Samstag, 18. Februar 2017

SOLIDARITÄT #freedenizyücel

Am Arbeitsplatz werden Galgen auf die Tische für sogenannte "Fetö"-Mitglieder und HDP-Anhänger gemalt und Herzchen für Erdogan. Das gibt nach meinem Eindruck durchaus die Mehrheitsmeinung der Türkischstämmigen in meinem Umfeld wieder. Die Gegner des türkischen Präsidenten sind dagegen (zumindest analog) sehr still. Ich rege mich auf und drohe mit einer Anzeige (die höchstwahrscheinlich im Sande verlaufen würde?). Mich ekelt vor diesen Leuten, die immer ihr Recht auf Meinungsfreiheit hierzulande einklagen (Service-Tipp: "Meinungsfreiheit" heißt nicht, das jede deine Meinung gutheißen und unwidersprochen stehen lassen muss!), aber die staatliche Unterdrückung in der Türkei  vehement verteidigen. 

Auf der Heimfahrt von der Arbeit dann die Nachricht, dass Deniz Yücel, Korrespondent der "Welt" in der Türkei, sich in Polizeigewahrsam befindet. Seit 2 Monaten habe ich das befürchtet, nachdem Ende Dezember eine Erdogan-nahe Zeitung geschrieben hatte, dass gegen Yücel ein Haftbefehl vorliege. Offensichtlich sind Bemühungen, den Bundesbürger Yücel, der - wie man in diesem Fall sagen muss: bedauerlicherweise - auch noch einen türkischen Pass besitzt, sicher nach Hause zu bringen, gescheitert. 

Heute wird der Verwalter der Autokratie in der Türkei, Ministerpräsident Yildirim, in Oberhausen für die Abschaffung der Gewaltenteilung - voraussichtlich unter dem Beifall Tausender Deutschtürken - werben. Der Rechtsstaat, der die BRD ist, kann das nicht verbieten. Vielleicht hätte die deutsche Regierung aber Herrn Yilidirim darauf hinweisen können, dass ihm als Privatmann (als der er in Oberhausen, uneingeladen durch die Regierung dieses Landes, auftritt) in Deutschland eine Vernehmung zur Spionage durch Ditib-Imame drohen könnte. Vielleicht wäre der Herr dann daheim geblieben. 

Derweil: Schweigen auf den Twitter-Kanälen vieler sonst sehr aktiver muslimischer Aktivist_inn_en türkischer Herkunft. Während Amtshandlungen und Tweets des neuen US-Präsidenten eifrig kommentiert werden, bleibt Kritik am Regime in Ankara  von dieser Seite aus. Nicht zu erwarten ist, wie schon seit Jahren, dass einige, die hierzulande und in Übersee prominent Solidarität einklagen, wenn es um die Diskriminierung von Muslim_inn_en geht, sich mit eben solcher Verve einsetzen gegen die Diskriminierung von Atheist_inn_en und Agnostiker_inne_n in muslimisch geprägten Ländern, gegen Nationalismus in der Türkei und Verschleierungszwang in Saudi-Arabien. Während der sogenannte "Muslim Ban" Donald Trumps weltweite Empörung auslöste, blieben muslimische Staatsführer seltsam still, unter ihnen auch Erdogan. Und kaum jemand wies auf die Einreiseverbote hin, die seit Jahrzehnten für israelische Bürger_innen in vielen arabischen Staaten gelten (und beispielsweise die Teilnahme israelischer Sportler_innen an internationalen Wettbewerben, die dort ausgetragen werden, verhindern). Auch wurde keine Solidarität von hiesigen Kopftuchträgerinnen mit den Schachspielerinnen erkennbar, die sich entweder dem iranischen Kopftuchzwang unterwerfen mussten oder von einer Teilnahme an der Schachweltmeisterschaft ausgeschlossen waren. Solidarität ist offenbar eine Einbahnstraße - für einige. 

Es gibt, selbstverständlich, auch viele - rühmliche - Ausnahmen. Sie alle stehen unter erheblichen Druck durch die "Community", aus der ihnen immer wieder Verrat und Schlimmeres vorgeworfen und sogar massiv gedroht wird, z.B. zuletzt Ismael Küpeli und Ali Mutlu oder Mürvet Öztürk und Turgut Yüksel. Auch außerhalb des Netzes bin ich selbst Zeugin solcher massiven Angriffe und Übergriffe geworden. 

Am Fall Deniz Yücel zeigt sich zudem auf verquere und entlarvende Weise die Nähe von AfD- und AKP-Anhängern, die den Freigeist gleichermaßen hassen, weil er keinen Respekt vor ihren heiligen Kühen (ihrem Nationalismus, ihrer Religionsinterpretation, ihrer "Ehre") zeigt. Und es wird offenbar, wo die Grenzen der Solidarität jetzt und in Zukunft zu ziehen sind.

Für mich ist klar: Ich werde mich an Aktivitäten und Petitionen nicht beteiligen, deren Protagonist_inn_en keine eindeutige Distanz zu AKP, Ditib oder Milli Görüs herstellen, die auf Kundgebungen (wie z.B. auf dem Women´s March in Washington) "Free Gaza" fordern, aber damit nicht das Terror-Regime der Hamas meinen, oder Personen zu ihren Sprecherinnen machen, die auf Twitter die Sharia in Saudia-Arabien verteidigen

Von der seltsamen und erschreckendem Solidarität von Teilen der feministischen Bewegung und der Linken mit Personen, deren Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit, die auch Freiheit von Religion meint, bestenfalls fragwürdig ist (weil es nicht universal zu gelten scheint, sondern nur im sogenannten "Westen"), distanziere ich mich. 

Wer sich über Trump aufregt, aber zu Erdogan schweigt, entlarvt sich selbst. Denn in den USA scheint zumindest noch die Gewaltenteilung zu funktionieren, wird der Handlungsspielraum des Präsidenten, der die freie Presse verachtet, sich um Fakten nicht schert und dessen Nähe zu Rassismus und Rassisten unverkennbar ist, durch Gerichte eingeschränkt. Davon ist in der Türkei kaum mehr etwas zu sehen. 

Sie werden sich sicher gut verstehen, nehme ich an, der Herr Erdogan und der Herr Trump, wenn sie sich einmal begegnen. Die ideologischen Differenzen lassen sich vielleicht übersehen, von beiden Seiten, im Verständnis für die jeweilige Not der beiden, sich mit diesen lästigen Demokrat_inn_en, dem investigativem Journalismus, dem "Gender-Wahn" und den "Terroristen/Volksfeinden" (vulgo: Opposition) auseinandersetzen zu müssen. Die Apologeten der beiden Möchtegern-Autokraten werden sicherlich Argumente in ihrem Neusprech finden, um die Freundschaft zwischen dem islamophoben Trump und dem islamistischen Erdogan zu rechtfertigen. Darauf darf man gespannt sein. (Oder auch nicht.)


Petition für die Freilassung von Deniz Yücel: 

https://www.change.org/p/free-welt-correspondent-deniz-yücel?recruiter=70738988&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_campaign=autopublish&utm_term=mob-xs-share_petition-no_msg

Bitte unterschreiben!

Sonntag, 5. Februar 2017

Die Schönheit von Gottes Arsch (oder: "Die Leichtigkeit" - eine Graphic Novel von Catherine Meurisse)



Das Cover der autobiographischen Graphic Novel von Catherine Meurisse ist noch recht düster. Die Protagonistin geht mit gesenktem Kopf im dunklen Anorak einen Strand entlang. Ein Tag an der See, das dunklere Grau der Wellen diffus abgesetzt vom helleren des Sandes, ein unklarer Horizont, der sich ganz zart ein wenig aufhellt. Es klart auf, aber nur langsam. Die einsame Figur, mit wenigen Pinselstrichen, aber starker Kontur ins Aquarell gesetzt, schreitet dem Hellen entgegen, noch gebeugt zwar.

Catherine Meurisse kam am 7. Januar 2015 zu spät in die Redaktion, weil sie wegen Liebeskummers verschlafen hatte. So überlebte sie. Zehn Jahre lang hatte sie für das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ gearbeitet. Nach dem Massaker an ihren Freunden und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen, so schreibt und zeichnet sie es in „Die Leichtigkeit“, verstummte ihr Körper. Ihr Empfindungsvermögen und ihr Gedächtnis wehrten sich gegen das Ungeheuerliche. Einzig die Augen der Zeichnerin blieben lebendig, nahmen mit neuer Schärfe wahr: die Krümmung des Horizonts, die Gewalt der Farben, die Weite, die Leere.

Meurisse stellt ihre Protagonistin in Aquarelle, in aufwendige, an kunsthistorischen Vorbildern orientierte Zeichnungen, genauso wie in scheinbar hastig hingeworfene Skizzen. Dem ganzen Band ist der Formwille anzumerken, das Wissen der Künstlerin darum, wie sehr Form und Inhalt miteinander verschränkt sein müssen, um aus dem Erlebten Kunst zu formen und es damit begreifbar und wieder - als Erinnerung - belebbar zu machen. Meurisse schert sich dabei nicht um eine krude Unterscheidung zwischen E- und U-Kunst, zwischen Malerei, Zeichnung und Comic Strip, von einer Seite auf die andere können Technik, Stil und ikonographischer Bezugsrahmen wechseln.

Der Weg heraus aus der Schockstarre ist schwer und weit. Die Fähigkeit zu zeichnen, scheint verloren gegangen hinter den Absperrgittern, mit denen die verwüstete Redaktion gesichert wird, nachdem es zu spät ist. Unsentimentale Erinnerungen steigen auf an die ermordeten Kolleginnen und Kollegen, an den schwarzen, unanständigen, mutigen Humor von Chefredakteur  Charb und den anderen. Die Getroffenen weigern sich, sich die Namen der Mörder zu merken: "die Brüder Kichi". Keine Ehre, wem keine gebührt. „Charliett ist nicht tot. Im Frühling lass ich mir die Titten machen.“ Verzweifelte Versuche, nicht aufzugeben, wofür „Charlie“ stand: Keine Kameraderie mit der Macht, dem „guten Geschmack“, der wohlfeilen, abgewogenen „Meinung“. Währenddessen wird draußen „JeSuisCharlie“ zum Modehit. Selbst der Tod abonniert jetzt das Magazin, das doch immer fast vor der Pleite stand. Die Protagonistin ist derweil eingeklemmt zwischen den Personenschützern, die sie nun rund um die Uhr bewachen.

Es geht nicht. Nach so einem Schock ist „Weitermachen“, einfach so, keine Option. Der Widerspruch zu einer Solidarität, die nichts versteht, ergibt sich von selbst und lähmt.  „Nach dem Tsunami der Gewalt folgt der Tsunami der Unterstützung.“ Jede Nacht quält die Protagonistin derselbe Albtraum: ein Sturz ins Meer. Meurisse zeichnet und ironisiert das mit den Mitteln des Comics: „Platsch“Denn es geht hier nicht um Mitgefühl. Es geht um eine angemessene Sprache. Um Kunst. Die Mutter der Protagonistin bringt es auf den Punkt: „Der Terrorismus ist der Erzfeind der Sprache.“ Während die Zeichnerin daran scheitert, sich wiederzufinden: weitere Massaker im Bataclan und den Cafés von Paris. Es hört nicht auf. Der Therapeut verwandelt sich in einen Frosch, der weiß: „Inzwischen bezeichnet man die Ohnmacht, die einen jeden angesichts einer Flut von Schönheit ergreifen kann, als ´Stendhal-Syndrom.´“ Das, erkennt sie, braucht sie: Schönheit, die eine in Ohmacht fallen lässt.

Die Protagonistin fährt zur Rekonvaleszenz nach Rom in die Villa Medici. Besucht die Vatikanischen Sammlungen, schaut sich die Carravaggios an, die überall rumhängen. Die fragmentierten Körper der antiken Statuen erinnern sie an die Körper der Opfer: In Schönheit erstarrt. Die Ungläubige besucht gerne die unzähligen barocken Kirchen der Heiligen Stadt. Blickt sie nach oben in das Gewölbe des Petersdoms, so erschaut sie nicht, wie die Architekten es planten, Gott (im Himmel?), sondern „das Ende des Tunnels“. Aber auch - weil sie bei Charlie gearbeitet hat - einen riesenhaften Darmverschluss. Gott. Hoffnung. Darmende. Nichts ist ihrem Blick heilig, auch das Schöne nicht. Das tut der Schönheit keinen Abbruch. Denn: Die schöne Welt der Bilder ist eine Welt der Gewaltdarstellungen, auch. Die Kunst zeigt, was ist. Und mehr: Dass, was ist, unter den Augen, durch den menschlichen Willen, durch menschliche Gestaltung schön werden kann. Oder zerstört. Die Option, die die Mörder wählten. Dennoch: Es ist eine Lust, an die Schönheit zu glauben. Dafür kann sich eine entscheiden. Und, zum Beispiel, den schönen Arsch Gottes an der Decke der Sixtinischen Kapelle entdecken.

(Denn: Meurisse, die Malerin und Zeichnerin,  ist - stolze und glückliche - Erbin einer Kultur, in der sich über Jahrhunderte das Recht  und die Fähigkeit erstritten, ermalt und erschrieben wurde - auf Umwegen, gegen Feigenblätter-Widerstände und Common Sense-Appelle, im Disput - alles mit den Mitteln der Kunst in Frage stellen zu dürfen. Auch Heiliges. Erhebendes und Erhabenes. Kann auf seine Lächerlichkeit geprüft werden. Das kann weh tun. Das soll und darf es auch. Und es steht denen zu, die sich selbst nicht schonen. Aber denen uneingeschränkt. Sie schöpfen. Und: Schöpfer_innen können sich irren, zu weit gehen, Unschönes schaffen. Aber: Von den eitlen Gottesanbetern, die ihre Bilderverbote herbeischießen wollen, wird nichts bleiben. Vergesst sie!)

Meurisse´ Protagonistin fällt am Ende nicht - wie angeblich beinahe Stendhal - in Ohnmacht angesichts der brutalen, überbordenden, vielfältigen Schönheit der römischen Kunstwerke. Die Schönheit der Kunst, durch welche die Verluste nicht geschmälert, der Schmerz nicht geleugnet, das Grauen nicht verborgen, sondern gezeigt werden, ermächtigt sie vielmehr, wieder selbst das Schöne zu sehen, ohne sich schuldig zu fühlen.

So endet der Band mit dem ruhigen Bild der Protagonistin, die auf die Arme gestützt am Meer sitzt, und in die Ferne schaut: „Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir die Leichtigkeit zurückgibt.“



Donnerstag, 5. Januar 2017

PROSIT NEUJAHR! Es leben die gottlosen Schurken! Hoch!

Was sind die ehrbaren Leute doch für Schurken.

Emile Zola

Tour Eiffel Januar 2017

Paris, Marais - in einen kalten Nebel getaucht. Und dennoch: Die Place des Vosges bleibt der schönste Platz der Welt. 25 Jahre später. Wiederholten Morel und ich die Hochzeitsreise nicht, die uns über Silvester 1991/92 nach Paris führte, in ein kleines Hotel nahe der Place des Vosges. Wir waren schon vorher öfter gemeinsam in Paris gewesen. Und immer glücklich. Ein billiges Nachtzug-Ticket von Frankfurt/Main aus, Ankunft im Morgengrauen am Gare d´Est, unvergessliche Ausstellungen, halbe/ganze Tage im Kino unter den Hallen, Retrospektiven von Alan Rudolph u.a. Damals.

Wiederholungen funktionieren selbstverständlich nie. Paris indes bleibt Reisen wert. Diesmal mieteten wir uns in eine kuschelige kleine Wohnung in einer Passage nahe dem Centre Pompidou ein. Ein selbst gekochtes Silvester-Gourmet-Menü, das wir nicht einmal zu Ende schafften, so üppig, traditionell und französisch war es:  verschiedene Ziegenkäse auf winterlichem Feldsalat, Entrecote mit Sauce Béarnaise und Pommes frites, zum Abschluss geplant: Tarte Tatin mit Vanilleeis. Dazu Champagner, Sauvignon blanc, ein Likör. Wie gesagt, wir schafften das nicht, ganz.  

Places des  Vosges  Dezember 1991
Und immer wieder: das Marais, touristisch, verschachtelt, jiddisch, prächtig, mondän, verkommen, gentrifiziert. Passt alles. Wunderbar. Es duftete verführerisch in der Rue des Rosier. Wie vor einen Vierteljahrhundert. Und selbstverständlich anders. Eine Stadt der Schauwerte, an jeder Ecke, auch verwundet überall, viele Male schon: die Zerschlagung der alten Viertel durch die gigantischen Boulevards der Spekulanten des 2. Kaiserreichs, Kriege, Besatzung, Deportationen, Anschläge. Auch unsere Passage d´Ancre. Deportiert die Bewohner 1943.  Man erinnert sich der Wunden. Aber man pflegt sie nicht. In Paris. Man lebt. Gut. (So gut es geht.) Und ohne das protestantische schlechte Gewissen. Vielleicht einer der Gründe, warum ich immer glücklich gewesen bin in Paris.

Places des Vosges, Dezember 2016

Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal - ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. ... Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin - anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz - erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet. 


Elegante Frauen unter originellen Mützen durchforsten die Designerläden. Superschlanke junge Herren frieren in halblangen dünnen Mänteln in den Schlangen vor den Museen. Das Gewühl in den Galeries Lafayette wirkt beängstigend, aber die gigantische Dekoration beruhigt: alles wie immer. Hier, im Konsumtempel, fehlen sie allerdings nicht, die Kopftuchträgerinnen in ihrer ostentativen Religiosität mitsamt ihren männlichen Begleitern, anders als vor und in den historischen Museen und kunstgeschichtlichen  Ausstellungen, die stattdessen geduldige Asiatinnen und Asiaten zuhauf anziehen. Auch solche An- und Abwesenheiten an symbolischen Orten setzen Zeichen, werden (vorläufig, vorsichtig) gedeutet von der Besucherin. Es zeigen sich in solchen Beobachtungen gruppenbezogene Interessen und Desinteressen. Selbstverständlich kann man das nicht verallgemeinern. (Denn: Auch Fakten wirken stets diskriminierend. Was jede/r Soziolog_in im ersten Semester lernt. Oh dear. "Facts are such horrid things", wie Lady Susan, Jane Austens geniale post-faktische Überlebenskünstlerin, schon weiß. ...Ich habe Whit Stilmanns "Love and Friendship" noch nicht sehen können, werde das aber nachholen...

Der Besuch im Musée d´Orsay war am Sonntag, dem ersten Tag des neuen Jahres, kostenfrei. (Just in case: Falls eine die soziale Karte zu spielen gedenkt, um kulturelles Kapital zu verleugnen - und zu vergeuden. Diesem Judas wird der Kuss verweigert: Denn es geht ja gerade auch um den Wert (oder die Un/mwertung) kultureller Kapitalvermögen. Und ich gedenke das meinige zu verteidigen: Ein Hoch auf die Verherrlichung des Konsums, den Warenfetischmus samt der ihm gewidmeten marxistischen und postmarxistischen Kritik, auf die Individualisierung des Geschmacks, die guten Weine und regionalen Schweinswürste, sogar auf den auvergnischen Kartoffelbrei mit Käse, der im Magen ungut rumpelt, auf den überteuerten Champagner, die Nackten Manets und die Seerosen Monets, auf die Porträts der Berthe Morisot und die Selbstporträts Claude Cahuns im Spiegel, auf die bösen Witze Oscar Wildes und die wilden und unanständigen Feste des 2. Kaiserreichs (dem eine sehenswerte Ausstellung im Musée d´Orsay gewidmet ist), auf "Soulévements" allerorten und allerzeiten (eine fantastische Ausstellung im Jeu de Paume über kollektive Aufstände, Ausstände, Bewegungen und Emotionen, interdisziplinär, wobei mich vor allem die Fotografien beeindruckten), ein Hoch auf die Neugier,  auf die Lust, auf Tradition, die sich nicht für Gott gewollt hält, und vor allem auf den Zweifel. Vive!


***


Jede Reise begleiten Lektüren. Ich bin noch immer bei den "Rougon-Macquarts" des Emile Zola, die ich schon im Sommer begonnen hatte. Ich quälte mich durch die religiösen Erweckungen und Verstrickungen des Abbé Mourets. Das dauerte. Ich lernte, wie auch aus der Lektüre der Luther-Biographie im Herbst,: den religiösen Fanatismus noch mehr zu fürchten und zu verachten (Das muss sich nicht ausschließen.) Der Spekulant Rougon und der Präsident Rougon, Finanzier und Politiker, dagegen faszinieren mich: ein Panorama, ein Panoptikum von  Figuren und Konstellationen, wie sie aktueller mir nicht erscheinen könnten: die Machinationen des Politischen und der Finanzjongleure, die selbstverschuldete (?) Abhängigkeit der "Massen" von deren Machenschaften, Renditen und Risiken, die Schau der Schausteller und die Verachtung des Realen, der Umschlag: wie die Schau real wird und die Realität zur Darstellung drängt - all das kann Zola zur Anschauung bringen, nicht perfekt, denn er folgt einem "Programm", einer "Theorie", die ihn daran hindert, was er beschreibt, nicht nur zu analysieren, sondern auch zu erfahren. Es hilft (wie meistens): Humor. Der allerdings geht ihm - wie mir - ab, wenn es um den religiösen Fanatismus geht. 


In ehrendem Andenken an  

Stéphane Charbonnier,
Jean Cabut,
Bernard  Verlhac,
Philippe Honoré, 
Georges Wolinksi,
Bernard Maris, 
Mustapha Ourrad, 
Michel Renaud,
Elsa Cayat,
Franck Brinsolaro und
Ahmed Mehrabet,

die am 7. Januar 2015 von islamistischen Terroristen in Paris ermordet wurden;



Clarissa Jean-Philippe,

die einen Tag später von einem Komplizen der Attentäter getötet wurde



und 

Yohan Cohan
Yoav Hattab
Philippe Graham und
Francois-Michel Saada,

die derselbe Mann am 9. Januar in einem jüdischen Supermarkt ermordete.




Dienstag, 6. Dezember 2016

BERGENDE BOTSCHAFT (Nikolaus-Tagebuch 2016)

Waren es Fittiche einst
eines Adlers, unter denen
mich zu bergen mir ziemte?

Das ist doch nur leeres Gewäsch. Nachahmung des fliegenden Türmers auf niedrigem Niveau. Wie wenn eine die Arme ausbreitete, winzige Momente lang, Flügel wüchsen und dann würde gefedert. Denn so geht es doch immer aus: Etwas sinkt zu Boden. Die Gravitation, unser Beharrungsvermögen, die Sehnsucht nach dem Bestand. Wir wollen Erben hinterlassen, sagte ich. Nur den Trägen mag es genügen Testamentsvollstrecker zu sein. Wir anderen wollen sorgen und versorgen weit über unsere Zeit hinaus, den Horizont strecken, der sich vor uns dehnt und uns so sauber verzwergen. Es steckt in unserem Bemühen ein verzweifelter Kampf gegen die Sterblichkeit. Ich gebe dir jederzeit zu, wie lange ich das geleugnet habe. Denn ich bin eine Gebärerin (wider Willen).

Wie wenn sich die Felder weiter erstreckten, über jede annoncierte Feldrandlage hinaus. Immer sind die Nachbarn hier draußen im Einöd in Wahrheit jedoch gesellig und hören grausige Musik. Es wandert kein Lied um den Mond und fliegt kein Ton zitternd nach Haus. Heimat ist, was verloren ist oder nicht (ist). (Wie Eifersucht zu Liebe.) Feindrandlage. Wo ich mich immer finde. 

Außerdem halte ich fest: An diesem Nikolaustag einen flüchtigen Moment deine Hand berührt zu haben. Ein Lächeln bis zu meinen Augen gezaubert, nicht bloß die Mundwinkel nach oben gezogen. Die Verkrampfung meiner Hände, die nach innen gestellten großen Zehen, die Traurigkeit, die mich grundlos überrollte, als du den Flur hinunter gingst, ohne dich umzudrehen, all das, so hoffe ich, blieb unbemerkt.

Es wird weiter regiert, wie gehabt. Kim-Faktor nicht ganz erreicht. Die Zufriedenheit derer, die ihre Feindbilder klar sortiert haben. Ich entfreunde mit Absicht den einen nicht, der Die Achse des Guten mit Likes verziert. Ich muss das lesen. Wie die Tiraden jener, die für Hamas Spenden sammeln. Die abscheuliche Sippensolidarität der von Erdogan enttäuschten Kopftuchträgerinnen. Den Aktivismus der popular-vote-getriebenen verzweifelten Clintoniaer. Wie von einem anderen Stern. Es steigt kein Fest, kein Himmel bricht. In Italien gibt es auch Weihnachtsmärkte, Demokraten, die Renzi verlassen und Hasardeure, die Weine testen. Alles wird gut, glaube ich, denn falls ich mich irre, werde ich das noch früh genug erfahren.

Es soll leicht sein, in einer Gruppe die Psychopathen zu identifizieren. Schizophrene erleben ihre manischen Phasen als unbeschreibliches Glück. Dann explodieren die Sterne. Ich könnte in die dunkle Rhön hinausfahren, in die wellige Wetterau auch und Sternschnuppen jagen. Ich wüsste schon, was ich mir wünschen würde XXX.

Luvm

Keine Rätsel. Nur Antworten. 

Ich habe die Frage vergessen. Mit Absicht.

Denn:

Donnerstag, 10. November 2016

IN DIESEN TAGEN ("Die Geschmacksfrage ist politisch.") Ein Traumbild

Ach du. Wir sollten um die Häuser ziehen. Gerade jetzt. Menschen, die sich lieben, sitzen auf Barhockern und schieben sich Shots zu. Berühren sich nie. Du.



Ich stelle mir das so vor: Wir spielen Pingpong mit Worten, wie wir es tausendmal getan haben. Stichworte genügen uns. Denn wir sind eingespielt. Ein Team, wie man so sagt. Ein verdammt eingespieltes Team. Wir müssen keine langen Argumentationsketten bauen. Manchmal, oft, genügt das Hochziehen der Augenbrauen. Wir sind so verdammt fit. Kein metaphorischer Pingpong-Ball fällt uns jäh zu Boden. (Ich habe dir schon ewig nicht mehr in die Augen gesehen. Ich fürchte mich. Wir könnten beide sehr traurig werden.)

Die Angst, sagt das Establishment, ist ein schlechter Ratgeber. Mir hat sie immer gute Dienste getan. Weil ich so feige bin, passieren mir die schrecklichen Dinge nie. Kein Irrer will mir im Zugabteil seine Schlümpfe zeigen und keine öffnet für mich ihre bodenlose Handtasche. Keine/r küsst mich in Grund und Boden. Habe ich mir geschworen. (Du siehst so unglücklich aus, dass ich am liebsten alle Schwüre brechen würde. Aber das tue ich nicht.)

Als ich noch träumen konnte, in eine Schachtel zu passen, fühlte ich mich freier. Inzwischen bin ich groß geworden und an den Rändern ausgefranst. Ich hoffe weniger und schlafe fester (gelegentlich). Ich lasse mich seltener anfassen, im buchstäblichen und metaphorischen Sinne. (Deiner Troye bin ich gewiss.)

Jetzt ist Goldfinger ein teuflischer Frisör mit fliegendem Salon. Er strebt immer noch die Weltherrschaft an und steht auf platinblond bis margarinefarben. Seine bösartige Armee ist hell und ihre Anführer toupieren sich die Haare. "An meinem Haarspray sollt ihr mich erkennen." Es funktioniert. Nicht. Etwas steht stets ab. Windschnittige Struwwelköpfe allesamt. Aber vielleicht ist auch genau das die Absicht. Dieser weiße Mann ist eh an allem schuld und kann uns leid tun. ("Mir nicht.") 

Der Zusammenhang zwischen Interieur, Design und Diktatur ist unverkennbar. Goldene Türgriffe. Spiegelsäle, Brokat. Die Geschmacksfrage ist politisch. Das will bloß keine wahrhaben. Wir sind ja liberal. ("In dieser Hinsicht nicht.") Ein Verbot goldener Wasserhähne und Pussy-Schleifen könnte mehr Gutes bewirken als alles P.C.-Vokabular zusammen. ("Please. Please." Ich höre deine Verzweiflung. Ich mache dumme Witze doch auch auf meine Kosten. "Please.")

Wir könnten ja auch einmal zusammen weinen. Was hältst du davon? Oder uns unter die Tische trinken. (Ich glaube nicht, dass wir das schaffen.) Der Heil-Mann, den ich meinte, hat seine Zauberkräfte eingebüßt. Er weiß es besser. Und das artet in Besserwisserei aus. Doch schenkte er mir (und ich ihm?) herrliche Sätze, die ich in deinen Schoß legen will, am Tage unserer Niederlage: "Drohend braute sich das Schweigen der Erinnerungen zusammen." und "Die Phantasie lebt, solange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt."  und "Glaube mir, dass ich dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück." Zwischen Drohungen, Träumen und Illusionen habe ich geglaubt, dich zu lieben. Glaub ich es mir noch. 

Ach du. Halte. Ich bin dir troy. In diesen Tagen. Auch. 

Montag, 24. Oktober 2016

MEINE KONSOLE GEWINNT IMMER (denn: "Gott weiß es auch nicht.") (Ein Traumbild)

"Du wärst ein Hacker, mit einem IQ von 140." "Und du wärst eine Milliarden-Erbin." "Von einem Chemie-Konzern." Er lachte. "Du wärest aber schon längst ausgestiegen und hättest mit den Pflanzenvernichtungsmitteln nichts mehr zu tun." "Nur noch mit den chemischen Massenvernichtungswaffen, oder wie?" Ich stöhnte. "Wie immer hast du den besseren Part." "Ach nee, ich wäre doch vollkommen abhängig von deinem Geld, um..."

Es kostete uns eine Milliarde. Locker los gemacht. Eine einsame Farm in West Virginia (Mountain Mamma) ("Mit einem unterirdischen, weitverzweigten Bunkersystem". "Hoch- effektive Server." "Spiegelung auf Hawai." "Und Island") als Hauptquartier. Neben dran eine weiße Holzkirche. Wie man sie kennt. Aus Filmen über kleine Farmen, bewaffnete Familienoberhäupter und hochmoralische Lehrerinnen mit Dutt. Ein Jahr dauerte die Vorbereitung. Wie im Film verwenden wir hierfür Zeitraffer. So genau müssen wir das im Traum nicht wissen, wie das im Einzelnen funktioniert. In grauen Büros arbeiten unentwegt schlanke, androgyne, junge Männer und Frauen in Slim Jeans und T-Shirts mit sonderbaren Aufdrucken vor hochauflösenden Bildschirmen. Webseiten, Konten, Server werden identifiziert und infiltriert. Ha, wie das rauscht.

Wir sind ok. Die Ok-Guys. Demokratisch, Praktisch. Gut. Wir variieren vielfältige Identitäten, probieren sexuelle Praktiken und Orientierungen aus und achten auf Diversität. In unserem Bunker geht es bunt und nett zu, deshalb tragen auch alle gedeckte Farben, ohne Unterschied. Religion, ethnische Herkunft und Einkommensklasse der Eltern dürfen bei uns nicht die Entwicklungschancen beeinflussen. Alle sind Mittelschicht, aber hochintelligent, stellt sich hinterher raus. Wir müssen halt doch Anforderungen ans Profil stellen: Programmierkenntnisse, postmoderne und dekonstruktivistische Analysekompetenz, Teamfähigkeit in multikulturellen Arrangements, Hass-Resistenz (vulgo: Selbstbeherrschung). Na dann. Das kann nicht jede/r. (Hamas-Anhänger müssen leider draußen bleiben. Vor der Tür. Evangelikale auch. Und Profi-"Betroffene". Weiße Männer ohne Abitur.) Ein Tor drum, dem´s seltsam vorkommt, wie wir unter uns bleiben. (Du fühlst dich jetzt nicht mitgemeint in diesem "Wir", ich weiß. Und zu Recht. Denn du bist nicht freundlich genug, magst kein Fladenbrot zum Käse und schüttest übermäßig viel Rotwein in dich hinein, wenn Krisen zu meistern sind. Also dauernd. Und hörst zu laut Heavy Metal.) (Ich höre dich lachen. Nicht lustig.)

Der Tag kommt. X-Day. Der Tag, der alles ändert. Wie wir hoffen. Woran wir glauben. (Jeder Glaube ist ein Affront gegen die Realität. Aber die Realität ist ja auch wirklich das Letzte. "In your face.") Wir zwei stehen am Shenandoah River. Ich will Romantik. Jetzt. Bevor es los geht. Sehen wir uns ganz tief in die Augen. Home, sweet home. Wo immer du bist. Es wird noch alles gut. (Noch besser. Die Wirklichkeit kann ja nichts dafür.) Ha, jetzt. Ein Gewaltakt. Denn alle, alle, alle wollen Frieden. Auch der Opa mit dem Urinbehälter am Rollator, der sich von keinem "Neger" den Arsch wischen  lassen will, aber seinem Enkel immerzu zuflüstert: "Nie wieder Krieg. Ich lag vor Stalingrad." Madonna. Denn: Wir wollen Weltfrieden, ewige Gesundheit für unsere Liebsten und lebenslang freie Burger im nächstgelegenen Burger Joint. Außerdem: einen Audi A 8. Und noch mehr Weltfrieden, Toleranz, Liebe, Gewerbefreiheit. Spiel und Spaß. Eine Tarnkappe. Und Dich. Noch mehr Liebe. Sex für alle. Rechte. Ohne Pflichten. Drück den Knopf. JETZT.

Mein Traum: Überall, auf allen Webseiten, wo wahre Religion, reine Seele, guter Wille, feine Gebote und Verbote gepredigt worden sind (+Twitter-Accounts frommer Segensprüchemacher aller drei monotheistischen Weltreligionen) erscheint am bewussten Tage um 8:30 mitteleuropäischer Zeit eine Leuchtschrift (Alles andere ist restlos gelöscht. WIR sind nicht tolerant, erst recht nicht akzeptierend. WIR sind vernichtend. Und das ist gut so.):

GOTT WEISS ES AUCH NICHT.

Auch auf Arabisch. Portugiesisch. Aserbaidschanisch. Georgisch. Spanisch. Katalanisch. Türkisch. etc.ppp. WIR sind Weltbürger. Denn: Wohin ich in Wahrheit gehöre. Läuft durch die Schrift. Für immer und ewig. Sonst nichts. 


"Du bist so verdammt kindisch." "Und dann der Hass." "Stell dir mal den Hass vor."  "Mein Traum ist auch eine Wirklichkeit." "Deine Träume spenden dir Trost." "Auf allen Wegen. Begegnen mir Angehörige. Hihi. " Younger than the Mountains. "Du solltest dich was schämen. So albern ist das." "Eine Milliarde Dollar." "Wär dir das wert, solange du die nicht hast." Take me home to the place where I belong. "Wir gehören nirgendwo hin." Wir? "Ich bin überall zuhause, wo du bist." (Dein Lachen klingt jetzt zynisch. Menno.)

Dienstag, 18. Oktober 2016

FRAUEN SEHEN. Annie Leibovitz´ "Women. New Portraits." in Frankfurt am Main



Frauen sind doch überall sichtbar. Als Ikonen der Weiblichkeit: Heilige Mutter <->Sexy Verführerin. Diese schlichte Gegensetzung dominiert die klassische und religiöse bildende Kunst gerade so sehr wie die Werbung. Was repräsentiert wird in der patriarchalischen Kultur sind eben nicht Frauen (in ihrer historischen, politischen und gesellschaftlichen Vielfalt), sondern die Frau. Innerhalb der Grenzen dieser Kultur werden Frauen fast ausschließlich in ihrer Beziehung zu einem Mann gedacht und gezeigt: als Mütter, Töchter, Geliebte, Schwestern. (Diese Sichtweise ist keineswegs überholt, wie nicht erst der gegenwärtige US-amerikanische Wahlkampf zeigt, in dem noch die schärfsten männlichen Gegner des Frauenverächters Trump ihre Ablehnung für dessen schmuddelige Sicht auf Frauen damit begründen, dass sie Töchter haben.) Frauen können innerhalb dieser Kultur kaum als Personen sichtbar werden, die sich nicht über ihre Beziehung zu einem Mann/Männern konstituieren. Sichtbar und kenntlich wird die Frau als jenes Andere des Mannes, dass –wie Teresa de Laurentis 1984 schrieb – „gleichsam zum Objekt und Zeichen seiner Kultur und seiner Kreativität“ wird und also niemals sich selbst repräsentieren kann. Bildende Künstlerinnen kämpfen seit je mit dieser „Kunst-Geschichte“, die jeden Blick auf ihren Körper und ihr Frau-Sein in den Kontext dieser Strukturen stellt.

Annie Leibovitz, die zu den bekanntesten und – auch finanziell - erfolgreichsten Fotografinnen der Welt gehört, zeigt bis zum 6. November 2016 in Frankfurt am Main die von der Schweizer Großbank UBS gesponserte Wanderausstellung „Women: New Portraits“. Es handelt sich um die Fortsetzung des 1999 noch mit der inzwischen verstorbenen Lebenspartnerin Susan Sontag begonnenen Projektes „Women“, eines Bildbandes, der fotografische Portraits von – aus der Perspektive Leibovitz – bedeutenden Frauen zeigt. 17 Jahre später stellt Leibovitz neue Porträts von Frauen vor, da, wie sie in einem Interview sagte, „The work was never done.“ Frankfurt ist Station einer 10-Städte-Tour, auf der Leibovitz ihre historische Arbeit fortsetzt, Frauen-Porträts statt ikonische Bildnisse der Frau zu schaffen.

Zu sehen sind in Frankfurt die neuen Porträts schlicht auf eine Stellwand hinter Glas gepinnt, ungerahmt, pur. Sie zeigen u.a. die Schriftstellerin Lena Dunham, die Wettkampfschwimmerin Katie Ledecky, die Primatologin Jane Goodall, die Sängerin Adele, Serena und Venus Williams oder Caitlyn Jenner. Der „Leibovitz-Touch“ zeigt sich in der häufig perfekt durchgestylten Inszenierung (aufwendige Interieurs und Arrangements), in der Bezugnahme auf ikonographische Bildfindungen (Madonna mit Kind) und in der satten, weichen Lichtgestaltung. Auf zwei Video-Leinwänden werden die neuen Porträts mit welchen aus der älteren Serie konfrontiert. Im Hintergrund auf einer weiteren Leinwand stets im Blick: das monumentale Porträt der britischen Königin Elisabeth II. in vollem Prunkornat.

Leibovitz präsentiert Frauen, die nicht mehr die Leerstelle einer männlichen Repräsentationskultur, nicht mehr die Frau, über deren Darstellung sich ein männliches Begehren formuliert, abbilden, sondern Frauen, die sich selbst darstellen und inszenieren bzw. von Leibovitz, einer Frau, inszeniert werden. So ist auch auffällig, dass in Leibovitz Porträts immer wieder Frauen sich aufeinander beziehen, miteinander agieren, sich gegenseitig in ihrer (Selbst-) Repräsentation begehren und bestätigen. Es gibt in diesem Repräsentationskosmos auch Männer bzw. Jungen, aber sie sind überwiegend Dekoration, nicht Bezugsgröße.

Allerdings: Annie Leibovitz Porträtfotografien halten sich an eine Ästhetik, wie wir sie aus der Hochglanz-Werbung teurer Magazine, in denen teure Produkte für Menschen, die ein hohes Einkommen haben, angeboten werden, kennen. Es ist eine Sicht auf Frauen und eine Repräsentation von Frauen, die sich im Einverständnis befindet mit dem kapitalistischen Leistungs- und Erfolgsdenken. Die Öffentlichkeit, auf die sich Annie Leibovitz mit ihren Fotografien bezieht, ist eben längst keine post-patriarchale. Es ist vielmehr jene, in denen die Erfolgskriterien einer patriarchalischen Kultur von Frauen übernommen und umgesetzt werden. Frauen können vieles sein und repräsentieren. Mehr noch und anderes auch, als das was Annie Leibovitz interessiert und zeigt.
Trotzdem: Sehenswert!

Annie Leibovitz
WOMEN. NEW PORTRAITS
Kunstverein Familie Montez
Honsellstr. 7
60314 Frankfurt am Main
14. Oktober - 6. November
Eintritt frei


Cross-Post: bzw-weiterdenken.de

Montag, 10. Oktober 2016

Einladung: WEIBLICHE AUTORITÄT IN DER WELT STÄRKEN

JUBILÄUMSTAGUNG DES INTERNETFORUMS bzw-weiterdenken in Frankfurt am 21. Januar 2017


Zum 10jährigen Jubiläum des Internetforums bzw-weiterdenken.de lädt die Redaktion alle Leserinnen am 21. Januar 2017 zu einer Tagung nach Frankfurt ein.


Die Redakteurinnen wollen mit den Tagungsteilnehmerinnen darüber nachdenken, was gemeinsam zu  tun ist, um weibliche Autorität in der Welt zu stärken, wie es kommt, dass die Autorität von Frauen aufgrund ihres Geschlechts immer wieder untergraben wird, wie auch Frauen an diesen Prozessen mitwirken und wie man ihnen entgegentreten kann. Denn: Wenn weibliche Autorität in der Welt geschwächt wird, geht as alle an.
Welcher Frau eine Autorität zuspricht, ist eine persönliche und politische Entscheidung. Die Teilnehmerinnen werden sich gegenseitig davon erzählen, welchen Frauen sie Autorität verliehen haben und wie diese Beziehungen ihr Leben und Denken bereichert und verändert haben. Deshalb bittet die Redaktion die Teilnehmerinnen der Tagung, ein Bild (Din A4) einer Frau mitzubringen, deren Wirken ihnen mehr weibliche Freiheit ermöglicht hat. Aus den Bildern soll eine große Collage entstehen. Es können Frauen sein, mit denen die Teilnehmerinnen persönlich im fruchtbaren Gespräch gewesen sind, aber auch Vorgängerinnen, deren Schriften, Bilder, Musiken zu ihnen gesprochen haben.
Anmeldung ab sofort über EVA-Frauenzentrum Frankfurt
per Telefon 069-920708-0 
oder 
per Mail eva-frauenzentrum@frankfurt-evangelisch.de


„Weibliche Autorität in der Welt stärken“
Tagung der bzw-weiterdenken.de-Redaktion 
Samstag, 21. Januar 2017
Ankommen: 9.30 Uhr
Begrüßung: 10:00 Uhr
Ende: ca. 17:30 Uhr
EVA, Saalgasse 15, 60311 Frankfurt
Tagungsbeitrag € 15/25/35 inkl. Mittagessen (Selbsteinschätzung)


Verwandte Beiträge
Autorität ohne Macht

Dienstag, 4. Oktober 2016

WORT-SCHATZ (20): DUMMHEIT

mir wird von alledem so dumm
als ginge mir ein Mühlrad im kopf herum

Göthe 


BenHuRum aka Thomas Hartmann

Wieviel Dummheit ist unentbehrlich?

Wir müssten mal über Dummheit reden.
Allerdings, scheint es, kann man über Dummheit nur im Konjunktiv reden.
Zu dumm.

"Die ausgeübte Dummheit ist in sich inkonsequent.", sagte BenHuRum schon vor 20 Jahren. Was nicht bewiesen werden braucht. Denn auch der Dumme mag kein Plumpsklo und lieber Zentralheizung. 
Wird man dumm geboren, heutzutage (hehe, 50 Cent ins Töpfchen für den guten Zweck, für jedes "heutzutage"), oder muss man sich arg anstrengen, es zu bleiben? 

Als den Dummen nur die halbe Welt gehörte, gab es noch Hoffnung.
Die Dummen stellen jene diskriminierte und diskriminierende Mehrheit, in der sich jede/r am längsten darüber bescheißen kann, ob sie/er dazu gehört. 
Die Dummen sind nämlich immer die Anderen.
"Das sehe ich genauso." 
Und: Schon Robert Musil wusste, dass es das Dummheitsparadox ist: Man kann nicht über Dummheit sprechen, ohne es zu werden - dumm.

Gegenwärtig wird aus diesem Paradox ein politisches Desaster. Das Dumme wabert. Selbstbewusst-bewusstlos nebelt es alles ein. Vielen scheint viel Dummheit attraktiv. Wer perdu und mit Fleiß dumm bleiben will, leistet sich einen Haufen (Scheiß- Assoziationen!) Meinungen. Und ist mit ihnen verdammt glücklich. Außer wenn´s stinkt. Und es stinkt meistens. Weswegen Dumme nicht nur dumm, sondern oft auch sehr wütend sind. "Die Dummheit ist ein Sachverhalt, welcher noch im Normbereich geistiger Fähigkeiten liegt." Und also keineswegs pathologisch. 
Das, wiederum, ist ein Fakt, der auch die weniger Dummen, zornig machen kann.

Folglich: Ist Dummheit selbstverschuldet? 
Der Dumme trägt seine Dummheit mal als Monstranz und mal als Wunde vor (sich her). "Dumm fickt gut." 
Denken hemmt. Verdummte aller Länder!  (vereinigen sich)

Der Vorwurf der Dummheit ist milder, heißt es, als der der Albernheit. Stimmt das? Wer albern ist, hat Spaß. An der Dummheit kann einer das Lachen vergehen. 

Die Optimisten glauben: Sie sind nicht so dumm, wie sie aussehen.

Wir müssten über Dummheit reden, um die Welt zu retten.

Wovon man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. 
Dumm. 
Drum.

Dienstag, 27. September 2016

PINKFARBENE BEHAUPTUNGEN. POSTFAKTISCH. ("Von Kondomen lernen.") Ein Traumbild

"Keine Hülfe für Vera." Mir träumte, du stiegest die Leiter eines Doppeldeckerbettes hinunter. Oder hinauf? Mir träumte, da hinge eine rote Schnur. So ließe sich der Zug anhalten. Du zogst nicht. 

Mein Name ist...nicht Vera. Mit der Wahrheit nehme ichs nicht so genau. Trotzdem habe ich keine Meinung, die ich respektiere. (Man nennt diesen Einsatz von Konjunktionen kontralogisch, weißt du.) Postfaktische Traumata. Therapie ist unmöglich. Es gibt nichts Vergnüglicheres, als einen Sack pinkfarbener Behauptungen aufzuhängen und in der Sonne trocknen zu lassen. Was ist der Unterschied zwischen einer Lüge und deiner überbordenden Phantasie? Der Sack sieht Scheiße aus. Wer erfindet, muss gewissen ästhetischen Maßstäben gehorchen. (Hier nicht.)

"Ich geh aggro.", sagt sie (ich). In Wirklichkeit (immer gelogen!) hält sie die Klappe. Oder quatscht alle zu und tot. Bloß nichts aufkommen lassen. Die innere Arroganzpuppe tobt: Dummies. Dummies. Dummies. Autounfallsimulation. Crash. Bong. Spritz. Nutzlose Gehirne auf grauem Asphalt. Auch nicht schöner als Kotze. Leider wird der letzte Teil, wenn alles quetscht, platzt und blutet selten realitätsnah nachgebildet. Belegen wir einen Schminkkurs für Splatterfilmmaskenbildnerinnen? (Die Frage war ernst gemeint.)

Warum so zynisch, Madam? Ich bin grad nicht so verliebt. Mancher Mund ist einfach zu klein, um zum Küssen zu verführen. Boyscouts wirken nicht anziehend, wenn sie ihre Zelte aufschlagen und ihre Kompasse vergleichen. Ohne Eros geht bei mir eben kaum was. Sex wird dagegen maßlos überschätzt. "Virginia. Virginia."

"Keine Hülfe für Vera." Denn es geht nur noch um Gefühle. Beziehungsweise um gefühlsechte Simulationen. Von Kondomen lernen. (Ich wünschte, du nähmest mich einmal ganz fest in die Arme und ersticktest mein Gejammere an deiner Schulter.) Zieh an der Schnur. Gleise.