spitzenreiter in dieser Woche ist allerdings (weiß nicht warum), meine Buchbesprechung zu "Ali und Ramazan" von Perihan Magdan: "Du gehörst zu mir", das die tragische Liebesgeschichte eines schwulen Paares in Istanbul erzählt;

dicht gefolgt vom All-time-Favoriten: "Rüde onanieren", das  immer noch Google-Sucher enttäuscht, die offenbar weiterhin täglich suchen nach: "Hund mit der Hand befriedigen". 


______________________

Das hier ist ein unverschämter Recycling-Post, wie Sie bemerken, der nicht Neues enthält.