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Mittwoch, 26. Dezember 2012

ENDE UND ANFANG (Ein Jahr später)




Am Anfang des Jahres war Elke am Ende gewesen. Wie eingemauert hatte sie dagesessen in ihrer Trauer, nicht einmal zur Arbeit hatte sie sich aufraffen können. Ihre Ersparnisse waren dahin geschmolzen in den ersten Wochen und Monaten nach Judiths Tod. Sie war auch voller Wut gewesen, einer unsinnigen Wut darüber, dass Judith es nicht geschafft hatte, nicht bis Weihnachten, nicht bis in das neue Jahr 2012, wie sie es doch fest versprochen und woran sie beide sich geklammert hatten: noch bis Heilig Abend, noch bis Neujahr.

Am 23. Dezember um 17.26 Uhr war Judith gestorben. So stand es auf dem Totenschein. Vielleicht war es auch einige Minuten früher gewesen. Sie hatte den Arzt gegen drei angerufen, weil Judith nicht mehr erwacht war, nachdem sie sich nach dem Frühstück oder was sie sich eben angewöhnt hatten so zu nennen, diese drei Löffel Brei, die sie noch herunter bekam, nicht mehr aufgewacht war. Ihr Schlaf war unruhig geworden, unregelmäßig und flach ihr Atem. Nichts daran war besonders auffällig oder ungewöhnlich gewesen und dennoch hatte Elke die Panik erfasst. Sie war in der Wohnung auf- und abgelaufen; sie hatte die Weihnachtssterne, die sie ins Fenster gestellt hatte, gegossen, sie hatte sich auf dem Balkon eine Zigarette angezündet und nur wenige Züge genommen, bevor sie wieder hineingegangen war, um nach der sterbenden Freundin zu schauen. Alles war unverändert auf den ersten Blick. Aber Elke sah nun unter der dünnen, blassen Haut der Freundin  den Totenschädel sich abzeichnen. Judiths Haut hatte auch, so glaubte Elke zu erkennen, einen grünlichen Ton angenommen, ganz schwach, und wenn sie sich zu ihr herabbeugte, dann schien es ihr, als habe sich auch der leicht säuerliche Geruch, der von der Kranken ausging, gewandelt, habe eine süßliche, ekelerregende Note bekommen.

Sie hatte Manuelas Namen auf ihrem Handy-Display angetippt, aber dann hatte sie es ausgeschaltet, bevor es bei der klingeln konnte. Was hätte sie sagen sollen? „Sie riecht komisch. Sie schnauft seltsam.“ Gleichzeitig dachte sie: „Elfentanz.“ Es war ihr als schwebten Elfen im Raum. Judith war eine Elfe. Sie tanzte davon. Selbstverständlich wusste sie, während sie das dachte und vor sich sah, dass es nur Einbildungen waren, die sie sich in ihrer Verzweiflung vorgegaukelte. Nur die war echt, die fürchterliche Gewissheit: Judiths letzte Stunde hatte geschlagen. Und so war es gekommen. Sie hätte eine von Freundinnen anrufen können. Oder Judiths Mann. Vielleicht hätte sie das tun müssen. Aber sie hatte es nicht gekonnt. Nicht weil sie allein hatte von Judith Abschied nehmen wollen. Das hatte sie auch nicht gekonnt. Sie hatte nicht Abschied genommen. Sie war herumgerannt in der Wohnung wie ein aufgescheuchtes Huhn und hatte schließlich den Arzt angerufen. Sie hatte niemanden anders anrufen können, weil sie keine Worte hatte, weil nichts herauskam, wenn sie versucht zu sprechen, dass Handy in der Hand. Später hatte sie Mails geschickt: „Judith ist tot. Die Beerdigung ist noch vor Silvester. Am 28. Dezember. Kommst du? Wir treffen uns bei mir.“ Der Mann war gekommen, Manuela und Gabi. Der Mann hatte offenbar noch Kolleginnen von Judith Bescheid gegeben und einigen alten Freunden des Paares. Die Aussegnungshalle war zur Hälfte gefüllt gewesen. „Sprichst du nicht?“, hatte Gabi gefragt. Sie hatte nur den Kopf geschüttelt. Der Mann hatte alles organisiert. Mr. Perfect, wie immer. Elke fragte sich, wie er das ertrug. Judith hatte sich bis zum Schluss geweigert, ihn noch einmal zu sehen. Sie gaben einander die Hand am Ende der Zeremonie, aber sie schauten sich nicht in die Augen.

Sie hatte mit niemanden sprechen wollen. Sie hatte sich eingemauert in ihren Schmerz und ihre Wut. Dicke Ziegelsteine waren das, schmutzigbraunrot. Sie fühlte sich als Versagerin, bis zum neuen Jahr hätten sie es hinkriegen müssen, Judith und sie.  Sie räumte wie besessen die Wohnung auf, putzte die hintersten Ecken klinisch rein, ließ das Krankenhausbett abholen, das sie für Judith ins Wohnzimmer gestellt hatte, brachte Judiths Kleider zum Container des Deutschen Roten Kreuzes,  packte ein letztes Päckchen, das sie an den Mann adressierte, mit Judiths Papieren. Doch die Briefe von Manuela mit dem Märchen vom Meer, das eine noch beinahe kindliche Judith geschrieben hatte,  behielt sie für sich. Die Freundinnen riefen an, versuchten sie zu einem Spaziergang abzuholen, eine Verabredung im Café zu vereinbaren. Sie schlug alles aus. Sie ging nur noch runter zum REWE im Erdgeschoss, um das Notwendigste einzukaufen. Viel brauchte sie nicht. Sie sah im Spiegel, wie ihre Haut über den Wangenknochen dünner wurde und anfing zu spannen. Vielleicht, dachte sie, kommt mein Totenschädel auch raus.

Nur der Rosenkavalier hatte nicht locker gelassen. Jeden Tag hatte er angerufen. Immer wieder hatte er sie abgepasst, an die gegenüberliegende Hauswand gelehnt und ihr die Plastiktüten durchs Treppenhaus hoch getragen vor die Wohnungstür, die sie ihm vor der Nase zuknallte. Er hatte sich nicht abwimmeln lassen. Er hatte seine Hand in die Mulde an ihrem Rücken gelegt und sie gestützt. Er hatte seine Lippen an ihre Wange gelegt und sie gewärmt. Er hatte mit seinen Fingern über ihren Handrücken gestrichen an der Supermarktkasse und sie hatte irgendwann nicht mehr die Kraft gehabt, sie wegzuziehen. Sie hatte gedacht: „Warum tut er das?“ Dabei war die Antwort klar. Er liebte sie, wie sie noch keiner geliebt hatte. Ausgerechnet der Rosenkavalier. Der Jüngling. Die Trophäe. Das ganzkörpertätowierte Experiment, das sie sich gegönnt hatte. Den sie ausgesetzt hatte, als es ihr zuviel geworden war, als sie den leidenschaftlichen Sex mit dem voll ausgekostet hatte, als sie die sterbende Judith bei sich aufgenommen hatte.

Aber er war einfach nicht gegangen. Hatte ihr seine Freundschaft aufgenötigt. Hatte seine Bedürftigkeit ausgestellt, ohne zum Stalker zu werden. Immer auf dem Sprung, sich zurückzuziehen, niemals aufdringlich. Sie hatte die Tür einen Spalt offen gelassen. Judith hatte nichts dazu gesagt. Nur einmal ihrem Erstaunen Ausdruck verliehen: „Er ist sexy und nett.“ Dann musste sie husten. Zum Schluss hatte Elke ihn nicht mehr herein gelassen. Am Telefon hatte sie ihn abgewimmelt. Irgendwie hatte er doch von der Beerdigung erfahren. Aber sich nicht an ihre Seite gestellt am Grab. Sie hatte ihn wie ein Kind behandelt und er war zum Mann geworden. Ihre mütterlichen Gefühle für ihn verschwanden mit allen anderen Gefühlen in der Eiszeit nach Judiths Tod.

Aber er gab nicht auf und im März fiel ein Stein aus ihrer Mauer. Er hob ihn auf. Ein Kuss im Flur, flüchtig. Er legte den Stein sorgsam in eine Ecke. „Darf ich uns einen Kaffee kochen?“ Tage später gingen sie in den Zoo. Sie war noch nie im Zoo gewesen. Sie standen lange bei den Elefanten. Sie redeten an diesem Tag weniger als vier Sätze miteinander. Nach dem Essen ging sie mit zu ihm. Sie ließ sich ausziehen. Er brachte sie ganz langsam zum Glühen. Und es war gut. Es war anders als all die Male zuvor. Sie konnte nicht mehr einfach weggehen. Als sie am Morgen ihre Tasche packte, besprach sie das Abendmahl mit ihm. „Bringst du die Steaks mit?“ Ende April fing sie wieder an zu arbeiten. Anfang Juni war ihr Konto wieder im Plus. Doch er zog nicht vor Oktober bei ihr ein.

Elke stand auf dem Balkon und rauchte. Am Anfang des Jahres war sie am Ende gewesen. Das Ende dieses Jahres war ein Anfang. Sie lebte. Sie lebte zum ersten Mal im Leben mit einem anderen Menschen freiwillig zusammen. Außer in jenen letzten Wochen mit Judith. Aber das war etwas anderes gewesen. Sie hatte einen Anfang gemacht. Er war sehr vorsichtig gewesen. Alle Steine waren sorgfältig in ihrer Ecke gestapelt. Sie konnte jederzeit wieder eine Mauer errichten. Er war immer noch fünfzehn Jahre jünger als sie. Sie konnte immer noch nicht verstehen, was er in ihr sah, was ihn an sie band. Aber sie hatte ihn hereingelassen. Sie wollte ihn nicht wieder fortschicken. „Ich brauche dich.“, flüsterte sie in den Dezemberwind. Sie würde ihm das nicht sagen. Noch nicht. Judiths Todestag. Es klingelte. Manuela und Gabriele. Der Rosenkavalier war ausgegangen, rücksichtsvoll wie immer. Elke drückte die Zigarette in einem  Blumentopf aus. 

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*Ich hätte nicht gedacht, dass ich von Elke noch einmal höre. Oder von Manuela und Gabriele. Über den Tod gibt es nichts zu sagen. Nur über das Leben danach. Vielleicht.

Samstag, 4. Februar 2012

Dritter Advent (2): GEHEN UND BLEIBEN (11. Folge von: FRAUENSACHEN)




So zu viert zusammengesessen hatten sie zum letzten Mal vor mehr als einem dreiviertel Jahr. Da hatten sie noch nicht gewusst, wie krank Judith war und dass sie sterben würde.
„Jede muss sterben. Das wussten wir immer. Wir haben es nur verdrängt.“, sagte Judith, als habe sie die Gedanken der anderen gehört. „Guckt nicht so bedrückt. Ich wünsche mir, dass das ein schöner Nachmittag wird.“
Manuela legte ihr die Hand auf die Schulter. Der Knochen stieß spitz hervor. Sie strich eine Falte aus dem weichen grünen Seidenkleid.
„Du siehst schön aus.“
„Danke. Du siehst auch gut aus.“
Manuela war wie immer lässig gekleidet, Jeans und Hemdbluse darüber. Aber ihre kurzen Haare waren modisch mit Gel gestrubbelt und sie hatte sogar ein wenig Rouge aufgelegt. Außerdem wirkte sie strahlend, leicht und heiter, trotz der Traurigkeit, die auch in ihr Judiths körperliche Schwächung auslöste.
„Ich bin verliebt.“
Elke verschluckte sich beinahe an ihrem Adventstee.
„Du?“
„Haste gedacht, das könnte mir nicht passieren? Es ist nicht das erste Mal, liebe Elke.“
„Aber lange her, zumindest dass du mir davon erzählt hast.“
„Ja, ich habe mir´s nicht mehr erlaubt seit...“ Sie sah Judith an. Die lächelte wehmütig.
„Seit ich dich verraten habe.“
„Du hast mich nicht verraten. Du liebtest mich nur nicht auf diese Weise.“
Gabi sah von einer zur anderen.
„Worum geht es hier?“
„Das ist lange her.“
„Wer ist es denn? Und wie kommt dein Mann damit klar?“, fragte Elke.
Gabi wollte ihre Frage wiederholen, aber Elke stoppte sie mit einer Handbewegung.
„´Es ist kompliziert´, würde man wohl bei Facebook angeben. Es gibt niemanden und ich glaube, es wird auch nie jemand anderen geben, bei dem ich mich so geborgen fühle, wie bei ihm. Wir werden immer zueinander gehören, hoffe ich. Aber ich habe ihn nie so begehrt, wie...“
„Wie Judith?“, Gabi konnte einfach nicht aufhören nachzuhaken.
„Genau. Nie so wie Judith. Und andere Frauen. Danach. Davor. Eigentlich habe ich immer Frauen begehrt. Aber ihn habe ich geliebt. Ihn liebe ich. Deshalb habe ich mir was vorgemacht. Immer wieder. Dabei wäre es so einfach gewesen.“
„Es ist ihm recht, dass du eine lesbische Beziehung hast?“ Gabi staunte.
„Es ist ihm recht, dass ich glücklich bin. Und diese Frau macht mich verdammt glücklich. –Und geil!“ Manuela lachte.
„Lernen wir sie mal kennen?“ Elke war neugierig.
„Vielleicht. Es ist noch frisch.“
„Und ihr bleibt zusammen, dein Mann und du?“ Gabi konnte das immer noch nicht fassen.
„Klar. Das ändert nichts an unseren Gefühlen für einander.“
„Und Sex?“
„Haben wir weiterhin. Ohne Eindringen.“, Manuela lachte wieder. „Wie gehabt.“
„Und die Frau? Für die ist das auch o.k.?“
„Bis jetzt.“ Manuela wurde ernst. „Das weiß ich noch nicht, wie das weitergeht.“
Die Freundinnen schwiegen einen Moment.
„Elke hat sich von ihrem Rosenkavalier getrennt.“, verriet Judith schließlich.
„Dem schönen, jungen, sexbesessenen? Warum das denn?“
„Vielleicht eben deshalb.“ Elke zog Gabi ein wenig auf.
„Schon einer Neuer in Sicht?“ Gabi konnte es nicht lassen, ein wenig zu sticheln. Aber Elke ging nicht darauf ein.
„Diesmal nicht. Ich hoffe, wir bleiben Freunde. Ich bemühe mich drum.“
„Das wäre allerdings neu.“ Da war ein wenig Schärfe in Gabis Stimme.
„Er ist nett. Sehr jung, sehr leidenschaftlich, sehr am Boden zerstört. Er wird es verstehen und etwas lernen.“ Judith bemühte sich, die Klippe zu umschiffen.
„Und du? Hast du mit deinem Ex wenigstens mal telefoniert?“
„Nein. Habe ich nicht. Ich weiß, dass du meine Entscheidung missbilligst, Gabi. Das tut mir leid.“ Judith sprach sehr leise.
„Ich verstehe es einfach nicht. Er liebt dich.“
„Ich liebe ihn auch. Aber wir haben es nicht geschafft. Wir sind einander nicht nah gewesen, als es darauf ankam. Ich kann die Nähe dieser Fremdheit jetzt nicht ertragen.“
Wieder schwiegen sie alle vier für eine Weile.
Gabi seufzte schließlich.
„Mein Beziehungsstatus´ hat sich auch geändert.“
„Was?“, Elke reagierte am schnellsten.
„Ich bin wieder Single. Wobei ihr das ´wieder´ im Grunde weg lassen könnt. Als erwachsene Frau war ich noch nie Single.“
„Bist du ausgezogen?“
„Ja, seit drei Wochen lebe ich in meiner eigenen Wohnung. Es fühlt sich erstaunlich gut an. Ich vermisse nichts, bis jetzt. Und ich habe mich auch noch nicht bei Elite-Partner angemeldet.“ Sie sah provozierend zu Elke hinüber.
„Elite-Partner...“, Elke wollte schon darauf anspringen, doch dann traf ihr Blick sich mit Gabis und sie musste lachen.
„Mich freut das für dich. Ehrlich.“
„Wisst ihr, was mir grade auffällt? Wir sind kinderlos. Alle vier. Nur deshalb können wir uns das leisten. Das Kreisen um den ´Beziehungsstatus´ wie Twens. Einfach gehen und die Tür  hinter uns zu machen.“
„Frauen mit Kindern trennen sich auch.“
„Entdecken, dass sie lesbisch oder bi sind.“
„Verlassen ihren jüngeren Lover.“
„Das stimmt. Aber einen Mann, mit dem du ein Kind hast, den kannst du nie ganz hinter dir lassen. Den wirst du nie wieder los. Selbst wenn du keinen Kontakt mehr hast.“
„Wahrscheinlich hast du Recht. Ich habe noch nie so darüber nachgedacht.“
„Ist das ein Privileg oder eine Bürde?“
„Dass wir uns entscheiden können und müssen - ohne Rücksicht auf Kinder zu nehmen oder vorzuschützen?“
„Ich hätte gerne Kinder gehabt. Ich hatte so viel Glück. Einen Beruf, in dem ich gut bin. Einen Mann, der mich liebt und den ich begehre. Ein Einkommen, das ein wenig Luxus erlaubt. Aber in diesem einen Punkt, der für mich wesentlich war, ist mein Leben missglückt.“
Sie sahen Judith an. Ihre Augen waren trocken, nicht eine Spur von Feuchtigkeit. Sie hatte das ganz sachlich gesagt, ohne einen Hauch von Selbstmitleid. So wog es noch schwerer.
Elke nahm Judith in den Arm.
„Gute Freundinnen. Auch damit hast du Glück. Und du bist ein Glück für mich.“

Sie rückten auf dem Sofa um Judith zusammen und drückten sich. Noch lange saßen sie später zusammen, ratschten, lästerten, lachten und aßen. Sie empfanden Freude daran, so unterschiedlich zu sein und einander so nah heranzulassen.

Die Missverständnisse und unterschwelligen Vorwürfe, die ihr letztes Treffen zu viert dominiert hatten, waren verschwunden. Judiths Sterben hatte sie alle dazu gebracht ehrlicher zu sich selbst zu sein. Sie wussten nicht, wohin ihre Entscheidungen sie führen würden. Sicher war nur, dass Judith das nicht mehr erleben würde.

„Aber Weihnachten, Weihnachten schaffe ich noch.“, sagte sie zum Abschied.

Freitag, 13. Januar 2012

Dritter Advent (1): KÜSS MICH (10. Folge von Frauensachen)

Fortsetzung der Serie:  FRAUENSACHEN. Vier Frauen, Sex und der Tod


Am dritten Advent war Elkes Wut auf Gabi verraucht. Sie fühlte sich schuldig deswegen, weil es ihr schien, als gebe sie mit der Wut den Widerstand gegen Judiths Sterben auf. Auch kam es ihr wie ein Verrat an der Freundin vor, die noch nicht ihren Frieden gemacht hatte.


Elke öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Judith war wach. „Ich freue mich, dass wir heute  mal wieder alle vier zusammen sein werden.“ „Ja, ich auch.“ „Trotz des Streits mit Gabi?“ Elke setzte sich zu Judith auf die Bettkante. „Ich war sehr wütend auf sie. Und plötzlich ist es weg.“ „Sie mag ihn sehr, meinen Mann.“ Judith lächelte. „Vielleicht zu sehr.“ „Was meinst du damit?“ Daran hatte Elke noch nie gedacht. „Es ging mir öfter auf die Nerven, wie sie von ihm schwärmte. Mr. Perfect hat sie ihn genannt. “ „Das ist mir nie aufgefallen. Vielleicht, weil ich ihn immer so langweilig fand.“ Judith knuffte Elke in die Seite. „Das ist gemein. Mir hast du das nie gesagt.“ „Wo denkst du hin? Eisernes Freundinnengesetz: Kein schlechtes Wort über den aktuellen Lover.“ „Er war aber ziemlich lange aktuell.“ „Eben.“ Judith lachte, so laut es eben noch ging. „Was ist mit dem Rosenfreund?“ „Vorbei.“ „Er ruft aber dauernd an.“ „Er ist schwer gekränkt. ´Bisher habe ich immer Schluss gemacht mit den Frauen.´, hat er gesagt. Er ist ein Kind.“ „Du hast ihn sehr lieb.“ Elke lächelte, während sie die Decke glatt strich. „Das stimmt. Ich glaube, ich habe noch nie so ein sanftes Gefühl für einen Mann gehabt.“ „Vielleicht könnt ihr ja beste Freunde werden.“ „Das hoffe ich. Er wird mich brauchen. Noch oft.“ „Ein Ersatz? Für mich?“ Elke zuckte zusammen. „Das war fies.“ „Entschuldige. Ich bin noch nicht drüber weg. Über die Bitterkeit.“ Elke presste Judiths knochigen Körper an sich. „Geh nicht.“, flüsterte sie. „Will ich nicht.“ Judith wischte sich mit dem Handrücken die Nase. „Tut mir leid. Scheiße.“ Elke schaute sie an. „Wir sind noch nicht fertig.“ „Ich sehe schrecklich aus.“ „Das stimmt leider.“ „Hilf mir, mich hübsch zu machen.“  

Das war neu.  Seit sie bei Elke wohnte, hatte Judith auf Make up verzichtet. Sie trug meistens eine Jogginghose und ein Sweatshirt. „Ich will gut aussehen heute Nachmittag. So gut wenigstens, wie es geht.“ „Make up? Kleider?“ Elke holte den Rollstuhl aus der Nische. „Komm.“ Judith ließ sich vorsichtig in den Stuhl gleiten und richtete sich auf.

Elke stellte sich hinter sie und strich ihr durch die kurzen, dunklen Haare. „Wie lockig die sind.“ „Ich habe immer viel Zeit darauf verwendet, sie glatt zu ziehen.“ „Ich finde, es sieht hübsch aus. Ich könnte es ein wenig in Form schneiden, willst du?“ „Oh ja.“ Elke holte ihre Schere und zwei Handtücher. Eines legte sie hinter den Rollstuhl auf den Boden und das kleinere Judith um die Schultern. „Ein bisschen komisch ist das schon, nicht in den Spiegel gucken zu können.“ „Vertraust du mir?“ „Was bleibt mir übrig? So viel kannst du ja nicht mehr verderben.“ „Blöde Kuh. Ich kann das.“ „Fang an.“ Elke stellt sich vor Judith, zupfte an deren Haaren, zog Büschel in die Länge, schnippelte hier und da ein wenig. „Bitte lass es uns auch waschen.“ „Na klar. Du sollst schimmern und duften. Lass mich nur nachschauen, ob es im Bad warm genug ist.“  Judith wartete. Sie mochte den Druck von Elkes schlanken, kräftigen Fingern auf ihrem Kopf. Wenn die Freundin ihr hinterm Ohr entlang strich, fühlte sie wohlig eine Gänsehaut über ihre Arme schaudern. „Ist in Ordnung.“ Elke war zurück und schob den Rollstuhl ins Bad.  „Wir machen es über der Badewanne. Kannst du dich so vorbeugen?“ „Geht schon.“ Das Shampoo roch nach Kirschblüten und Judith fühlte sich eingehüllt in eine Illusion von Frühling.  Elke schlang ihr das Handtuch um das Haar und rubbelte sie zärtlich. Judith streckte den Händen ihren Hals entgegen und schnurrte. „Ich knete dir ein wenig Stylingshampoo hinein und dann föne ich es ganz strubbelig.“

Als sie fertig war, betrachtete Elke ihr Werk zufrieden. „Schon viel besser.“ „Lass mich schauen.“ Judith wollte sich aufrichten, um in den Badezimmerspiegel zu blicken. „Nix da. Du wartest, bis ich fertig bin. Elke öffnete ihren Kosmetikkoffer. „Dass du das noch nie zuvor für mich gemacht hast.“ „Du hast mich nie gefragt. Und ich dachte auch immer, es interessiert dich nicht genug.“ „Deine Arbeit? Ich war immer beeindruckt von den Masken, die du geschaffen hast.“ „Ja, ich weiß. Seit ich für Theater und Film arbeite. Aber früher habt ihr doch alle gedacht, ich verschwende meine paar Talente als Kosmetikerin und Stylistin.“ „Hast du das geglaubt? Dass ich das denke?“ „Hast du nicht?“ „Nein, ich fand es mutig, wie du dich durchgesetzt hast. Einfach das gemacht, was du wolltest.“ „Hast du doch auch.“ „Meine Wünsche passten aber besser zu den Vorstellungen meiner Eltern.“ „Ja, darin warst du schon immer geschickter als ich: Wünsche zu haben, die erfüllbar sind.“ „Einige haben sich nicht erfüllt – und werden es auch nicht mehr.“ Elke strich der Freundin über die Schultern. „Was noch geht, werde ich versuchen.“ „Ich weiß.“ Während des Gesprächs trug Elke eine Grundierung auf Judiths Haut auf, strich mit einem zarten kleinen Pinsel über Augenlider und Brauen, um verschiedene Farbtöne aufzutragen, mit einem kleinen Schwämmchen verwischte sie Rouge auf den Wangen. „Und ein Finish mit dem Kristallpuder. Lippenstift?“ „Entscheide du. Aber vorher habe ich noch einen Wunsch.“ „Ja?“ „Küss mich. Einmal. Richtig.“ Elke schluckte. Dann kniete sie sich zu Judiths Füßen und nahm deren Kopf zwischen die Hände. Judith  schloß die Augen. Wie einen Hauch fühlte sie Elkes Lippen auf den ihren. Sie öffnete den Mund ein wenig und Elkes Zunge tastete sich vor. Es wurde ein langer Kuss und ein schöner. Als sie sich von einander lösten, mussten sie beide lachen. „Das wenigstens habe ich nicht verpasst.“, sagte Judith. „Ich liebe dich.“ „Ich dich auch.“ Elke trug den Lippenstift auf.  „Du siehst gut aus.“ „Lass mich sehen“. Elke holte einen Spiegel aus dem Wandschrank.  Es war ein neues Gesicht, das Judith anschaute: Schmal, durchscheinend, mit übergroßen Augen, aber nicht erbarmungswürdig blass und krank. „Danke.“  „Das Goldpuder heben wir für Weihnachten auf.“ Das war ein Versprechen, verstand Judith. „Ich habe an das grüne Kleid gedacht. Der Stoff ist weich und bequem, trotzdem sieht es schick aus.“ „Und der Schnitt sorgt für die Kurven, die mir fehlen.“ Elke legte ihren Mund für einen Moment in Judiths Haar. „Du wirst schön sein.“

Sie schob Judith zurück ins Wohnzimmer. „Wartest du einen Augenblick, damit ich mich auch zurecht machen kann? Dann helfe ich dir mit dem Kleid.“ In ihrem Schlafzimmer nahm Elke ihr Blackberry aus der Tasche und schickte SMS an Manuela und Gabi: „Macht euch schön. Wir feiern.“ Sie war nicht sicher, ob die Nachricht die beiden noch rechtzeitig erreichen würde. Egal, Gabi war sowieso immer schick. Judith in ihrem Rollstuhl im Wohnzimmer legte den Kopf in den Nacken und räkelte sich. Ich will nicht sterben. Aber wenn es schon sein muss, dann halt so. 

Donnerstag, 15. Dezember 2011

ZWEITER ADVENT (9. Kapitel zu FRAUENSACHEN)



Elke stellte den Adventskranz, den sie auf dem Weihnachtsmarkt gekauft hatte, auf dem Tisch ab. Der Tannenduft breitete sich in dem geheizten Raum aus. Judith schlief noch. Oder wieder. Sie schlief viel jetzt. Elke ordnete ein wenig die Medikamente, die auf dem Tischchen neben dem Bett lagen. Es war gut, dass Judith und sie sich Hilfe leisten konnten. Judith hatte nicht darum gebeten, bei Elke gepflegt zu werden. Aber als klar geworden war, dass sie nicht allein in ihrer Wohnung bleiben konnte, hatte Elke das Angebot gemacht und Judith hatte nicht gezögert, es anzunehmen. Ich habe etwas Richtiges getan, ohne darüber nachzudenken, dachte Elke. Ohne dass ich geahnt habe, was auf mich zukommt. Es ist  vor allem gut für mich. Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt. Sie sah hinunter auf den ausgemergelten Körper ihrer besten Freundin. Wir haben das nicht gewusst, all die Jahre. Wie sehr wir zueinander gehören. Ihr Mobile klingelte. Sie hatte vergessen, es auf stumm zu schalten, als sie die Wohnung betrat. Judith zuckte, schlief aber weiter.

Elke sah auf den Display. Der tätowierte Prinz. Sie lächelte, trat auf den Flur hinaus und schloss sacht die Tür hinter sich. „Du?“ Er war beleidigt. Weil sie ihm nicht mehr so begeistert zu Willen war wie zu Anfang. Stellte die albernste Frage: „Liebst du mich noch?“ Sie hatte nie zu ihm gesagt, dass sie ihn liebe. „Ach komm.“ Dann wurde er wehleidig, flehte. Heute Abend, unbedingt, er brauche sie, es gehe ihm nicht gut,  er sei in einer Krise, beruflich und auch sonst, eine Sinnkrise, er wolle vor allem mit ihr..., etwas klären, auf eine andere Ebene heben das alles,.. Sie hörte ihm zu und fühlte eine Woge der Zärtlichkeit in sich aufsteigen. Er war ein Kind, ein verängstigtes, trauriges Kind, das gehalten und getröstet werden wollte. „Ja, ich komme zu dir.“, sagte sie. „Bis dann“.  Sie schaltete das Mobile ganz aus, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. „Ich liebe dich.“, flüsterte sie probeweise. Sie musste kichern. Sie wusste in diesem Augenblick, dass sie den rosigen Schwanz des Prinzen nie wieder in ihren Mund nehmen würde. Aber ich liebe dich wirklich, dachte sie. Nur nicht so. So liebe ich dich nicht, dass ich dich schön finde, wenn ich dir den Speichel vom Mund wische. Weil du dich so nach mir sehnst, begehre ich dich auch nicht mehr. Weil du so zitternd die Hand nach mir ausstreckst, kannst du mich nicht mehr erregen. Weil deine Rose keine Dornen mehr hat, ziehst du mich nicht mehr an. Aber ich liebe dich wirklich – wie....einen Sohn, dachte sie kurz. Aber dann schüttelte sie den Kopf. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt, ein eigenes Kind zu haben. So heftig ist das nicht, was ich für dich fühle. ...Wie einen Neffen. Wenn ich ihm das sage, ist es vorbei.

Als sie später Judith davon erzählte, sagte die: „Deshalb musst du es ihm sagen.“ Elke nickte. Sie hatte Tee gekocht, die gekauften Plätzchen auf den Tisch gestellt, obwohl sie wusste, das Judith kaum mehr Appetit hatte, und zwei Kerzen angezündet. „Weißt du, was mich gewundert hat? Dass du sofort zugestimmt hast, zu mir zu ziehen. Früher hättest du Hilfe immer abgelehnt.“  „Ich kann mir das nicht mehr leisten, mich zu zieren.“ Elke strich ihr über den Arm. „Ich bin froh, dass du da bist.“ „Solange ich da bin.“, Judith lachte. „Ich will nicht sterben.“ „Auch darüber bin ich froh.“ „Ich vermisse ihn gar nicht, weißt du?“ „Deinen Mann?“ „Ja. Ich wusste, dass ich ihn nicht dabei haben wollte. Ist das sehr grausam?“ „Hat Gabi das gesagt?“ „Nein. Was meinst du?“ „Ja. Es ist schlimm für ihn. Nehme ich an.“ „Danke.“ „Wofür?“ „Dass du ehrlich bist. Und mir trotzdem hilfst.“ „Nicht trotzdem. Deswegen. Weil du jetzt ehrlich zu dir selbst bist. Du nimmst, was du brauchst.“ „Was noch geht.“ Judith lachte. „Ich hätte mich gern noch einmal Hals über Kopf verliebt. Mich am Strand wild geliebt mit einem. Oder heiße Tränen vergossen vor Herzeleid.“ „Soll ich dir den Ganzkörpertätowierten abtreten? Er ist gut: Geil und romantisch.“ „Mit Rose.“ Judith schaute an ihrem Körper hinab. „Aber dazu wird er sich nicht überwinden können. Und ich auch nicht.“ Sie schwiegen eine Weile. Judith dämmerte vor sich hin.

Sie blinzelte in die Kerzen. „Du hattest nie einen Adventskranz.“ „Stimmt. Keine Kinder. Kein Weihnachtsfest. Ich bin immer in den Süden geflogen.“ „Wir waren meistens an der See in den letzten Jahren.“ Judith schluckte. „Die Ostsee werde ich nicht mehr sehen.“ „Willst du...?“ „Nein, das schaffe ich nicht mehr. Danke.“ „Dir auch.“ „Wofür?“ „Ich war noch nie so daheim, seit ich von meinen Eltern weg bin.“ Judith versuchte zu lachen, konnte die Schmerzen im Unterleib aber dann nicht ertragen und beließ es bei einem Lächeln. „Krieg´ ich auch einen Baum?“ Sie schlief ein.

Elke packte ihre Sachen zusammen und klopfte kurz bei der Pflegerin, um Bescheid zu sagen, dass sie für einige Stunden weg sein würde. Ein letztes Treffen mit dem Prinzen.  Vielleicht half er ihr noch, den Baum hoch zu schleppen. Wahrscheinlicher war, dass er sich zu gekränkt fühlte. Sie freute sich schon darauf, wieder heimzukommen. 

Donnerstag, 27. Oktober 2011

LUG UND TRUG (8. Kapitel zu: Frauensachen)


„Das also ist das Ende.“
„Noch nicht. Ich hoffe immer noch... auf ein wenig Zeit.“
„Ich habe mir das so nicht vorgestellt. Dass sie...“
„Ihre Augen sind  so riesig geworden. Manchmal habe ich Angst hineinzufallen.“
„Die hatte ich immer schon. Angst. Vor Judith.“
Elke schaute Gabi von der Seite an. Die beiden Frauen waren auf den Balkon hinausgetreten, nachdem Judith eingeschlafen war.
„Vor Judith?“
„Sie ist so bestimmt. So und so und so. Zack, zack.“
„Ausgerechnet du sagst das. Du bist doch die Erfolgreiche von uns allen, die Karrierefrau.“
„Genau. Weil ich Kompromisse mache. Weil ich gucke, was geht. Sie verlangt. Wer nicht genügt, den legt sie ab.“
„Sie stirbt.“
„Und über die Sterbenden darf man nichts Schlechtes sagen? Deshalb? Hast du mal mit ihm gesprochen?“
„Sie will ihn nicht sehen. Das ist ihr gutes Recht.“
„Ihr Recht... Und er? Weißt du, wie er sehr er leidet? Er ist ihr Mann.“
„Er hat ihr weh getan.“
„Er hat Fehler gemacht. Jeder macht Fehler. Judith auch. Aber sie verzeiht keine.“
„Das stimmt nicht. Sie hat verziehen. Aber sie kann nicht...“
„Was? Von dem Mann Abschied nehmen, mit dem sie fast ihr halbes Leben verbracht hat? Den sie geliebt hat, wie sie behauptet?“
„Sie hat Abschied genommen, Gabi.“
„Mit einem Brief. Verdammt noch mal, Elke. Du weißt auch, dass es nicht fair ist.“
„Es geht nicht um Fairness. Er quält sie.“
„Womit? Er ist sanft und gut. Das ist er immer gewesen. Mr. Perfect. Die Prinzessin drückt eine Erbse.“
Gabi lachte hässlich. Elke biss sich auf die Lippen. Am liebsten hätte sie ihr eine geknallt.
„Er ist grausam. Auf eine Weise, die du nicht verstehst. Er bleibt bei sich. Er will, dass sie sich nach ihm ausstreckt. Aber sie kann nicht mehr so weit langen. Sie schafft es nicht mehr.“
„Lass das kryptische Gequatsche sein, Elke. Ich habe es so leid. Er hat sich falsch verhalten, damals, als sie das Kind verlor. Er war überfordert. Na und? Er liebt sie. Und sie behauptet, dass sie ihn liebt. Aber sie gibt nichts. Sie nimmt immer nur.“
„Du bist ungerecht. Und du weißt es auch. Es geht am Ende darum, ehrlich zu sein. Das neidest du ihr. Dass sie sich nichts mehr vormacht.“
„Ach ja? Darauf läuft es mal wieder hinaus, nicht wahr? Judith bricht dem Mann, den sie liebt das Herz. Aber: ehrlich! Und ich bin die Schlampe,  die den Kerl fickt, der ihr auf die Nerven geht, weil sie nicht aus dem großen Haus ausziehen will?“
„Das hast du gesagt. Hör auf damit. Das Ordinäre steht dir nicht.“
„Aber dir? Meinst du? Du hast doch immer ´Sex and City´ gespielt. Das dauernde Sex-Gequatsche, das nichts anderes beweist, als dass du in deinem Alter immer noch vor jedem blank rasierten Jüngling auf den Knien rumrutschst, so sehr brauchst du deren Bewunderung.“
Elke verkrampfte die Finger beider Hände in einander, um nicht zuzuschlagen. Sie waren laut geworden bei den letzten Sätzen. Sie drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Judith schlief fest. Aber Gabi war schon wieder neben ihr. Sie zischte.
„Soviel Ehrlichkeit ist dann doch nicht erwünscht.“
Elke stieß sie ihn den Flur und schloss leise die Tür zum Wohnzimmer.
„Hau ab.“
„Sie ist meine Freundin, so gut wie deine.“
„So wie du über sie redest...“
„Judith und du – ihr denkt immer nur an euch selbst. Das nennt ihr dann Ehrlichkeit. Dabei ist es nix als Egoismus.“
„Und du bist feige. Das nennst du dann Kompromiss.“
„Fick dich.“
„Brauchst du das? Diese Ausdrücke – Machst du dir damit vor, du seist was anderes als eine Oberklassen-Nutte mit Ehevertrag?“
Gabi hob den Arm. Elke reagierte schnell und hielt ihn fest in der Luft.
„Wir werden uns nicht schlagen an Judiths Sterbebett, hörst du? Du kannst wieder kommen, wenn sie es will. Aber danach will ich dich nie wieder sehen.“
Elke ließ los.
Gabi schlug die Tür hinter sich zu.

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Mittwoch, 28. September 2011

MEER UND LEER

„Sie ist wach und sie freut sich.“ Elke öffnete die Tür zu Judiths Wohnung für Manuela. Sie legte ihr zur Begrüßung kurz die Hand auf den Arm und wandte sich dann ab, um die Freundin ins Wohnzimmer zu führen. Dort war die Sitzgruppe beiseite gerückt, um einem Krankenhausbett mit fahrbarem Gestell und Gestänge für die Infusionen Platz zu machen. Wie eine Manga-Zeichnung mit riesigen Augen lag Judiths bleiches Gesicht auf dem weißen Kissen. Manuela gab sich einen Ruck, trat an Elke vorbei und setzte sich auf die Bettkante. „Lässt du uns allein?“ Elke suchte Judiths Blick. „Bitte.“ Sie ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

„Ich bin froh, dass Elke bei dir ist.“
„Ja.“
„Nichts habe ich davon gewusst, dass du so krank bist...“
„Du warst sehr böse auf mich. Und mit Grund. Aber es war auch wahr, was ich sagte. Das war es ja.“
„Wenn ich geahnt hätte...“
Judith hob einen Finger an die Lippen.
„Egal jetzt. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Manuela hob ihre Tasche aufs Bett und zog einen großen Umschlag heraus.
„Deine Briefe. Und das Märchen-Heft, das du für mich geschrieben hast.“
„O Gott.“, Judith versuchte zu lachen; es blubberte in ihrem Bauch bis hoch zum Hals, doch hatte sie nicht mehr die Kraft, es aus der Kehle zu lassen.
„Sie bedeuten mir viel. Selbst der letzte, als du mir schriebst, du habest dich entschieden. Für ihn.“
„Dein feuriger Blick auf meinen Schultern. Dein schwarzes Haar zwischen meinen Fingern.“
„Es war nie vorbei. Fünfundzwanzig Jahre lang. Nun hast du ihn fortgeschickt, wegen Elke?“
„Nicht für Elke. Für mich. Ich habe keine Kraft mehr, die Trauer, die er fühlt, für ihn auszudrücken.“
„Ach, Judith, dein Märchenprinz...“
Judith rückte ein wenig zur Seite. Manuela verstand, streifte die Ballerinas ab und legte sich dicht neben sie, schmiegte ihren Körper an den der Freundin, die ihren Kopf in ihre Armkuhle drückte. Wie ein Vögelchen, so leicht und zerbrechlich fühlte Judith sich an.

„Lies mir vor. Das Märchen vom Schloss am Meer.“
Manuela sah Judith in die Augen.
„Das schriebst du kurz bevor er auftauchte.“
„Genau das.“
Manuela zog ein Schulschreibheft aus dem dicken Umschlag und schlug es auf.

Hoch oben auf den weißen Klippen, umgeben vom immergrünen Gras stand düster das Schloss. Aus seinen toten Fenstern starrte es blind hinab aufs Meer, das mal sanft in weichen Wellen an den sandigen Strand ebbte, mal tobend gegen die Kreidefelsen schlug. Die Gemäuer waren von Efeu überwuchert, die Beete der Gärten verwüstet, die Mäuerchen eingefallen, die Türen quietschten in den Angeln. Jahrzehnte war es her, dass zuletzt ein Wanderer die Gebirge auf dem Landweg überwunden oder ein Seefahrer übers Meer den natürlichen Hafen zwischen den Klippen angesteuert hatte, um in den dunklen Hallen seine Aufwartung zu machen.

Es ging in den Hafenkneipen die Mär um von diesem schaurigen Ort und auch in den Gasthäusern an den Landstraßen wurde erzählt vom grauen Schloss am Meer, in dessen verblichener Pracht zwei Skelette einander umklammerten, in ewig unerfüllter Liebe vereint.

Einst hatte, so hieß es, das Schloss noch weiß und prächtig auf dem Felsen gestanden, einladend hätten sich seine Türen den Gästen in ihren prachtvollen Roben geöffnet, wenn die Schlossherrin ihre rauschenden Feste gab. Von unvorstellbarer Schönheit sei sie gewesen, seidig hätten sich die Locken um ihr liebliches Antlitz gelegt und mit blitzenden Augen habe sie Frauen und Männer becirct, die ihrem Gesang hingebungsvoll lauschten. Einem jeden und einer jeden sei sie mit Achtung und Liebe begegnet, habe Aufmerksamkeit und Freude verschenkt, Lust und Lachen gegeben.

Eines Tages aber, so geht die Legende, sei über den weißen Sand ein Prinz geritten. Keiner habe gesehen, von welchem Schiff er an Land gegangen sei oder über welche Straßen er das Schloss am Meer gefunden habe. Sein schwarzer Hengst sei das schönste Pferd gewesen, das je gesehen ward, so wie sein Herr der schönste Mann gewesen sei, den sich die Herrin des Schlosses habe erfinden können. Er habe, so stellte er sich vor, von ihrer Schönheit, ihrer Güte, ihrer Großzügigkeit gehört und sich nicht enthalten können, herzukommen und sie mit eigenen Augen zu sehen. Was er aber nun sehe, überträfe noch alle Erzählungen, denen er gelauscht habe. Sie schwieg und lächelte und schlug die Augen nieder, so freute sie sich. Nie hatte sie von ihm gehört, doch in vielen stillen Nächten von ihm geträumt. Es gab keinen Zweifel, dass sie einander gehören sollten von nun an bis ans Ende aller Tage, fühlte sie. Sie versprachen einander die ewige Liebe und wildtrunkene Küsse besiegelten ihre Verlobung.

Am nächsten Morgen sattelte er sein Pferd. Noch einmal hielt er sie fest in seinen Armen und beschwor ihre Treue. Sie drückte ihm die heißen Lippen auf und ihre Tränen brannten auf seiner Zunge. Lang sah sie ihm nach, als längst schon die Silhouette des dunklen Reiters am Horizont verschwunden war. Dann stieg sie die Treppen hinauf, sah zum letzten Mal hinab aufs Meer, trat über die Schwelle und setzte sich, um zu warten. Still hielt sie die Hände im Schoß verschränkt.

Ihre Liebe war stolz und treu. Sie wartete. Als man sich fragte, wer der Fremde gewesen sei und ob er wiederkäme, wies sie die Fragenden hinaus. Als man sie bedauerte, dass sie einem Betrüger aufgesessen sei, verschloss sie die Türen. Als die Jahre vergingen und sich Falten in ihren Hals gruben, verharrte sie in ihrem Glauben an seine Rückkehr. Als längst sich keiner mehr erinnerte an den Besuch des Schönen, strich sie sanft mit der Hand über ihre grauen Flechten und sang der Erinnerung an ihn ein Lied. Sie kannte nicht seinen Namen, noch seine Heimat, sie ahnte nicht, was ihn fernhielt all die Jahre, die sie verging. Sie wartete.

Die weißen Mauern des Schlosses wurden grau wie ihr Haar. Staub kroch in ihre Röcke und legte sich auf ihre Wangen. Spinnweben schlangen sich um ihre Füße und Arme. Die Haut spannte faltig zwischen den Knochen. Das Blut in den Adern floss langsamer. Ihre Brust hob und senkte sich seltener. Bis alles zum Stillstand kam und verfiel. Sie saß und wartete. Aufrecht drückte sich das Rückgrat gegen die Lehne, auf dem Halswirbel ruhte stolz wie je das skelettierte Haupt.

So fand er sie, als er schließlich, alt und gebeugt, auf zerrissenen Sohlen zurückkehrte nach Haus. Seine Abenteuer waren unzählbar und längst vergessen. Immer hatte die Sehnsucht ihn getrieben nach ihr, zu ihr. Als er ankam, wurde er ihrer Treue gewahr und sank zu ihren Füßen. So verharrte er, bis Staub und Weben sich auch über ihn legten. Die Liebe währet ewiglich, hatte er geschworen.

Kalt strich der Wind durch die leeren Mauern und ließ die Türen in den Angeln knarren. Starr lag das Schloss über dem Meer und barg die Liebenden immerdar. So erzählten sie draußen in den Schenken und Spelunken, wenn heißer Grog ausgeschenkt wurde in den frostigen Wintern.

Ganz leis kicherte Judith.
„Was für eine elende Romantikerin ich war.“
„Bist.“
Manuelas Hand strich scheu über Judiths Hüften.
„Dass du gehen wirst, ohne dass wir...“
Judith hielt ihre Hand fest.
„Dazu reicht es nicht mehr. Ich liebe dich - immerdar.“
„Ich will kein Märchenprinz sein.“
„Das warst du auch nie. Ich habe nicht gewartet. Ich nahm ihn.“
„Kein Frosch.“
„Nein. Es waren gute Jahre.“
Sie schwiegen und hielten sich fest.

Elke, die im Türrahmen stand und lauschte, rannen die Tränen übers Gesicht. Fuck. Sie dachte es nur. Ihr Mobile klingelte. Der Tätowierte. Mein Prinz. Fuck you.

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8. Fortsetzung von Frauensachen


Montag, 29. August 2011

STREIT UND LEID

Das Telefonat fiel Elke schwer. Aber eine musste es tun.
„Ich rufe an, um dir zu sagen, dass es Judith schlechter geht.“
„Judith...?“
„Unserer gemeinsamen Freundin Judith, genau. Du hast dich lange nicht mehr gemeldet, sagte sie.“
„Sagte sie?“
„Manuela, ich habe keine Ahnung, was mit dir los ist. Ich glaube, Judith hat auch keine. Aber sie möchte dich noch mal sehen.“
„Mich noch mal sehen? Zieht sie nach London?“
Das ging zu weit.
„Hast du sie noch alle? Sie stirbt, du blöde Kuh.“
Elke unterbrach das Gespräch wütend und ließ den Hörer aufs Sofa fallen. Wenn Manuela zurückrief,  würde sie nicht drangehen, schwor sie sich. Sie würde sie zappeln lassen. Sie würde überhaupt nicht mehr mit der reden. Die kann mich mal. Die soll sich nie mehr blicken lassen. Diese Stimme. Als könnte sie sich kaum erinnern, wer Judith war. Eine deiner besten Freundinnen, doofe Nuss! Hast du das vergessen? Sie hatte Manuela zum letzten Mal gesehen, als die ihnen erzählt hatte, sie lasse sich nie von ihrem Mann penetrieren. Genau. Manuela und Judith haben irgendwie auf Gabi und mich herabgeschaut, hatte ich das Gefühl. Weil wir ab und zu beim Sex die Vorlieben der Kerle bedienen. Aber dann habe ich mich wieder mit Judith versöhnt. Direkt danach erfuhr Judith, dass sie Krebs hat und schickte den Abschiedsbrief nach London. Ich dachte, das sei ein Fehler. Doch es ging ihr besser. Sie schien sich gut zu fühlen. Elke stiegen die Tränen in die Augen. Scheiße. Sie trat gegen den Sessel, der ihr im Weg stand. Im Bad tupfte sie die Wimperntusche unter ihren Augen weg. Verdammt. Warum rufst du nicht an, Manuela? Judith will dich sehen. Und ihre Zeit ist knapp.

Manuela meldete sich erst eine Stunde später. Doch begann sie das Gespräch, als sei es nie unterbrochen worden. „Sie stirbt? Sie geht nicht nach London?“ „Sag mal, hast du echt keine Ahnung gehabt?“ „Wovon?“ „Judith hat sich von ihrem Mann getrennt und sie hat Krebs.“ Manuela schwieg. Lange. „Ich wusste das nicht.“ „Wann habt ihr euch zuletzt gesehen?“ „Damals bei mir.“ „Als du uns erzählt hast... Und seitdem Funkstille?“ „Ja.“ „Warum? Du und Judith – ihr ward euch doch einig, dass...“ „Worüber einig? Dass eine Frau keinem Mann zur Verfügung stehen sollte, um ihn sexuell zu befriedigen, wenn sie selbst nichts davon hat? Darin waren wir uns einig, klar.“ „So wie du das ausdrückst...“ „Egal. Was ist mit Judith?“ „Gebärmutter-Krebs. Direkt nach der OP und der Bestrahlung sah es gut aus. Aber jetzt...“ „Du sagtest, sie stirbt.“ Elke musste schlucken. „Sagen die Ärzte, ja. Ich wohne jetzt bei ihr.“ „Und er?“  „Sie will ihn nicht hier haben. Einmal war er da, aber es tat ihr nicht gut. Sie hat ihn rausgeschmissen.“ „Sie will mich sehen, sagtest du.“ „Ja.“ „Warum?“ „Du bist ihre Freundin. Dachte ich. Dachte sie offenbar. Was ist los?“ Manuela schwieg. „Was war an dem Nachmittag? Wir gingen zusammen. Ich verstehe das nicht.“ Wieder dauerte das Schweigen lange. Elke hörte Manuelas Atmen. „Sie hat gesagt: ´Ich mag eigentlich nur das. Kann gar nicht tief genug sein.“ „Was?“ „Einen Schwanz in sich.“ „Was?“ „Sie mag nur Sex mit Männern, hat sie gesagt, oder?“  „Ich weiß nicht mehr“, sagte Elke, „kann sein. Und wenn...Warum...“ Dann begriff sie. „Scheiße.“ „Ja. Es tat verdammt weh.“ Elke schwieg. „Mir war nicht klar, dass ihr, dass du...Bitte komm. Trotzdem.“ „´Mitleid ist die schlimmste Erniedrigung.´“ „Es geht hier nicht um Orgasmen, sondern um Sterben.“ „Ist ja gut. Ich komme. Gleich?“ „Bitte.“


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7. Fortsetzung von "Frauensachen"
1. Lust und Frust
2. Hingabe und Freiheit
3. Blut und Wut
4. Kuss und Schluss
5. Abschied und Anfang
6. Fleiss und Preis


Mittwoch, 9. März 2011

FLEISS UND PREIS

„Wie geht es Judith?“, wollte Gabi wissen. Elke hatte mit der Frage gerechnet und sich eine Antwort zurecht gelegt: „Sie kämpft. Im Moment sieht es ganz gut aus. Aber keine kann sagen, wie es ausgeht.“ Gabi nickte. Sie spürte, dass Elke das Thema nicht vertiefen wollte und im Grunde war ihr das nur Recht. Ärzte hatten Judiths Gebärmutter entfernt; gegenwärtig bekam sie Bestrahlungen. „Und du?“ Nach einer  Kunstpause sagte Elke: „Da gibt´s jemanden.“ Gabi lächelte. Es gab immer jemanden in Elkes Leben. „Einen Neuen?“ Elke nickte. „Jünger. Viel jünger. Ganzkörpertätowiert.“ Gabi setzte ihre Tasse ab. „Nee.“ „Doch.“ „Wie....?“ „Ganz feine Furchen, die Fingerkuppen, meine zumindest, sind nicht empfindsam genug.“ „Das meinte ich nicht...Ganz?“ Elke lachte: „Ach das...Ja, ganz. Ganz.“ Sie grinsten sich an. „Eine Rose“, antwortete Elke nach einer Pause auf die Frage, die in der Luft lag, aber nicht ausgesprochen wurde. „Klassisch.“ Das Gespräch verstummte für eine Weile. Beide waren in Gedanken. An die Rose. Für Elke waren es Erinnerungen, für Gabi Wunschträume. Schließlich nahm Elke noch einen Schluck Latte macchiato und leckte den Schaum von den Lippen. „Er weiß allerdings auch, was er verlangen kann.“ „Verlangen?“ Elke lenkte ab. „Und du? Was gibt es bei dir Neues?“

„Was schon? Es geht seinen Gang. Die Agentur läuft gut.“ „Darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus. Du wirktest letztes Mal bei Manuela ziemlich ...“ Elke suchte nach einem Wort: „...frustiert.“ Als sie es aussprach, wusste sie schon, dass diese Wortwahl falsch war. Gabis Mundwinkel sanken auch sofort nach unten. „Ich meine...“ bemühte sich Elke, es wieder gut zu machen, „irgendwie ein bisschen geschafft.“ Gabi wischte heftig mit der Hand über den Tisch. „Und wenn schon. Weil ich meine Ansprüche der Realität anpasse, haltet ihr mich für eine frigide, frustierte alte Kuh, oder was?“ Elke war durch den Ausbruch geschockt. „Aber darum ging es doch gar nicht...“ „Nein? Genau so kam es mir aber vor. Manuela lachte sich kaputt, weil ich auch mal die Beine breit mache, wenn ich keine Lust habe; Judith schüttelte weise ihr Haupt und du lässt ja eh nichts anbrennen.“ So vulgär hatte Elke Gabi noch nicht reden hören. „Du bist ganz schön sauer, was?“ „Weil ihr euch in die Tasche lügt. Kann ja sein, dass Judiths Mann so ein Wunderknabe ist. Aber Judith ist auch...eben Judith. Das Glückskind.“ Elke unterbrach sie: „Echt, Gabi.“ „OK, ´schuldigung. Sie hat Krebs. Aber ihr Mann ist außergewöhnlich. Kein bisschen Gehabe. Der Gentleman schlechthin.“ „Sie haben sich getrennt.“ „Was?“ „Er arbeitet doch seit Jahren unter der Woche in London. Ich denke, sie haben sich auseinander gelebt.“ „Er lässt sie im Stich? Jetzt? Das hätte ich nie von ihm gedacht.“ „Nein“, beeilte sich Elke richtigzustellen. „So ist es nicht. Judith hat Schluss gemacht.“ Gabi war fassungslos. Plötzlich kamen ihr die Tränen. „Ach, Scheiße.“ Ihre Wimperntusche rann über die Wangen; sie wischte sie mit einer unwirschen Bewegung weg. „Ich bin froh, wenn meiner ab und an zu den Huren in den Puff geht. Weißt du das? Wenn er da kriegt, was er will, habe ich wenigstens meine Ruhe.“ Elke verstand es wirklich nicht. „Warum bleibst du bei ihm?“ Gabi sah auf: „Was könnte schon nachkommen? Er sieht gut aus. Er ist erfolgreich. Er liebt mich.“ Sie sah das grimmige Lächeln in Elkes Gesicht. „Nein, wirklich. Wir machen tolle Reisen. Wir haben dieselben Interessen. Ich will nicht allein leben. Oder auf der Suche sein. Er verlangt auch gar nicht viel. Ein wenig Entgegenkommen. Und zwischendurch...Ich denke, da läuft manchmal was. Es stört mich nicht. Im Gegenteil: Es entlastet.“ Elke konnte ihre Abscheu nicht verbergen. „Tut mir leid, das klingt wirklich frustriert. Und, entschuldige: abstoßend. Du machst die Beine breit´?“ „So habe ich das nicht gemeint. Entgegenkommen, das ist es. Ein bisschen Nachgeben.“ „Wozu?“, fragte Elke. „Aber du hast doch auch gesagt, damals bei Manuela...“ Elke rückte vom Tisch ab. „Das ist ganz was anderes. Ich meinte bloß: Frauen müssen auch was investieren. Ein wenig Phantasie und Abwechslung bieten. Wenn sie mehr wollen. Als 08/15.“ Gabi musste doch lachen: „Eine Rose...zum Beispiel.“ „Genau...“ Sie sahen sich in die Augen. „Ich habe das nicht so gemeint. Das ´abstoßend´, meine ich. Ich verstehe es bloß nicht. Aber Judith verstehe ich auch nicht. Oder Manuela. Jede ist anders. Und jedes Paar.“ Gabi nickte. Aber sie sah müde aus, als sie auf die Uhr schaute: „Ich muss los...War schön, dich zu treffen.“ Elke sah Gabi nach, wie sie durch das Lokal zur Tür ging: eine elegante, sehr schlanke und große Frau im Designer-Kostüm, das dunkle Haar zu einer Retro-Hochsteck-Frisur aufgetürmt, eine Handtasche wie Jackie Kennedy am Arm. Elke dachte, dass die Freundin es nicht nötig hatte, „die Beine breit zu machen“, um einen Kerl zu halten, der sie offenbar nicht glücklich machte. Aber:  Alles hatte seinen Preis, war Elke sicher. Auch ihr Rosen-Kavalier wusste genau, was er sich wert war. Er erwartete Anbetung und Fleiß – auf den Knien. Und sie gab ihm beides.

Freitag, 28. Januar 2011

ABSCHIED UND ANFANG

Elkes Worte ließen Judith keine Ruhe: „Du brichst ihm das Herz.“, hatte sie gesagt und Judith wusste, die Freundin meinte damit nicht die Trennung. Das tat ihm weh, doch was ihn brechen konnte, war die Entscheidung, ihm die Krankheit zu verschweigen. Sie setze sich an ihren Schreibtisch und fuhr den Computer hoch, besann sich dann aber.  Ein handgeschriebener Brief, schien ihr, war angemessener. Sie zog einen leeren Bogen Papier aus dem Drucker und den Füller aus dem Etui in ihrer Tasche.


Lieber ***!

Du wirst Dich wundern, wenn Du diesen Brief in deinem Kasten findest: dass ich Dir von Hand schreibe, statt eine Mail, dass ich Dir überhaupt schreibe, nachdem ich Dich so vehement aufgefordert hatte, in den nächsten Wochen und Monaten Abstand zu halten.  In einem Gespräch mit Elke wurde mir klar, was ich Dir schulde. Nein, ich wusste  es auch vorher schon, doch war ich feige und wollte mich drücken.

Wir haben mehr als ein Jahrzehnt miteinander gelebt, nicht eingerechnet die letzten vier Jahre, in denen wir zwar an unterschiedlichen Orten lebten, doch immer noch ein Paar waren. Du hast ein Recht darauf, die Gründe zu erfahren, warum ich die Gemeinschaft aufgelöst habe. Deine Vermutungen treffen nicht zu: Es gibt keinen anderen Mann und ich liebe dich.

Ich habe Krebs. Meine Gebärmutter wurde entfernt. Ich erhalte Bestrahlungen. Die Aussichten sind 50:50. Und ich will Dich nicht dabei haben, während ich alle meine Kraft brauche, um zu überleben. So ist das. Ich fürchtete mich vor Deiner Reaktion auf die Krankheit beinahe mehr als vor der Krankheit selbst. Ich wollte Dich nicht noch einmal an meinem Bett sitzen sehen, stumm beinahe, mich in diese verzweifelte Anstrengung treibend, Dich zu suchen, statt mich bei Dir ausruhen zu können. In meiner Erinnerung sind die Tage und Wochen nach der Fehlgeburt schwarzweiß, scharfe Konturen, kein Grau. Es gab Dich und mich. Kein Wir. In keinem Moment. Du bliebst bei Dir. Du warst, wie Du bist. Wie ich Dich liebte. Aber da war es nicht genug. Du hast mich nicht gesucht. Du standest starr, wenn meine Hand dich berührte, regte sich nichts. Du küsstest mich auf die Stirn. Du hattest Deine Routinen und ließest Dich nicht aus der Ruhe bringen. Ich weiß, es war Dir nicht gleich. Du hast es mir oft gesagt, später als meine Starre sich löste und ich anfing Dir Vorwürfe zu machen, heulend. Es war dies hysterische Weinen durch das ich mich zu Dir zurück kämpfte, in Deinen Arm. Du hättest mich gelassen. Abwartend, vertrauend, liebend, ja, ich weiß, dass Du mich liebst. Auch wie Du mich liebst. Und hatte mich doch fast ein Jahrzehnt getäuscht. Hatte mir vorgemacht, wir gingen miteinander. So war es aber nicht. Der Mann an meiner Seite. Mein Wir war meines allein. Du brauchtest das nicht. Brauchst es nicht. Ich werfe Dir das nicht mehr vor. Doch hoffte ich, wärest Du hier, Du wärest wirklich mit mir. Das ist unmöglich. Es ist diese Hoffung, die ich verlassen habe, Lieber, weil ich sie mir jetzt nicht leisten kann.

Damals habe ich dir geraten, die Position in London zu übernehmen. Ich brauchte Abstand. Ich wollte lernen, für mich zu stehen. Ich liebte Dich. Ich liebe Dich. Das ändert sich nie. Dennoch: Wenn ich das überlebe, hoffe ich auf jemanden, der nicht neben mir, sondern mit mir leben will.

Leb wohl

Judith

Judith las den Brief nicht noch einmal, bevor sie ihn in den Umschlag steckte und adressierte. Auf dem Desktop leuchtet ihr Kontakte-Feld. Elke war online. Judith loggte sich ein.

o   hallo
o   wie geht es dir heute?
o   besser. hab einen brief nach london geschrieben
o   gut
o   ja. und du? hast gestern gar nichts erzählt.
o   wäre unpassend gewesen.
o   ach komm. ein neuer?
o   ;-) schon. -----ganzkörpertätowiert
o   du lügst
o   echt
o   hast du heute Zeit?
o   ab 5.
o   im löwen?

Samstag, 15. Januar 2011

KUSS UND SCHLUSS




Weil Elke einige Wochen beruflich im Ausland gewesen war, sahen sich die Freundinnen erst wieder, als die Bestrahlungen schon begonnen hatten. Judith hatte am Telefon nicht über die Krankheit gesprochen. Elke hatte wohl bemerkt, dass Judith ein wenig kurz angebunden war, doch vermutete sie dahinter Eheprobleme. Sie wusste von der Weigerung der Freundin mit ihrem Mann über einen Umzug nach London zu sprechen. Elke nahm an, dass er unter der Fernbeziehung litt. Doch Judith, das war Elke klar, würde über aktuelle Schwierigkeiten erst reden, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte.

Judith hatte sich ganz hinten in eine Ecke des Cafés gesetzt. Ihr Anblick erschreckte Elke. Die Haut war blaß und durchschimmernd wie feinstes Porzellan. Ganz offensichtlich hatte sie, die ohnehin sehr zierlich war, einige Kilo verloren. Spitz zeichneten sich die Brustbeinknochen unter der Bluse ab. Elke küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Judith suchte ihren Blick: „Man sieht es sofort, nicht wahr? Du brauchst nicht so zu tun, als bemerktest du es nicht.“ „Du bist so dünn...“, stellte Elke fest. „Ich habe Krebs." Elke hatte es in dem Moment gewusst, in dem sie das Lokal betreten hatte. Dennoch traf sie das Wort wie ein Schlag.  Sie legte ihre Hand auf Judiths. „Wie schlimm...?“ „Es ist die Gebärmutter. Die OP hatte ich schon. Mit der Bestrahlung haben sie vor einer Woche angefangen.“ Elke biss sich auf die Lippen. Wie soll ich ohne dich weiter machen?  „Ist dein Mann daheim?“ Judith schüttelte den Kopf: „Wir haben uns getrennt. Er bleibt in London. Da war er ohnehin in den letzten Jahren meistens.“ „Weil du es so wolltest.“ „Nicht nur deshalb, aber auch, ja. Und nun...Ich will ihn nicht dabei haben...“  „Er liebt dich. Weiß er es?“ "Nein." "Du brichst ihm das Herz." Judith senkte den Kopf und schwieg. Elke rückte auf die Bank. „Seine Hilflosigkeit, seine Versteifung, all das kostet mich Kraft, die ich nicht habe. Diesmal nicht.“ Da beugte sich Elke zu ihr hin und küsste zum ersten Mal in ihrem Leben eine Frau auf den Mund. 

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Donnerstag, 2. Dezember 2010

BLUT UND WUT

Judith saß auf einer Bank am Frankfurter Alleenring. Sie bohrte den Nagel ihres Daumens in den linken Unterarm, bis es blutete. Nach fast fünf Jahren hatte sie sich dazu durchgerungen, wieder eine Frauenarztpraxis zu betreten. Dreimal schon war sie bei dem Versuch gescheitert, hatte Termine vereinbart und diese dann kurzfristig wieder abgesagt. Einmal kehrte sie direkt vor der Tür der Praxis um.  Diesmal werde ich es schaffen, schwor sie sich. Ich werde den Lift besteigen, klingeln; ich werde hinein gehen und an der Theke meinen Namen sagen. Dem Mann in London hatte sie nichts gesagt.


Ich muss das selbst schaffen. Seit damals, seit der Fehlgeburt, weiß ich doch, dass ich allein sein werde mit der Diagnose, besonders dann, wenn sie ungünstig ausfällt. Wenn alle Stricke reißen, hebe ich die 20.000 € vom Postsparbuch ab und buche ein Flugticket. Wohin? Weiß ich noch nicht.


Der Vormittag war wie hinter einer Milchglasscheibe abgelaufen. Ihr Vortrag sei verständlich und unterhaltsam. Sagten die Studenten. Ihr Gutachten ist bemerkenswert. Lobte der Chef. In der Cafeteria freundliche Worte: „Hübscher Schal, den du heute trägst.“


Faules Pack. Bürokratenschwein. Schleimer.


Wenn sie Angst hatte, stieg die Wut hoch. Gewaltphantasien. Das merkte keiner. Ein Lächeln war ihr wie einprogrammiert. An passenden Stellen konnte sie bei Bedarf sogar lachen, auch heute. Auf dem Klo heulte sie eine Runde. Das ist mit Geschick und Eye concealer in drei Minuten wegretuschiert. In der Pause fuhr sie den Rechner hoch. Eine Nachricht aus London: „Come online, babe.“
Fuck you. Ich will nicht mit dem reden. 
„You´re obviously healthy, sweetheart.“ 
Fuck. Fuck. Fuck. Das kenne ich schon: Die Krankheit leugnen, so lange es geht. Darin bin ich selbst Meisterin. Dazu brauche ich dich nicht.


13. 45 Uhr. Noch eine Viertelstunde bis zum Termin
Einmal muss es ich es hinter mich bringen. Die Schmerzen. Heftige Blutungen. Das muss nichts bedeuten


Selbstverständlich hatte sie im Netz recherchiert. Diffuse Symptome. Worst case scenario. Sie zog den Laptop aus der Tasche und installierte den Stick.  Er war immer noch online. „Babe. You´re sad. And lonely. And anxious.“ 
„How do you know?“ 
„I can feel you.“
Mein Gesicht zwischen deinen Händen.


Im Unterleib krampfte es wieder. Sie fuhr die Maschine herunter, wischte die Tränen weg und ging die 50m zum Eingang des Hospitals hinüber. Sie nahm den Lift in den 4. Stock, meldete sich an, betrat das Wartezimmer: zwei aufgeblähte Schwangere, eine junge Mutter mit Kopftuch, das schlafende Baby im Arm. Eine ältere Frau.


Wie ich. 


Sie lächelte sie an. Judith nahm sich eine GALA vom Zeitschriftenstapel und setzte sich.

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außerdem und immer wieder:
Limnologie. Über Melusinen und Undinen (weil das auch "Frauensachen" sind)