Dienstag, 17. Mai 2016

Binsenweisheiten: Wir sind halt auch anders. (Multikulti kann verdammt anstrengend sein)

Auf Spon gibt es eine Fotostrecke mit Flüchtlingen. In den Texten darunter formulieren sie, was ihnen in Deutschland, an den Deutschen auffällt. Das ist interessant. Weil es "uns" einen Spiegel vorhält. Aber auch, weil vielleicht an einigen der Texte deutlich wird, wie unterschiedlich Kulturen ausprägen, was als angenehm oder unangenehm, als angemessenes oder unangemessenes Verhalten wahrgenommen wird. Selbstverständlich sind es Momentaufnahmen, versammeln sich hier Klischees und kann im Einzelfall immer noch alles ganz anders sein. Dennoch sind solche Wahrnehmung spannend, weil sie dabei helfen, die Probleme, die durch Zuwanderung entstehen können, jenseits von Rechtsfragen und aufgepeitschten Debatten, jenseits übersteigerter Ängste und schriller Töne zu verstehen. Das Eigene und das Fremde nicht als "gut" oder "böse" zu bewerten, aber durchaus auch zu erkennen, warum es nachvollziehbar sein kann, auf dem "Eigenen" zu beharren und es bewahren zu wollen, warum "Multikulti" nicht immer und für jede/n als Bereicherung erscheint und dass dieses Empfinden durchaus wechselseitig ist (und nicht schlimm.)

Ayham Askar aus Syrien zum Beispiel beklagt, dass die Nachbarn in Deutschland kaum Verbindung zueinander hätten und sich bloß freundlich grüßten. Albert Addai aus Ghana vermisst das Tanzen und Singen auf den Straßen. Shahrbanoo Ganavati aus dem Iran stellt fest, dass man für alles einen Prüfungsnachweis braucht. Faten Dukhen vermisst Geschäfte, die auch um Mitternacht noch offen sind. Auch Sajjad Ebadi aus dem Iran findet es schade, dass die Straßen nachts so leer sind. Farah Farho zeigt sich überrascht darüber, dass ältere Menschen zum Arzt alleine gehen müssen, unbegleitet durch Töchter oder Söhne. 

Während ich das lese, bemerke ich, dass ich vieles, was die Zuwanderer als unangenehm beschreiben, besonders schätze: Dass meine Nachbarn freundlich sind, aber auf Distanz halten, dass die Nachtruhe weitgehend gewahrt wird, dass Berufe geschützt sind und ich mich auf bestimmte Qualifikationen verlassen kann, dass meine Eltern alleine zum Arzt/zur Ärztin gehen, solange ihnen das möglich ist. Ich schätze es, keiner sozialen Kontrolle durch Nachbarn und Verwandte zu unterliegen, Ruhe zu haben, nicht - wie ich es empfinde - zwanghaft "mitfeiern" zu müssen, wenn ich lieber allein sein und ein Buch lesen möchte, dass meine Eltern auch gegenüber ihren Kindern ihre Privatsphäre schätzen und umgekehrt die unsere achten (wozu z.B. auch Arztbesuche gehören können). Ich mag Distanz, Ruhe, fühle mich durch - vor allem körperliche - Nähe bedrängt, will mich nicht offenbaren, finde, dass auch familiäre Bindungen nicht dazu verpflichten oder berechtigen, in die Intimsphäre der anderen einzudringen. Was manche Zuwanderer als Kälte erfahren, empfinde ich als Schutzraum, den ich nicht preisgeben will. 

Als wir türkische Gäste beherbergten, fotografierten sie, wie Deutsche am Zebrastreifen und an roten Ampeln tatsächlich anhalten. Sie waren erstaunt, dass Termine pünktlich eingehalten wurden und fanden es - glaube ich - nicht gerade amüsant, dass Deutsche immer gleich "zur Sache" kommen, ohne vorher durch freundliches Palaver erst einmal eine gute Stimmung herzustellen. Ich dagegen fühlte mich im mediterranen Raum als Gast oft "überbetreut" und manchmal sogar genötigt: Immer kümmern sich alle um alles, wer mal allein sein will oder etwas für sich erledigen, gilt als Problemfall, wirkt verstört oder unzufrieden, kritisiert durch Abweichlertum die Gastgeber. 

Es ist schwierig, im Alltag diese unterschiedlichen Erwartungen unter einen Hut zu bringen. Deutsche  aus dem "alternativen" grün-rot-roten Milieu neigen dazu, das "Andere" erst einmal als exotisch, schillernd und erstrebenswert wahrzunehmen und sich den Blick der Anderen auf sich selbst anzueignen. Dann gilt es, Distanziertheit und Kälte zu überwinden, sich "einzulassen", locker zu machen und mitzufeiern. 

Mir geht es inzwischen anders. Ich habe verstanden - für mich - , dass ich es wirklich schätze, pünktlich zu sein und Pünktlichkeit zu erwarten, dass ich Distanz zu Nachbarn und Kolleginnen wahren will, dass ich übermäßige soziale Kontrolle durch Familie und Bekannte ablehne. Dass ich unangemeldete Besuche, auch von Freunden und Verwandten, nicht schätze und auch selbst darauf achte, die Privatsphäre der anderen nicht unaufgefordert zu verletzen. 

Dabei glaube ich nicht, dass dies die "richtige" Lebensweise ist. Es ist lediglich die, die mir besser gefällt. Und ich komme deshalb besser und leichter mit Menschen aus, die ähnlich empfinden. Dabei ist das wohl keine Wahl, sondern hat viel mit Erziehung und Kultur zu tun. Es ist also "normal", dass wir mit Menschen, die aus einem ähnlichen kulturellen Umfeld kommen, leichter und häufig auch besser auskommen. Das Fremde und die fremden Gewohnheiten sind anstrengend. Alles muss dauernd ausgehandelt werden. Es gibt kein: "Das tut man eben nicht" (auf der Straße rumhängen und laute Musik machen, seine Eltern überall hin begleiten und umgekehrt, rote Ampeln ignorieren...). Ich weiß: Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele dieser vorgeblichen Gewissheiten längst im Wanken befindlich sind. Kaum eine muss mehr um 6 Uhr zum Abendbrot daheim sein. Trotzdem finde ich es nachvollziehbar und verständlich, dass Menschen an ihren Gewohnheiten, die sie als angenehm empfinden, festhalten. Und dass sie es unangenehm finden können, mit neuen und fremden Gewohnheiten konfrontiert zu werden (Zuwanderer wie Einheimische). 

Alles wandelt sich. Es gibt keine Alternative zum Aushandeln. Dennoch bleibt eine (vielleicht auch unangenehme) Wahrheit: Ich bleibe bis auf Weiteres froh und nehme es als Privileg wahr, in einem Umfeld zu leben, in dem Nachbarn nicht jeden Abend beieinander sitzen, in dem lauter Gesang und Tanz auf der Straße Ausnahme sind, in dem Alleinsein zu wollen nicht als Absonderlichkeit oder Unglück gilt. Das - dieser Wunsch - wirkt jedoch auch ausgrenzend. Darüber sollte man sich Rechenschaft ablegen. Ohne den eigenen Wahrnehmungen Gewalt anzutun. Es ist weder das als exotisch empfundene Fremde so "toll", wie es manchen auf den ersten Blick erscheint, noch ist "unsere" Kälte alternativlos. Wir sind halt auch anders. Als die anderen.  


Donnerstag, 12. Mai 2016

SEXY-NESS ("Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst") Ein Traumbild

Ich träume dich nie. Nicht mehr. Was ich träume, kannst du nicht werden. Schlafräuber!

Wir zogen über die Lande. Ich hielt gewaltige Reden. Brüder, Schwestern! Wir plünderten (nicht). Wir waren so blond und heldenhaft wie später nie mehr wieder. Ach, ich wollte immer schon einmal sagen: Landsleute! Lasst uns ziehen! Verfluchte aller Lande! Wir kriechen nicht! Oder so. Eine lächerliche Geste in zerlumpten Fetzen.

Eigentlich will ich nur dich beeindrucken. Du sollst denken: Sie. Ist wie keine. Wie sie das Fäustchen ballt. Ich stelle mir mich als Film vor, den du in einem altmodischen Kino guckst. Und dann will ich doch nur ein kleines Mädchen sein, dass dir den Kopf in die Armbeuge schmiegt. Du sollst stark sein und ich will mich beugen. 

Aber sobald du die Stimme erhebst, fange ich an zu rebellieren. Sei lieber witzig. Charmant. Steh auf erwachsene Frauen. Zeig mir, dass du Esprit hast. Aber zwinkere mir niemals zu. Ich hasse das. (Und ich hasse es, wenn du mir unerbetene Ratschläge erteilst.) Lass deinen Schritt leicht federn wie Reinhold Messner mit seinen kaputteren Knien. Aber verzichte auf einen Bart. Am schönsten wäre es, wenn du dich in eine bezaubernde schwarzhaarige Frau verwandeln könntest, die einteilige Badeanzüge trägt: My Ava. Aber ich werde nicht Adam sein. Love me tender. 

Ich will deine Knochen nicht sehen. Du solltest schon etwas Fett auf den Rippen haben. (Keine Chance für Hungerleider.) Aber lass die Haare auf deinen Handrücken wachsen. Wenn der Wind sie bewegt, bin ich maximal erregt. Falls du den kleinen Finger richtig streckst. Es liegt immer nur an den Kleinigkeiten. Ich bin kein Wild. Ich bin so wild. Reiß mich! (Bleibt zärtlich!) HELLBOY. Dark Knight. Immer wieder. Der dunkle Schopf. Das widerspenstige Kinn. You are my sweetest downfall. 

Es ist alles so widerlich banal. Und so süß. Fuck off. Lean in. Surrender. Lass die Hosen runter! (Bloß nicht! Such dir einen besseren Schneider.) Ich danke, also bin ich. Dir. Immer noch. Gut.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Alter und alteration...(Worte des Tages)

"Love is not love, which alters when it alteration finds, or bends with the remover to remove."


William Shakespeare

Sonntag, 10. April 2016

SPIESSBÜRGER_INNEN ALS FORTSCHRITTSMOTOREN. Die Roman-Autorin Alice Berend

ALICE BEREND (1875 - 1938)

Porträt von Emil Stumpp (1928)
Sie war eine der Erfolgsschriftstellerinnen des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Ihre Romane erschienen im S.Fischer-Verlag. Die Nationalsozialisten setzten, nachdem sie an die Macht gekommen waren, ihre Werke auf die Liste des „unerwünschten Schrifttums“. Alice Berend emigrierte, gemeinsam mit ihrer erwachsenen Tochter, nach Florenz, wo sie 1938 vergessen und verarmt starb. Kaum jemand kennt ihren Namen oder ihre Romane noch, obwohl viele von ihnen jetzt wieder, beinahe oder vollständig kostenlos, als E-Books zu haben sind.

Ihre Romane schildern bürgerliches Leben, klein- und großbürgerliche Milieus am Anfang des 20. Jahrhunderts. Verniedlichend wurde sie auch „ein kleiner Fontane“ genannt. Die Erzählweise ist scheinbar unmodern: die Handlung wird chronologisch entwickelt, viele und vieles gelegentlich ausschweifend beschrieben, Dialoge nehmen großen Raum ein. Eine auktoriale Erzählerin hat alle Fäden in der Hand, kommentiert das Geschehen mit bisweilen altklug erscheinenden Lebensweisheiten. Diese sind aber niemals ganz ernst gemeint, sondern werden mit einem Augenzwinkern vorgetragen. Auf den „gesunden Menschenverstand“ wird einerseits durchaus gebaut, (pragmatische Charaktere, die dem Heroismus widerstehen, genießen Sympathien, während exaltierte Figuren karikiert werden), andererseits aber auch durchaus misstraut (nicht immer ist, was „sich schickt“ oder gerade angesagt ist, letztlich empfehlenswert). 

Eine kleine Auswahl (als Appetizer):

Frau Hempels Tochter“ (1913) erzählt vom gar nicht märchenhaften Aufstieg der Hempels, einer Hauswartin und ihrem schusternden Mann, die in einer feuchten Kellerwohnung hausen, aber für die Zukunft ihrer Tochter Laura sparen. Die Hempels kaufen vom ersparten Geld zunächst eine Badeanstalt. Herr Hempel stirbt und Laura heiratet einen Verehrer, für dessen Familie sie, die als Dienstmädchen hat arbeiten müssen, lange nicht gut genug gewesen ist. Die Mutter kann von dem mit der Badeanstalt erworbenen Geld ein großes Mietshaus in Berlin erwerben. „Man ist, was man geworden ist. Es war Laura ganz selbstverständlich dass sie ihren reizenden Knaben das Spielen mit den wilden Straßenkindern verbot.“ Die Kritik der Berend an Standesdünkel kommt leise daher, ist aber nicht minder scharf. 

Die Bräutigame der Babette Bomberling“ (1915) ist ein hinreißend komischer Roman über aufgestiegene Kleinbürger_innen, bornierte Studenten und dünkelhafte Adelige. Babette Bomberling, ein hübscher Teenager mit romantischen Träumen, soll von der Mutter an den Mann gebracht werden. Ein Hindernis für die mütterlichen Ambitionen ist die Herkunft des Bomberlingschen Vermögens aus der Sargfabrik des Herrn Bomberling. Kandidaten werden geprüft, Babette schwärmt für den Bruder einer Freundin, eine Italien-Bildungsreise wird unternommen, um geeignete Bekanntschaften zu schließen. Die Damen Bomberling kehren jedoch desillusioniert nach Berlin zurück. Babette nimmt Paul, der einmal Lehrling bei Bomberling gewesen ist und zuletzt die in den Konkurs schlingernde Fabrik durch eine Sortimentsänderung rettet. Die Mutter ist zufrieden, nicht nur weil sie jetzt nicht länger Diät halten und seltsame Sportübungen in ihrem Schlafzimmer aufüben muss, um schlank genug für die höheren Schichten zu werden. „Immer wilder purzelte alles in ihrem Kopf zusammen. Wie heißer Kaffee durchströmte sie die Freude. (...) Es gibt nämlich keine modernen Mütter. Es gibt nur Mütter.“

In „Spreemann und Co.“ (1916) wird der Aufstieg eines Berliner Handelshauses von den Befreiungskriegen bis zum Kaiserreich nachgezeichnet. Politik spielt eine Rolle, aber nur am Rande. Es ist die Perspektive der Ehefrauen und Mütter, die Berend stärkt, die sich um ihre Männer und Söhne sorgen, darum dass sie heil nach Hause kommen, unverwundet an Leib und Seele, während, was am Stammtisch der Männer diskutiert wird: feiger Liberalismus, der nichts kosten soll, oder plumper Nationalismus, der pseudoheroisch herausposaunt wird, karikiert werden. Die Brüder Spreemann, Erben des Firmengründers, verlieren einen erheblichen Teil ihres Vermögens bei der Spekulationsblase, die 1878 platzt, aber die Mutter sorgt dafür, dass dadurch die familiären Bindungen nicht zerstört werden. „Das Leben geht weiter. Sofort nach der Beerdigung des Vater mussten die Söhne zu einer amtlichen Besprechung, die ihren Neubau anging. (...) So ist es nun einmal. Zu irgendeiner Stunde müssen wir fort und alles zurücklassen. Unsere Träume, wie das Erworbene, nimmt eine neue Zeit als Erbe. Doch gerade daher kommt´s, dass niemand umsonst lebt.“ Klaus Spreemann, der verstorbene Patriarch, so hatte die Leserin am Anfang von Berends Roman erfahren „hatte nie in einer Wiege gelegen. Auf einem alten Sack, der mit Lumpen aller Art gepolstert war, hatte er sich hineingeschlafen ins emsige Leben.“ Eine bitter-süße Aufstiegsgeschichte: Denn die Söhne geben am Ende das Textilkaufhaus am Dönhoffplatz, das der ganze Stolz des Vaters gewesen ist, auf.

Das verbrannte Bett“ (1926) trägt schon beinahe kafkaeske Züge (freilich nur, wenn man in Kafkas Werken auch den Humoristen mitliest). Aus der personalen Perspektive von Josef Blümel, seines Zeichens Kanzleioffizial in Wien, wird von einer tragisch-komische Werbung des alternden Mannes um eine Berliner Ladenbesitzerin erzählt, die tatsächlich aber den adeligen Hallodri Udo verliebt ist, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Herr Blümel, seiner eigenen Gefühle keineswegs sicher, aber von paranoiden Einbildungen darüber getrieben, wie sein Umfeld das Verhalten des Hagestolz wahrnimmt, gibt sein behagliches Junggesellenleben auf, sein Bett brennt sogar, aber am Ende ist alles umsonst: Die Umworbene sagt ab. DochHerr Blümel weiß, dass er sogar Glück gehabt hat: „Sogar sein Bett kam zurück. Mit einem neuen Pfosten. Die Unkosten waren gering. Besonders für jemanden, der sich berechnen konnte, welche Ersparnisse er in diesen Tagen erreicht hatte.“

Alice Berends Romane sind unterhaltsam im besten Sinne des Wortes. Sie kritisiert die (klein-)bürgerliche Weltsicht  ihrer Protoganist_innen scharf, aber durchaus mit Verständnis für deren Idiosynkrasien, Abstiegsängste und Aufstiegswillen. Wo Fontane ironisch ist, wirkt ihre Darstellung bisweilen schon satirisch. Den Zeitgenossen galt soviel Humor bei einer Frau fast als unheimlich. Keineswegs idealisieren diese Romane eine nostalgisch verklärte „Gute alte Zeit“. Schon in ihrem gleichnamigen Essay-Buch, das u.a. Kants Testament auseinander nimmt,  hatte Berend einer solch rückwärts gewandten Sicht einen satirischen Riegel vorgeschoben: „Der Spießbürger ist der notwendigste Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Sein Wohlbehagen, seine Gesunderhaltng, sein Zerstreuungsbedürfnis, seine Sehnsüchte und Träume und seine sonstigen Ansprüche an das Dasein sind es, die Wissenschaft und Kunst in Bewegung setzen, von Fortschritt zu Fortschritt treiben, von Versuch zu Versuch anspornen. Der Spießbürger ist zur Seele des Staates geworden.“


Erst die Nazis schnitten sie von ihrer Leserschaft ab. Deren Verdikt, das Alice Berend der Vergessenheit anheim fallen ließ, sollte nicht das letzte Wort bleiben. Eine Autorin ist wieder zu entdecken, deren humorvolle Charakterzeichnungen oft überraschend aktuell wirken. 


Viele Romane von Alice Berend stehen auf Projekt Gutenberg kostenlos zur Verfügung:

Viele sind auch als Kindle E-Books kostenlos oder günstig herunterzuladen:
Die Bräutigame der Babette Bomberling, Kindle Edition kostenlos
Spreemann und Co., Kindle Edition kostenlos
Das verbrannte Bett, Kindle Edition kostenlos
Frau Tempels Tochter, Kindle Edition kostenlos
Die gute alte Zeit, Kindle Edition kostenlos

Taschenbuchausgaben und antiquarische Ausgaben sind ebenfalls nicht allzu teuer.

Dienstag, 5. April 2016

HYGGELIG + UN-HYGGELIG. Heimisch unter kühlen Himmeln (Abschied von Kopenhagen)

Edvard Eriksen:
Kleine Meerjungfrau
Kopenhagen kann auch trist sein. Der Himmel statt graublau schwarzgrau sich verdüstern. Und es schüttet wie aus Gießkannen, zwischendrin hagelt´s, kurz vor der kleinen Meerjungfrau, die ziemlich weit draußen sitzt und bei deren Anblick fast alle rufen: "So klein ist die. Die hat ich mir aber größer vorgestellt." Sie ist tatsächlich kleiner als ich, ganz zierlich, aber figürlich offensichtlich ohne OP-Optimierung oder Nachbearbeitung mit Weichzeichner konzipiert. Die Ehefrau des Bildhauers Edvard Eriksen soll Modell gesessen haben. Das Bildnis ist semikitschig geraten, demonstrativ bescheiden, -> wenn das kein Widerspruch ist, sondern eben...dänisch.



Nordische Lichtmetaphorik. Kühle (Selbst-)Distanzierung. Die Scheu/der Abscheu vor jeder Form von Exaltation. Das ist (natürlich) ein Widerspruch. Denn: Du kannst nicht nicht repräsentieren. Konstituiert wird auch hier ein "Wir", das sich kenntlich machen will als..."offen, funktional, schlicht, echt". Dänisches Design. Wird überall in Kopenhagen ausgestellt. Die Entwürfe von Arne Jacobsen, Hans Wegner oder Børge Mogensen sind zeitlos schön präsent. Hier aber nicht, wie weiter südlich gegenwärtig Mode (statt modern) feige zu schwarz-grau-weißer Pseudo-Edel-Tristesse kombiniert (mutlos 5-Sterne-Hotel-Design von der Stange ohne persönliche Note kopierend), sondern mit farbenfrohen Accessoires verknüpft: Gemütlichkeit statt große Geste. Aber auch hier gilt natürlich: Du kannst nicht nicht repräsentieren. Ausgestellt wird: Lässigkeit. Auch das (selbstverständlich) ein (Selbst-) Widerspruch. 



Königliche Bibliothek ("Den Sorte Diamant"/Schwarzer Diamant)


Gründe, warum ich den Norden liebe. Die Kälte. Die Vermeidung des öffentlichen Eklats. Die Ferne Gottes, der bekanntlich in der Wüste haust und brennt. Das Zweifelhafte und Verbohrte. Nur unterdrückte Leidenschaft brodelt (auf Dauer). Die peinliche Wahrung des Scheins, der aber an ein Sein (Understatement! Selbstverständlich! Kreditkarte gedeckt!) gebunden sein sollte. Rote Backsteine. Bloß kein lautes Palaver auf dem Gehweg. Unvermeidlich sind es südeuropäische Touristen, die in größeren Gruppen Eingänge blockieren und wild gestikulieren. Dänen grüßen knapp: Hej! Das glücklichste Volk der Welt ist bestenfalls zufrieden. Das ist viel, wird aber den Operetten-Liebhabern nie nicht genügen. Vermeide Purpur und Gold. (Außer du bist Königin - noch so ein liebenswerter Selbstwiderspruch der egalitären Royalisten!)



Christiansborg, Großer Saal mit den Tapiserien von Bjorn Norgaard
1000  Jahre dänische Geschichte



Ausschnitt aus einer Tapisserie
(u.a. porträtiert: Virginia Woolf, Groucho Marx und Walter Benjamin)

Politisch ist es heikel. Denn der Wohlfahrtsstaat braucht das "Wir", das ohne Ab- und Ausgrenzung kaum zu haben ist: dazu gehören, sich ein- und anpassen, geschmeidig sein, individuell, aber nicht individualistisch. Ambivalent bis in die tiefsten Schichten der Selbst-Konzeption hinein. Kein Platz für heroische Gewissheiten oder religiöse Wahrheiten. Annahme des Schmerzes ohne Märtyrer-Versprechen. Die Kleine Meerjungfrau wird nicht erlöst. Aber sie ist daheim. Dänen reisen in Campingmobilen, behauptet das Vorurteil, wie die Niederländer. Immer alles wie gewohnt am Platz. Fast jede/r hat ein Sommerhaus. Meer. Wind. Dannebrog. 

Ich häufe Klischees an. Man kann kein Land kennenlernen oder verstehen in 5 Tagen oder 5 Wochen und vielleicht - als Fremde - nicht einmal in 5 Jahren. Man kann sich nur in der Fremde mehr oder weniger zu Hause fühlen. Bei mir führt das Heim-Weh immer gen Norden. Im Süden schwitze ich. Nicht nur. Zu laut. Zu scharf. Zuviel Olivenöl und zuwenig "gute Butter". Die Fülle des Mangels, statt der mangelhaften Fülle. Geordnete Verhältnisse und die gemeinschaftliche Vermeidung einer scheinbar pittoresken Armut. Die Scham, wenn eine/r kein Obdach hat. Kenne ich nur aus nördlichen Ländern. Es flieht ja in Wahrheit niemand gen Süden. Nur mal so in den Wind gesprochen. 

Außerdem brauche ich Brot. Richtiges. Echtes Brot. Knusperkruste für nicht verfaulte Zähne. Im Restaurant Höst aßen wir "neue dänische" Küche: salzige Krabben-Krapfen, fette Hühnerbrühe mit Ei, brennende Kräuter an geröstetem Hühnerfuß, Schweinerollbraten unter fermentiertem Knoblauch, Birkenrinden-Eis. Und so. War spannend. Manchmal wäre weniger mehr gewesen (z.B. brauchte die fantastische Hühnerbrühe keine Calamaris-Einlage). Das Design des Restaurants ist preisgekrönt und spiegelt angeblich dänische Bauernhöfe wieder. Mir erschien es eher wie eine frugale Variante des derzeit angesagten "Industrial Designs". Andererseits: Die dänische Landwirtschaft ist zweifellos durch und durch industrialisiert. Größter Schweinefleisch-Exporteur der Welt.


Restaurant Höst: Malzbrot mit Butter

Ist was faul im Staate Dänemark? Keine Ahnung. Heimelig. Hyggelig. (Das kann eng werden oder sein.) In Hamburg am Hauptbahnhof dagegen wieder kontrovers: Un-hyggelig. (Das kann von ungemütlich bis unheimlich oder katastrophal Vieles bedeuten.) Raus aus der Idylle. Muss (Protestantismus? Pur/e? Vernunft darf niemals siegen.)*!


* Diese Weisheit, freilich, kann nur im Norden gedeihen. Südwärts, rund ums Mittelmeer und so, könnte  ein bisschen leidenschaftslose Liebe zur Vernunft nicht schaden. Vielleicht.

Dienstag, 29. März 2016

SUPERMAN vs. DANISH DRAGON. 1. Tag in Kopenhagen


Und wer, zum Teufel, ist Tubal-Kain? Ein Bruder im Geiste Kains, vielleicht? Ein nordischer Bruder-Mörder? Falsch. Von Kain stammt er ab, aber im Norden hat er sich nicht verloren. Wikipedia weiß Rat: Tubal-Kain war der biblisch-hebräischen Sage nach ein Schmied, der seine Herkunft vom ersten der Zunft herleiten konnte, dem Mörder Abels, der diesen wohl, wie ich jetzt vermute, mit seinem Handwerkszeug erschlug. Scheint so als hätten Adam und die Seinen in der Bronzezeit gelebt. Gottes sieben Tage waren halt lang und länger; Sommerzeit kannte der Schöpfer nicht. Da mag sich das über tausend Jahr wohl hingezogen haben bis die erste Familie mit all ihren Dysfunktionen geschaffen war. Mit den Freimaurern schließlich müssen Kerl und Namen ihren Weg in den Norden nach Kopenhagen genommen haben, wo ich auf diese Bronzestatue des mir bis dato Unbekannten stieß und prompt annahm, einen neuen, nordisch blonden Helden in meinen Pantheon aufnehmen zu können. Nix war´s. Hinterm Bauzaun steht der Hebräer in Nähe der Statens Museum for Kunst und des Botanischen Gartens.


In Kopenhagen wird eh grad viel gebaut. Leider. So konnte ich nicht einen Kaffee vor dem Hotel d´Angleterre auf dem Kongens Nytorv trinken, wie ich´s mir vorgenommen hatte, in Erinnerung an Metzgermeister Külz und Fräulein Trübner, die sich hier begegnen, ganz zu Beginn von Erich Kästners Unterhaltungsroman "Die verschwundene Miniatur" von 1935, der lakonisch und bitter-heiter erzählt ist. In Kürzest-Sätzen geschrieben, die aber nicht einen Short-Story-Hyper-Realismus erzeugen, sondern eher jene Verkürzung des Denkens und Fühlens, die die Umstände den Menschen abnötigten, die trotz der Umstände noch Menschen bleiben wollten. Was fragwürdig ist, als Haltung und als Schreibmodus, aber auch so erscheint. Jedenfalls gäbe der Roman ein "prima" (auch so ein Retro-Wort) Drehbuch her und in einer etwas gelasseneren und lässigeren, also einer glücklicheren und weniger nach Heroismus schreienden Zeit und Gesellschaft hätte das eine Screwball-Comedy werden können, bisschen frivol und bisschen romantisch, ohne Tiefgang, aber mit Esprit. Das lag den Deutschen aber nicht und liegt ihnen immer noch nicht, mindestens nicht den "Künstlern" und "Literaten", denn unter denen ist "Unterhaltungsliteratur" immer noch und immer wieder ein Schimpfwort. (Schreiben se nich und lesen se nich, nü nich.)

In Kopenhagen also wird gebaut und die schönsten Plätze vor den prächtigsten Hotels sind verstellt mit Baugittern und schwerem Gerät. Auch keine Karten mehr für das viel gelobte Ballett sind zu kriegen. Und der Tivoli, der Tivoli öffnet erst wieder am 6. April. (Mit dem Tivoli verbinde ich verklärte Kindheitserinnerungen, ein Wundertraumverlorenland, das vielleicht nie so bezaubernd war, wie ich es mir rückblickend vorgaukle. Ich war wohl 8 oder 9 Jahre alt damals und hatte "sowas" noch nie gesehen: Riesenrad, Puppentheater, Clowns, Geisterbahn....Wie in den Büchern war´s und tausendmal schöner noch, denn ich war mittendrin. Später fuhren wir in den Hafen zur kleinen Meerjungfrau, wo mein Bruder über die Steine sprang. Viel mehr weiß ich nicht mehr von jenem einen Sommertag in Kopenhagen vor mehr als 40 Jahren. Aber die Erinnerung umgibt ein Zauber, etwas Märchenhaftes und Zartes und ich gestehe mir das zu, diese neue Art zu reisen, nicht mehr auf der Suche nach etwas "Neuem", sondern mit Neugier zurück an Orte, an denen ich ein schon einmal war, verbunden mit verschwommenen Erinnerungen und warmen Gefühlen.)

Es wahr ein strahlender Morgen heute früh, blauer Himmel über der Stadt, violette und weiße Krokusse vor dem Schloss Rosenborg. Dennoch waren Schal und Mütze noch angebracht beim Aufstieg auf die Plattform des Runden Turms von wo aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt hat: den Hafen, die Vor Frue Kirke, den klassizistischen Dom von Kopenhagen, Christiansborg, Amalienborg, das rote Rathaus. Im klassizistischen Dom mit den Apostelstatuen von Thorvaldsen bittet ein schmucker Christus alle zu sich an den Altar, auch jene, die sonderbarer Weise mit dem Rücken zu ihm sitzen müssen, denn die Bänke in der Kirche sind einander gegenüber angeordnet wie in einem Zugabteil.

Im sonnigen Kopenhagen von heute erkennt Morel mehr von "Borgen" wieder, mit seiner idealistischen Ministerpräsidentin Brigitte Nyborg, als von der düsteren Stadt aus "Kommissarin Lund", die beim Bürgermeisterkandidaten Troels Hartmann und seinen Konkurrenten im roten Rathaus einen Mädchen-Mörder sucht. Dem kleinen Volk der Dänen jedenfalls gelingen ohne Frage bessere Fernsehserien als den öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten des großen deutschen Nachbarn. Die Dänen, das zeigen sie der Touristin auf Schritt und Tritt, sind mit ihrer eigenen Kultur (dem Essen, dem Kino, der Literatur, dem Fernsehen, der Mülltrennung, den Shampoos) hoch zufrieden. Dieser Nationalstolz trägt durchaus Züge von Selbstzufriedenheit und wirkt dennoch recht charmant. Selbst das Frühstück in unserem Hotel wird als authentisch-nordisch gepriesen und in der Tat schmeckt der warme Beeren-Porridge wirklich lecker.


Dänische Drachen werden auch mit Supermännern fertig. Jederzeit. "We are red, we are white. We are Danish Dynamite." Es geht nämlich nicht immer um´s gewinnen. Sondern zum Beispiel um: Glorie, Grazie und Gemütlichkeit. In dieser oder einer anderen Reihenfolge. Ich beobachte weiter: die glücklichen Dänen und das Geheimnis ihrer Gelassenheit. Morgen ist auch noch ein Tag. In Kopenhagen. 

Mittwoch, 16. März 2016

FRÜHLINGSGEFÜHLE (mal wieder ein Tagebucheintrag)

Es wird Frühling. Vor meinem Fenster zum Park hinaus sprudelt zum ersten Mal in diesem Jahr die Fontäne. (Wasserspiele für die Wasserfrau?) Der Himmel verhangen, doch gelegentlich stehlen sich Sonnenstrahlen durchs Grau und brechen sich sternengleich in den glitzernden Tropfen. Es wird grünen, auch wenn die Bäume jetzt noch kahl sind. 

2010 begann ich das digitale Schreibwerk. Es entsprang einer Verzweiflung, die ich nicht (noch nicht?) in Resignation verwandeln wollte und die doch zu lähmend geworden war, um sie, wie es sonst meinem widdrigen Naturell entspricht, in Wut und Tatendrang zu übersetzen. Es entstanden diese beiden Blogs, die Gleise und das Wasser-Werk, über 1600 Blog-Beiträge, ein Roman, später Artikel für bzw-weiterdenken, das feministische Online-Magazin, bei dem ich als Redakteurin mitwirke. Tägliches Schreiben war kein Zwang und dennoch ein Muss. Ich schrieb stets mehr, als ich veröffentlichte. 

In diesem letzten Jahr kam vieles zum Erliegen. Ich zog mich zurück. Nur ein Stück weit, nicht gänzlich. (Ich  habe es nie gemocht, wenn Bloggerinnen und Blogger mit ihrem Abschied aus dem Netz kokettierten - wie mir schien - , sich wortreich verabschiedeten, nur um wiederzukehren, unverändert oft, bloß die nächste Wiederholungsschleife aufnehmend. Ich weiß, dass auch dieser Blog vor Redundanz strotzt, aber mindestens möchte ich nicht Entwicklungen simulieren.) Ich habe nie geleugnet, dass mein Bloggen mindestens auch selbsttherapeutische Zwecke erfüllt/e (?), ein Versuch war (ist?) mir Bewegungen zu verschaffen, fiktive, die ich mir im "richtigen" Leben nicht zutraue oder nicht zumute. Dennoch ließ sich ja, wie ich feststellte, diese Trennlinie zwischen fiktiver und realer Existenz so strikt, so sicher und so verfälschend, wie ich mir das ursprünglich zurechtgelegt hatte, nicht einhalten. Ich gab das Pseudonym nicht auf, aber ich ergänzte es um meinen Klarnamen. 

Gemischte Frühlingsgefühle, ein Radiobeitrag, den ich auf dem Weg zur Arbeit hörte, der selbstkritische, ja beinahe selbstzerstörerische Post einer Freundin auf Facebook, das Lesen eigener, alter Blogbeiträge, Iris Beitrag zum Weltfrauentag über die Tapferkeit der Frauen, das alles zusammen und jene - auch körperliche - Trägheit, die nicht mehr verzweifelt ist, sondern - ***gestillt*** - , die sich bleischwer über mich gesenkt hat, als Ent-Täuschung im vergangenen Jahr, in genau jenem doppelten Wortsinn, der Enthüllung und Versagung meint, das fügte sich zusammen für mich in einer Reflexion über Liebe und Arbeit und wie sie einander entwerten (können).

An der Liebe - wie an allem - soll und muss der moderne Mensch schwer arbeiten. Weil es eben, wie mir im Radio erklärt wurde, nicht den Einen/die Eine gibt, sondern nur eine oder einen, die man sich dazu macht, mittels Arbeit an der Beziehung nämlich. Dazu muss vor allem, wie der Therapeut wusste, viel geredet werden und am besten über alles. (Ich übertreibe und polemisiere.) Eine jede und ein jeder soll seine Wünsche benennen und dann wird verhandelt. Man liebt sich als Geschäftspartner, sozusagen, man bringt was ein und zieht was ab und am Ende muss die Bilanz stimmen. Und während ich das hörte, kam mir die besagte Freundin in den Sinn, die sich öffentlich geißelte für ihr Versagen, was die familiäre und elterliche Liebesarbeit angeht, die nie genug ist oder richtig gezeigt wird. Jede/r muss sich abarbeiten und optimieren, das gilt auch und ganz besonders, empfinde ich, für jene, die ein neoliberales Weltbild sonst vehement kritisieren, denn unsere Beziehungen, alle, sind in jeder Hinsicht und wahrhaftig so verkorkst, dass nur schwere Arbeit, vor allem an sich selbst, kleine Fortschritte, Emanzipationsbewegungen, erzeugen kann. Und das stimmt ja auch alles. Die Analyse der Gesellschaft, die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit, Paartherapieangebote und Gesprächsrunden, Arbeit am Selbst, Offenlegung der Bedürfnisse, Aushandeln von Kompromissen - alles nötig und richtig und wichtig. Und doch...

Es bleibt ja die Sehnsucht, verstanden zu werden, ohne es einfordern zu müssen. Die Liebe, wo sie wirkt, ist eben doch kein Tauschgeschäft, sondern eine Gabe. Und in der Liebe macht nur glücklich, was gegeben wird, ohne eingeklagt werden zu können. Es ist das Unverhandelbare, das Unvermittelte und Überwältigende, worauf es ankommt: die rückhaltlose und unbedingte Verschwendung von Zeit und Ressourcen, der unzerstörte und unersättliche Augen-Blick. Das gilt, ob es um die Liebe zu Geliebten, Eltern, Kindern oder Freund_innen geht. Wer liebt, hat nicht Recht und braucht es auch nicht zu haben. Wer liebt, vergibt (sich). Und wer sich zurückhalten muss (oder will), verunglückt. Rettungslos. 


O stille! Gute Götter! Immer eilt
Den Sterblichen das ungeduldige Wort
Voraus und lässt die Stunde des Gelingens
Nicht unbetastet reifen. Manches ist 
Vorbei; und leichter wird es schon. Es hängt
An allem fest der alte Tor und da 
Er einst gedankenlos,  ein stiller Knab
Auf seiner grünen Erde spielte, war
Er freier, denn er ist; o scheiden! – selbst 
Die Hütte, die mich hegte, lassen sie
Mir nicht – auch dies noch Götter!

(Hölderlin)

Im Herbst 2011 schrieb ich "Gegen die Spar-Samen" an. Hoffnungsvoll, auf einen Frühling zu: "Wenn dann der Erde Grün von Neuem euch erglänzt..." Ich kann die Hoffnung gerade nicht finden. Ich stecke fest. Aber ich behalte die Sehnsucht im Herzen. Mehr Güte, weniger Werke!

(Mache ich was draus?)

Mittwoch, 2. März 2016

ENTSAGUNG. ENTSAGUNG. ENTSAGUNG ("Ich will mich im Eis ertappen.")

20. Folge von "Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen"






"Dem Nordmeer entgegen", so hatte sie geschrieben, die Schwesterliche. Das Fischweib in seine Kälte entlassend, schwimmend. Kein Ufer nirgends. Heilmann derweil, sich übergebend, am Boden, vernichtet, nach jener Nacht in der Fabrik der Engel, als er den sterblichen Sohn zu retten versuchte, durch das Opfer der Mutter. (Doch: War nicht längst geschrieben worden, anderswo: "Das Mutterhaus steht leer. Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band." Eine aber schrie, immer weiter, wieder: "Nein!")  

Schließlich allerdings wäre auch diesmal beinahe alles wie immer gewesen, nur weniger tragisch, mehr Soap Opera. Er hätte, zweifellos, sich berappeln können, ein weiteres Mal, den hellen Anzug aus dem Schrank nehmen, die Brille zurechtrücken, das Strohhütchen auf den Kopf drücken und an Bord eines weiteren Schiffes gehen als Lebemann (wie einer ihn missbilligend einmal nannte) oder auch, nicht ohne Ironie, als das ewige Seufzen der gepeinigten Kreatur (?), die sich nicht erlösen kann. Und weiter im Text...Warum nicht? Es rumpelte alles dahin. 

Doch dann kamen die Briefe. Diese Drohungen, die du der Schreibenden sandtest, als sei sie nicht Melusine, Drachenweib, fischig, sondern eine säugetierische Mutter, beheimatet in jener wirklichen Wirklichkeit, an die wir mit Gründen nicht glauben. WIR. Sie und Du, Heilmann, zu dem sie dich gemacht hatte: Heiler. Seher. Wissender. Doch machtest du dich klein mit deinen Worten, den ach so poetischen. Begannst die Geschichte in Geschichten zu zerlegen, wolltest ein Mann sein und HERR zugleich, als sei das möglich, ohne aus der Geschichte zu fallen. Wolltest lieben, Heilmann, du, und eine nur, eine nur, eine nur, als seist du nicht der Zampano, dem sie, nur sie, nur sie das Leben einhauchte, damit du es weiter küsst und küsst und küsst, der Nächsten und Nächsten und Nächsten ein und wiederum...:


"Ja, soll denn etwas so Schönes nur einem gefallen

Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen."


Wir waren nicht gemacht, Heilmann, für diese Story, die du dir erfandest, den Schmachtfetzen, die Geigen im Hintergrund, klagend:

Entsagung, Entsagung, Entsagung...

Ach hätten wir es vermocht, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch vom Künftigen zu sprechen, sondern uns nur im Gegenwärtigen zu begegnen. Alles wäre noch einmal gut gegangen. Das war der Pakt, den wir brachen. 

Und dann deine Wut. Die Hiebe, die blutende Faust. (Meine Gewaltphantasien. Ich gebe das zu.) Keinen könnte ich lieben, dem ich nicht etwas Dunkles andichtete. (Dark Knight Darcy.) So viele Klischees haben wir aufgerufen, bevor du dir im Ernst und wirklicher Wirklichkeit die Pulsadern schlitztest. Oder zumindest damit drohtest. (Denn in der wirklichen Wirklichkeit, Heilmann, bist du ein Feigling. Wie ich.) Das Geschäft der Nixen hättest du auch mir überlassen können. Ich hätte dich tot gekitzelt. Denn ich war immer schon mehr für Komödie als für Tragödie als du. 

Warum konntest du nicht verstehen, was das Opfer ist? Eine Fiktion, die wir nicht übersetzen sollen in unsere Körper, sondern auf dem Papier stehen lassen. Weil wir niemanden mehr zerstören müssen. Weil wir ertragen und weiter tragen, dass wir nur Projektionen sind. So, nur so, konnten wir einem jedem und einer jeden eröffnen, was sie zu erfahren wünschten und zu ertragen vermochten. Warum hast du das vergessen?

Wenn du doch einmal schweigen könntest, Heilmann, statt jedes Gefühl zum Anlass zu nehmen. Du bist, warst immer, - die Melusine wollte sich nur drüber täuschen - , ein bloßer Fetischist, Heilmann: Das Wort betest du an und alles, alles wird dir nur wahr, wenn du es aussprichst. Wie sehr wünschte sie sich, dass du einmal für dich behieltest, wie innig du begehrst, wie tief du gefallen bist. Wenn du einmal, einmal nur wärest, statt dich entwürfest. 

Könnten wir dann zusammen zurück an den uferlosen See? In die Tiefen der Erscheinung, blaugrün, wie die Tür, durch die du sie führtest vor Jahren? 

Es zieht uns immer an Meer, beide. Doch wir verfehlen uns. Du suchst die Sonne, deren Schein die Oberfläche des Wassers erwärmt. Den schwitzigen Leib ins kühlende Nass stürzen von einem südlichen Strand willst du. Mich zieht es nach Norden. In die Fjorde. Durch meine Adern fließt ein anderer Saft. In der Sonne staut er, verdickt. Ich will mich im Eis ertappen. 

Es ist alles vergebens, vergeben. Es bleibt uns bloß noch, uns selbst zu zitieren:

Ich küsse mein Leben in dich. Marter-Mann. 

Sonntag, 21. Februar 2016

ZU-NEIGUNG ("Was ist zwischen dir und mir?") Ein Traumbild

Bist mir Stille nicht, ein tönend Signal. Du kannst nichts dafür. Sage ich mir. Eine Bewegung, wie ein Windhauch, vergänglich. 

Diese Frage stellst du, selbstverständlich, nur im Traum, unvermittelt scheinbar: "Was ist zwischen dir und mir?" Alles. Kann ich nicht sagen. "Eine Entdeckung, vor der ich mich fürchte.", antworte ich. Deine Lippen so nah, plötzlich. Dazwischen aber liegt ein Ozean, nicht breit, sondern tief. Wir laufen über die goldenen Brücken, die ihn überspannen. Aus einer Luftperspektive sehen wir uns im Zeitraffer rennen, rennen, rennen. Herüber, hinüber. Unsere Schrittlängen gleichen sich an. Wir berühren uns nie. (Nur einmal, sekundenlang, unsere Schultern.) Unter uns das Meer, so blau.

Perspektivenwechsel: Wir stehen an unterschiedlichen Ufern. Die Brücken lösen sich auf, wie im Film. Goldene Gestalten sind wir, sich neigend, schön. Deine Hände strecken sich. Den meinen entgegen. Wie groß wir geworden sind. Niemals lang genug. Wir bleiben getrennt. Unter unseren bloßen Füßen das Gras, so grün. Ich öffne mich. Dein Lied klingt über dem Sund.

Es könnte leicht sein. Dem Untergang entgegen. "Spring", rufe ich nicht. Ich schaue dir lieber zu, von Weitem. Bin dir geneigt. Und bleib es. Nie liebte ich dich mehr, als wenn du fern warst. Taucher werden wir nicht mehr. Außer in Glocken. Bis an den Grund. Sehen wir uns durch die vergitterten Fenster. Im grünlichen Licht, flackernd. Telepathie (augen - blicklich). Und es ist gut.

Ganz unten dröhnt die Stille in den Ohren. Kann dich nicht hören. Steig auf. Du bist mir anderswo lieber als bei mir. In der Tiefe. Wo du nicht atmen kannst. 

Freitag, 22. Januar 2016

"Kölner Botschaft" statt #ausnahmlos

"Das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik wurde zu Recht ausgiebig beklagt. Wenn es überwunden wurde, dann nicht, weil man ausgesucht tolerant gegenüber der Rückständigkeit der Provinz, gegenüber den Kirchen und ihren Wertvorstellungen gewesen wäre."


Adam Soboczynski "Bitte nicht stören", in: DIE ZEIT vom 21.01.2016

Ich habe #ausnahmslos, den "Aufruf des progressiven Feminismus", wie "Der Freitag" diese Reaktion auf die Silvesternacht von Köln nennt, nicht unterzeichnet. Obwohl ich - selbstverständlich - ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus bin, egal von wem sie ausgehen.


Wer allerdings sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus auch für strukturelle Probleme (patriarchaler) Gesellschaften und Weltanschauungen hält - und nicht nur für individuelle Defekte - , muss sich durchaus Fragen zum sogenannten "soziokulturellen Hintergrund" von Tätern stellen. Das, so würden die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen von #ausnahmslos antworten, bestritten sie in ihrem Text ausdrücklich nicht. Stimmt, einen Satz ist es ihnen durchaus wert. Jedoch hüten sie sich davor, auf den spezifischen soziolkulturellen Hintergrund der Täter von Köln einzugehen. Das hat Gründe. Doch es wäre auch anders gegangen, wie die "Kölner Botschaft" eindrucksvoll beweist, die nicht darauf verzichtet, die konkreten Hintergründe der Kölner Taten zu benennen und die im ersten Absatz eine offensive Position - die der Liebe zur eigenen Stadt -  vertritt, die es - gegen die Täter von Köln, die Pegida-Aktivisten, Nazi-Apologeten und Dschihadisten - zu verteidigen gilt. Anders #ausnahmlos", das die Taten von Köln in den Kontext der sogenannten "whatabouts" stellt, wie Adam Soboczynski das im oben zitierten Artikel nennt: was ist denn mit...Übergriffen von Deutschen auf dem Oktoberfest, was ist denn mit...sexistischer Werbung auf deutschen Plakatflächen, was ist denn mit...mädchenverachtenden Mathelehrern an deutschen Schulen etc. pp. Die Taten von Köln - nichts Besonderes, besonders nicht in Deutschland? Oder habe ich da was falsch verstanden?

Aus einer großen Menge von überwiegend aus nordarabischen Ländern stammenden jungen Männern heraus wurden in der Silvesternacht vor und im Kölner Hauptbahnhof Frauen umzingelt, eingeschüchtert, geschmäht, begrapscht und vergewaltigt. Polizeibehörden, Politiker_innen und wohl auch einigen Medien erschienen die Aussagen der Opfer offenbar in der gegenwärtigen, durch den rechten Mob aufgeheizten Situation problematisch. Vielen Feministinnen, wie es scheint, ebenso. Unmittelbar nachdem erste Zeitungsberichte über die Nacht von Köln in den Medien erschienen, wurden in den sozialen Netzwerken die Aussagen der betroffenen Frauen auch von "progressiven Feministinnen" in Zweifel gezogen: Ob es wirklich vor allem sexuelle Übergriffe und nicht doch vor allem Eigentumsdelikte gewesen seien, woran denn die Frauen überhaupt "Araber" hätten erkennen wollen, wurde zum Beispiel gefragt.  Als sich nach der Veröffentlichung von Polizeiberichten nicht mehr leugnen ließ, dass die Übergriffe mehrheitlich von Tätern begangen worden waren, die aus Marokko und Algerien stammen (die Beobachtungen und Einschätzungen der betroffenen Frauen also bestätigt wurden) setzte die Flut der "what about"-Fragen ein. Die größte Gefahr einer öffentlichen Diskussion über die Vorfälle von Köln war nämlich schnell erkannt: Dass die kriminellen Taten von Köln dem tatsächlich in Deutschland derzeit grassierenden Rassismus in die Hände spielen könnten und der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge dienen würden. Ich verstehe diese Sorge gut. Aber ich teile die Einschätzung nicht. Dem Rassismus und der Menschenfeindlichkeit in die Hände spielt mindestens genauso sehr eine fragwürdige "linke" und/oder "feministische" Toleranz gegenüber bestimmten Milieus und eine rhetorische und sachliche Unschärfe, die Differenzen einebnet, erstrittene gesellschaftliche Fortschritte leugnet und Befremden und Fremdheitsgefühl bei den einen mit geradezu paternalistischem Verständnis (Einwanderern) begegnet  und bei den anderen (Einheimischen) als Rassismus brandmarkt.

Wenn es um die Täterschaft aus einem christlich-katholischen Milieu heraus geht, wird - zurecht! - nicht in ähnlicher Weise reagiert. Niemand betont dann unentwegt, dass auch evangelische oder muslimische Menschen Gewalt gegen Kinder verüben. Vielmehr ist es richtig und wichtig zu analysieren, inwiefern die (zum Teil auch sexualisierten) Gewalttaten gegen Kinder bei den Regensburger Domspatzen offenbaren, dass in der katholischen Kirche und im katholischen Milieu über lange Zeit und zum Teil bis heute (darauf lassen auch jüngste Äußerungen des derzeitigen Papstes schließen) Gewalt gegen Kinder begünstigt worden ist. Die Ursachen für diese Gewaltaffinität und -rechtfertigung liegen auch in der Religion, in bestimmten theologischen Interpretationen biblischer Texte, in einem patriarchalen Familienideal, das als "christlich" verstanden wurde und wird. 

Es dürfte wohl kaum eine der Aussage widersprechen, dass alle drei monotheistischen Religionen patriarchale Denkmuster begünstigt, stabilisiert und verHERRlicht haben und diese ("Wert"-) Vorstellungen bis heute wirksam sind. Daher ist Religionskritik, auch sehr scharfe, weiter nötig und unter dieser selbstverständlich auch "Islamkritik". Kritik an Religionen mit Wahrheitsanspruch ist nämlich kein Rassismus, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Pluralität, Liberalität und Toleranz.

Kein gesellschaftlicher Fortschritt für Frauen, Homosexuelle oder Kinder, keine gesellschaftliche Ächtung von (sexualisierter) Gewalt  - wie immer mühsam, fragil und faktisch unbefriedigend errungen -  wurde durch die religiösen (hier: christlichen) Institutionen und/oder Gruppierungen erzwungen oder herbeigeführt, sondern fast immer gegen sie: ob es um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in und außerhalb der Ehe, das Recht der Frau auf die Entscheidung über Abtreibung oder die Akzeptanz von Homosexualität ging. Dass auf diesen Gebieten Fortschritte erreicht wurden, verdanken "wir" nicht dem "christlichen Menschenbild", sondern dem Zurückdrängen des Einflusses der religiösen Institutionen auf Gesellschaft und Politik. Immer mehr Menschen gestalten ihr Leben, ohne sich durch religiöse Überzeugungen leiten zu lassen, manche bleiben sogar Mitglied ihrer jeweiligen Kirchen, ohne jedoch im Alltag deren "Ratschlägen" oder "Geboten" Beachtung zu schenken. Empfängnisverhütung oder Sex vor der Ehe sind nur die offenkundigsten Beispiele. 

Ja, es gibt in Deutschland sexistische Werbung, sexistische verbale Übergriffe, sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen. Aber Männer und Frauen können in der Regel heutzutage selbst entscheiden, mit wem sie Sex haben wollen, mit wem sie zusammenleben möchten und ob sie eine Ehe als Voraussetzung für sexuelle Beziehungen betrachten. Die Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1994 strafbar. Es gibt keine gesellschaftliche Ächtung außerehelicher sexueller Beziehungen mehr, die Ehre einer Frau wird nicht mehr von ihrer Jungfräulichkeit vor der Ehe abhängig gemacht und auch die Diskriminierung von Homosexuellen is gesellschaftlich nicht mehr mehrheitsfähig. Das ist nicht selbstverständlich, sondern schwer erkämpft. Ich finde es fahrlässig, diese Fortschritte klein zu reden. Diese Errungenschaften (ja, ich nenne sie mal so!) können nur verteidigt werden, wenn der Einfluss des "religiösen" Institutionen (Kirchen, Islamverbände) auf Gesellschaft, Kultur und Politik nicht wieder zunimmt. Die christlichen Kirchen nämlich haben ihre patriarchalischen Positionen bestenfalls modifiziert oder geräumt, wenn sie längst nicht mehr mehrheitsfähig waren. Andernorts, wo die Mehrheitsverhältnisse anders sind, setzt  sich z.B. die katholische Kirche  weiterhin für die Pathologisierung der Homosexuellen ein oder verhindert Verhütung etc. ppp. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Einfluss des organisierten Islam in Deutschland (z.B. durch die  sogenannten Islamverbände) auf die Gesellschaft (und insbesondre die Sexualmoral) positiver wäre.  

Vor diesem Hintergrund finde ich es unerträglich, wenn linke Bekannte und Freunde jetzt z.B. Postings auf Facebook absetzen, die dazu aufrufen, das kriminelle Verhalten der Täter von Köln "mit dem Islam, statt gegen ihn" zu bekämpfen. Schließlich hätten die Täter ja selbst gegen ihre (?) Religion verstoßen, da sie alkoholisiert gewesen seien. Soll ich ernsthaft mit freundlichen, wie die "taz" lustigerweise schreibt, "zutraulichen"  Imamen gemeinsam Abstinenz von Jugendlichen einfordern, obwohl ich selbst gern Wein und Bier trinke und das religiös begründete Verbot für Unsinn halte? Werden "wir" dann bei einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Übergriff in Zukunft im Verein mit katholischer Kirche, evangelikalen Freikirchen und Islamverbänden für die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe eintreten, weil wir hoffen, potentielleTäter (muslimische und/oder christliche) so "erziehen" zu können, ohne sie "umzukrempeln", wie die "taz" es so schön formulierte. In meiner Gewerkschaftszeitung finde ich einen Artikel, der um einen verständnisvollen und "interkulturell sensiblen" Umgang mit der verbreiteten Praxis von Familien aus dem "muslimischen Kulturkreis" wirbt, Frauen aus der Öffentlichkeit fern zu halten. Diese "Rücksichtnahme" auf religiös und/oder kulturell "muslimisch" begründete Missachtung des individuellen Rechts von Frauen und Mädchen, aber auch von Männern und Jungen auf Selbstbestimmung lässt gerade jene im Stich, die wohl aus einem "muslimischen" Kulturkreis stammen mögen, sich aber kritisch zu diesen Traditionen stellen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte gerade nicht, dass hinter den Verbrechen von Köln religiöse Motive stecken. Tatsächlich gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass es sich bei den Tätern um religiös inspirierte Menschen handelte (ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den islamistischen Terroristen, deren religiöse Motivation man m.E. durchaus ernst nehmen muss). Ich bin nur davon überzeugt, dass die monotheistischen Religionen (und damit eben auch der Islam, gleich welcher Prägung) kaum Hilfestellung bei der Prävention solcher Taten anbieten können. Zu - freundlich ausgedrückt - problematisch ist deren Geschichte des Umgangs mit Geschlecht und Sexualität, zu rückständig noch immer in den dominierenden theologischen Strömungen deren Sexualmoral und Familienideal. 

Die Feministinnen, die #ausnahmslos initiiert haben, aber auch viele Linke behaupten, dass der Schock und die mediale Beachtung, die die Verbrechen von Köln gefunden haben, ausschließlich darauf zurückzuführen sind, dass  "Fremde" als Täter aufgetreten sind. Daher ließen sich diese Taten von Rassisten instrumentalisieren. Dem wollen sie vorbeugen. Das ist ehrenwert. In Wahrheit, behaupten sie, handele sich um Tatvorgänge, wie sie in Deutschland immer wieder vorkämen. Sexismus und sexualisierte Gewalt seien strukturelle Probleme, die mit keiner bestimmten Tätergruppe verbunden seien. So allgemein formuliert stimmt das. Es stimmt aber nicht, wenn man die Übergriffe von Köln genauer analysiert. Was viele Menschen, auch jene, die sich nicht durch rassistische Hetze instrumentalisieren lassen, an diesen Taten verstört ist, ist die öffentliche, gemeinschaftliche Hetzjagd auf Frauen. Das hat es so meines Wissens in den letzten Jahren in Deutschland nicht gegeben. Eben auch nicht auf dem Oktoberfest, in Kirmeszelten oder Fußballstadien. Dort gibt es sexistische Sprüche zuhauf, unangenehme Anmache, Angrabschen und es kommt im Umfeld solcher Veranstaltung zu Vergewaltigungen. Was ich noch nie bei einer solchen Veranstaltung erlebt habe, ist,  im öffentlichen Raum umzingelt zu werden, Spießruten laufen zu müssen und keine Hilfe von Ordnungshütern zu bekommen. Anders als viele mir bekannte Unterzeichnerinnen von #ausnahmlos bin ich zum Beispiel jahrelang zu Bundesligafußballspielen ins Stadion gegangen. Sexismus gibt es da zuhauf. Und er ist widerwärtig. Aber eine Situation wie in Köln habe ich dort nie erlebt. Deshalb finde ich es wichtig, den Schock über die Silvesternacht in Köln, den sehr viele Menschen empfunden haben, ernst zu nehmen und nicht als rassistischen Affekt zu brandmarken. 

Einige Frauen aus dem arabischen Kulturraum haben nach den Übergriffen von Köln eine Parallele zu den organisierten Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gezogen, andere haben diesen Zusammenhang vehement bestritten. Slavoj Žižek hält die Übergriffe für einen "obszönen Karneval der Underdogs". Andere gehen davon aus, dass es sich im Wesentlichen um organisierte Diebesbanden aus Marokko und Algerien gehandelt habe, deren "Antanz- Methode" in einer sexualisierten Variante in dieser Nacht aus dem Ruder gelaufen sei. Seit Dezember steigt die Zahl der aus Marokko, Algerien und Tunesien stammenden Antragsteller auf Asyl stark an. In keinem dieser drei Länder herrscht Bürgerkrieg. Für die allermeisten der Antragsteller gilt wohl auch, dass sie keinen Anspruch auf politisches Asyl haben. Die Sorge, dass kriminelle junge Männer aus Algerien und Marokko das europäische Chaos in der Flüchtlingspolitik ausgenutzt haben, um nach Deutschland einzureisen, ist nicht unbegründet. 

Es ist schwierig, in dieser Gemengelage herauszufinden, was im Einzelnen zu den Taten von Köln geführt hat. In den Augen der jungen Männer waren "westlich"gekleidete Frauen, die nachts feiernd unterwegs sind, scheinbar "Freiwild". Es spricht viel dafür, dass es sich um eine Tätergruppe handelt, die - wie man so sagt - wenig zu verlieren hat und ihren niedrigen sozialen Status durch rücksichtslose Gewaltausübung und Respektlosigkeit zu kompensieren sucht. Dazu kommt ein "soziokultureller Hintergrund" aus einer zutiefst patriarchalen Kultur, in der "die Ehre" von unverheirateten Frauen daran gemessen wird, dass sie sexuell nicht aktiv sind, ihre Körperlichkeit verbergen und sich den Männern in ihrer Familie unterordnen. Frauen, die sich dem entziehen, werden geächtet und sollen bestraft werden. Es geht wohl bei solchen Taten und in den Tätergruppen darum, die eigene Erbärmlichkeit weniger zu fühlen, indem andere, vornehmlich Frauen, gedemütigt und unterdrückt werden. Diesem Bedürfnis liefert eben ein Teil der "arabischen Kultur" zwei passende Narrative: Die "Underdogs" können sich einerseits als späte Opfer einer fremden kolonialistischen Invasion begreifen, zu deren Lasten ihre Perspektivlosigkeit noch immer geht (statt sie - mindestens auch - auf das politische und ökonomische Versagen der arabischen Eliten in den letzten 50 Jahren zurückzuführen). Andererseits leiten sie aus der Identifikation mit "dem Islam" eine dem Opfersein diametral entgegengesetzte totalitär empfundene Überlegenheit über die "dekadente" westliche Lebensweise ab (statt eine kritische Auseinandersetzung mit den als" islamisch" empfundenen Traditionen zu führen). Derart gespaltene Selbstbilder (zwischen Opferstatus und Überlegenheit) münden nicht selten in brutalen Gewaltausbrüchen. Eine religiös begründete, rigide Sexualmoral begünstigt darüber hinaus Scheinheiligkeit, Doppelleben und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder. Das war (und ist)  in christlich geprägten Gesellschaften so und das lässt sich ebenso in muslimisch geprägten Gesellschaften und Milieus beobachten. 

Was also tun? Die "Kölner Botschaft" fasst es meines Erachtens gut zusammen: 
1. Ja, sexualisierte Gewalt und Sexismus sind #ausnahmslos bekämpfen. 
Aber auch(!):
2. Bandenkriminalität muss unterbunden werden. Dazu gehört auch die Abschiebung von Kriminellen aus Algerien und Marokko in ihre Heimatländer. Denn es ist dieser multikulturellen Gesellschaft nicht zumutbar, dass diese Länder ihre Jugendkriminalität hierher exportieren. Das schadet nicht zuletzt den vielen Zuwanderern aus Marokko und Algerien, die schon lange gesetzestreu hier leben.
3. Die Polizei stärken, indem das Versagen der politischen und administrativen Führungsebene in der Kölner Silvesternacht schonungslos aufgeklärt wird.
4. Ein offenes, gastfreundliches Land bleiben (oder werden), in dem Fremdenfeinde und nicht Fremde geächtet werden und in dem die Werte, die im Grundgesetz dargelegt sind, allen Zuwanderern vermittelt werden als jene, auf die die Gesellschaft, deren Schutz sie suchen, zu Recht stolz ist (in dem Bewusstsein, dass ihre Realisierung eine stete Aufgabe bleibt).