Sonntag, 5. November 2017

GOOD BYE DARKNESS MY OLD FRIEND. Eine romantische Männerfreundschaft

Grant McLennan starb am 6. Mai 2006 in Brisbane an Herzversagen. Robert Forster setzt ihm und ihrer Freundschaft, die so romantisch war, wie die Beziehung zwischen zwei heterosexuellen Männern nur sein kann, in der Auto/Biographie "Grant and I" ein Denkmal. 



As he lives my live

Robert Forster gibt in "Grant and I" den Fans der Go-Betweens, zu denen ich seit 30 Jahren gehöre, eine jener Biographien, als deren begeisterter Leser er sich selbst darstellt: Lebensbeschreibungen, die den Verknüpfungen zwischen Werken und Schöpfern znachspüren und den Schaffensprozess nachvollziehbar machen, der hinter jedem Kunstwerk steckt: Wie das Erlebte eingeht in die Komposition, aber sich auch durch diese verändert, transzendiert wird und - wenn es gelingt - ein Werk entsteht, in dem es nicht mehr nur um die Verarbeitung der eigenen Erfahrungen geht, sondern etwas erkennbar wird, in dem viele sich wiederfinden können. 

2002 planten Forster und McLennan ein neues Album. Wie immer sollten 5 Songs von Forster, 5 von McLennan beigesteuert werden. Wie immer hatte Robert Forster "mehr Worte" und Grant McLennan "mehr Melodien". Forster schnappte sich eine Akkordfolge, so schreibt er, und begann den Text von "Too Much Of One Thing" zu schreiben. Es wurde, so schien es zunächst, ein Porträt des Freundes, dessen tiefer Melancholie er sich immer stärker bewusst wurde: "You might think you see purpose/when what you´re seeing is a band/A thin line like from a spider/upon which I dance." Aber dann wird die Botschaft, die diese Zeilen für den Freund sein könnten, in Eigenrede verwandelt:"I have known a hundred women, and a part of me loves to fail." Forster erkennt: "Nun wusste ich nicht mehr, von wem der Song handelte, und genau deswegen funktioniert er." "Too Much Of One Thing" wurde zur "Ballade der Go-Betweens". 






What I need is persistence

Das Album "Bright Orange. Bright Yellow" entstand in der zweiten Phase der Go Betweens , in den 00er Jahren, als Forster und McLennan wieder miteinander unter dem alten Band-Namen arbeiteten, jetzt ohne Lindi Morrison und Amanda Brown. Das Ende der Band hatten McLennan und Forster 1989 miteinander beschlossen, ohne die beiden Frauen in die Entscheidung einzubeziehen: "Natürlich würden Lindy und Amanda sich nach all den Jahren, in denen sie ihre Arbeit und emotionale Energie in die Band gesteckt hatten, betrogen fühlen und wütend auf uns sein, um mit der gleichen Härte zurückzuschlagen. Amanda, geschockt und aufgebracht, wollte Grant verlassen."

Die Go-Betweens waren nie eine Band, die aus zwei Paaren bestand. Forster und Morrison, die geniale Schlagzeugerin, die beinahe ein Jahrzehnt lang ein Paar gewesen waren, hatten sich schon getrennt, als Amanda Brown und Grant McLennan ein Paar wurden. So war es dann Grant McLennan, der den Preis für die gemeinsame Entscheidung der beiden Männer, dass es genug sei, zahlte. Seine Beziehung zu Amanda Brown zerbrach daran. Denn die beiden Freunde hatten, so lässt es sich zwischen den Zeilen aus Forsters Auto/Biographie lesen, mit einem nicht gerechnet: mit der Freundschaft der beiden Frauen zueinander, deren Beziehung an Intensität und Loyalität offenbar der zwischen den Männern in nichts nachstand. Und so ist auch die Geschichte der Go-Betweens, die sich von vielen anderen Indie-Bands gerade dadurch unterschied, dass immer Frauen mitgespielt hatten, geprägt und beschädigt worden durch die Unfähigkeit von zwei Männern die Bedeutung der Beziehung von Frauen zueinander richtig einzuschätzen. Forster schreibt: "Es war immer ein Teil des Bildes, das wir von der Band hatten, dass das dritte Mitglied eine Frau sein musste....Wir wollten nicht ausschließlich Männer sein - das war zu starr und vorhersehbar." Aber sie verstanden die Frauen eben nur in ihrer Beziehung zu ihnen, den Singer/Songwriter-Männern. 

Grant McLennan und Robert Forster lernten sich als junge Studenten in Brisbane kennen, zwei Männer aus der unteren Mittelschicht mit einem unstillbaren Verlangen nach mehr, nach Imagination, Inszenierung, Kunst. Sie erkannten einander beinahe sofort. Ähnlichkeiten und Differenzen, ein gemeinsamer Musikgeschmack, die Fähigkeit viel von einander zu lernen über Literatur, Film, Politik. Während Forster noch zu Hause bei seinen Eltern lebte, war Grant schon als Junge von einer abgelegenen Farm aufs Internat nach Brisbane geschickt worden. Ihre Herkunft und ihr Drang sie zu überwinden und ihr gleichzeitig treu zu bleiben, prägte später auch ihre Songs, Grants "Cattle and Cane", Roberts "Born from a Family" zum Beispiel:




I recall a schoolboy 


And changed the system


Wie in vielen Männerfreundschaften ging es auch in dieser weniger darum, sich gegenseitig das Herz auszuschütten, sondern darum, gemeinsam etwas zu machen. Musik, die Band: "The Go-Betweens". Forster warb Lindi Morrison, in die er sich verliebt hatte, von einer anderen Band ab. Forster und McLennan ergänzten sich, aber sie erlebten sich auch als Konkurrenten. Lindi Morrison hatte ihren eigenen Kopf und kam von Anfang offenbar nicht gut mit Grant aus. Die Band zog zunächst nach Melbourne, dann nach London. Neue musikalische und persönliche Allianzen entstanden. Ein Hit, der finanzielle Sicherheit gebracht hätte, stellte sich nicht ein: "Unser Weg würde einem anderen Vorbild folgen, ´the wrong road´, wie Grant einmal singen würde - Fortschritt im Zickzackkurs, das Erlebenfremder Städte aus der Perspektive der Armut, von einem Nervenkostüm auf den Prüfstand."




Grant McLennan, Lindi Morisson, Robert Forster
Quelle: https://www.theguardian.com/music/2017/jun/16/
the-go-betweens-right-here-review-love-still-goes-on-for-this-brisbane-band
Photograph: Jeremy Bannister via Sydney film festival

Das öffentliche Image, das McLennan und Forster von sich kultivierten, unterschied sich massiv von den Rollen, die sie füreinander und in ihrem Umfeld spielten. Forster schreibt: "Ich war der flamboyante gepuderte Showman, er zugeknöpft und aufrichtig. Diese Darstellung war schon damals falsch; durch die ...Verzerrungen der Medien und die klaren Umrisse, die der Rockmythos verlangte, wurde unsere Gegensätzlichkeit übertrieben und allzu sehr herausgestellt." Tatsächlich war es Robert Forster, der über die Jahre stabile Bindungen einging und immer wusste, wo er zu Hause war, während McLennan keinen Halt fand. 




Deep down I´m lonely and I miss my friend

Nach dem vorläufigen Ende der Go-Betweens entwickelten sich Forsters und McLennans Leben auseinander, ohne dass der Kontakt jemals abriss. Forster fand bei Regensburg die Frau seines Lebens, Karin Bäumler, mit der einige Jahre in Bayern lebte, bevor er mit nach Brisbane zurückkehrte. Grant fiel es schwer, über die Trennung von Amanda Brown hinwegzukommen. Seine Solo-Alben, die in jenen Jahren entstanden, erzählen auch von diesem Schmerz. "Ein Rückfall in unsere wahren Persönlichkeiten, könnte man sagen: Für mich war es das Leben in einem ruhigen Heim mit einer Frau, die ich liebte. Für Grant war es, allein zu sein, und das Bedürfnis nach einem Zufluchtsort..."

Als Forster und McLennan die gemeinsame Arbeit wieder aufnahmen, führten sie vollkommen verschiedene Leben: Forster war Familienvater, McLennan lebte noch immer in wechselnden Wohngemeinschaften und hatte mehr oder minder kurze Beziehungen. In der Auto/Biographie deutet Forster an, wie stark das Leben McLennans in jener Phase vom Alkohol geprägt war. Der tiefen Traurigkeit, die ihn beherrschte, konnte er offenbar nur so Herr werden. Sie schrieben gemeinsam "Finding you": "Es gibt nicht viele Forster/McLennan-Songs wie diesen - echte, altmodische Co-Kompositionen. Und ich weiß zu schätzen, dass wir eine so gute und bedeutsame geschrieben haben wie ´Finding You´."



Or would you sing along?

Als Grant im Mai 2006 völlig überraschen starb, suchte Robert nach Gründen: "Der Verlust seines Vaters. Internat mit elf. Ein ältester Sohn ohne Geschwister, die ihn beschützten. Er war ein Junge vom Land, der nur in der Stadt leben konnte. Er war ein Junge aus der Stadt, der wusste, das ein Teil seines wahren Ichs aufs Land gehörte. Er war ein altkluger, nach Anerkennung suchender Schuljunge, der verspottet wurde, weil er ein Poster von David Bowie an der Wand hatte; der wusste, dass er nicht nur anders war als seine Mitschüler, sondern auch als ein Großteil seiner Familie. Vielleicht fehlte ihm ein bisschen Liebe. Er flüchtete sich in akademische Erfolge - die zu bedeutenden Leidenschaften aufblühten. Der mit Enthusiasmus entflammte Junge brauchte eine Schutzhaut, die die Form einer nie näher hinterfragten Arroganz annahm und diejenigen, denen er begegnete, anzog und abstieß."

Es kann natürlich keine "Gründe" geben. Grant McLennan starb mit 48 Jahren viel zu früh. Er war, schreibt Robert Forster, sein bester Freund, sein Co-Autor, sein Konkurrent, "ein Glaubender. Er glaubte an all die guten, schönen und erhebenden Dinge des Lebens. Gedichtzeilen, die Schatten eines Films, die majestätische Größe eines tollen Popsongs. Er war hochromantisch."



How I miss your quiet quiet quiet heart



Donnerstag, 12. Oktober 2017

PUPPENBLUT. Ein Traumbild. "Ich hasse die Tannine, echt."

"Wolkenspinner." "Lichtgewinsel." "Faselfurt."

Wahr sei, behaupten die, je nur, was verworfen sei, abgründig und versifft, traurig-tief und höchstens sarkastisch-komisch. So dass, schlussfolgern wir, unwahr und verlogen sei unser Leben, das lachhaft ist, sauber und ordentlich, jederzeit greifbar, routiniert und saturiert. (Lach nicht, Schleimbeutel!)

Ich träume mich weiter fort nie als in die nächste Schlafkuhle unter deinem Arm. (Gott, lass mich sanfter lügen!) Das wird jetzt grün und rot, komplementär, aber herbstlich, weißt du? Noch. Wie es ist, sich in so einen Laubhügel zu werfen und wälzen? Begraben darunter, versteckt, heimlich, eine tote Puppe. Wer sagte das damals noch: Puppen bluten nie. Ich wünschte, ich hätte es besser gewusst. 

Verwandte Links 
(Bitte fühlen Sie sich getrost überfordert; ich auch. Meiner Vergangenheit bleibe ich gewogen):
Glut. Unfinished Business
Angel. Everybody said she´s good in bed
Die Fabrik der Engel
Blut musste fließen
Pani Tau

Wie immer hängt alles mit allem zusammen. Weiterziehen mit Rotweingläsern. (Niemals Prosecco, sage ich dir.) Ich hasse die Tannine, echt. Was in meiner Speiseröhre brennt. Wir dachten früher gelegentlich, dass uns die Stimme weg bliebe. Manchmal wache ich aus Träumen auf, in denen ich keinen Ton herausgebracht habe. Ich kann nicht sagen, ob sich das gemütlich anfühlte oder bedrohlich. Meine Hände liegen dann immer wie tote weiße Mäuse auf schwarzem Holz. So sieht die Stille aus, in die ich mich imaginiere, wenn alles gesagt und getan ist.

Auf dich habe nicht gehört. Ich habe dich nicht gehört. Deine Grobheiten und deine Selbstgewissheiten. Ich habe den Ton abgedreht. Wie du dich selbst berauschst. Und diese Überzeugung, die du nicht mal dir selbst eingestehen kannst, dass nur Rampensäue was zu sagen haben. Männliche. Weibliche flunschen. (Ich hasse das.) Shows auf kleiner Bühne, für den jeweiligen und seine Konkurrenz. (Ohne Konkurrenz kein Geschäft.) Warum ich dich immer mal nicht leiden kann. Wieder.

"Puppengespenster." "Pupsgelichter." "Silberschleim."

So what? When she sang about Angels...Anything goes.
Es ist nur echt, wenn er eine blonde Perücke trägt.

Montag, 25. September 2017

Pierre Bourdieu über das "Geschwätz der Moralisten"

»Wenn vom Klassenkampf die Rede ist, denkt man niemals an seine ganz alltäglichen Formen, an die rücksichtslose gegenseitige Verächtlichmachung, an die Arroganz, an die erdrückenden Prahlereien mit dem ›Erfolg‹ der Kinder, mit den Ferien, mit den Autos oder mit anderen Prestigeobjekten, an verletzende Gleichgültigkeit, an Beleidigungen usw.Das Leben ändern, das müßte auch heißen, die vielen kleinen Nichtigkeiten zu ändern, die das Leben der Leute ausmachen und die heute gänzlich als Privatangelegenheiten angesehen und dem Geschwätz der Moralisten überlassen werden.«



Meine Empfehlung nach dem gestrigen Wahlergebnis: Erst mal (nach)- lesen und (nach-) denken, statt die vorhersehbaren Empörungs- und Selbstversicherungsrituale zu vollziehen. 

Mein Lektüretipp:

Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht

Samstag, 9. September 2017

DUMMHEIT OHNE POESIE. Und: Wovor ich mich konkret fürchte

avenidas 
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres
un admirador

Eugen Gomringer


Alleen, Blumen, Frauen
und
und?
Ein Betrachter


Keine korrekte Übersetzung ins Deutsche hier. Ein und? mit Fragezeichen. Denn: Man (d.i. der Asta der Alice-Solomon-Hochschule Berlin) liest hinein in die konkrete Poesie, es handele sich hier um die Fortführung einer "patriarchalen Kunsttradition", in der Frauen "ausschließlich schöne Musen sind".

Und? Wenn schon.

Nein, das meine ich, selbstverständlich, nicht so. Wenn Frauen "ausschließlich" schöne Musen sein könnten, dann wäre das nicht schön. Schön ist aber doch, dass und wenn Frauen schöne Musen sein können, auch. Finde ich. 

Wie ist das mit der Konkreten Poesie noch mal gedacht? Die Konkrete Poesie entkleidet die Worte von ihrem semantischen Sinn, ohne freilich damit jemals vollständig erfolgreich sein zu können. Denn die Konkrete Poesie spielt mit den Worten, ihrem Klang, ihrem Zeichencharakter und - ein wenig, ein wenig, trotz alle dem  - mit ihrer Bedeutung. Sie scheitert damit zwangsläufig, je gelungener sie ist, mit jedem Mal, das sie Worte verwendet, an ihrer Konkretisierung. Und darum geht es. 

Und dann:
Alleen (pl.), Alleen (pl.) und Blumen (pl.) 
-as - es
y

Es gibt Alleen und es gibt Alleen und Blumen. Gleichzeitig. In einem Bild? In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Alleen- breite, große, belebte, leere, laute, leise? Blumen - kleine, blättrige, blühende, große, kelchige, knospende? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht schon zu weit. 

Man muss das auch hören. Auf Spanisch.

Und dann gibt es nochmal Alleen und es gibt Alleen und Frauen. Gleichzeitig. In einem Bild. In zwei Bildern, aneinander geschnitten? Frauen - große, kleine, dicke, dünne, helle, dunkle, kluge, dumme? Kultur und Natur. Diese Interpretation geht zu weit. Man muss zuhören.

Es gibt keine "Frauen und Blumen".

(Denken Sie doch mal darüber nach!)

Es gibt einen Bewunderer. Unbestimmter Artikel. Männlich.
-or
un

Das Gedicht gibt das: einen unbestimmten, männlichen Bewunderer. Zuletzt. Von dem aus schaut die Leserin zurück auf Frauen und Blumen und Alleen. Keine schönen Musen weit und breit. Es bleibt aber ein männlicher Bewunderer nach der Mehrzahl von Frauen und Blumen und Alleen. Niemand sagt, übrigens, dass die schön sind, alle. Steht da nicht. Blumen sind schön, meistens. Und Frauen, oft (Ansichtssache). Aber Alleen? Vielleicht. Manchmal. Blumen und Frauen stehen nicht zusammen, da. Sondern: Ein Bewunderer. Männlich. Es ließe sich lesen: Ein männlicher Bewunderer sieht auf Straßen, Frauen und Blumen. Für männliche Bewunderer seien Frauen und Blumen und Straßen dasselbe oder mindestens auf derselben Schauwert-Ebene. Aber vielleicht auch nur "Straßen und Frauen", denn "Frauen und Blumen" gibt es nicht. Oder umgekehrt? Weil Blumen und Frauen Straßen gleichermaßen "beleben" für den Bewunderer? 

Und wenn?

Wenn es so wäre, wäre das Gedicht Eugen Gomringers ein hochgradig ironischer Umgang mit jener "patriarchalen Kunsttradition", von der der Asta der Hochschule schreibt, - und das Gedicht mithin selbst Kritik an dieser Tradition. (Und an einer männlichen Sichtweise, die die Wahrnehmung von Frauen bewundernd auf ihre äußere Erscheinung, ihren Schauwert einschränkt. Andererseits: Man könnte auch sagen, dass Männern, pl. die Bewunderung für den Schauwert ihrer Erscheinung traditionell allzu oft versagt bleibt. Auch und gerade in der Dichtung.)

Und: Das ist es wohl. Eine ironische Kritik am männlichen Schauen und Dichten. Auch. 

Und aber: Poesie. Konkret.

Es gibt hier keine Verben. Niemand belebt nichts. Niemand liest. Niemand sieht. Niemand denkt. Auch der Bewunderer nicht, Asta.

Es sind Worte. Auf die wir reagieren. Als Betrachterinnen und Leserinnen. Auf ihren Klang, ihre Form, ihre Bedeutung. Aber unsere Reaktionen auf sie und die Worte sind nicht dasselbe. Dass die Worte nicht sind, was sie bedeuten, darauf will die Konkrete Poesie nämlich aufmerksam machen. 

Was hier ganz offensichtlich gleichermaßen gelungen wie gescheitert ist, also sehr konkret, aber nicht poetisch: Der Asta der Hochschule versteht keine Poesie und liest die Worte nicht als Worte. An der Fassade oder sonstwo.

Sondern: Die Tradition. 
Die Klischees. 
Belästigungen von Frauen auf Straßen.
(Wo bleiben die Blumen? Asta.)
Es liest sich selbst. Ins Gedicht hinein. 

Und wenn schon? Das wäre ja weiters nicht schlimm. 

Die Hochschule hat aber entschieden - um des Schulfriedens willen -, das Gedicht auf der Fassade der Alice-Solomon-Hochschule zu übermalen. 

Zensur ist das (noch) nicht. (Weil das Gedicht ja damit nicht verboten ist.) 
Aber es ist dumm. 

Und es gibt guten Grund, die Dummheit* zu fürchten. 
Eine dumme Welt ohne Poesie. 
Konkret.


* Dass die Dummheit im Gewand des Feminismus daherkommt, stimmt mich persönlich besonders traurig.

Dienstag, 25. Juli 2017

MEAT JOY. Meet Joy. Carolee Schneemann im MMK Frankfurt - noch bis zum 24. September


Carolee Schneemann veröffentlichte 1974 ein Künstlerbuch unter dem Titel „Cezanne. She was a Great Painter“. Der Titel verweist gleichermaßen auf den Anspruch der Künstlerin als „große“, d.h. bedeutende Malerin anerkannt zu werden und auf die Zurückweisung, die dieser Anspruch bis heute durch männliche „Kunsthengste“ (Schneemann) erfährt, wenn er von einer Frau formuliert wird. „Great Painter“ wird als Mann gedacht, beinahe unwillkürlich (was auch ein Kommentar zur - vermeintlichen - Geschlechterindifferenz der englischen Sprache ist).
 
Katalog zur Ausstellung
hrsg. von Sabine Breitwieser
Prestel Verlag 2015

Schneemann war immer wieder im Verlauf ihrer Karriere mit dieser Sichtweise konfrontiert: Man riet ihr statt Beauvoir den „Meister“ Sartre zu lesen, man verwies sie vom College, weil sie sich selbst als Akt malte, wohingegen es unbeanstandet blieb, dass sie männlichen Kollegen nackt als Modell saß. Carolee Schneemann hatte aber auch Glück in ihren Beziehungen: Sie verwirklichte mit James Tenney eine gleichberechtigte Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, der sie im Film „Fuses“ von 1964 ein berauschendes Denkmal setzte. „Fuses“ zeigt Schneemann und Tenney durch die Augen der Katze des Paares, nackt, sich liebend, müßig, frei, lebendig. Der Blick auf weibliche und  männliche Genitalien ist offen, neugierig, lustvoll, jedoch niemals voyeuristisch oder pornographisch. Was den Unterschied ausmacht? Die wechselnde Perspektive der Kamera, die sich immer wieder auch mit dem Blick der Katze vereint, die Zeitspanne (der Film entstand über 3 Jahre), die im Wechsel der Jahreszeiten, der Frisuren und Behaarungen, im Geschwindigkeits- und Rhythmuswechsel der Filmspuren sichtbar wird, die Bearbeitung des Zelluloid-Materials durch Schnitte, Collagen, Klammern, Bemalungen, so dass beide im Film weder als „Objekt“ noch „Subjekt“ dargestellt werden, sondern in ihrer beweglichen und bewegenden (sexuellen) Beziehung, in der sich die Rollen und Zuschreibungen wandeln.

Fuses (1964-67)
Carolee Schneemann ist in der Kunstwelt vor allem als Performance-Künstlerin bekannt, durch ihre bahnbrechenden Performances wie „Eye Body“ (1963), „Meat Joy“ (1964)  oder  „Body Collage“ (1967). Stets arbeitete sie dabei auch mit ihrem eigenen Körper. Schneemann beschreibt, wie in der männlich dominierten Kunstwelt der nackte weibliche Körper – auch noch und gerade in den frühen Happenings der 60er Jahre – ausschließlich als Objekt benutzt worden ist. Indem sie sich selbst, die Künstlerin, das „Subjekt“ der Inszenierung, an dieser Stelle eingesetzt hat, durchbricht sie diese „territorialen Potenzlinien“. Schneemann geht es darum, sich – die Frau! –in ihrer archaischen Kraft zu entdecken und zu inszenieren, nicht bruchlos und ohne Bezugnahme auf die Verletzungen und die Verletzbarkeit, die diesem symbolischen Körper durch die Geschichte (der Kunst) zugefügt wurden und werden. Das zeigen die Materialien und Gegenstände, mit denen sie ihre Inszenierungen verbindet: Spiegel, zerbrochenes Glas, Bandagen, Leim. Es entstehen visuelle Fragmentierungen, Schnitte, Erschrecken, Schmerz. Aber immer wieder gelingt es Schneemann Bilder der Freude, der Lust, des Entdeckens und der weiblichen Macht zu entwerfen. Sie schreibt: „Ich fühlte mich gezwungen, mir meinen Körper unter mannigfachen Aspekten ´vorzustellen´, die der mich umgebenden Kultur entgangen waren. Acht Jahre später sollten sich die Implikationen der Körperbilder, die ich erkundet hatte, klären als ich 4000 Jahre alte, sakrale Artefakte der Erdgöttin studierte.“

Vulva´s Morphia (1995)
Eine Retrospektive des Werkes von Carolee Schneemann wird derzeit im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK 1) unter dem Titel „Kinetische Malerei“ gezeigt. In der Tat offenbart der Blick auf die frühen Werke der Künstlerin und ihre Entwicklung aus diesen Anfängen heraus, wie sehr Carolee Schneemanns Arbeit durch die Malerei geprägt ist. Die frühen expressionistisch anmutenden Gemälde drängen zur Bewegung, zur Auflösung der vierkantigen Begrenzung, gerade so wie ihre Performances und Filme in den späteren Jahren malerische Elemente enthalten: das Experimentieren mit Schattierungen, Schriftzügen, Pinselstrichen und Überschreibungen. Die Malerei entgrenzt sich, indem „das Bild“ aufgegeben wird und die Inszenierungen werden als bewegte Bilder vorgestellt, immer wieder auch in großartigen Fotografien und Foto-Collagen festgehalten. Dabei bewegen sich Schneemanns Arbeiten häufig auf ein gefährliches und gefährdendes Chaos (die scharfen Kanten der Spiegel und Spiegelungen)  zu und sind zugleich in ihrer Offenheit und Lebendigkeit ungeheuer lebensbejahend, ja fröhlich.

Und während des Betrachtens entdecke ich: Es sind solche Bilder und Filme und dieser fröhlich, freie und gefährliche, (sich) gefährdende Feminismus, den ich brauche, auch oder gerade weil (mir) das gegenwärtig so "Retro" vorkommt; heute, da Feminismus von einigen (nur noch?) als Teil einer Bewegung von Minderheiten begriffen wird. Es kann selbstverständlich immer etwas schiefgehen, wenn kulturelle Tabus gebrochen werden: SNAFU (Situation normal all fucked up) heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2004 von Schneemann. Daher fehlt zuletzt denn bei dieser Ausstellung, die Frauen (und Männer) in ihrer Nacktheit und mit ihrem (auch) sexuellen Begehren zeigt, nicht der Hinweis, Kinder und Jugendliche könnten in ihrem „sittlichen Empfinden“ verletzt werden. (Ein Hinweis, den ich im Übrigen noch niemals gesehen habe, wenn es um die Ausstellung von christlichen Kreuzigungs- und Folterbildern geht). Der Angriff der weiblichen Lust, die nicht dem Mann dient, die Lebendigkeit des Frauseins jenseits der patriarchalen Muster hebelt offenbar schmerzhaft all die lieb gewonnen (religiösen und anderen) Illusionen über Unverletzlichkeit, Unverfügbarkeit und Unberührbarkeit, über Reinheit und Idealität ("der Frau") auf. Da mag ein "sittliches Empfinden", dem die Darstellung körperlicher Gewalt wenig anhaben kann, sich winden. 

1995 entstand „Vulva´s Morphia“, eine Lecture-Performance und Wandinstallation. Schneemann ging es darum, die „Darstellungen der Macht genitaler Sexualität, die sich in Kulturen finden, die nominell von der westlichen Kunstgeschichte ausgeschlossen sind“ zu untersuchen. Sie häufte Berge von Materialien, Texten, Bildern und Anmerkungen an: „Genitalverstümmelungen bei Frauen, der gegen Feminismus und Hexerei protestierende Papst, lacansche Entstellungen weiblicher Sexualität, Bestrafungen schwangerer halbwüchsiger Mädchen in Highschools, wirre aktuelle Forschungen zum weiblichen Orgasmus.“ Schließlich entschied sie sich: „Eines Nachts hatte ich einen Traum, in dem mir eine gebieterische Stimme erklärte: ´Du wirst nie wieder als Künstlerin mit deinen Händen in deinem Atelier arbeiten, solange dieser riesige unordentliche Haufen mit Notizen dort über den ganzen Boden verstreut herumliegt. WARUM ÜBERLÄSST DU DAS REDEN NICHT DER VULVA?´

Und sie tut´s auf den 35 farbigen Laserprints der Wandinstallation, wo u.a. zu lesen ist: „VULVA DECIPHERS LACAN AND BAUDRILLARD AND DISCOVERS SHE IS ONLY A SIGN, A SIGNIFICATION OF THE VOID, OF ABSENCE, OF WHAT IS NOT MALE…(SHE IS GIVEN PEN FOR NOTES)…“

 Lol.



Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung
Carolee Schneemann: Kinetische Malerei, hrsg. Von Sabine Breitwieser (Museum der Moderne. Salzburg), Prestel 2015 (€ 49,95)

Samstag, 8. Juli 2017

LINE LEUCHTE 1 (Was hat das mit den "Drei Sabinen" zu tun?*)

Wir können im Falle Karoline Pfeifers kaum durch Rückgriffe auf Briefe, Tagebücher, Notizen den Eindruck erwecken, was wir erzählen wollen, könne beglaubigt werden durch Dokumente, geschrieben von der eigenen Hand der Protagonistin. Denn Line hatte, mindestens in den letzten 30 Jahren ihres Lebens, nichts aufgeschrieben, nicht einmal hatte sie noch von eigener Hand die Beileidsbekundungen, die sie von Jahr zu Jahr häufiger zu verschicken hatte, verfasst. Die diktierte sie vielmehr erst der Tochter, später der Enkelin. Der Verdacht, dass Line in Wahrheit gar nicht schreiben konnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn das Schreiben spielte in Lines Leben, nachdem sie die Volksschule verlassen hatte, keine Rolle. Sie schob es auf ihre rauhen Hände, dass sie sich weigerte, einen Stift in die Hand zu nehmen, um die schwarz geränderten Karten zu beschriften. Vielleicht aber wusste sie auch längst nicht mehr, wie die Buchstaben zu malen waren. Lesen allerdings konnte Line: die Koch- und Haushaltskladden ihrer Mutter und Tanten, eng liniert und sorgfältig geführt in Sütterlinschrift, Lore-Hefte, die sie unter dem Spülstein verbarg und, von vorne bis hinten an jedem Sonntag, das Gemeindeblatt. Als Lines Todesanzeige im August 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center, in eben jenem Sonntagsblatt erschien, betrauerten zwei Töchter, ein Sohn, eine Schwiegertochter, ein Schwiegersohn, drei Enkelinnen und zwei Enkel die „nach langer schwerer Krankheit im Kreise der Familie Verstorbene“.  Das stand so da und war doch nur ein Schein, denn in Wahrheit hatte Line niemals ein Kind geboren, war ihr Leib unfruchtbar geblieben und die da zeichneten als ihre Kinder und Kindeskinder waren ihr nicht anverwandt. Den einen war sie Stiefmutter geworden in der zweiten Hälfte ihres Lebens und die anderen hatten sie als „Oma“ immer gekannt. Wer Line gewesen war, was sie verbarg und jenen immer verborgen bleiben sollte, die da an ihrem Grab standen, war die Tatsache, dass Line eine der großen Liebenden ihres Jahrhunderts gewesen war. 

Woher glauben wir das zu wissen? Wir sahen die Blicke und Gesten, vor allem die vermiedenen, mehr als ein halbes Jahrhundert.  Einige von uns wurden Zeuginnen jener beiden unvergesslichen, verräterischen Ausbrüche, auf die jedoch keine von uns jemals die beiden ansprach, weder auf den Vorfall im Jahre 1970, als Peter Leuchte seine Frau Antonia, genannt Toni, beinahe geschlagen hätte, noch auf Lines Weinkrampf an seinem Grab siebzehn Jahre später. Wir besitzen zwei Briefe, die ganz hinten in Lines Bibel abgelegt waren und einige verschwommene Fotos, die Peter Leuchte sorgsam vor seiner Frau in der untersten Schublade seines Schreibtisches im Laden versteckte, eines mit einer Widmung Lines darauf. Wir sind dennoch, trotz dieser dürftigen „Beweislage“  vom Wahrheitsgehalt unserer Erzählung überzeugt, davon auch, dass diese Liebesgeschichte, der wir den Namen „Line Leuchte“ geben werden, in Nichts den großen Liebesdramen der Literatur nachsteht, weder in ihrer Tragik noch, ja auch dies, in ihrer Komik. 

Alles andere in Lines und Peters Leben ist gesichert. Beide verließen einen Radius von 80 km rund um Haselberg nie. Ihre Geburts- und Sterbeurkunden, die  Überschreibungen des Geschäfts und der Äcker an Lines Stiefkinder und Peters Neffen, die Aktordner mit Steuerbescheiden und Stromrechnungen wurden über die Jahre sorgfältig aufbewahrt. Es scheint keine Lücke zu geben. Zwei offenbar unspektakuläre Leben, die wie alle ihrer Generation zwar von Weltkrieg Nr. 2 geprägt wurden, jedoch dem Anschein nach weniger dramatisch, als es bei vielen anderen der Fall gewesen war. Wegen seiner Behinderung hatte Peter nicht zur Wehrmacht gemusst und Haselberg war auch noch in den letzten Kriegsjahren von Bombenangriffen verschont geblieben. 


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* Ich weiß es noch nicht. Das kollektive Erzähler-"Wir". Vielleicht. 

Fantastischer Claus?