Samstag, 26. Februar 2022

Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol" - Lasst Mariupol nicht im Stich! #IStandWithUkraine

 Samstag, 26. Februar 2022, 16:26 Uhr 





Die im Südosten der Ukraine liegende Hafenstadt Mariupol am Assowschen Meer wird in diesen Stunden von russischen Truppen eingekreist. 


2017 erhielt Natascha Wodin für „Sie kam aus Mariupol“ den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine Gattungsbezeichnung fehlt. Wodin schildert in diesem Buch, das kein Roman ist, aber auch keine (Auto-)Biographie, wie sie die Herkunft ihrer Mutter und deren Leidensweg von Mariupol an die Regnitz, in der sie sich mit nur 36 Jahren ertränkte, recherchiert, um zu verstehen, wer diese Frau war, die sie als klein, zart, hungrig und unendlich traurig und hoffnungslos in Erinnerung hat. 


„Ukrainer, die den größten Teil der Ostarbeiter stellten, gelten als die minderwertigsten Slawen, noch niedriger als sie stehen in der Rassenhierarchie nur noch die Sinti und Roma und Juden. Sie werden auf den Straßen ergriffen, in Kinos, in Cafés, an Straßenbahnhaltestellen, auf Postämtern, überall, wo ihrer habhaft werden kann, sie werden bei Razzien aus ihren Wohnungen geholt, aus Kellern und Verschlägen, in denen sie sich verstecken. Man treibt sie zum Bahnhof und bringt sie in Viehwaggons auf den Transport nach Deutschland.“


Natascha Wodin war 10 Jahre alt, als ihre Mutter sich umbrachte. Das Kind hatte diese Tat längst erwartet, die Mutter sie viele Male angekündigt, oft auch so, als wolle sie ihre Kinder, Natascha und die jüngere Schwester, mitnehmen in den Tod. Die Ich-Erzählerin in „Sie kam aus Mariupol“ will als alte Frau begreifen, was die Mutter geprägt hat. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. 


Im ersten Teil erzählt Wodin, wie sie über Internet-Recherchen und mit Hilfe eines russischen Hobby-Genealogen immer mehr über die große Familie ihrer aus verarmtem russischem Adel stammenden Mutter erfährt. In Mariupol hatte ihr Großvater seine zweite Frau geheiratet, die Tochter eines italienischstämmigen Seefahrers und Großhändlers. Politisch hatte sich der Großvater entgegen seiner eigenen Herkunft gegen das Zarenreich eingesetzt und war für viele Jahre nach Sibirien verbannt worden. Mit der zweiten Familie lebte er im großbürgerlichen Haus der Schwiegereltern in Mariupol. Die Mutter der Erzählerin, Jewgenia, wird 1920 in die Revolutionswirren hineingeboren, von Anfang an ist ihr Leben durch Armut und Hunger geprägt, aber auf sonderbare Weise auch noch durch die adelige und großbürgerliche Herkunft der Eltern, was sie - nach Auffassung der Erzählerin - lebensuntüchtig macht, da sie keine praktischen Fähigkeiten vermittelt bekommt. 


Im zweiten Teil des Buches steht die Geschichte der älteren Schwester der Mutter, Lidia, im Zentrum, auf deren lang verschollenes Tagebuch die Erzählerin stößt. Lidia schließt sich, als Bürgerliche geächtet, in ihrer Studienzeit in Odessa einer Widerstandsgruppe gegen die Kommunisten an, wird gefoltert und verschwindet für Jahrzehnte in einem Arbeitslager. Auch die Geschichten der anderen Familienmitglieder, die die Erzählerin nach und nach freilegt, verdeutlichen die traumatischen Verheerungen, denen die Menschen in der Ukraine und im gesamten Sowjetreich durch Revolution, Bürgerkrieg, Weltkrieg, Hungerkatastrophe in der Ukraine (Holodomor) und stalinistische Verfolgungen ausgesetzt waren. 


„Was für eine Familie war das? Der Vater meiner Mutter ein bolschwestischer Revolutionär mit einer langen Verbannungsgeschichte, ihr Bruder ein dekoriertes Parteimitglied, ihre Schwester und sie selbst Renegatinnen, die eine verbannt in ein sowjetisches Arbeitslager, die andere Zwangsarbeiterin beim deutschen Kriegsfeind, eine potentielle Kollaborateurin.“


Wegen des großen Altersabstandes zwischen Lidia und der Mutter der Erzählerin und deren Deportation ins Arbeitslager, kann die Erzählerin nur wenig über ihre eigene Mutter aus dem Tagebuch erfahren. Im dritten Teil versucht sie, die Flucht und/oder Deportation der Mutter und ihres eigenen Vater aus Mariupol nach Westen zu rekonstruieren. Vater und Mutter der Ich-Erzählerin wurden in Zwangsarbeitslagern bei Leipzig von den Nazis ausgebeutet. In einem solchen Lager wurde die Erzählerin gezeugt und geboren. Nicht ganz sicher kann sie sich sein, ob die Eltern nach Deutschland wollten, weil sie Angst vor stalinistischer Verfolgung hatten oder ob sie zwangsverpflichtet wurden. Sie weiß nur, dass der Hass auf Stalin die Eltern verbunden hat. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges gibt es für die Eltern der Erzählerin keinen Weg zurück ins Sowjetreich, wo sie mit Verfolgung und Stigmatisierung rechnen müssen. Im Deutschland der Nachkriegszeit werden die Zwangsarbeiter zu Displaced Persons, zusammengepfercht in Lagern und Ghettos. In einem solchen wächst die Ich-Erzählerin nördlich von Nürnberg auf. Das Kind erfährt die Ausgrenzung in der Schule, die bittere Armut der Familie und begreift nie ganz, was sie so vollständig von der Außenwelt, diesem Deutschland, trennt. 


„Wenn ich mich an etwas genau erinnere, dann an den Hass meiner Eltern gegen die Sowjetmacht, gegen Stalin, dieser Hass war vielleicht ihre stärkste Gemeinsamkeit.“


„Sie kam aus Mariupol“ ist ein lesenswertes und lehrreiches Buch. Privilegierte wie ich, die ganz unverdient ein ganzes Leben lang die Friedensdividende eingestrichen haben, können hier verstehen lernen, wie in unseren östlichen Nachbarländern sich an die Verheerungen des Weltkriegs nahtlos der stalinistische Terror anschloss. Man kann sich vorstellen, wie, wer dem Terror der Schergen Stalins ausgesetzt war, zum radikalen und unversöhnlichen Antikommunisten werden konnte, auch anfällig für Nationalismus und Faschismus. Und wie umgekehrt mit den Opfern unter dem Faschismus noch die fürchterlichsten Verbrechen der Stalinisten gerechtfertigt wurden. Keine Familie ohne vielfältige Traumata, tödliche Feindschaft, Verrat, Angst. 


Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen wird die ungeheure Leistung dieser Generation von Ukrainerinnen und Ukrainern erst begreiflich, die vor 8 Jahren auf dem Maidan sich das Recht auf Selbstbestimmung erstritten hat. Eine junge Demokratie, strauchelnd, auch ringend mit dem Versuch der Korrumpierung durch Oligarchen. Und doch: Hoffnungsvoll. Der einzige Staat in Europa mit einem frei gewählten jüdischen Präsidenten. 


„Sie kam aus Mariupol“ - einer Stadt, die im 20. Jahrhundert schon so viel Leid und Vernichtung erfahren hat und die in diesem Moment, in dem ich das schreibe, vielleicht von russischen Truppen eingenommen wird.


Lasst Mariupol nicht im Stich! Ich appelliere an die Bundesregierung, die Bitten der frei gewählten Regierung der Ukraine in diesen Stunden zu erhören. 


#IStandWithUkraine


Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol, 2017

Mittwoch, 17. November 2021

Canan Topçu: „Nicht mein Antirassismus. Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten“


 

Von sich und ihrer Biographie ausgehend setzt sich Canan Topçu in „Nicht mein Antirassismus. Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten“ mit ihrem intuitiven Unbehagen am antirassistischen Diskurs der Gegenwart auseinander. Topçu macht sich gleich in der Einleitung kenntlich: „eine akkulturierte Frau türkischer Herkunft, die ihr Zuhause in Hanau gefunden hat.“ Sie spricht nicht für „Migrantinnen“, „Türkinnen“ oder „Musliminnen.“ Topçu spricht für sich selbst. Sie stellt ihren Lebenslauf dem gegenüber, was - in ihrer Wahrnehmung - zu vereinfachend als kollektive migrantische Erfahrung dargestellt wird.

"Ich war wissensdurstig. Ich wollte verstehen, was mir unverständlich erschien. Geschichte überforderte mich, überfordert mich immer noch. Geschichten aber nicht. Ich möchte immer noch verstehen. Die anderen und auch mich."

Topçu beginnt in der Einleitung mit vielen Fragen, die auch ich mir stelle: Über die Trag- und Leistungsfähigkeit aus dem Amerikanischen übernommener Begriffe und Theorien wie "People of Color" und "Critical Race Theory", darüber wie effektiv es für gesellschaftliche Veränderungsprozesse ist, wenn der Rassismusvorwurf - wie sie meint - inflationär gebraucht wird, dazu, dass es auch in migrantischen Communities Nationalismus und Rassismus gibt und wie damit umzugehen sei, dazu, ob die sogenannte "Identitätspolitik" nicht das Gegenteil dessen erreicht, was sie erreichen will, indem sie bestimmte Unterschiede dramatisiert und andere ausblendet... 


Topçu gibt in ihrem Buch auf diese Fragen keine endgültigen Antworten. Was manche als die Schwäche dieses Buches auslegen könnten, betrachte ich als seine Stärke: Die Autorin versucht nicht, von ihrem eigenen Standpunkt zu abstrahieren oder gar eine alternative "Rassismustheorie" vorzulegen, sondern bleibt bei sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. 


Somit wird aus diesem Essay mehr und mehr eine berührende Autobiographie, die, so der Titel des ersten Kapitels, erzählt „Wie ich geworden bin, wer ich bin.“ Topçu wuchs in einer kleinen Hafenstadt am Marmarameer auf. Sie berichtet über erste Erinnerungen an den Garten, an die Hühner, an das erste Schwimmen. Die Erinnerung weckt in der 55jährigen Autorin, die nun in Hanau lebt, Sehnsucht nach der verlorenen Heimat.


Und während ich das lese, entdecke ich, dass diese Erfahrung gar nicht so weit weg ist von der meinen, wie man annehmen könnte, da ich doch nie emigriert bin. Doch die Welt meiner Kindheit, in der es Holzöfen gab, tagelang eingemacht wurde, das Schlachtfest von der Großfamilie gefeiert wurde, ist genauso untergegangen, wie jene Welt, die Canan Topçu beschreibt. Auch ich bin nicht in dem Dorf geblieben, in dem ich aufgewachsen bin, und wenn ich es heute besuche (was praktisch kaum mehr vorkommt, da auch meine Eltern längst nicht mehr dort leben), kann ich die Welt meiner Kindheit nicht wiederfinden. Es gibt sie nicht mehr. 


Zweifellos ist die Entfernung, die Topçu zurücklegen musste, um anzukommen in Hanau, in ihrem gegenwärtigen Leben, nicht nur räumlich viel größer als jene, die ich bewältigt habe. Dennoch gibt es Parallelen, wie ich sie auch in späteren Kapiteln feststellen konnte, Parallelen, die damit zu tun haben, dass wir beide derselben Generation angehören, dass wir aus Elternhäusern stammen, in denen zwar Bildung geschätzt und unterstützt wurde, uns aber unsere Eltern nur bedingt bei der Vorbereitung auf ein Studium unterstützen konnten. Uns beiden war ein geisteswissenschaftliches Studium nicht „in die Wiege“ gelegt. Die Welt der Universität, das „Studentenleben“ war für uns beide fremd und faszinierend. Es ging mir da ganz ähnlich wie ihr: „Als ich mich entschied, Geschichte und Literaturwissenschaft zu studieren, hatte ich null Ahnung davon, was am Ende aus mir werden sollte. Rückblickend empfinde ich es mal als sehr naiv, mal als sehr mutig von mir, mich so gar nicht mit Karriereplanung befasst zu haben.“


Während ich über dieses Parallelen unserer Biographien nachdenke und schreibe, beschleicht mich ein schlechtes Gewissen. Darf ich das überhaupt? Ich habe es doch zweifellos so viel leichter gehabt als „Biodeutsche“ - keine Probleme mit der Sprache, keine Diskriminierung in der Schule, kein Rassismus. Und dann denke ich - und hoffe es -, dass die Entdeckung solcher Gemeinsamkeiten jenseits der „Identitäten“ ganz im Sinne von Canan Topçu ist. Denn sie will ja, dass wir uns selbst als Individuen verstehen und auch andere als solche wahrnehmen - eben im Gegensatz zur Selbst- und Fremdwahrnehmung als Repräsentant_inn_en bestimmter Gruppen. 


"Damals ist sie die Tochter griechischer Gastarbeiter und ich die Kümmeltürkin. Das will ich aber nicht bleiben."


Topçu lebt in Hanau, der Stadt, die Schauplatz eines der fürchterlichsten rassistischen Verbrechen in unserem Land wurde und sie ringt schreibend, so lese ich das, auch darum, sich diese Stadt als Zuhause nicht wegnehmen zu lassen, weder von "biodeutschen" Rassisten noch von "neudeutschen Antirassisten", die z.B. proklamieren, dass "Eure Heimat, unser Alptraum" ist.


Canan Topçus Erfahrungen zeigen, wie das gelingen kann. Dass diesem Gelingen viele, auch strukturelle, Hindernisse entgegenstehen, bestreitet sie nicht und zeigt es auch auf. Jedoch entscheidet sie sich, ihr Augenmerk auf die Bedingungen des Gelingens zu legen. Das wirkt sicherlich verstörend und wohl auch verharmlosend auf jene, die gegen den zweifellos in unserer Gesellschaft vorhandenen strukturellen Rassismus kämpfen. Denn gegen dessen Wirksamkeit können die anekdotisch erzählten positiven Erlebnisse mit „alten weißen Männern“, von denen Topçu berichtet, wenig ausrichten. 


Indem Topçu ihre Lebensgeschichte als Gegengeschichte zu dem von amerikanischen Theorien geprägten Antirassismus erzählt, verteidigt sie auch den Anspruch, sich selbst als Subjekt dieser Geschichte wahrzunehmen. Hier scheint mir ein wesentlicher Grund für den intuitiven Widerstand gegen die neuen Deutungshoheiten zu liegen. Denn die Betonung des Strukturellen kann eben auch als Enteignung des Einzelnen von seiner Geschichte wahrgenommen werden. Auch hier erkenne ich Parallelen zu meiner eigenen Reaktion auf diese Theorien. Sie verlangen nichts weniger, als dass jene, die gerade erst die Chance für sich wahrzunehmen begonnen hatten, den Subjektstatus zu erlangen (die Frauen, die Migrant_innen, die Homosexuellen, die Nicht-Akademiker_innen…) diesen, indem sie ihn als dem Konzept „weißer Mann“ inhärenten entlarven, insgesamt kompromittieren und abwickeln. Die Anerkennung und der Respekt, den diese Form des Antirassismus einfordert, gilt dann eben dem Gruppen-(Opfer)-Status, nicht den Leistungen und Erfolgen der Einzelnen. Für viele aus „unserer“ (Topçus und meiner) Generation sind diese aber identitätsstiftend und ihre Infragestellung verletzt unser Selbstbild. Es widerspricht unserer (Selbst-)Wahrnehmung und - nach meiner Überzeugung  - auch der Evidenz, dass das liberale, auf Individualität bezogene Menschenbild sein Emanzipationspotential nur für „Weiße“ oder „Männer“ oder „Heterosexuelle“ entfalten könne.


"Es ist doch ein Unterschied, ob jemand aufgrund meines Namens und Aussehens mich mit einem anderen Land verbindet oder ob ein dunkelhäutiger Mensch in der Straßenbahn bespuckt und getreten wird."


Canan Topçus Buch regt zum Nachdenken darüber an, wie die verschiedenen Generationen, theoretisch-akademischen und pragmatisch-kommunalen Gruppen und Gruppierungen, die verschiedenen Menschen, die aufrichtig Rassismus bekämpfen wollen, wieder miteinander ins Gespräch kommen können.Während der Lektüre habe ich mir auch die Frage gestellt, wodurch sich Vorurteil und Rassismus unterscheiden und ob die Schärfung eines Bewusstseins für den Unterschied zwischen beiden dazu beitragen könnte, manche Brücken zwischen den Lagern zu schlagen. Das N-Wort z.B. ist für mich eindeutig rassistisch, weil durch es eine bestimmte Gruppe als minderwertig klassifiziert wird. Daher finde ich es absolut richtig, es nicht mehr zu verwenden. Die Frage: „Woher kommst du?“ dagegen, halte ich für weiterhin legitim, auch wenn ich verstehe, dass sie manchmal verletzen kann. Denn ihr wohnt nicht zwingend eine Abwertung inne. Vorurteile kann man durch gemeinsame Erfahrungen, durch Austausch und Gespräch überwinden, wie Topçu es vorschlägt. Rassismus dagegen muss man meiner Meinung nach bekämpfen, auch durch Verbote, Tabus und Ächtung. 


Canan Topçu: „Nicht mein Antirassismus. Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten“ , Quadriga Verlag 2021 € 16,90

Donnerstag, 19. August 2021

Die Macht kommt eben doch aus den Gewehrläufen!

 https://gleisbauarbeiten.blogspot.com/2021/07/die-schande-von-afghanistan-wir-lassen.html

Am 1. Juli, als ich den Post oben schrieb ("Die Schande von Afghanistan. Wir lassen die Helferinnen und Helfer der Bundeswehr ungeschützt zurück) , hat kaum eine/r sich aufgeregt. Auf Twitter z.B. - kein Thema! Jetzt sind aber alle ganz empört. Gefordert wird z.B. Aufnahme ALLER afghanischen Flüchtlinge in der EU SOFORT! (so und ähnlich).

Mich widert das an, wenn ich es lese. Denn nichts ist leichter, als solche Maximalforderungen zu erheben, ohne auch nur im geringsten aufzeigen zu müssen, wie sie umgesetzt werden könnten. Wer solches schreibt oder verbreitet (ganz ähnlich wie vor einigen Jahren Sprüche wie "JEDE/R soll WILLKOMMEN sein" - siehe weiter unten: auch die Gefolgschaft der dort Genannten* also? Ernsthaft?) offenbart damit nur seine oder ihre Verantwortungslosigkeit. In doppeltem Sinne nämlich: als Gesinnung und faktisch. Wer tatsächlich Verantwortung trägt oder zu übernehmen bereit ist, wird sich niemals so undifferenziert äußern können und auch niemals so wohl und bequem in seiner moralischen Haut fühlen.

Verantwortung kann nämlich niemand unbegrenzt übernehmen. Es sind nicht zufällig oftmals dieselben Leute, die schon seit Jahren den sofortigen Abzug aus Afghanistan gefordert haben, die jetzt am allerempörtesten auftreten. 

Wahr ist aber: Es sind bewaffnete Fallschirmjäger und die Luftwaffe, die Menschen aus Afghanistan evakuieren. Anders geht es auch gar nicht. Mit Mörderbanden kann man nicht unbewaffnet "ins Gespräch kommen". Die Lage in Afghanistan hat sich auch so entwickelt, weil wir (fast) alle und ich schließe mich da ausdrücklich ein, nicht bereit waren und sind, den Preis zu zahlen, den es gekostet hätte, nicht nur die Taliban außer Landes zu drängen, sondern die Mörder-, Vergewaltiger- und Folterer-Banden von Warlords wie Gulbuddin Hekmatyar*, Abdul Rashid Dostum* oder des allzeit wendebereiten Abdullah Abdullah* zu entwaffnen. Die stehen, wie man hört, auch jetzt wieder in den Startlöchern, für "Verhandlungen" mit den neuen Herrschaften. Schon vor 20 Jahren sagte mir eine Afghanin: "Wenn diese Leute weiter mitmischen und in den Provinzen das Sagen haben, kann es keinen grundlegenden Wandel geben." 

Denn die Macht, liebe Friedensfreundinnen und - freunde, in Afghanistan und anderswo, ja, sie kommt eben doch aus den Gewehrläufen.

Insofern ist das Versagen des sogenannten "Westens" in Afghanistan unser aller Versagen. Es ist die Botschaft an die Welt, dass wir nicht bereit sind, für Menschenrechte zu kämpfen (und das heißt eben auch: zu töten und zu sterben). Den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr haben wir trotzdem einen politisch und militärisch halbherzigen Einsatz (den wir niemals Krieg nennen wollten) über mehr als 20 Jahre zugemutet, der unter ihnen Opfer gefordert hat, die unsere Gesellschaft sich öffentlich wahrzunehmen verweigert hat. Auch dessen haben wir uns schuldig gemacht.

"Wir" (der "Westen", die USA oder die Bundesregierung) tragen nicht die Verantwortung für alle Entwicklungen in Afghanistan. Das anzunehmen, wäre Hybris. Wir hätten das früher erkennen müssen, ja. Der Streit darüber ist verschüttete Milch. Wir könnten höchstens Lehren ziehen für andere Einsätze, deren Ziele wir klarer definieren müssen. (Die Verteidigung gegen die Ausbreitung des islamistischen Terrors halte ich grundsätzlich für ein legitimes und notwendiges Ziel.)

Gegenwärtig aber haben wir (als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland) die unmissverständliche Verantwortung, alle, die im Auftrag unserer Regierung, im Auftrag regierungsnaher Organisationen oder deutsche NGOs oder für deutsche Medien tätig waren und ihre Familien zu evakuieren. Weil "wir" sie gefährdet haben. Darüber hinaus sollten wir versuchen, jenen, die sich für Menschenrechte und Demokratie exponiert haben (Medienschaffende, Künstlerinnen und Künstler, Frauenrechtlerinnen) eine Ausreise zu ermöglichen und ihnen Asyl anbieten. Das ist das, was wir im Moment vielleicht erreichen können. Alle unsere Anstrengungen sollten sich darauf konzentrieren. 

Wir müssen unsere Regierung drängen, bürokratische Hürden abzubauen und wir dürfen die Amtsträger nicht schonen, die ihre Verantwortung bisher nicht oder nur unzureichend wahrgenommen haben.

Und das heißt auch: "Wir" werden uns nicht ganz so angenehm und moralisch integer fühlen können, wie es die Maximalforderer sich wünschen. Es werden nicht ALLE ausgeflogen werden können, die das wünschen, sondern diejenigen, die "wir" gewissermaßen "auswählen". Denn das Zeitfenster und die Kapazitäten sind knapp. Die Alternative dazu wäre nämlich, jene an Bord der wenigen Kabul verlassenden Flugzeuge zu lassen, die sich am ehesten gegen andere körperlich durchsetzen können.

An der Stelle jener Beamtinnen und Beamten, Soldatinnen und Soldaten, die diese Aufgabe jetzt in Kabul übernehmen, möchten wohl nicht viele sein. (Ich denke, am wenigsten die, die jetzt das Maul am weitesten aufreißen.)

Mein Dank gilt den Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe, die die Flüge organisieren und durchführen, den Einsatztruppen der Fallschirmjäger, die den Zugang zum Flughafen ermöglichen und den wenigen verbliebenen Mitarbeiter_innen des Außenministeriums in Kabul. Sie übernehmen Verantwortung. Beschränkt. Begrenzt. Wo und wie es möglich ist. 

Über ihre politischen Vorgesetzten kann man das nicht sagen. Über die empörungsgeile und selbstgerechte Gesellschaft, in deren Dienst sie stehen, leider eben so wenig.





Donnerstag, 1. Juli 2021

Die Schande von Afghanistan - Wir lassen die Helferinnen und Helfer der Bundeswehr ungeschützt zurück

Die Bundeswehr ist raus aus Afghanistan. Das letzte Transportflugzeug hat Masar-i-Sharif verlassen. Vor den Toren der Stadt stehen die Taliban. Im Norden Afghanistan rücken die radikalen Islamisten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt vor. 

Die Twitter-Blase:schweigt. Schweigt dröhnend. Nichts zu hören von den allzeit Empörten, den Seenotrettern, den Seebrücke-Bauern, den RefugeesWelcome-Verzückten. Nichts. Nichts. Nichts. 

Die Bundeswehr, ob wir als je einzelne diesem Einsatz zugestimmt haben oder nicht, war in unserem Auftrag in Afghanistan. Im Auftrag des deutschen Volkes, entsandt als Parlamentsarmee. In unserem Auftrag hat sie afghanische Männer und Frauen rekrutiert, um sie bei ihren Einsätzen zu unterstützen, als Lotsen, als Übersetzerinnen, als Ingenieurinnen, als Ärzte, als Pflegerinnen, als Verwaltungsangestellte. Alle diese Menschen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, und ihre Familie müssen jetzt um ihr Leben fürchten. Können nachts nicht schlafen aus Angst vor der Rache der Taliban. 

An Bord der letzten Flieger waren keine Afghaninnen und Afghanen. Das Bundesaußenministerium verspricht Visa. Wann? In der Bundesrepublik schämt man sich offensichtlich nicht, diese Frauen und Männer und ihre Familien zurückzulassen. Man spricht nicht einmal über diese bodenlose Verantwortungslosigkeit. Dass wir diese Menschen und ihre Familien nicht mit ausgeflogen haben, ist ein Verbrechen. Eines aber, das hier auf kaum einer Seele zu lasten scheint. 

Dieses Schweigen dröhnt. Und schmerzt. 

Zugleich bestätigt es mich in der Wahrnehmung, dass die grenzenlose Ausdehnung der Verantwortung von allen für alle letztlich in die Verantwortungslosigkeit führt. Man nimmt sich als verantwortlich wahr, wo es genehm ist, d.h. wo es moralische Distinkionsgewinne gegenüber politischen Gegnern einzustreichen gilt: Ertrinkende im Mittelmeer - unbedingt, Verdurstende in der Sahel-Zone - ein wenig, Bürgerkriegs-Tote in Syrien - etwas, Bürgerkriegs-Tote im Jemen - fast gar nicht. Und so fort. Die völlig überdehnte Verantwortungsbehauptung ermöglicht es, sich moralisch überlegen zu fühlen und gleichzeitig nie in die Pflicht genommen zu werden. Man hilft, wenn man will, und klagt an, wen man will, aber es gibt keine Zuständigkeiten.

Für die Helferinnen und Helfer der Bundeswehr in Afghanistan aber sind wir zuständig. Diese aus der Gefahr, in die wir sie gebracht haben, zu retten, wäre keine Bonus-Tat, für die man sich selbst belobigen könnte. Es wäre schlicht unsere Pflicht. 

Aber Pflichten anerkennen wir nicht. 

Die Schande von Afghanistan - sie wird auf uns als Gesellschaft lasten. 

Manche Soldatin, mancher Soldat wird in den kommenden Monaten und Jahren erfahren, dass ihre treuen afghanischen Kameradinnen und Kameraden gefoltert und getötet wurden. Auch mit diesem Trauma, da muss man keine Hellseherin sein,  werden wir als Gesellschaft sie allein lassen. 

Unser Außenminister (- oder -ministerin, falls es dann eine Frau sein wird), wird sicher ihrer "Besorgnis" Ausdruck verleihen, wenn der Vormarsch der Taliban weitergeht. Vielleicht werden auch einige wenige rechtzeitig in den Genuss der "großzügigen" Visa kommen. 

Aber: Ein Aufschrei wird ausbleiben. Keine Empörung, nirgends. Frau Emcke wird keine Rede halten, wetten? 



Freitag, 28. Mai 2021

BITTERBÖSE ENTTEUSCHUNG. (WORT-SCHATZ 24)

Diese Müdigkeit.

Und nicht allein. "Mütend", schrieb eine auf Twitter und es trendete gleich. Das geht offenbar vielen so. Es trifft meine Stimmung und bleibt doch eine unvollständige Bestandsaufnahme. 


ENTTEUSCHT


"ex errore rapere, aus der teuschung ziehen"

"emachte, indem er entteuscht ward, die wunderlichsten geberden." (Göthe)


Ich bin aus meiner Täuschung gezogen, unsanft, unerwartet, ungeschützt. Liege nun ramponiert und verdreckt am schlammigen Ufer des Teuschungssees und schäme mich meiner Entstellung. Versuche, vergebens, die Entblößung zu verbergen. 

Man macht halt irgendwie weiter. Muss ja. (Es sagt ja schon alles, diese Verwendung des "man", hinter dem sich das "Ich" verbirgt und unkenntlich und verantwortungslos zu machen sucht.)

Was schrieb ich im im April 2020 noch so naiv: "... ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. "

Im Mai 2021 ist klar: In einer solchen Gesellschaft lebe ich nicht. Der Schutz des Lebens älterer und vorerkrankter Menschen war uns nicht so viel wert. Am heutigen Tag verzeichnet das RKI, dass in Deutschland bisher 88167 Menschen an Covid 19 gestorben sind. Am Ende der Pandemie werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit über 100 000 Tote sein. Weltweit sind offiziell bisher mehr als 3,5 Millionen Menschen an dem neuartigen Corona-Virus gestorben. Der "Economist" weist in einer groß angelegten Recherche nach, dass diese Zahl bei Weitem zu niedrig angegeben ist. Die Redaktion geht eher von über 10 Millionen Toten weltweit aus. Dabei handelt es sich um den niedrigsten Schätzwert. Es könnten durchaus deutlich mehr Tote sein. Aus vielen Ländern liegen keine genauen Zahlen vor. Allein in Russland, zum Beispiel, ist die Übersterblichkeit 6 bis 7fach höher, viel mehr als die offizielle Zählung der Corona-Toten annehmen lässt. 

Die Pandemie dauert nun anderthalb Jahre. Auch wenn Hoffnung besteht, dass sie durch die Impfkampagnen in Nordamerika und Europa dort abklingt, geht sie rund um den Globus weiter. Es sieht so aus, als werde auch diese Pandemie, wie die "Spanische Grippe", am Ende um die 20 Millionen Menschen das Leben kosten.  

Ich hatte mich also getäuscht, als ich vom Fortschritt ausging. Davon, dass eine entwickeltere Gesellschaft eine solche Todesrate nicht zulassen werde. Wir werden so viel Tote zu beklagen haben (aber eben kaum beklagen, davon später), obwohl es gelang, in Rekordgeschwindigkeit Impfstoffe zu entwicklen. Der technologische Fortschritt wird uns als Gesellschaften retten, aber er wird ganz offensichtlich nicht begleitet von einem gesellschaftlichen Fortschritt, der es ermöglicht hätte, ihn solidarisch zu nutzen, um die Todesrate niedrig zu halten, um Menschenleben zu retten. 

Vielmehr hat sich gezeigt: Unsere Gesellschaften in Europa sind so organisiert, dass es möglich ist, für fast alle das komplette persönliche Leben über viele Monate brutal einzuschränken, sie auf Arbeitsleben und Kernfamilie zu reduzieren, aber unmöglich die Produktion und den Handel mit Gütern auch nur für wenige Wochen einzuschränken, um allen diese Grundrechtseingriffe auf Dauer zu ersparen. Überraschend auch: Offensichtlich funktioniert auch der entwickelte Kapitalismus so, dass wir als Arbeitskräfte gebraucht werden, weniger jedoch als Konsumenten. Denn es war vertretbar, den Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus und Kultur langfristig dicht zu machen, nicht aber Fabriken und Büros. 

Man könnte das auch so ausdrücken (wenn es auch ein wenig simpel gedacht ist): Dieses "System" (politisch und ökonomisch) funktioniert offenbar ohne jede menschliche Lebensfreude. (Sicher hätte man Einzelhandel und Kultur vor der Digitalisierung nicht ganz so krass einschränken können, doch kann Digitales reale Begegnungen eben nicht ersetzen, wie sich je länger desto deutlicher zeigt.) Dass die Menschen durch diese Entleerung ihres Lebens, durch diese Reduktion auf ihren Wert als Arbeitskraft ausgelaugt sind, wird von der Politik dann noch als Begründung herangezogen, sogenannte "Lockerungen" jeweils überhastet zu verkünden, durch die Einschränkungen im Privaten immer weiter verlängert werden müssen. 

Ich bin bitter und böse. 

Entteuscht.

Was mich am meisten überrascht dabei, ist, dass es so tief sitzt und geht. Denn das zeigt mir, wie sehr ich - trotz aller Kritik - an diese Gesellschaft und ihre Optionen noch geglaubt habe. 

Man sorgt für sich selbst und die seinen. Zuerst und zuletzt. 

Biedermeier mit und ohne Brandstifter.

Max Stirner ist jetzt mein Mann: "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht." 

Genau. "Man muss sehen, wo man bleibt." So Sprüche.

So geht "Entteuschung".

Ich kann das. 

Ich übe. 

Ich habe fertig.


Wir machen weiter. Optimismus macht sich breit. Die Sonne scheint, manchmal. Wir werden die Toten nicht beklagen. Diese Toten werden vergessen werden, verdrängt, von uns, so gut es geht, wie jene damals, die an der Spanischen Grippe starben. Denn es sind unsere Toten. Sie gehen auf unser Konto. Das muss man verdrängen. 

"Der Sommer wird gut."




Mittwoch, 5. Mai 2021

WEGETAUMLER. Suchanzeige

Aufgetaucht ist gestern wie aus dem Nichts: 

der WEGETAUMLER

Man weiß hier nicht wie oder woher. Jetzt ist er da. 

Der Wegetaumler gehört zur Spezies der Viechwörter. 

Man kann ihn sich taumelnd vorstellen, vielfüßig und gepunktet, ein semibetrunkener Tausendsassa. Keineswegs ein ungeheures Ungeziefer, vielmehr ein veritables, gleich wohl auch vandalisches Krabbelviech, unterwegs auf allen Parketten, schlitternd, silbrig, feinhaarig.

Wir wissen noch wenig über den Wegetaumler, wir müssen weiterträumen, um ihn zu ergründen. 

Wir petzen die Äuglein zu, mitten am Tag, wir simulieren ein Schnarchgeräusch, um ihn anzulocken. 

Wir bieten für ein Bild des Wegetaumlers, schwarzweiß oder bunt, egal, etwas auf. 

Melden Sie sich. Helfen Sie mit. 

Wege taumeln Sie! 

Reichen Sie die Ergebnisse Ihrer Forschungen ein unter:

melusinebarby@googlemail.com 

Machen Sie sich keine Sorgen: Alles bleibt unter uns. 






Donnerstag, 31. Dezember 2020

KEIN MENSCH IST EINE INSEL...

  

Hieß so nicht ein Roman von Johannes Mario Simmel, dem Bestseller-Autor, dessen Bände die Leihbibliothek der Evangelischen Kirchengemeinde füllten, in der ich zur Leserin sozialisiert wurde?

 

Simmel zitierte mit dem Titel des Romans, an dessen Inhalt ich mich nicht einmal mehr vage erinnere, ein Gedicht von John Donne, das dieser mitten in einer Pandemie (1623) schrieb:

 

No man is an island,

Entire of itself;

Every man is a piece of the continent, 

A part of the main.

If a clod be washed away by the sea,

Europe is the less,

As well as if a promontory were:

As well as if a manor of thy friend's

Or of thine own were.

Any man's death diminishes me,

Because I am involved in mankind.

And therefore never send to know for whom the bell tolls;

It tolls for thee.

 

Was könnte passender sein für diesen Jahreswechsel? 

 

Auf die Wahrheit, dass kein Mensch, keine Gesellschaft, keine Nation eine Insel ist, darauf hat uns die Pandemie mit aller Brutalität aufmerksam gemacht. Dass wir (Deutschland, in einem erweiterten Sinne vielleicht Europa insgesamt) uns aber als eine solche dachten, lässt unsere Gesellschaften der Ausbreitung des Virus weniger effektiv entgegentreten als es möglich wäre. Die Naturkatastrophe, so hatten wir uns weis gemacht, ist immer woanders. Wir spenden dann und fühlen uns gut und – überlegen! Jetzt müssen wir lernen, mit einem Geschehen umzugehen, dem keine individuellen Anpassungen und Entscheidungen beikommen können, das eine kollektive Antwort fordert. Darauf sind wir, die den Narzissmus in Erziehung und Gesellschaft seit zwei Jahrzehnten fördern und fordern, denkbar schlecht vorbereitet.

 

Und dennoch traf und trifft es mich mit voller Wucht: Auch mein inkorporierter Pessimismus hat sich im Frühjahr nicht ausmalen können, wie sehr unsere Gesellschaften versagen würden. Auf Ischgl und Heinzberg folgten die „Öffnungsdiskussionsorgien“ (man schalt das Wort, nicht die Debattierdummheit, die es bezeichnete), die Corona-Leugner-Demos, das Esoterik-Geschwurbel, die Freiheit-aber-ohne-Verantwortung-und-mit-Vollkasko-Gesänge, die Impfgegner und jetzt die Impfneider. Verfolgt man die Posts in Sozialen Medien, fällt es schwer, nicht zur Menschenfeindin zu werden. 

 

Im Analogen erlebe ich anderes: Verantwortungsbewusste junge Menschen, Solidarität, Freundlichkeit, Innovation und Resilienz. Alles ist anders als geplant und die meisten versuchen, Neues auszuprobieren, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen. „Homeoffice“ 

klappt besser als erwartet, auch wenn Videokonferenzen schrecklich ermüden. Schüler_innen und Student_innen nutzten die neuen Freiräume auch für eigenständiges Lernen, entwickelten neues Erkenntnisinteresse und Lust am Schreiben, obwohl ihnen der persönliche Austausch, die Kontakte sehr fehlten.

 

Es war ein schwieriges Jahr. Auch ganz persönlich. Mein Vater erkrankte schwer. Auch meiner Mutter ging es nicht immer gut. Morel brach sich die Schulter und ich musste mit Tatütaa und Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert werden mit einer akuten Blinddarmfortsatzentzündung (hach, was für ein Wort fürs Galgenmännchen). Wir vermissten den Mastermind, den wir in Wien nicht besuchen konnten wegen Corona. Der Berufseinstieg für beide, Amazing und Mastermind  wurde durch die Pandemie erschwert, denn vieles musste online geklärt werden, informelle Gespräche und Kontakte entfielen oft. 

 

Und dennoch: Wir haben Glück gehabt und viel Grund dankbar zu sein. In einem Land zu leben, in dem ein Krankenwagen kommt, wenn man ihn ruft und die Solidargemeinschaft die Kosten dafür übernimmt, ist ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (fast vier Wochen fiel ich aus). Meinen Eltern geht es inzwischen besser, obwohl der Corona-Koller natürlich auch an ihnen zehrt. In meinem engeren Freundes- und Verwandtenkreis gibt es keine Corona-Leugner und Schwurbler, auch das betrachte ich als ein unverdientes Glück. 

 

Kein Mensch ist eine Insel… Das stimmt. Aber manchmal, in schweren Zeiten, legt man sich eine imaginäre zu. Eskapismus genießt in intellektuellen Kreisen keinen guten Ruf. Ich stehe dazu. Im Krankenhaus (deutschlandtypisch ohne WLAN, also mit mobilem Datenverbrauch, man gönnt sich ja sonst nix mehr) begann ich zu spielen. Inzwischen bin ich durchaus semi-süchtig. Ich baue mein Orchid-Island aus. Das Spiel heißt June´s Journey. Nichts beruhigt mich derzeit mehr, als auf meiner Insel mein Eisenbahnsystem zu erweitern, Pflanzen zu setzen und Gebäude zu planen. 

 

Deshalb mache ich auch hier Schluss und wünsche mit June und Amelia:




Mittwoch, 28. Oktober 2020

Verletzte Gefühle und ein toter Imam auf der Straße (Fiktion)

Stellt Euch mal vor:

Ideologisch verhetzt in meinem Unglauben ermorde ich auch offener Straße einen muslimischen Imam. Denn seit langem fühle ich mich durch die bösartigen Predigten in Moscheen gegen Ungläubige wie mich beleidigt und zutiefst in meinem Unglauben verletzt. Ein Foto des bestialisch von mir zugerichteten Opfers poste ich in den Sozialen Medien. Während die Muslime um den von mir ermordeten Imam trauern, nehmen dagegen überall in der Welt Ungläubige meine Tat zum Anlass, um sich über die Beleidigungen, denen sie seit Jahr und Tag ausgesetzt sind, zu beklagen. "Es ist doch wahr", sagen sie, "gegen uns Ungläubige wird unablässig in den Moscheen gehetzt, dieser rigorose und intolerante Eingottglaube führt dazu, dass unsere Integrität und Zugehörigkeit mal um mal in Frage gestellt wird, wir gesellschaftlich marginalisiert sind, wir im öffentlichen Raum unterpräsentiert bleiben und angefeindet werden. Kein Wunder, dass manche von uns sich radikalisieren." "Selbstverständlich", sagen sie, "distanzieren wir uns von der Gewalt und dem Mord. Aber dennoch beharren wir darauf, dass die Gläubigen in Zukunft auf diese Provokationen verzichten müssen, denn es kann nicht angehen, dass weiterhin Millionen von Menschen jeden Freitag in Moscheen beleidigt werden." Der ermordete Imam ist meinen Gesinnungsfreunden und - freundinnen schließlich schon bald keine weitere Zeile wert. "Das war nicht schön, was die getan hat", sagen die Gemäßigten unter den Ungläubigen, "aber wahr bleibt doch, das wir Ungläubigen uns wehren müssen, wenn unsere tiefsten Überzeugungen, unsere historisch gut begründete Liebe zur Gottesverleugnung und Blasphemie immer und immer wieder öffentlich angegriffen und verächtlich gemacht werden." 


***

Ja, stellt euch das mal vor. 

Und die Frage: Müssen die Ungläubigen sich radikalisieren?


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Dass Ungläubige nicht fiktiv, sondern tatsächlich marginalisiert und stigmatisiert werden, zeigt sich u.a. daran, dass mir spontan keine einzige Staatschefin, kein einziger Staatschef im "säkularen Westen" eingefallen ist, die/der sich offen zu ihrem Unglauben bekennt.

Samstag, 19. September 2020

"Einem Dreck sein Dreck" (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

"ich schlüg dich schier zwischen die orn 
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst."
Fastnachtssp. 


Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern. 

"Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.", sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn "sie", damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. "Sie" also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. "Nein", sage ich, "sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen", sage ich, "soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht." Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze. 

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut. 

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um "die anderen" sorge. Denn obwohl ich weiß, dass "die anderen" nicht "alle" sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man "ein Bewusstsein für die Müllsituation" schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr "Aufmerksamkeit" ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich. 

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig. 

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Wie bei so vielem. 

Bis dann:

"und acht sie für ein dreck."




Montag, 20. Juli 2020

Ein Strandleben ohne Strandkorb ist möglich, aber sinnlos. Zurück aus der Sommerfrische

Wieder zurück aus der Sommerfrische!



Nirgendwo könnte ich mich besser erholen als in "unserer" Gartenlaube in Kühlungsborn/Arendsee, bei den täglichen Spaziergängen am Strand und der Lektüre langer Texte im Strandkorb. Manchen ist es zu kalt an Nord- oder Ostsee. Gut, dass die nächstes Jahr hoffentlich wieder sonstwohin fahren/fliegen können, wo sie in der Sonne braten sollen. Ich dagegen liebe es, wenn die Temperaturen nicht über 25 Grad steigen, ein Bad im Meer keinem Badewannengefühl entspricht, sondern wirklich erfrischend ist und ringsum kein mediterraner Lärm tobt, sondern diese norddeutsche Unterkühltheit, für die Distanz kein neues Muss der Corona-Zeit ist, sondern selbstverständlich. Am Strand war es - anders als in der Presse behauptet - nicht überfüllt; Abstand wurde gewahrt; Müll ordentlich entsorgt und Familien wirkten nicht dysfunktional, sondern zugewandt und entspannt. Normies (vulgo: Spießer) on tour. Genau die Umgebung, in der ich mich wohl fühle, 

Aus dem heimatlichen Hessen-Land erreichten uns dagegen beunruhigende Nachrichten. Underperformer Beuth, hiesiger Innenminister, musste endlich eingestehen, was Insider längst wissen: Die hessische Polizei hat ein Rechtsextremismus-Problem. Eine gute Regierung, ein guter Innenminister hätte längst aufgeräumt, auch um diejenigen Polizistinnen und Polizisten zu schützen, die durch diese miesen und kriminellen "Kolleg_innen" gefährdet sind, nicht nur bezogen auf das Image. In einem Mafia-Milieu können anständige Menschen nämlich nicht anständig arbeiten. Stattdessen versuchte Beuth erneut, die Präsidentin des LKA, Sabine Thurau, zu mobben. Der Fisch stinkt vom Kopf her: Die hessische CDU und deren Ministerpräsident Bouffier geben sich - zusammen mit ihrem Koalitionspartner Bündnis90/Die Grünen - ein moderates Image. Gebrochen mit dem rechtsnationalen "Flügel" in den eigenen Reihen, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ("Wo kann man gegen die Ausländer unterschreiben?"-Wahlkampf 1998/99) über Martin Hohmann (jetzt AfD) bis zum jetzigen MdB Hans-Jürgen Irmer, haben sie nie. Bouffier hat da immer mitgemischt. Seine CDU ist die CDU der Steuerfahnder-Affäre wie der Thurau-Affäre, der Vertuschung rund um den Verfassungsschutzmann Temme im Zuge der NSU-Ermittlungen etc.ppp. geblieben. Und die Bündnis-Grünen haben drüber weggesehen. Rechtsstaatlichkeit schien weniger wichtig als ein wenig Umweltschutz hier und da. (Dieses Tauschsystem befürworten ja nicht wenige: Für "die gute Sache" muss man über den Rechtsbruch manchesmal hinwegsehen, Ende Gelände, gelle? Nur das dem einen oder der anderen die Sache der hessischen Grünen halt noch längst nicht "gut genug" ist.)

Und auf dem Frankfurter Opernplatz haben zunächst "friedlich Feiernde" am letzten Wochenende überraschenderweise (Scherz beiseite!) trotz eifrig aufgestellter Mülltonnen und Pissoirs gründlich Randale gemacht und Polizistinnen und Polizisten unter Gejohle angegriffen. Letztlich interessiert´s mich in meiner privilegierten Position einen Scheißdreck, was für sozioökonomische Faktoren zu dieser Brutalisierung und Vandalisierung beitragen mögen. Ich erkenne messerscharf: Ein Ausgangsverbot für Jungmänner (17-25 Jahre) ohne weibliche Begleitung plus Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum löste das Problem wahrscheinlich umgehend. Es ist eben wie vor den Discos - man kann noch so viel über die Einlasskontrollen meckern: Wenn zu viele unbegleitete junge Männer in Gruppen eingelassen werden, gibt's Stunk. Wie überall, wo zu viele unbegleitete junge Männer sich rumtreiben. Alle Frauen wissen das, aus Erfahrung. Jetzt müsste man nur noch Verordnungen daraus ableiten. (Na, das gäbe ein Geschrei!)

Mir geht's gold. Nicht noch, sondern echt. Letztes Jahr habe ich Walter Kempowski gelesen in der Sommerfrische, dieses Jahr Hilary Mantels letzten Band der Trilogie über Thomas Cromwell "The mirror and the light" und Kurzgeschichten von Maeve Brennan sowie eine Biographie über sie. Darüber schreibe ich vielleicht noch. 

Als "Mama" bin ich jetzt offiziell im Ruhestand (oder darf es mir mal kurz einbilden) und super stolz. Die Söhne haben ihre Ausbildungen abgeschlossen. In diesem Blog spielten sie lange als "Amazing" und "Mastermind" mit. Seit sie nicht mehr bei uns wohnen, habe ich sie seltener erwähnt. Sie sind jetzt 26 bzw. 24 Jahre alt. Als ich begann im Blog zu schreiben, waren sie 16 und 14. Der "Amazing" hat sein 2. Staatsexamen in Jura bestanden ("mit Prädikat" - der Zusatz muss sein, weil das in Jura sozusagen der Goldstandard ist). Zukünftig sorgt er dafür, dass alle brav Steuern zahlen. Der "Mastermind" ist jetzt Master of Science in Psychologie und tritt im Herbst eine Stelle an der Universität Wien an. 

Es bleibt spannend. 


Freitag, 10. Juli 2020

Auf der Höhe des Diskurses?: Yagoobifarah, PoC, ´Kopftuchmädchen´

Frage ich mal, dachte ich, die "Betroffenen". Das ist ja ein Privileg, wenn man "Betroffene" kennt und fragen kann, statt über ihre Betroffenheit bloß zu räsonieren. Es passte auch ganz gut, weil wir schon in anderen Zusammenhängen über die literarische Form der Satire uns auseinandergesetzt hatten und andererseits das Thema "Alltagsrassismus" den jungen Leuten, um eigener Erfahrungen willen und noch einmal heftiger wegen der Attentate in Hanau, auf der Seele brannte (Zur Erinnerung: Ich unterrichte an einer beruflichen Schule in Hanau.) Dabei war auch schon zur Sprache gekommen, wie oft Polizeigewalt als rassistisch wahrgenommen wird und wie wenig der Polizei (in Hessen) aus Gründen zu trauen ist. 

"Es ist einfach schon zuviel passiert", sagt R., "soviel, dass es eben dann mal zur Explosion kommt." Und A. berichtet, wie es auf Snapshot und Instagram in bestimmten Gruppen einen Überbietungswettbewerb gibt für Videos, in denen Polizist_innen angegriffen oder beleidigt werden. "Nicht, dass ich das gut finde." B. wirft ein, dass man aber unterscheiden müsse, zwischen rassistischer Polizeigewalt und "gerechtfertigter Polizeigewalt", die es ja auch gebe. Und nicht jede/r, den/die Polizeigewalt treffe, sei unschuldig daran. Polizist_innen würden bespuckt und beleidigt und angegriffen, das habe er selbst schon erlebt. Das sei auch schwer für die, dann immer ruhig zu bleiben. D. bekennt, dass sie sich bei der Polizei bewerben möchte. Die anderen finden das toll. Das halten sie nicht für einen Widerspruch zu dem, was sie vorher gesagt haben.

Ich zeige ihnen den Text von Hengameh Yagoobifarah in der taz mit dem Titel "All cops are berufsunfähig". Sie finden den unisono "krass". "Voll beleidigend". "Nicht in Ordnung". "Geht gar nicht." "Es sind nicht alle Polizisten Nazis." Es gibt keine unterschiedlichen Meinungen dazu im Raum. Keine/r verteidigt den Text. Obwohl sie vorher so ausführlich über Rassismuserfahrungen, auch durch die Polizei, gesprochen hatten. Ich berichte, dass der Bundesinnenminister erwägt, Strafanzeige gegen Hengameh Yagoobifarah (Hier gibt es einen kleinen Seitendiskurs zu Gendern, weil ich zunächst "die Autorin" sage, mich dann korrigiere, wir einigen uns darauf, von "der Person" zu sprechen) zu erstatten. Mein Deutschkurs (Altersmittel: 17) ist rechtssicherer als der Bundesinnenminister: "Das wird nix. Darf man sagen, sowas." "Ist Satire." "Beleidigend, aber erlaubt." "Blöd, aber nicht verboten."

Jemand hat Hengameh Yagoobifarah gegoogelt (Handynutzung ist erlaubt in diesen Corona-Zeiten :-)).  Wir kommen auf den Begriff "PoC". "Was ist das?" "People of Color". Niemand kennt den Begriff. Ich sage ihnen, dass die meisten von ihnen mit diesem Begriff gemeint sind. 
Wikipedia definiert: "beschreib(t) jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die „gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung [teilen], aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als ‚anders‘ und ‚unzugehörig‘ definiert [zu] werden.“ 

R. findet den Begriff nicht passend. Sie will nicht PoC sein, sagt sie. "Warum nicht?", frage ich. "Weil ich mich nicht durch meine angebliche Nichtzugehörigkeit definieren lassen will." "Alle, die Nicht-Weiß sind?", fragt S. "Meine Eltern sind ja aus Russland." "Dann gehörst du dazu", sagt R. "Aber ich bin doch weiß." M. ist auch verunsichert. "Und wir Albaner?" "Gehören alle dazu." "Nur die Deutschen nicht." "Gibt's hier ´echte´ Deutsche?" Man schaut sich um. "Du." B. grinst. "Das ist ja der Mist", sagt R. "Ich bin hier geboren." "Echte Deutsche gibt's nicht." "Wir sind ja alle anders." 

Von hier bewegt sich der Diskurs zum Thema "Deutschland". Dass "Deutschland" eigentlich ganz ok. ist. "Vor allem das Grundgesetz." "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ich will noch mal auf Alltagsrassismus zurückkommen. Das kommt mir jetzt zu idyllisch vor. Aber die sind schon weiter: Dass doch vieles so mühsam ist. Nicht nur der Alltagsrassismus. "Mein Vater", sagt R. "fand ja, dass ´Kopftuchmädchen´ nichts auf K-Pop-Konzerten zu suchen haben. Als ich gehen wollte. Und ich hab´ das akzeptiert. Aber meine Schwester, die lässt er jetzt gehen." Eigentlich will ich nochmal bei ´Kopftuchmädchen´ einhaken, aber jetzt dreht sich die Diskussion um die Privilegien der jüngeren Geschwister. Wird aus allen möglichen Kontexten bestätigt, wie viel leichter die es haben, nicht nur im Hinblick auf K-Pop. 

Ich fasse zusammen: Schon vorher wusste ich, dass mein Deutsch-Kurs durchschnittlich und insgesamt klüger und verfassungstreuer ist als der gegenwärtige Bundesinnenminister. Satire darf alles, kann aber blöd sein. K-Pop ist in und politisiert (siehe hier:), auch selbstbezeichnende ´Kopftuchmädchen´, woran sich nicht nur deren Väter gewöhnen müssen. 

Montag, 23. März 2020

CoronaPost (Tag 7): Der böse Zwerg und die dumme Ferda

Langsam, ganz langsam lässt die Hektik nach, der Versuch, alles noch oder gerade jetzt online zu erledigen, was geplant war. Langsam stelle ich mich darauf ein, dass jetzt nicht die Zeit für Pläne ist. Dieses Zurückfahren ist positiv, einerseits, weil ich aufhöre, mich ständig unter Druck zu setzen. Andererseits wird so Raum geschaffen für die Angst, die ich in der ersten Woche noch beinahe vollständig unterdrücken konnte. Jetzt kommt sie hoch, gelegentlich, unvermutet, vorhin in einem Telefongespräch mit dem Mastermind, was mir besonders leid tut und verwerflich erscheint, denn ich will ihn nicht mit diesen, zumindest teilweise auch sehr irrationalen Ängsten belasten. Wegen einer überstandenen Herzmuskelentzündung nehme ich Tabletten gegen Folgeerscheinungen wie einen stets zu hohen Blutdruck. Seit der Erkrankung kenne ich auch Symptome wie Atemnot, die mir früher unbekannt waren. Und jetzt bemerke ich, wie sehr ich mich davor fürchte, angesteckt zu werden. Jede/r hat ja seine/ihre eigenen Panik-Trigger. Dieses ist meiner. Schon von jeher fürchte ich mich besonders stark davor, keine Luft mehr zu bekommen. Dieses dämliche Virus erfüllt alle meine Alptraum-Visionen: ertrinken oder ersticken, die Abschnürung der Atemwege, wie das Herz verzweifelt pumpt und der Kopf panisch anschwillt und das Gehirn dann weiß, erkennt: es wird nicht reichen, es reicht nicht...

Ich muss versuchen, das zu verdrängen. 

***

Heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum von einem Zwerg, etwa 30cm hoch, einem sehr bösartigen Zwerg mit roter Zipfelmütze und gelber Joppe, der mich packen wollte und der keine Ruh gab, egal wie ich ihn auszusperren versuchte, immer fand er ein Schlupfloch, sich zu nähern, schließlich rollte ich ihn, verzweifelt zeternd dabei, in Verbandsrollen ein, er wehrte sich heftig, aber ich war stärker und geschickter, obwohl er mir einige Blessuren beifügte, schließlich gipste ich ihn zu und ein (weiß nicht, wo der Gips herkam, auf einmal), bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann fragte ich mich, was ich tun sollte mit dem bösen Gipszwerg und ich packte ihn  in ein handelsübliches Paket, das ich fest verschnürte. Das schleppte ich in der Nacht (denn es war ja Nacht, wie mir im Schlaf noch einfiel, es war ja, beruhigte ich mich im Traum, alles nur ein Traum) hinunter zum Teich und versenkte es. Danach wurde ich doch unruhig. Was wenn jemand den Zwerg vermissen würde? Ich spürte mein Gewissen. Ich hatte den Zwerg ermordet. So war das. Und ich wollte doch nicht dafür büßen. Ich wollte davon kommen mit dem Mord. Es tat mir nicht leid, dass er tot war. Es tat mir leid, dass ich seinetwegen zur Mörderin geworden war. Ich wurde unruhig und schlug um mich. Und da wachte ich auf.

***

Manche teilen jetzt so ein Zitat von Helmut Schmidt, sinngemäß sagte er (angeblich), dass sich in der Krise der Charakter zeige, was ja vielleicht sogar stimmt, obwohl es von Helmut Schmidt kommt (falls das zutrifft) und obwohl es so gern geteilt wird. Ich beobachte genau, was so in meine Timeline gespült wird und mein Elefantengedächtnis wird nicht vergessen. Heute z.B. Ferda Ataman (u.a. "Kartoffel-Expertin"),  deren Kolumnen im SPIEGEL ich ja schon länger nicht mehr lese, weil mich deren passiv-aggressiver Tonfall eh stört. Die entbödete sich nicht auf Twitter zu posten: "Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden." Im Kontext meinte sie offensichtlich jene Gruppe, die ihresgleichen PoC oder "Nichtweiße" nennt, obwohl 80% der Menschen, die sie damit bezeichnen will, den ersten Begriff nicht kennen und sich selbst auch eher als Weiße (was die Hautfarbe angeht) definieren würden (aber das nur nebenbei). Als ihr der Tweet nicht den erwarteten Beifall einbrachte, behauptete sie, dass es keine Unterstellung gegenüber dem medizinischen Personal sei, die sie da vorgetragen habe, sondern es lediglich um ihre "Rassismus-Bedenken" gehe und im schon gewohnten passiv-aggressiven Tone fuhr sie fort, sie verspreche "diese in Bezug auf die Coronakrise nicht mehr zu äußern". 

Es zeigt sich jetzt ziemlich gut, wer in einer Krisensituation in der Lage ist, seine eigenen Agenda zurückzustellen, eventuell auch (temporär) auszusetzen, um Lösungen für alle zu finden, für wen es, egal was kommt, egal was Not tut, darum geht, sich (weiterhin) ausschließlich für "identitäre" Gruppeninteressen einzusetzen (Keineswegs, bin ich überzeugt, damit sprechend für diejenigen, als deren Sprachrohr sich z.B. Ataman wähnt.) 

Es zeigt sich auch in der Krise, dass es nicht funktioniert, das Maß der Verletzlichkeit und Verletzungen allein durch die sogenannten "Betroffenen" definieren zu lassen. Auch in der Krise gibt es Unterschiede, manche sind weniger belastet als andere. Das gilt es zu berücksichtigen. Aber die Befindlichkeit (sei sie auch noch so gestört) von Eltern mit kleinen Kindern, die sich überfordert fühlen, ist jetzt eben weniger bedeutsam als die Befindlichkeit von Krankenpfleger_innen und Ärzten_innen. Die Belastung von Menschen, die in Kraftwerken in 14tägigen Schichten isoliert arbeiten müssen, ist höher als die von Home-Worker_innen, deren Putzhilfe nicht mehr kommen mag. Die Schwierigkeiten von alleinstehenden, alten, autochthon deutschstämmigen Menschen sind oftmals größer als die von gut familiär eingebundenen alten Menschen mit Migrationsgeschichte. Es geht nicht dem/derjenigen am Schlechtesten oder hat diejenige/derjenige am meisten zu tragen, die/der am meisten und nachdrücklichsten von sich reden macht. Oft ist es eher andersrum.

Man kann sich Mühe geben, genau hinzuschauen. Oder es lassen. Weil man eben immer schon weiß, wie alles ist. Weil man die eigenen Vorurteile in jeder neuen Situation immer nur bestätigt sehen kann. Weil man sich ohnehin nicht interessiert für das, was ist. Weil man ohnehin keine Lösungen will, sondern bloß die Perpetuiierung von Problemen, über die man sich recht jämmerlich definiert.


Zum Glück gibt es ja nicht nur die Ferdas. Sondern auch viele, die jetzt hinschauen, wer Hilfe tatsächlich braucht. Und wie sie organisiert werden kann.