Montag, 20. Oktober 2014

KEINE ZWERGE. Ohne Gott geht's besser?

Es ist nicht einmal mehr ein Vorwurf, wenn ich mich abwende, angewidert mehr noch als schon die letzten und vorletzten Male von jeder neuerlichen im Spannungsfeld zwischen  Pathos, Selbstreflexion und poetischer Ungerechtigkeit vorgetragenen ewigen Wiederholung immer gleicher leidenschaftlicher Romantizismen, eingekleidet in ästhetizistische Selbstironie und unstille Selbstbeweihräucherung. Triste Hotelzimmer werden zu Bühnen hochfliegender Projektionen: Immer wieder soll eine glauben, dass wie du alle liebst, so nur sie. Du wiederholst es unter Tränen. Und wiederum. All die anderen. "Der Mann, der die Frauen liebte." Truffaut war ja letztlich auch ein Arsch, oder? Nicht. Selbst ihm hätte eine gelegentlich mal sagen müssen: "Werd´ endlich erwachsen." (Shitstorm vorprogrammiert!) Ach was, all die schönen Stunden: Ich danke ihm für Fanny Ardant. (Denn ich bin keine Frau, die Frauen liebt. Oder Männer. Nur sie. Nur sie.) Und es hat Boing! gemacht. Man kann das auch genauso trivial sagen, wie es ist. Dafür liebe ich die Unterhaltungsliteratur

Die Hormone spielen nicht verrückt. Nur wir: Das neue Leitbild sind Frauen, die frühestens mit 50 Mutter werden. Oder sich zu passenden Zeitpunkt Leihmütter nehmen, die ihre eingefrorenen Eier austragen, befruchtet mit den Samen von Nobelpreisträgern. Im Namen der Gerechtigkeit: Für Männer tickt die Eieruhr schon lange langsamer. (Das ist eine so bös schiefe Metapher, dass ich sie stehen lasse.) Die kinderlosen Künstlerseelen (Alliteration!) dagegen quatschen weiterhin ungeniert rum und pflegen ihre Eltern (Vater-Sohn-Konflikte!) zu Tode. Letzteres indes eher nicht. Denn meistens wohnen sie halt doch in Berlin leicht unter- oder oberhalb der Armutsschwelle und überlassen die Demenzen in der Provinz der halbgebildeten Schwester im Reihenhäuschen. Am besten ist sie noch Lehrerin und arbeitet Teilzeit, um ihre unerträgliche Brut zum Fußballtraining zu fahren. 

Die Schönheit des Alters ist heute auch nicht mehr, was sie mir noch gestern im vollen Sonnenschein war. Der Nebel wird sich lichten, etwas Schokolade und eine gute Verdauung: Schon geht´s wieder. Liebe tut auch gar nicht so weh, wie immer behauptet wird. Man muss nur aufhören, zuviel zu analysieren und zu projizieren und weniger mit Freud winken. (Der Mastermind teilt mit: "Die Psychoanalyse ist höchstens noch historisch von Interesse. Als Wissenschaft gilt das schon lange nicht mehr." --- Es gibt auch gute Nachrichten, immer wieder. --- .) 

Die Luft zum Atmen fehlt mir weniger, seit ich den Abstand präziser einhalte. Unter sieben Jahren, siebenhundert Kilometern bzw. siebzehn Kilo tu ich´s nicht mehr. Die sieben war immer schon meine Lieblingszahl, obwohl ich für Zwerge erotisch nichts übrig hab. (Ich nehme an, dass das diskriminierend ist, gönne es mir aber heute. - Nicht, dass es so ist, denn es ist immer so, sondern dass ich es ausspreche.)

Das Gott-Konzept geht mir zwischenzeitlich noch stärker als je auf die Nerven. Es steht halt so wenig sympathisches über das Wesen in den "Heiligen Schriften": ein aufgeblasener, rachsüchtiger und eifersüchtiger Typ mit Aufmerksamkeitsdefizit, der zu Gewaltausbrüchen und paranoiden Schüben neigt, Brüdermörder, Totschläger, Vergewaltiger, Kinderschänder privilegiert und Pazifizisten grausam foltert. Außerdem soll er zwar noch barmherzig sein. Das kommt aber meist nicht so klar rüber. Ich wäre bereit, erhebliche Sümmchen zu spenden, um unbewohnte Inseln zu kaufen für die verschiedenen Anhängergruppen des Allmächtigen, auf denen sie seinem angenommenen Willen nach ihr Leben gestalten können, wie´s ihnen passt. Vielleicht funktioniert es aber eher umgekehrt: eine Insel für die Gottlosen? Wussten Sie übrigens, dass Nietzsche ein überzeugter Verteidiger der Burka war? 

Als Kind habe ich mich fürchterlich vor dem hohen Wesen geängstigt und geekelt: Abraham soll seinen Sohn schlachten, überall Blut, das kannibalistische Abendmahl. Zwischenzeitlich hatte ich mich emanzipiert vom Grauen und verschiedene komplexe Deutungsangebote studiert, analysiert, kritisiert. Eine ausgeklügelte Kunst, die Theologie, wie alle Text-Wissenschaften, die aber - siehe oben - eben keine Wissenschaften sind :-) ! Jetzt, kurz vorm Klimakterium, beginne ich wieder meinen frühen Instinkten zu trauen. Vielleicht brauche ich später mal das Konzept erneut. Kann eine nicht ausschließen. Das is ja das Gute (und Schreckliche) dran: Du kannst immer drauf zurückkommen und es  neu befüllen. Alles ist möglich. 

So long! 

(Denken Sie bitte daran, dass ich und Ich literarische Funktionen sind.)

Samstag, 11. Oktober 2014

Silberne Plattitüden: SO LONG

Ich weiß schon, dass ich silbern werde und schön. Das ist nur eine Frage der Zeit, die gut vergeht. (Denn: Es kann die Zeit nicht schlecht vergehen. Das bringt sie einfach nicht fertig.) 

Totalitarismen werden überall wiedermal postuliert und kritisiert; gegen die Wirklichkeit verlieren sie dagegen immer. Immer. Immer. 

Die Traurigkeit als Ausfluss einer Krankheit, die sich selbst heroisiert: Melancholie. Ein Suhlen in der Selbstbezüglichkeit mit mittelhohem Prestigegewinn. Allerdings nur unter Belesenen. Alle anderen sagen: Reiß dich zusammen! Oder: Schon dich. Je nach Perspektive auf die Trauernde. 

Ich lese unterhaltsame Literatur ohne Bedauern. Gut konstruierte Plots und nachvollziehbare Motivationen. Kaum Metaphern. Nur in meinem Kopf entwickelt sich das Romanprojekt weiter. Dieses auch. (Nieder-)Schreiben dagegen erscheint überflüssig. Solche Tage gibt es. Auch Wochen. Dann wieder: Bilder ohne Rahmen, die über untiefen Seen schweben, leicht, flüchtig, bevor sie sich auf Schaumkronen setzen, die der unartige Wind hochspült, und viel zu langsam untergehen. Das Papier saugt sich mit Nässe voll und gleitet auf den unsichtbaren Grund. Am Ufer stehen Häuser ohne Halt. Wortfetzen ohne Bezug. Alles sinkt. Nur gelegentlich fahren Züge pünktlich. Ich steige nicht ein: Wunderbare Preisträgerinnen gegen 10er-Listen kluger Männer (frauen-L(l)os). Sonderbare Welten, alle blau-grün.

An einem Rechtschreibwettbewerb werde ich nicht teilnehmen. Der Duden fühlt sich als Publikumsverlag, wird behauptet. Niemand hat mich zur Messe gebeten. Auch habe ich das Beten aufgegeben, Gewaltphantasien allerdings längst nicht abgeschworen. Die werde ich beherrschen. C.s Augen wirken seltsam verschleiert, wenn er mich grüßt. Aber es kann sein, dass ich mir das nur einbilde. 

Selbst echte Gefühle müssen wie selbstverständlich dargestellt werden. Das nennt sich Performanz. Man kann über alles noch bessern schwadronieren, wenn man ein bisschen Lacan gelesen hat. Das Erklärbare lässt sich jedoch nicht besser leben. Es lohnt sich bisweilen sehr, über vieles sehr intim zu schweigen. Auch der Verzicht auf philosophische Begriffe, schillernde Übersetzungen und "man möge", zahlt sich im Alltag aus. Ich möchte nicht mit jemandem schlafen, in den ich nicht verliebt gewesen bin. Das wird jetzt sicher missverstanden. Doch habe ich nicht bereits vor Zeiten versprochen, niemals Geschlechtsverkehr durch die Metapher vom Schlafen in einem Bett oder Schlafsack ausdrücken zu wollen? Es gehört sehr viel Vertrauen dazu, neben einer anderen die Augen zu schließen und ins Land der Träume zu gleiten. Die unglücklichsten Menschen, denen ich begegnet bin, reflektieren ständig über die Liebe, ihre Kindheit oder das Wetter. 

Von den Glücklichen weiß ich nichts zu sagen.

Es ist schwer, Antworten schuldig zu bleiben. Noch schwerer, welche zu geben. Ich arbeite daran. Das wird noch mehr Fragen aufwerfen. Plattitüden. (Ich liebe dieses Wort. Platt und tüdelig. Wie ich? Nö. Ich bin rundlich und strukturiert. Außerdem mag ich gutes Essen und Portugieser.)

So long. 

Mittwoch, 1. Oktober 2014

JUNG UND NETT (1986) (aus der Serie: Auto. Logik.Lüge.Libido.)

Ich will dir eine Geschichte erzählen. Wie ich einmal jung war... Ich höre deine Einwände, wie immer, sofort in meinem Ohr. Doch dies ist kein Fehler. Ich war nicht mal jung, sondern einmal. Genau einmal. Und andere Male. Aber nicht mal - und dann nicht mehr. Verstehst du das? Es ist nicht gut, eine Geschichte so zu beginnen, das sehe ich ein. Du solltest gleich mittendrin sein können in der Geschichte. Und es taugt auch nichts, dass ich ihr, indem ich dies voranschicke, einen autobiographischen Anstrich verleihe. Der sowieso nur gelogen sein kann, wie wir beide wissen.Trotzdem war das nötig. Diese Erklärung, diese Präambel zur Geschichte, der Hinweis auf den Unterschied zwischen mal und einmal. Ich hoffe sehr, dass du das verstehst, denn ich bin darauf angewiesen mit meiner Geschichte.

Tob hatte zu ihr gesagt: "Geh du mal. Du bist nett." Das war nicht nett gewesen und gemeint vom Tob. Im Gegenteil. Nett war gleichbedeutend mit harmlos, schlicht, blöd. Und genauso kam es auch rüber, als Tob das sagte. Er wollte sie ein bisschen runtermachen und abfertigen, einerseits, mit der Bemerkung und andererseits wollte er tatsächlich erreichen, dass sie sich drum kümmerte. Denn es stimmte: Sie war nett und das konnte gelegentlich hilfreich sein. Sie hatte dieses kleine Äffchengesicht mit den großen Audrey-Augen und dem weichen Mund, in das nur die große Nase nicht so ganz rein passte. Aber damals, als sie noch jung war, störte sie das nicht sehr. Später übrigens auch nicht. Das war eine der Sachen, die sich von heute aus gesehen kaum noch erklären lassen: Wie eine ein Mädchen sein konnte und mittelgroß, mittelschlank, mittelblond und mittelhübsch, ohne sich ungenügend zu fühlen. Es waren eben Zeiten, in denen es möglich war oder schien, ein Mädchen zu sein, ohne sich am Hollywood-Standard zu messen. Außerdem: Sogar Hollywood-Schönheiten hatten damals ein kleines Bäuchlein oder sogar schiefe Zähne. Es galt das Gebot der Natürlichkeit, was auf seine Weise sicher auch unnatürlich und kritikwürdig war, aber darüber dachte sie zu jener Zeit nicht nach. Sie fühlte sich, so komisch das klingen mag, wohl in ihrer Haut, wenn auch nicht in Tobs Gesellschaft. Denn Tob hatte es raus, sie fühlen zu lassen, wo sie nicht genügte: Dass sie eben nett war und nicht cool. Sie sei brav, wollte Tob damit sagen und genau das wollte sie eben nicht sein, als sie jung war. Sie wollte rebellisch sein und heftig. Sie wusste nicht genau, was Tob so reizte an ihr. Einmal hatte er gesagt: "Das kann ja keiner übersehen, wie gesund du bist." und das hatte noch böser gelungen als der Satz über ihre Nettigkeit. Gesund und nett. Scheiße. 

Nachdem Georg ihr auf der Fete durch den Lärm ins Ohr geschrieen hatte: "Ich liebe dich.", war Tob noch ekliger geworden. Dabei konnte er das doch gar nicht gehört haben von seinem Platz hinter der Anlage her. Gesehen haben konnte er nur, wie sie Georg abgeschüttelt hatte, ganz sanft und lieb, und ausgelacht, weil das gar nicht ernst zu nehmen war, denn Georg war doch dauernd verliebt damals in irgendeine und ganz bestimmt am allerwenigsten in sie. Ernsthaft. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Aber Tob war sehr grimmig gewesen danach und hatte untanzbare Musik aufgelegt und Georg hatte versucht sie festzuhalten und auf den Mund zu küssen, aber sie war unter seinem Arm durchgetaucht und hatte sich zu Billy hinter die Getränkeausgabe zurückgezogen. Sie wusste nicht mal mehr, warum diese ganze Episode in ihrem Kopf untrennbar mit Tobs störrischem Blick verbunden war, denn egal, wie eine das drehte oder wendete und was immer Georg sich dabei gedacht haben mochte, es ging jedenfalls Tob gar nichts an. Denn Tob hatte doch was mit Elke zu dieser Zeit, wenn er auch sonst noch mit anderen Frauen rummachte, aber Elke war die Konstante bei Tob. Georg und sie waren zu der Zeit gewissermaßen Solo gewesen, kurzfristig, bevor die Sache mir ihr und  Bert wieder ins Reine gekommen war. Aber das alles hatte Tob doch gar nicht wissen können. Am Ende von dem Abend, als sie das Geld in der Kasse gezählt hatten, hatte Georg, der wieder ein bisschen nüchterner war, sich entschuldigt. Er hatte aber auch gesagt: "Und es stimmt doch. Damit du das mal weißt." Und sie hatte ihn über die Wange gestrichen und gesagt: "Komm. Lass mal." Da war Tob aufgetaucht, vom Klo oder wo und hatte den Satz mit der Gesundheit gesagt, der so böse geklungen hatte. Beinahe hätte sie geheult und Georg hatte es auch gleich gemerkt und hatte sie in den Arm genommen. Später waren Georg und sie zusammen nach Hause geradelt, denn sie wohnten damals in der gleichen Gegend. Vor ihrer Tür hatte Georg wie jedes Mal gefragt: "Krieg ich noch ´nen Absacker bei dir?" Sie hatte schon aufgeschlossen und hätte ihn mitgenommen hoch in die Wohnung, aber diesmal hatte er plötzlich gesagt: "Nee. Doch nicht. Ich hatte schon genug." Und war davon geradelt. Danach war es nie mehr gewesen wie vorher zwischen Georg und ihr. Bis auf diesen einen letzten Kuss kurz vor seinem Tod war er ihr nie mehr so nahe gekommen wie an diesem Abend. 

Aber Tob. Der hatte danach öfter bei ihr rumgehangen, als Bert und sie schon wieder fest zusammen waren. Immer war Tob so latent aggressiv aufgetreten. So, als wolle er ihr zeigen, dass sie nicht ganz dazu gehörte, dass sie nur geduldet war von ihm, vom großen Tob in seinem Kreis. Als müsse sie sich beweisen. Und sie hatte das irgendwie anerkannt, hingenommen, sich dem ausgesetzt. Weil Tob cool war. Ungebunden. Herrisch. Weil sie das beeindruckte. Als sie einmal jung war, hatten Arschlöcher sie beeindruckt, dachte sie. So war das gewesen. In ihrer Stammkneipe waren sie beim Gras rauchen aufgefallen. Das heißt Tob. Sie rauchte ja nicht. Jedenfalls kaum. Bert auch nicht. Elke und Tob, die zogen sich was rein. Und Georg, wenn er dabei war. Aber in der Kneipe hatten sie es bis dahin noch nicht gemacht. Weil die Geller, die Wirtin, wenn die das spitz kriegte, gab es Hausverbot. Was zu vermeiden war, denn nirgendwo war das Bier so billig und die Plätze so gut. Sie sollte das mit der richten, meinte Tob. Weil sie ja nett war. Nett und brav. Das funktionierte auch. Sie tat, wie ihr geheißen. Redete der Geller gut zu. Kullerte mit den Augen. Lieb. Gehörig. Da waren sie wieder wohlgelitten. Natürlich auch wegen der Rechnungen, die Tob auflaufen ließ und dann am Monatsanfang immer prompt bezahlte. Deswegen bestimmt auch. Denn so ein Geschäft ließ sich die Geller nicht entgehen. 

Dann traf sie Georg eines Tages auf der Straße. Er war gesprächig wie schon lange nicht mehr. Redete über die Seminare und Hausarbeiten, Konzerte, Dealer und Spieleabende. Unglaublich. Zupfte sie am Ärmel, legte ihr den Arm um die Schultern, wie er es schon ewig nicht mehr getan hatte. Sie standen an einer Bushaltestelle. Elke stieg aus und nickte ihnen kurz zu. Georg küsste sie auf die Wange und verabschiedete sich. Sie sah ihm nach, wie er in der Fußgängerzone im Gewühl verschwand. Da war sie sehr jung gewesen, wie sie ihm da nach blickte. Ganz jung, ganz naiv, ganz wissend. Georg und Elke also. Jetzt.  Liebte Georg nicht mehr sie. Georg liebte jetzt Elke. Und Elke liebte Georg. Und Tob durfte von nichts was wissen. So war das also. Und sie war lieb und nett. Weswegen sie das wusste. Von einem Moment auf den anderen. 

So ein Durcheinander, verstehst du, so eines gibt es nur, wenn du ganz jung bist. Und das bist du nur einmal. Viele Male. Mit vielen. Aber einmal. Das ist mir jetzt ziemlich missglückt. Das Erzählen. Ich wollte das anders aufziehen. Spannender und mit Schlusspointe. Die bleibt aus. Blieb aus. Wenn du jung bist, immer.

Samstag, 27. September 2014

SCHNIPPISCH (oder "Ich bin klein, mein Herz ist rein.") Ein Traumbild

(Da sagst du jetzt nix dazu. Da verbiete ich dir jetzt mal den Mund oder das Wort. Da will ich dich nicht haben. Und dabei.)

Ich bin klein. (Damit ist sonst noch nix gesagt oder getan). Trotzdem ist es gut, sich mal klein zu denken. "Nur wer sich klein denken kann, wird groß rauskommen." Hihi. Dabei bin ich in Wahrheit gar nicht zum Scherzen aufgelegt. (Täusch dich nicht!) Denn ich bin so klein, dass ich in eine Schachtel passe. So klein, wie ich wirklich bin, passe ich in eine Streichholzschachtel; in der sitze ich mit ausgestreckten Beinen aufrecht da und schaue hinaus. Das geht so, weil die Schachtel, in der ich ganz ruhig und klein und rein in meinem blauweißgestreiften Schlafanzug sitze, zu einem Drittel aufgeschoben ist, so dass ich drin sitze wie in einem Boot oder in so einem Rennwagen, wie die ganz früher einmal waren, die Zigarren genannten wurden, glaube ich, oder Silberpfeile oder wie, die so schmal und schnittig waren. Aber das ist meine Schachtel ja nun mal nicht. Ich will auch gar nicht flitzen. Ich will sitzen und klein sein. 

Oder schlüpfen. Und klein bleiben. Ich schlüpfe in die Schachtel hinein, nicht hinaus, versteht sich. Ich lasse mich in die Schachtel gleiten und mache mich dazu erstmal noch kleiner, bis ich mich schließlich ausstrecken kann, in der Schachtel. So klein bin ich nämlich. Jetzt liege ich in der Schachtel wie in einem Bettchen und der Deckel ist meine Zudecke. Am liebsten hätte ich jetzt noch ein Kissen. Meine Schachtel liegt auf einem weiß lackierten Tisch, über dem eine große runde Lampe gelb baumelt. Ich kann die Birne in ihr strahlen sehen, wie ich so liege auf meinem Rücken in meiner Schachtel ganz still. 

Dann geht das los. Dann sitzen vier gute Menschen um meinen Tisch und schauen auf meine Schachtel und sehen meinen strubbeligen dunklen Schopf und ein Stück vom Schlafanzug, denke ich, wie die so rausragen aus der zu einem Drittel aufgezogenen Schachtel. Ich kann die nicht sehen, die Menschen, denn ich liege so flach und bin so klein. "Wie sonst soll auch ein gutes Leben im gar nicht so Falschen möglich sein, wenn alles so klar und traurig ist?" Die schnippen. Die guten Menschen schnippen mit den Fingern an meine Schachtel. Hui, wie das poltert und rumpelt. Dann saust meine Schachtel über den Tisch. Hierhin und dorthin und gute Menschen schnippen sie herum. Das wirbelt mich durcheinander und lässt mich fliegen in meiner Sauseschachtel und rumpelt in meinem Bäuchlein. Da muss ich lachen. Wie Kitzeln ist das, wenn meine Schachtel über den Tisch geschnippt wird und ich so klein bin und darin herumrumpele. Ich lache und brülle und kreische. Erst ist es lustig und herrlich und ich kann nicht genug kriegen. So ein Lachen ist das am Anfang; aber es wird noch anders, wird ein Lachen, das nicht aufhören kann, das eine Qual wird, eine Folterlachen, ich lache und lache, hoho, hihi, haa, haaa, hooo, kann nicht aufhören, kann nicht mehr lachen, muss lachen, lachen, lachen. Die guten Menschen merken nichts. Schnippen. Mein Bäuchlein, mein kleines reines Bäuchlein, so durchgekullert, halte ich vor Schmerzen. 

Dann steht das still. Die Finger halten Ruh. Ich lausche. Die guten Menschen schweigen. Ich strecke mich. Der Schmerz. Sitzt links. Nicht mehr im Bauch. Ich bin klein. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Ich halte ein. Ich atme zum Schmerz hin. Ich bin ruhig. Es ist still. Das tut weh.

Dass ich so klein bin, ändert auch nichts.

(Halt den Mund!, sag ich.)

Dienstag, 23. September 2014

OF MICE AND MEN (oder: Stolz und Trägheit)



Ein Beitrag von BenHuRum

Heute frage ich mich, warum ich den Satz jahrelang zu meinem Hass-Mantra gemacht habe: "Das schaff´ ich nicht." Lass kommen. Denn ich schaffe es nicht: C. zu antworten, obwohl ich wohl will, mich bei I. zu melden, obwohl ich wohl will, H. zu danken, obwohl ich wohl will. Schaffe ich nicht. Aufschreiben, was Sache ist. A. zu warnen vor den Fallen der Wissenswächter. Mein Blut giftet, aber ich nicht. "Ich bin klein, mein Herz ist rein." Das schaffe ich nicht. Versuchsweise geht es weiter, aber nicht zu weit. Entzugserscheinungen nicht mehr leugnen. Da heult es sich trotzdem nicht besser. Schaffe ich nicht. Gut so. Und das: Morgen richte ich mich auf. Schaffe zwei Stunden. Übermorgen sechs. Oder ich wanke. Das ist noch keine Depression. Das ist nur Schaffnix. Eine Freundschaft fürs Leben, Stolz und Trägheit: "Ich bin zurückgeblieben. Ich habe keine Lust." 

Samstag, 20. September 2014

HÖRIGKEIT (9): Er ist ein dickes, hysterisches Mädchen

"Die Fähigkeit des Erwerbens ist für die Würde einer Frau, wenn sie kein unabhängiges Vermögen hat, sehr wesentlich."

I. "I´m inside your mouth now" - ein Sodbrennen aus d/meinem überfüllten Magen. 

II. Die erste Frau war dem ersten Manne (nicht) ähnlich, sagen meine Quellen. 

III. Der Brustkorb des Weibes krümme sich zu einer anatomischen Eigentümlichkeit, behauptete er, die sie sich hinneigen ließ unter seine Führung. (Sie lachte dann, natürlich.)


"Eine der wichtigsten Bedingungen für das Glück der Menschen ist, dass sie an ihrer gewöhnlichen Beschäftigung Geschmack finden."

IV. Was wir uns nicht vom Leib halten können, ist die Bewusstlosigkeit jener Ströme, die durch uns fließen: ICH sind die anderen in uns.

V. Die Arbeit der Magd unterscheidet sich im Verhältnis zum Herrn von derjenigen des Knechtes. Aber wie?

VI. Weil auch der Herr eingewurzelt bleibt mit seiner Nabelschnur ins Fleisch der Magd?


"Bedenken wir, dass geknechtete Klassen nie mit einem Male vollkommene Freiheit forderten."

VII. Sie las, was die Andere geschrieben hatte, und ergab sich in deren Autorität wie unter die Fittiche eines großen Bussardweibchens, das reglos am Himmel über seiner Beute stand. 

VIII. Das konnte nicht währen: Die Strategien eines ambivalenten Begehrens. Wen will ich doch?

IX. Die Zusammenstellung der weiblichen Libido lässt jede Rechtfertigung vermissen. 


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Dienstag, 16. September 2014

ROTSTIFT (Kontrollverlust reloaded)


Ein Beitrag von BenHuRum

Anglizismen, wo der Text gescannt wird. Alle mit Absicht. Denn: Gerade jetzt ist der Deutschtümelei auch im Sprachbild entschieden entgegenzutreten ("Ach was.") Die Puristen der vollständigen Sätze und ausufernden Romane werden hier sattsam (ein Wort für den Schatz!) ausgelacht. Es muss noch viel mehr überschrieben oder gelöscht werden. Zu viel Text/e allenthalben und zu wenig nächtliche Streich-Orgien. Alle sind dauernd in ihre eigenen Schriftstücke verknallt. Die Liebe zum Ungesagten (Achtung. Hier nicht: Unsagbaren) wird gänzlich verlernt. Stattdessen stellen Leute (alternativ) ganz unverstellt ihre Bosheit im Schaukasten aus. Hinter alldem stecken verletzte Kinderseelen. Auch ich kann (mich) nicht frei denken und lieben, solange der Schmerz sich weiter ausbreitet. (Das ist trotz aller Abscheu doch auch zu berücksichtigen.) Wie außerdem: Nicht jeder, der eine Lederjacke trägt, ist ein Idiot. Es gibt nämlich auch Menschen, die sich schwarz/grau/weiß kleiden und einrichten, weil sie farbenblind sind (statt Intellektuellendarsteller zu simulieren). Noch ist er jedoch nicht ganz geschafft, der Übertritt ins sanfte Land der Resignation, von wo aus der Blick milde wird und alles verständlich. (Ich hoffe, mir bleiben noch Zeiten. Wäre ihr die Gott nicht gerade besonders unsympathisch, schriebe sie jetzt: Gott sei Dank!)

Jede/r folgt seit eben @tNetFlix, außer mir. Ich nehme mir ein Auszeit und höre auf, noch mehr über den "Propheten" zu lesen, was ihn mir noch unangenehmer macht. Stattdessen schaue ich mir endlich an, was ich mir lang schon versprochen habe: Whit Stillmans "The Cosmopolitans". Und freue mich auf die Verfilmung von Jane Austens "Lady Susan". Whit Stillmans "Metropolitan" ist übrigens nach wie vor ein Lackmus-Test (genau wie die Romane von Jane Austen): Mit Menschenfrauen und -männern, die damit nichts anfangen können, fange ich lieber nichts an. (Es sei denn, ich liebe sie/ihn schon länger.)

(Und: Nein, ich bin niemandem - besonders - böse. Oder unglücklicher als sonst. Nur müde. Die geringfügig verbliebene soziale Kompetenz wird derzeit vollständig professionell, d.h. in diesem Falle durch Erwerbsarbeit, vernutzt.)