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Mittwoch, 24. Oktober 2012

FÜR DICKE UND DÜNNE: Bett-Bücher, melancholische Fußballer, rechtsdrehende Links-Philosophen und theologische Klassiker


Fortsetzung der Serie "31 Fragen an Bücherleser:innen", die BenHuRum, Morel und ich beantworten.

Most Beds are Beds 

For sleeping or resting,

But the best Beds are much

More interesting!
(Sylvia Plath: The Bed-Book)



Mein Projekt „31 Fragen an Bücherleser:innen“ kommt mindestens so zügig und zielstrebig voran wie der Bau des Willy-Brandt-Flughafens. Trotz- und alledem, jetzt geht´s weiter mit Nummer

22. Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat 
Keine Lust nachzuschauen. Wenn alle vier Bände zusammengezählt werden dürfen, dann sind es vielleicht die "Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ von UweJohnson. Oder  doch die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss? (Der Grund, warum ich es nicht überprüfe, ist noch durchschaubarer als Faulheit: Ich will mir die Chance nicht entgehen lassen, diese beiden „Lieblings-Bücher“ hier noch einmal zu erwähnen.) Es kann auch sein, dass es "Dein Name“ von Navid Kermani ist; ein Buch (möglicherweise kein Roman, auch wenn´s drauf steht), das ich empfehlen kann und gegen dessen „Besprechung“ auf diesem Blog ich mich trotzdem entschieden habe: darum.

Morel belehrt mich auf Nachfrage jedoch sofort eines Besseren: „Das Buch mit den meisten Seiten, das wir haben, ist sicher die Bibel.“ Das stimmt wohl, wenn ich drüber nachdenke. 

Im Haushalt von BenHuRum herrscht das gewohnte Chaos (unterstelle ich einfach mal dreist, obwohl ich nur telefonische Kunde eingeholt habe). Außerdem kann er auch grade keine Buchseiten umschlagen, weil er die Hände voll Kleister hat (Ich frage nicht nach!) Er nimmt von Ferne eine Schätzung der Buch-Rücken-Breite vor und entscheidet: Es ist das Werkverzeichnis des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabokov.


23. Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Ich lasse mal die ganzen Broschüren und Kataloge weg,  die ich sammle, die kleinen Ausstellungs- und Opernführer, die Theaterprogrammhefte usw. Stattdessen entscheide ich mich (wieder ohne exakte Überprüfung) für ein weiteres Lieblingsbuch, das mir vor mehr als 20 Jahren eine Kollegin schenkte (Damals arbeitete ich noch in Buchhandel und Verlag.): „Das Bett-Buch“ von Sylvia Plath mit Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner.

Morel weiß zunächst keine Antwort auf diese Frage. Dann fällt ihm doch noch eine eine ein: "Zidanes Melancholie" von Jean-Philippe Toussaint.

BenHuRum findet dünne Bücher „überhaupt nicht interessant“. Eines der besonders uninteressanten und sehr, sehr dünnen sei unter dem Titel „ Rechtsdrehende Milchsäure im Bauch des Links-Hegelianers“ von einem anonymen Autor (mutmaßlich männlich und mit Verdauungsproblemen) erschienen.

Kenne ich genauso wenig, wie ich die metaphysische Überhöhung des französischen Ball-Künstlers Zidane gelesen habe. Ich gebe nämlich BenHuRum recht: Zu dünne Bücher sind "nicht interessant", mindestens einen Rücken müssen sie schon haben, sonst wirken sie irgendwie rück-ratlos.


24. Das Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest
Das ist schwierig, denn woher soll ich wissen, was „die Leute“ denken. Die mich kennen, glaube ich, machen sich wenig Illusionen darüber, was ich alles lese: Auch Cora-Hefte, Graphic Novels, Kochbücher,  Fußballbücher oder „Harry Potter“. Tatsächlich lese ich keine Handarbeitstipps und keine Bastelanleitungen. Was aber nur wenige wissen, ist, dass ich gelegentlich theologische Schriften lese. Zum Beispiel Karl Barths: Dogmatik im Grundriss.

Morel macht es sich leicht: „Siehe unter 22.“, sagt er. (Vor allem das Alte Testament hatte es ihm angetan, behauptet er.)

BenHuRum grübelt. „Dein Name“ von Navid Kermani? Warum sollte jemand annehmen, dass er das nicht lesen würde? Eben. „Hast du viellleicht ´Shades of Grey´ gelesen?“ , versuche ich zu provozieren.  Das bringt ihn drauf: „Angst vormFliegen“ von Erica Jong.

Und damit wär´n es nur noch 7 (weitere Fragen an Bücher:leserinnen). Wir schaffen das noch bevor der Willy-Brandt-Flughafen eröffnet wird. Bestimmt.


...
Or a Jet-Propelled Bed

For visiting Mars 

With mosquito nets

For the shooting stars
(Sylvia Plath: The Bed Book)

Samstag, 8. September 2012

31 Fragen an Bücherleser:innen (10): SCHULLEKTÜRE - INITIATION oder ÖDNIS


Fortsetzung der Reihe: 31 Fragen an Bücherleser:innen, die jeweils Morel, BenHurRum und ich beantworten.

In dieser Folge geht es um Erinnerungen an die Schullektüre. Das löste längere Gespräche aus. Morel und BenHuRum haben negative Schulerfahrungen verdrängt. „Da war was, was mich nervte, aber ich weiß nicht mehr was.“ „Eigentlich fand ich fast alles ganz gut, was wir gelesen haben. Ich war da nicht so wählerisch.“ „Und wenn, dann lag es nicht an dem Buch, sondern an der Lehrerin.“ „Oder dem Lehrer.“ „Der....der Dingens...der konnte enorm öden mit den Satz-für-Satz-Interpretationen.“ Ich habe meinen Deutsch-Unterricht dagegen – mit einer einzigen Ausnahme (s.u.)  -  als ziemlich langweilig in Erinnerung. So gut wie nichts, was wir dort gelesen haben, hat mich berührt, kaum etwas (außer „Faust“) habe ich später jemals wieder gelesen. Ich wollte Chemie studieren. Das „Gelaber“ im Deutsch-Grundkurs fand ich nervig, aber es war leicht, Punkte ohne Aufwand abzustauben: Halt ein bisschen mitlabern. Dass sich meine Pläne so sehr änderten im letzten Schuljahr hatte verschiedene Gründe, manche hatten mit der Clique zu tun, der auch BenHuRUm angehörte, in der viel über Kunst, Literatur, Filme, Musik geredet wurde, ausschlaggebend waren aber ein Unfall während meiner praktischen Chemie-Prüfung und vor allem:

20. Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Das war: Peter Weiss "Abschied von den Eltern". Dabei fand ich dieses Buch zu Anfang furchtbar, schlimmer noch als die „schüler- und problemorientierten“ Jugendbücher, die wir in der Mittelstufe zur Gefahrenabwehr (Drogen, Kaufhausklau usw.) gelesen hatten. Doch gerade mein Widerstand löste etwas aus. Dabei hatte ich unwahrscheinliches Glück. Denn ich traf auf eine Lehrerin, die diese Abwehr nicht abwehrte, sondern aufgriff und fruchtbar machte. Mit ihr las ich in den folgenden Monaten – privat -  "Die Ästhetik des Widerstands". So fing es an. Von da her, von diesen Gesprächen mit ihr her und dem Nach-Denken über dieses Buch, seine Schreibweise und die Gedanken über Kunst und Klasse, Untergang und Auferstehung, Autorschaft und Widerstand, die es auslöste, nahm mein Interesse für Literatur und Kunst eine Wende. Vorher war ich eine lesesüchtige Autodidaktin gewesen, die sich von A-Z durch die evangelische Gemeindebücherei gefressen hatte. Jetzt wollte ich etwas verstehen. Das verdanke ich ASTRID (die in Wirklichkeit anders heißt), der ich noch viel mehr schulde und die ich nie wiedergesehen habe, nachdem sie unsere Schule verließ, die ich noch zwei weitere Jahre besuchte und in der ich den Deutschunterricht danach wiederum nur als überflüssiges Geschwätz erlebte. (Über ASTRID und dieses Lesen mit  ihr  habe ich einen der ersten Texte zu der Serie "Auto.Logik.Lüge. Libido" geschrieben: hier.)

Der BenHuRum nennt nach längerem Nachdenken einen Klassiker der Schullektüre: Franz Kafkas "Der Prozess". Kafka steht immer noch auf dem Lehrplan, mal „Der Prozess“, mal „Das Urteil“ oder eine Auswahl von kurzen Geschichten. Der Amazing musste „Das Urteil“ lesen und fand es nicht „so schlimm, wie die meisten anderen Sachen“.  Für seine Interpretation des Werkes hat er die beste Deutsch-Note seiner (inzwischen abgeschlossenen) Schullaufbahn bekommen. BenHuRum nennt noch ein weiteres Werk: Siegfried Lenz: Der Mann im Strom. Das hatte ich ganz vergessen. Das haben wir auch gelesen – und tatsächlich: Den „Sound“ von Siegfried Lenz habe ich noch im Ohr. Das war eines der wenigen interessanten Bücher, die wir in der Mittelstufe lasen (Offenbar verdränge ich auch die positiven Erfahrungen.). Ich erinnere mich jetzt daran, dass eine Lehrerin in der Eingangsstufe der Gesamtschule (5. und 6. Klasse) uns vor den Ferien immer eine Erzählung aus: „So zärtlich war Suleyken“ vorlas. Darauf freuten wir uns wirklich. DAS könnte ich doch einmal wiederlesen!

Der Morel erinnert sich an Kleists: Michael Kohlhaas. Überhaupt sei sein Deutschunterricht vor allem in der Oberstufe meist sehr interessant gewesen. „Die Lehrerin war wirklich verrückt.“ Das scheint immer ein pädagogisch wertvoller Ausgangspunkt zu sein. Außerdem ist dem Morel Salingers: Catcher in the Rye nachhaltig in Erinnerung geblieben, das er auch unseren beiden Söhnen mehrfach ans Herz gelegt hat. Die sind dagegen bisher von dem Werk nur mäßig begeistert. Ich muss gestehen, dass ich es wohl gelesen habe, mich aber kaum noch daran erinnern kann.

Die Gegen-Frage gehört natürlich auch dazu:

21. Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Da fiel dem BenHuRum und dem Morel zunächst mal – wie oben schon erwähnt - gar nichts ein. Ich wusste es gleich: Dürrenmatt: Die Physiker. An meiner Abneigung gegen Literatur, die politische oder philosophische Positionen verhandelt, hat sich seither nichts geändert. Mich ödet das immer noch, wenn die Figuren bloße Funktionsträger von Ideen sind. In den frühen 80er Jahren war es natürlich  kein Problem  zu wissen, was der politisch links orientierte und friedensbewegte Lehrer so hören wollte, wenn „Die Physiker“ diskutiert wurden. Auch das reizte meinen Widerspruchsgeist, jedoch nicht in produktiver Weise, wie es bei „Abschied von den Eltern“ der Fall gewesen war, sondern rein destruktiv: Mal schnell gedanklich und zum Schrecken des Lehrers die Weltvernichtungsmaschine anwerfen. Das war zynisch und pubertär. Heute schäme ich mich dafür. Aber „Die Physiker“ finde ich immer noch langweilig.

Als Kontrastprogramm zu Morels positiver Erinnerung an „Michael Kohlhaas“, hält BenHuRum fest: „Kleists Sprache hat mich genervt.“ Schickt aber gleich hinterher: „Seh ich natürlich heute ganz anders.“ Außerdem habe es da so eine Geschichte gegeben von einer elektrischen Nachtigall und dem chinesischen Kaiser oder so, jedenfalls, die sei auch ganz doof gewesen oder ihm damals so erschienen. Das muss Hans-Christian Andersens "Des Kaisers Nachtigall" gewesen sein. Aber der BenHuRum weiß nicht mehr so genau, was ihn so sehr daran geärgert hat. Dem Morel will einfach nichts aus dem Deutsch-Unterricht einfallen, was „blöd“ gewesen ist. Als „schlimm“ hat er aber die Zeile-für-Zeile-Übersetzung von Dickens „Great Expectations“  im Englisch-Unterricht in Erinnerung, bei der für zweieinhalb Seiten ein Schulhalbjahr draufgegangen sei. „Das lag aber nicht an dem Buch, sondern am Lehrer.“ Wie es eben meistens ist.

***

Was diese Aufzählung auch zeigt: In der Schule, daran hat sich bis heute wenig geändert, wenn man die Listen anschaut, die für die zentralen Abiturprüfungen als Pflichtlektüre herausgegeben werden, werden fast ausschließlich männliche Autoren gelesen. Auch das nervt! Gewaltig!

Montag, 3. September 2012

31 Fragen an Leser:innnen (9): Riesen, Porno, Schuld - und ein weiteres Loblied auf das E-Book


Fortsetzung der Reihe: 31 Fragen an Bücherleser:innen, die jeweils Morel, BenHurRum und ich beantworten.

Diesmal geht es um:


Morel sagt nach langem Überlegen: „Pantagruel“ von Rabelais. Ich weiß nur, dass das der Name eines Riesen ist. Ansonsten muss ich nachschlagen. Der vollständige Titel ist wunderbar: „Die schrecklichen und entsetzlichen Abenteuer und Heldentaten des hochberühmten Pantagruel, König der Dipsoden, Sohn des großen Riesen Gargantua.“ Da bekomme ich auch spontan Lust drauf. (Gibt’s das auch als ebook? Ja, sogar umsonst: hier. Schon runtergeladen!)  BenHuRum nennt einen Klassiker der Pornographie: „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“. (Auch dieses Werk ist kostenlos als E-Book zu laden: hier.) Da die vorgeblichen Memoiren jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit das Werk eines männlichen Autors sind und eben nicht erzählen, was eine Frau als Prostituierte erlebt hat, sondern was ein Mann (und wahrscheinlich ein Freier) sich als deren Erleben imaginiert, kann der BenHuRum damit seine literarische „Frauenquote“ nicht steigern.

Für meine Antwort brauche ich nicht lange. Es gibt in „Anna Karenina“ einige Szenen, zum Beispiel Gespräche zwischen Frauen über das Kindbett, die Hitze des Sommers für Schwangere, die Langweile auf dem Land und die Untreue, die mich früher glauben machten, Leo Tolstoi sei einer der wenigen Autoren, die wüssten und darüber schreiben könnten, was zwischen Frauen geschieht und geredet wird. Inzwischen haben mehrere Literaturwissenschaftler:innen begründeten Verdacht geäußert, dass diese Passagen aus der Feder von Sofja Tolstoi, seiner Frau, stammen. Sofja Tolstoi verbrannte vor der Ehe mit Leo ihre eigenen Texte, um sich fortan ganz seinem Werk zu widmen. Seinen Eheroman „Kreutzersonate“ empfand sie als öffentliche Demütigung, weil viele sie mit der Ehefrau im Roman identifizierten. Dennoch setzte sie sich für die Veröffentlichung gegen die Zensurbehörde ein. Ihr Roman-Gegenentwurf „Eine Frage der Schuld“ aber wurde erst 100 Jahre später publiziert. Warum ich das Buch noch nicht gelesen habe? Die deutsche Übersetzung erschien erst 2009 bei Manesse. Bei mir hier stapeln sich weiterhin die ungelesenen Bücher als Staubfänger. Wäre der Text schon länger als E-Book verfügbar, hätte ich ihn sicher längst heruntergeladen und auch gelesen. Denn meinen kleinen Kindle habe ich überall dabei, wenn ich unterwegs bin. Seit ich ihn habe, kann ich viel mehr "dicke" Bücher lesen als vorher. Früher habe ich auf Reisen fast immer nur Zeitschriften oder ein dünnes Taschenbuch dabei gehabt, einfach weil ich ohnehin meistens viel Gepäck für meine Kurse mitschleppen muss. Jetzt erst finde ich „Eine Frage der Schuld“ bei amazon als E-Book und – zack! Ist es heruntergeladen. Ich bin schon gespannt. 

Wie die meisten anderen Bücherleser:innen auch kaufe ich mehr Bücher als je zuvor, seit ich den Kindle habe. Das E-Book mindert also keineswegs die Einkünfte von Autor:innen. Es gibt nur eine Gruppe, die Einbußen zu erleiden hat: Das sind diejenigen, deren Werke (noch) nicht als E-Book zu haben sind. Denn gedruckte Bücher kaufe ich inzwischen deutlich weniger als vorher. Mein Verhalten ist typisch, wie die Entwicklung des US-amerikanischen Marktes zeigt. Das Gejammer einiger Autor:innen über das digitale Buch ist daher unsinnig. Wer sich wirklich Sorgen machen muss, sind die Buchhändler:innen. Das ist tatsächlich traurig. Ich habe selbst einige Jahre im Buchhandel gearbeitet - und gern. Doch ich glaube nicht, dass sich die Entwicklung aufhalten lässt.

Verwandte Beiträge

Dienstag, 31. Juli 2012

"HOW TO GET RID OF THIS MOST WICKED BODY" (und nachgetragene Fragen)

Ein Beitrag von BenHuRum


***

Nachgetragene Fragen an Bücherleser:innen 14- 18:
Der Künstler ist zurück aus Schottland. Wir haben nicht darüber gesprochen, wie das Wetter war. Selbstverständlich hat er gestöhnt, wie ich es vorausgesagt hatte, als ich ihm sagte, jetzt gehe das wieder los mit den „Fragen an Bücherleser:innen“. „Das ist doch schon Jahre her...“ „Los geht´s:“

14. Ein Buch aus deiner Kindheit
BenHuRum nennt Nils-Olov Franzéns „Agaton Sax. Der Meisterdetektiv“. „Kenn ich nicht.“  „Da geht´s eben nicht um nicht brutale Gewalt, sondern Geist und Genie.“ „Aha.“

15. Das 4. Buch in deinem Regal  links
„Welche Reihe?“ „Weiß nicht. Welche du willst.“ „Menno, na dann, fangen wir oben an. Nee, das geht nicht, das zerstört meinen Ruf. Also weiter unten. Schülerduden Chemie?“ „Warum nicht?“ „Da hab´ ich wirklich manchmal reingeguckt.“ Ich glaube das dem BenHuRum, denn er hatte – wie ich – in der Oberstufe Chemie als Leistungskurs. „Weiter geht´s.“

16. Das 9. Buch in deinem Regal von rechts
BenHuRum stöhnt noch mehr als vorhin. „Du kennst doch das Regal.“ „Und?“ „Na, wenn du da was rausziehst. Und außerdem: Überall Pappe davor.“ Ich muss lachen. „Also?“ „Ich hab eins. ´My Affair with Christianity´ von Rabbi Lionel Blue.“ „Das klingt doch gut, das nehmen wir. Worum geht´s?“ „Keine Ahnung, das ist von der Schottin.“ „Mach nix.“

17. Augen zu und irgendein Buch aus deinem Regal nehmen
Lemony Snicket. The bad beginning“ – BenHuRum ist Vater zweier minderjähriger Kinder und nimmt die Empfehlungen der Stiftung Lesen ernst. Er war ein engagierter Vorleser und versorgt den Nachwuchs auch weiterhin mit geeignetem Lesestoff. Meine Söhne haben die populäre Snicket-Serie auch gelesen, wenn sie auch nicht zu ihren Favoriten gehörte.

18. Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
„Na, der Dingens, der Willy Fleckhaus.“ „Wer?“ „Fleckhaus. So heißt der doch, der die Bibliothek Suhrkamp gestaltet hat.“ „Weiß nicht.“ BenHuRum schlägt´s in Robert Walsers "Jakob von Gunten" nach, das zufällig (?) zur Hand ist. „Genau. Gestaltung: Willy Fleckhaus.“ „Also: Bibliothek Suhrkamp.“

Mittwoch, 25. Juli 2012

31 Fragen an Leser:innen (8): Wiederentdeckt - Heide Schlüpmann: Abendröthe der Subjektphilosophie


Vor mehr als einem Jahr (im Januar 2011) habe ich diese Serie abgebrochen: „31 Fragen an Bücherleser:innen“. Warum? Das weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an keinen Beschluss. Wahrscheinlich kam einiges dazwischen und dann habe ich es vergessen. Es ist aber, denke ich, eine wunderbare Sommer-Serie – und ein großartiger Lückenfüller (denn an dem Text über „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ von der Diotima-Gruppe für die Reihe „Erlesen. Buch-Empfehlungen") puzzle ich noch, das muss wohl bis morgen (oder so) warten. Der Mastermind hat meine Lektoratstätigkeit für eine Hausarbeit, die er nach den Ferien abgeben muss, angefordert („Aber nicht vor drei Uhr nachmittags, damit das klar ist.“ Vorher schläft er - aus.) Über die „Perspektive als symbolische Form“ werde ich nachdenken, wenn ich jetzt in die Stadt radele (Ich kann überhaupt nur beim Gehen oder Radfahren oder Schwimmen nachdenken und niemals im Sitzen am Schreibtisch). Aber gestern Nacht habe ich drei Seiten an „EMMI“ (dem letzten Teil von "PUNK PYGMALION") geschrieben, die ich mich aber noch nicht getraut habe heute früh noch einmal anzuschauen. Außerdem habe ich mir vorgenommen, - bevor ich mich dem Mastermind widme -  ein wenig Ordnung in meine „Schreibtischablage“ zu bringen, die sich seit dem letzten Versuch (wie lange ist das her???) zu drei völlig unübersichtlichen Türmen entwickelt hat.

Diese Fragen dagegen sind ruckizucki beantwortet (nicht meh als 15 Minuten, habe ich mir vorgenommen für diesen Post, dann geht´s ab zum Wochenmarkt) – und setzen dennoch Erinnungsflashs in Gang, zaubern ein Lächeln ins Gesicht, beim Anblick eines schönen Buches, das man lange nicht mehr aus dem Regal gezogen hat, bringen auf neue Ideen und falten die Stirn, wenn einer ein Buch in die Hände fällt, an das sie sich kaum mehr erinnern kann. Vielleicht haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ja auch Spaß daran und beantworten die Fragen für sich selbst. Auf die Antworten BenHuRums müssen wir vorerst verzichten, der weilt noch in Schottland, wird aber in Bälde zurück erwartet und dann damit genervt. Seine Antworten werde ich nachliefern.

Frage (sic?) 14 lautet:
Ein Buch aus deiner Kindheit
Da fällt mir spontan natürlich sofort Astrid Lindgrens: Pippi Langstrumpf ein. Das Erinnerungsbild dazu ist nicht etwa Pippi, wie sie auf dem „Kleinen Onkel“ reitet, sondern die Hand im Limonadenbaum. (Für Gäule hatte ich noch nie was übrig.) S. und ich haben so einen Baum einmal einen ganzen Sommer gesucht. Morel fragt am Telefon: „Was für eine Serie?“ - und stöhnt. „Ach die. Na gut. Ein Buch aus meiner Kindheit? Da gibt´s viele.“ „Eins.“ „Dann: Otfried Preußlers Krabat.“

Frage (sic?) 15 stellte mich vor ein Problem:
Das 4. Buch in deinem Regal von links
Wer, bitte schön, hat denn nur ein Regal? Ich habe spontan entschieden, mich an die Regale direkt neben unseren Betten zu halten. Aber auch die haben ja noch mal verschiedene Reihen. Nehme ich also mal das vierte Buch aus der obersten Reihe: Alice Munro: Kleine Aussichten. Regelmäßige Leser:innen wissen es: Alice Munro ist meine Lieblingsautorin (unter den Lebenden) und es ist insofern kein Zufall, dass ich eines ihrer Bücher ziehe, denn die halbe erste Reihe besteht aus Büchern von Alice Munro. Bei Morel wird zur Abwechslung aus der vierten Reihe von oben gezogen: Michel Leiris: Das Band am Hals der Olympia. „Na ja“, sagt er, „da habe ich mal reingelesen. Stimmt.“ So richtig begeistert klingt das nicht.

Frage 16 lautet:
Das 9. Buch in deinem Regal von rechts
Jetzt greife ich mal weiter untern zu: Peter Weiss: Rekonvaleszenz. Auch das war zu erwarten. Denn diese Reihe füllen ausschließlich die Bände zweier Schriftsteller: Peter Weiss und Uwe Johnson. Auch bei Morel wird die Reihe gewechselt: Harold Brodkey: Stories in an almost classical mode. „Ja. Besser.“, er klingt deutlich mehr angetan als beim vorigen Werk.

Frage 17 unterscheidet sich nur unwesentlich von den vorherigen:
17. Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Ich ziehe: Claire Beyer: Rosenhain. Hmm, was war das? Ich kann mich an die Lektüre dieses Buch kaum erinnern. Nur daran, dass ich es auf eine Empfehlung einer Freundin hin gekauft habe und es mir nicht so gut gefiel. Kennt jemand die Autorin (ich meine: ihre Bücher)? Bei Morel ist es Walker Percy: Der Kinogeher, den der Zufall findet. Ein Glücksgriff! Ich erinnere mich daran, wie ich im ersten oder zweiten Studienjahr (1984/85) Walker Percy gerade zu verfallen war. Ich werde seien Bücher bald einmal wieder lesen, nehme ich mir fest vor. 

Die nächste Frage ist es, die mir das Lächeln (s.o.) entlockt
18. Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Ich weiß es sofort: Heide Schlüpmann: Abendröthe der Subjektphilosophie vom Verlag Stroemfeld/Roter Stern. (Eine schöne Rezension des Buches, die auch auf den Einband eingeht: hier)Ich habe Heide Schlüpmann bei meiner Disputation kennengelernt. Vorher hatte ich einige ihrer Aufsätze und eben dieses Buch gelesen, das nicht nur schön aussieht, sondern mich damals auch sehr beschäftigt und bereichert hat. Ich ziehe es wieder aus dem Regal, ich blättere darin, ich lese mich fest (ha, 15 Minuten!) Ich lege es beiseite, ganz oben auf meinen Bücherstapel und freue mich darauf, auf heute Abend, auf die Wiederbegegnung mit Heide Schlüpmann. Morel fällt eine Antwort auf die Frage (sic!) zunächst schwer. Dann nennt er die zwölfbändige Werkausgabe von Frieda Grafe vom Verlag Brinkmann & Bose.


Na, das ging doch – trotz allem – ganz zügig. Und noch 13 Fragen stehen aus!

Freitag, 21. Januar 2011

31 Fragen an Bücherleser:innen (Folge 7): DON´T BOTHER ME

Die 31 Fragen an Bücherleser:innen, die Morel, BenHuRum und ich in loser Folge, beantworten wollen, hatte ich über den Weihnachtsstress und das notwendig darauf folgende Zwischen-den-Jahren-Chillen ein wenig aus dem Blick verloren. Nun wird die Reihe fortgesetzt.

11. Ein Buch, das du einmal geliebt hast, aber jetzt hasst
Wie erwartet: den Herren ist das Wort „Hass“ zu stark. Die Aufklärer üben sich in Mäßigung. Sie hassen nicht. „Na gut“, sage ich, „dann eben eins, bei dem ihr euch dafür schämt, dass ihr es einmal mochtet.“ Morel nennt Hermann Hesses „Siddharta“, was nun wiederum ich ziemlich hart finde. Für Hesse, meine ich, muss man sich nicht schämen, auch wenn man seine Bücher nach der Adoleszenz kaum mehr liest. BenHuRum schämt sich, dass ihm einst „Tarzans Sohn“ von Edgar Rice Burroughs gefiel. Das kenne ich nicht. Bei mir ist es ganz klar die Vorliebe für Louise Rinsers Kitsch, der ich zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr verfallen war (ach, ich erinnere tränengetränkte, süßtraurige Nachmittage im Strandkorb), für die ich mich heute schäme.


12. Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten empfohlen bekommen hast
Morel wurde vor vielen Jahren Bernhard Vespers „Die Reise“ empfohlen. Die Frage führt zu einer kleinen Nickeligkeit zwischen uns: „Hätte ich dir das empfohlen, hättest du es nie gelesen...“ BenHuRum wurde „Angst und Schrecken in Las Vegas“ von Hunter S. Thompson ans Herz gelegt. Dazu kann ich nichts  sagen. Auch dies Buch habe ich nicht gelesen. (Gehört habe ich freilich schon von der Bibel des Gonzo-Journalismus.) Mir riet vor vielen Jahren der unvergessene, leider viel zu früh verstorbene Kunsthistoriker Bernd GroweEmblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, hrsg. von Arthur Henkel und Albrecht Schöne“ in einer für Studentinnen erschwinglichen Taschenausgabe zu erwerben. Bis heute ist dies Buch eine unerschöpfliche Fundgrube für mich, in die ich immer wieder tauche.

13. Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Das ist mal eine Rubrik, die Freude macht. Morel hat vor nicht allzu langer Zeit „Die Jugend von heute“ von Joachim Lottmann gelesen: „Er erzählte dem Mädchen, ich sei der deutsche Rainald Goetz, und ich sagte dann in vertraulichen Momenten der Frau, Elias sei der heimliche Lover von Sofia Coppola. Beides stimmte irgendwie. Also auf irgendeiner höheren Ebene. Denn Elias war wirklich mit Sofia in San Francisco zu Schule gegangen, mit 14, ein knappes Jahr lang. Und ich war wirklich mit Rainald Goetz in der S-Bahn gefahren. Nun wussten die Mädchen nicht, wer Coppola und Goetz waren, aber der Hype funktionierte trotzdem.“ BenHuRum erinnerte mich an die unvergesslichen „Vollidioten“ von Eckhard Henscheid: „Außer dass es vielleicht noch ganz andere erotische Verstrickungen um die Personen Johannsen, Majewski und Czernatzke gibt, darf ich hier erklärend anfügen, dass auch ich seit etwa einem halben Jahr (...) Frau Majewski liebe, allerdings bisher ohne rechten Sinn und Zweck. Das heißt ein Küsschen hier, ein Schenkeldruck dort, gut, aber sonst (...) Ich bin in solchen Fällen durchaus für Zurückhaltung, einmal habe ich dabei von Frl. Majewski immerhin schon eine ´Aussprache´im Automobil erreicht, mit Petting, wie man sagt. Andererseits ist das in meinem Alter doch ziemlich ungesund, das sollten wir doch besser unseren Greisen überlassen.“  Ich lachte mich bei der Lektüre von „A confederacy of dunces“ von John Kennedy Toole (fast) kaputt: „This city is famous for its gamblers, prostitutes, exhibitionists, anti-Christs, alcoholics, sodomites, pornographers, frauds, jades, litterbugs, and lesbians... If you have a moment, I shall endeavor to discuss the crime problem with you, but don´t make the mistake of bothering me.“

Freitag, 24. Dezember 2010

31 Fragen an Bücherleser:Innen (Folge 6): LAST MINUTE-WEIHNACHTSGESCHENKTIPPS

Fortsetzung der Reihe: 31 Fragen an Bücherleser, die sukzessive von Melusine, Morel und BenHuRum beantwortet werden

Diesmal auch als Last minute-Weihnachtsgeschenk-Ideen geeignet

9. Das erste Buch, das du je gelesen hast (für 3-10jährige)
Wir verstanden die Frage unterschiedlich. Morel nannte das erste Buch, das er selbstständig las, nämlich: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Ich weiß, dass ich dieses dicke Buch von Michael Ende auch hatte, aber ich erinnere mich sehr viel deutlicher an die wunderbare Adaption durch die Augsburger Puppekiste.

Mein erstes Buch, zumindest glaube ich das, war „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Es war auch das erste Buch, das ich mit Amazing las, noch vor seinem ersten Geburtstag. Die Lektüre bewies mir, dass mein Erstgeborener ein Genie ist (nichts anderes hatte ich erwartet). Er saß auf meinem Schoß, das kleine Köpfchen gegen meine Brust gelehnt und schlug treffsicher mit der Faust die Pappbuchseiten um, wenn ich die Seite zu Ende gelesen hatte. Ich war überzeugt, dass er alles verstand, was ich las. BenHuRum nannte einen mir unbekannten Titel, der jedoch sehr einprägsam ist: „Mit Spargeln schießt man keine Hasen“ von Gina Ruck-Pauquét.

(leider nur noch antiquarisch, Sie werden es also wahrscheinlich nicht vor Weihnachten auftreiben können, aber vielleicht kennen Sie ja ein Kind, das demnächst Geburtstag hat und sich darüber freuen könnte).


10. Ein Buch von deinem Lieblingsautoren (für gute Freunde)

Morel nennt Irre von Rainald Goetz. Ich erinnere mich, dass unser Freund Electric Slim aufgeregt in die „Bierschwemme“ stürzte und das blaue Buch mit dem gelben Aufdruck schwenkte. „Das ist irre, Leute“, rief er und: „Das müsst ihr lesen.“  Das taten wir und Goetz wurde zu einem Autor, von dem wir in den folgenden Jahren alles lasen, was erschien. Nicht immer waren Morel und ich uns in der Bewertung einig.

Einer meiner Lieblingsautoren ist Uwe Johnson und daher empfehle ich an dieser Stelle Uwe Johnsons: Mutmaßungen über Jakob. Dieser Jakob ist mir nah gekommen wie ein Bruder. Heinrich Cresspahl, der Schreiner, nahm in meiner Phantasie die Gestalt meines Großvaters an. Und Gesine Cresspahl begleitete mich durch die Jahrestage.

BenHuRum musste überlegen, nannte als Lieblingsautor dann Kafka und von dem Das Schloss (was mir Gelegenheit gibt, auf die Erzählung „Der Andere“ zu verlinken, die auf das Kafka-Verbot in der Tschechoslowakei Bezug nimmt und das Manifest der 1000 Worte, indem sich Künstler für eine Rezeption Kafkas in seiner Heimat einsetzten.)


Denken Sie dran: Man muss nicht immer Neuerscheinungen schenken. Drei Bücher, die es lohnt, kennenzulernen oder wieder zu lesen:

Donnerstag, 9. Dezember 2010

31 Fragen an Bücherleser:Innen (Folge 5): ERINNERN

Fortsetzung der Reihe: 31 Fragen an Bücherleser:innen

auf die in loser Folge Morel, BenHuRum und Melusine Antworten geben

(Wir waren übrigens letzthin ein wenig enttäuscht, dass niemand sich für das wunderbare Buch über die langen Märsche, Ärsche und Reiskörner interessierte, das BenHuRum so liebt.)

Der nächste Punkt auf der Liste:

7. Ein Buch, das dich an jemanden erinnert

Morel sagt: „Krieg und Frieden“. „Und an wen?“, frage ich. Er lächelt. Mich an. (Draußen schneit es heftig, während ich dies - Mittwochabend - schreibe. Mit dem Rad werde ich es  nicht in meinen Yoga-Kurs schaffen. Doch wenn ich nach Hause komme und den Schnee von meiner Mütze schüttele, erinnere ich Morel vielleicht wieder an jemanden.)

Ich denke bei „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ an Morel.  Keine bestimmte Figur in diesem monumentalen Werk erinnert mich an ihn; wir waren auch noch nie zusammen in der Normandie oder in der Bretagne (wohl aber in Paris), sondern die Bücher selbst, die rotrosa marmorierte Ausgabe, die immer schon da war, solange ich Morel kenne (ein Vierteljahrhundert).

BenHuRum erinnert sich bei der Lektüre Kafkas an sich selbst. (Kein Kommentar.)


8. Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert

Morel müht sich nicht um Variation und Vielfalt; er antwortet: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. 

Paris.Paris.Paris.

Morels Antwort erinnert mich an das Café auf dem Dach des Kaufhaus Lafayette, wo ich 1988 im Zugwind saß und „Kontrolliert“ von Rainald Goetz las. „Fight for your right“. Ich mochte den Roman nicht. Die Figur Raspe, die mich in „Moskau“ so beeindruckt hatte, schien mir hier erstarrt, gewollt, konstruiert. Den Kontrollfreak fand ich zu angestrengt anstrengend: „Man muss den Staat ja nicht als dicken toten Haufen Fleisch im Kofferraum ablegen.“ Genau. Muss man nicht. Vielleicht müsste ich das doch noch mal lesen. Aber jetzt nicht. Mir geht´s zu gut. Grade. Oder: Ich bin zu traurig. (Das ist übrigens kein Widerspruch, nebenbei.)

BenHuRum muss zu der Frage lange überlegen. Ich schlage den „Werther“ vor: „Vom Bismarckturm runter auf Garbenheim gucken...“ „Den Werther habe ich nicht gelesen.“ „Ach so.“ Der Hinweis hilft ihm trotzdem weiter, denn der Hügel, der Acker am Bismarckturm, wo wir Drachen steigen ließen, der Blick von dort ins dorfhügelige Grün weckt die Erinnerung an sein Lieblingsbuch „Nachsommer“ in ihm. „Jetzt, wo du´s sagst...“




Mittwoch, 17. November 2010

31 Fragen an Bücherleser:innen (Folge 4): IMMER WIEDER oder NIE MEHR (Lange Märsche, Ärsche und Reiskörner)

Im Fragebogen zu den Lese-Gewohnheiten (31 Fragen an Bücherleser), den Betreiberin und Autoren dieses Blogs sukzessive beantworten, lauten die nächsten beiden Punkte:

5. Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest

sowie

6. Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht).

Morel und ich lesen selbstverständlich die Bücher immer wieder, die auch unsere Lieblingsbücher sind. Er liest seit fast 30 Jahren Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und ich lese immer wieder Jane Austens Romane, mal auf Englisch, mal auf Deutsch; ich lese häufig in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ und Peter Weiss´ „Ästhetik des Widerstands“ und beinahe täglich lese ich Gedichte von Hölderlin. BenHuRum dagegen sagte zunächst: „Ich bin nicht der Typ, der immer wieder dasselbe liest. Was sind´n das für Leute, die das machen...“ „Solche wie Morel und ich“, antwortete ich. Er lenkte ein: „Na ja, ich lese auch immer wieder mal ´Der Oberton im Reisfeld´.“ „Was? Davon habe ich noch nie gehört.“ Auf der Stelle fühlte ich mich entsetzlich ungebildet. „Von wem ist das? Worum geht es?“ „Von Flagolett Basmati. Was natürlich ein Pseudonym ist. Gefällt dir bestimmt, alte Revoluzzerin. Es geht um den langen Marsch von Mao und um ein Reiskorn.“ „Ach so.“ „Natürlich geht es vor allem um Kunst. Sonst würde es mich ja nicht interessieren. Und um Architektur, wenn du so willst. Es geht also um einen Künstler, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das Reiskorn exakt nachzubauen, das Mao während des langen Marsches am Arsch klebte.“ „Und der sitzt jetzt in China im Hausarrest, stimmt´s?“ „Ganz genau.“ „Klabusterbeere.“

Bei den Büchern, die wir nur einmal lesen können, war es auch nicht leicht, Wiederholungen zu vermeiden. Denn die Bücher, die wir hassen, können wir selbstverständlich, wenn überhaupt, nur einmal lesen. Wir kamen dann aber auf Werke, die wir zwar vollständig gelesen hatten, jedoch nach dem Prinzip, mit dem wir als Kinder ermahnt worden waren: „Iss dein Tellerchen leer, sonst gibt´s schlechtes Wetter.“ Um den Wettergott milde zu stimmen, hat Morel sich durch Jonathan Franzens „Correcturen“ geschlagen. Meine gute Tat liegt länger zurück. Mit 14 las ich von der ersten bis zur letzten Seite Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“, obwohl es mich entsetzlich langweilte. Ich dachte aber: Das ist große Literatur, da musst du durch. BenHuRums Antwort fällt wieder aus der Reihe. Er liest manchmal auch den größten Schund, aber immerhin nur einmal. Nie wieder lesen will er, schwört er, die Autobiographie von Kalli Deutscher: „Der mit der Schuld tanzt“. Und das ist gut so.


The Kids are not alright


Montag, 1. November 2010

31 Fragen an BücherleserInnen (Folge 3): Über Lieblings- und Hassbücher sowie den spezifischen Geruch von Altmänner-Urin

Fortsetzung der Reihe "31 Fragen an Bücherleserinnen", die hier von Morel, BenHuRum und Melusine beantwortet werden (Abschweifungen inklusive)

Die nächsten Punkte auf der Liste von Kitty Koma lauten: Dein Lieblingsbuch und Dein Hassbuch. Die Reaktion der beiden Männer auf die Bezeichnung „Hassbuch“ ist – unabhängig von einander – gleich: „Hassbuch, nein, also hassen nicht...“ Ein Hassbuch wollen sie erst einmal nicht nennen; Morel findet dann einen Ausweg, während BenHuRum meint, die Bezeichnung für diese Rubrik solle geändert werden und zwar so: „Bücher, die wir aus mehr oder weniger guten Gründen nicht zu Ende gelesen haben.“ Das passt aber wiederum für mein 1. Buch zu diesem Punkt nicht. Das habe ich zu Ende gelesen und auch wenn der Ausdruck „Hass“ zu stark sein mag: Ich finde dies Buch nicht nur öde. 

3. Unsere Lieblingsbücher:

Bei Morel ist die Antwort ganz klar Marcel Prousts: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Aber auch und vor allem: Nabokov, Nabokov, Nabokov. Und er bezeichnet sich als „Fan“ von Rainald Goetz. Bei mir ist die Antwort anders, aber auch nicht origineller: Jane Austens „Persuasion“. Im Grunde aber alles von Jane Austen. Außerdem in meinem „Lieblingsbücher“-Regal: die Sudelbücher von G.C. Lichtenberg, Bettina von Arnims „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, Fontanes „Stechlin“ (wen wundert´s) und „Schach von Wuthenow“, alles von Uwe Johnson, die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, „Malina“ von Ingeborg Bachmann, „Meere“ von A.N. Herbst und alles von Alice Munro. Immer griffbereit auch: die Gedichte von Hölderlin. Ich könnte die Liste jetzt noch ewig fortsetzen, während ich hier im Bett sitze und mich zu meinem Lieblingsbücher-Regal rumdrehe. Das ist kein kleines Regal. BenHuRum muss bei der Frage nach seinem Lieblingsbuch länger überlegen ("Denn", meint er, "das wechselt doch im Laufe der Jahre."), dann sagt er: „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter.

4. Unsere „Hassbücher“ (die ja, wie oben erklärt, keine „Hassbücher“ sein sollen)

Morel stiehlt sich aus der Affäre: Das Steuergesetzbuch. Na gut. (Ich möchte an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass Morel dennoch oder gerade deswegen ein überaus ehrlicher Steuerzahler ist.) Bei mir ist die Antwort klar: Bernhard Schlinks „Vorleser“. Das geht mir wirklich auf die Nerven. Außerdem wenig beliebt bei mir (das erwähnte ich schon mal an anderer Stelle): der allseits geschätzte „Kleine Prinz“ von Saint-Exupéry

Über die „Bücher, die wir aus mehr oder weniger guten Gründen nicht zu Ende gelesen haben“ führten BenHuRum und ich ein längeres Gespräch. Denn natürlich nannte er gleich mal „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, das ihn zwischendurch immer wieder anöde. Und eine kleine Spitze gegen die von mir geliebte „Ästhetik des Widerstands“ musste er auch noch loswerden: „Die Faust hoch, Genossen...“ Da konnte ich mir dann nicht verkneifen, ein wenig über Thomas Bernhard zu lästern, den ich nie zu Ende (das ist ein Euphemismus, ich schaffe es nicht über die ersten Seiten hinaus) lesen kann. „Das Geraune, diese kalt-boshafte Übellaunigkeit und dann der Geruch...“ „Welcher Geruch?“ „Wenn ich das lese, steigt mir so ein säuerlicher Geruch von Altmänner-Urin in die Nase...“ „Was? Es gibt keinen spezifischen Altmänner-Urin-Geruch.“ Und so kamen wir  vom Thema ab. 

Montag, 25. Oktober 2010

31 Fragen an Bücherleser (Folge 2)

WAS WIR LESEN WOLLEN
(Fortsetzung der Reihe "31 Fragen an Bücherleser", 
die ich jeweils für Morel, BenHuRum und Melusine, 
also die Autoren dieses Blogs, beantworte)






2. Das Buch, das du als nächstes liest oder lesen willst

Stapel ungelesener Bücher
Morels Antwort kam diesmal spontan: Complete stories and poems by Edgar Allan Poe. BenHuRums telefonische Antwort brachte mich in Verlegenheit. Er sagte was von einem kleinen Buch über das vollkommene Leben. Den Autor, sagte er, wisse er nicht, das sei aber berühmt, das Werk, und ich dachte: "Das werde ich schon finden." Bei Google. Zwei Tage vergingen, vieles kam  dazwischen; als ich dann den Titel in die Suchmaschine eingeben wollte, war ich nicht mehr ganz sicher: "Kleines Buch" "Glück", so was war das, oder? Und finde: das hier. Für einen Moment (nur einen ganz winzigen, ehrlich) denke ich: Ist BenHuRum jetzt unter die Deppen gegangen? Das kann doch nicht sein. Oder ist der Sarkasmus-Verdacht gegen ihn doch berechtigt? (Sarkasten, sagte er mir später, als ich ihm davon erzählte, seien Teilzeit-Zyniker. Die Definition gefällt mir.) Aber natürlich will BenHuRum weder demnächst noch in ferner Zukunft sich vom fröhlichen Benediktiner-Bestseller-Autor beraten lassen, wie er mittels eines kleinen Buches eines kleinen Glücks teilhaftig werden könne. Vielmehr interessiert er sich für das Buch eines anonymen "Frankforters", dessen Mystik schon Schopenhauer beeindruckte: "Das Büchlein vom vollkommenen Leben". (Es scheint zur Zeit aber nirgends lieferbar zu sein. Falls Leser:Innen hier antiquarische Hinweise geben könnten, wäre ich dankbar. BenHuRum auch. Das hat, vielen Dank!, inzwischen Metapher getan: Das "Büchlein" ist unter dem Titel "Theologia deutsch" greifbar.)

Wie bei Morel liegen bei mir die künftig zu lesenden Bücher schon bereit neben dem Bett. Jedoch ist es kein einzelnes Buch, es sind Bücherstapel. Obenauf eines, das ich, wie ich gestehen (vor allem mir selbst eingestehen) muss, immer wieder zurückgeschoben haben: Werner Bräunig: Rummelplatz. So brachte mich der Fragebogen zum Nachdenken darüber, warum das so ist. Und mir fiel auf: Nicht nur mit dem Bräunig machte ich´s so. Eine gute Freundin empfiehlt mir nachdrücklich immer wieder: Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann. Morel las und empfahl Ingo Schulze: Neue Leben. Ich ließ es liegen. Auch Tellkamps Turm habe ich nicht gelesen. Warum ich das erzähle? Weil mir plötzlich ein Zusammenhang aufzugehen schien, als ich an diese Liste dachte. Ist es "ostdeutsche" Literatur, der ich unbewusst ausweiche? Das stimmt doch nicht, rede ich mir ein. Ich habe Hermann Kant, Anna Seghers, Christa Wolf, Stefan Heym, Peter Hacks, Stefan Hermlin, Heiner Müller und andere gelesen. Die Wahrheit ist aber auch: All das las ich vor 1989. Und seither: nicht mehr. Warum? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Worauf sie hinzudeuten scheint, gefällt mir nicht. Aber ich werde ihr nachgehen. Auf zwei Wegen, beschließe ich. Ich werde den "Rummelplatz" anfangen und ich werde Benjamin Steins "Leinwand" lesen.